Montag, 30. April 2012

Hexen

Sonderbar! Unter diesem Titel erschien vor drei Tagen auf kath.net zu diesem Thema ein Artikel, in den ein längerer Artikel aus einem neuheidnischen Netzportal eingelinkt ist, geschrieben von einer bekennenden Neuheidin. Und tatsächlich ist dieser Artikel sehr gut, ohne jedwede antikirchliche Tendenz; im Gegenteil, er räumt sachlich und sachverständig auf diesem Feld die Leggenda nera ab. Nichts ganz Neues, aber eine gelungene Auswertung des in den letzten drei Jahrzehnten erreichten Wissensstandes, lohnend für jeden, der imstande und bereit ist, sich durch mehrere englische Seiten durchzuarbeiten. Wer auf sicher gehen will, kann ja für das Anklicken des neuheidnischen Netzportals etwas Weihwasser bereithalten.
Erstaunlicherweise scheint es jedenfalls, daß das Neuheidentum eine Sekte ist, die ihren Anhängern nicht so völlig das eigene Denken verbietet wie etwa Scientology oder Political correctness.
Für die Kirche aber heißt das: keineswegs kann man ihr den Vorwurf machen, daß sie den Hexenwahn oder die Hexenprozesse vorangetrieben hätte, wohl aber den, daß sie von dem klaren Verdikt gegen den heidnischen Hexenglauben, das sie noch im frühen Mittelalter ausgesprochen hat, abgegangen ist, kurz: daß sie von ihrer Tradition abgewichen ist.

Fehlende Mädchen und leukämiekranke Kinder

Im nahen Umkreis von Atomanlagen werden unverhältnismäßig mehr Jungen als Mädchen geboren; dieses Phänomen tritt auch auf, wenn die radioaktive Strahlung weit unter den zulässigen Grenzwerten liegt. Diese «Ergebnisse sind „signifikant“», so ist in einem Zeitungsartikel zu lesen. Also: wieso das so ist, weiß niemand so recht; daß das so ist, ist nicht mehr zweifelhaft.
Wenn aber nahegelegene Atomanlagen entweder das Geschlecht von neugezeugten Kindern beeinflussen oder aber zum Absterben ungeborener Mädchen führen können, können sie dann nicht ebenso gut Krankheiten wie etwa Leukämie auslösen?
Eigentlich weiß man schon seit langem, daß sich in der Umgebung von Atomanlagen Leukämiefälle bei Kindern häufen, aber hier, wo es ganz offensichtlich um Leben und Tod geht, nimmt man die bisherige Unfähigkeit, diesen Zusammenhang zu erklären, als scheinbares Argument gegen den eindeutigen Zusammenhang selbst.

Donnerstag, 26. April 2012

Geht das lange Leiden vieler an «allen» zu Ende?

Eine abenteuerliche Vorstellung ist es, die da der Papst skizziert: Matthäus und Markus hätten die Worte des Herrn – sei es, weil sie vom semitischen Sprachgefühl geleitet waren, sei es aus Unkenntnis – falsch ins Griechische übersetzt; daraufhin hätte die ganze Kirche arglos und verständnislos diese falschen Worte benutzt, bis endlich im XX. Jahrhundert ein deutscher Theologe [N.B.: ein ansonsten sehr achtenswerter Theologe!] die Wahrheit entdeckte, was dann zu einem «exegetischen Konsens» führte, demzufolge zwar nicht die Bibel, wohl aber die Wandlungsworte der Meßliturgie nun anders ins Deutsche übersetzt wurden.
Allerdings: ein halbes Jahrhundert später ist solch ein Konsens vergangen. Und Papst Benedikt hat jetzt eine klare Entscheidung getroffen.
Eine weitere Auswertung der wunderlichen Geschichte bietet der Kommentator von Orietur Occidens.

Montag, 16. April 2012

57 Minuten zu spät:

Samstag, 14. April 2012

Abenddämmerung der Piusbruderschaft?

Die notwendige Entscheidung naht; und sie liegt nun der Piusbruderschaft zugeschoben. Wir können nur für deren Verantwortliche beten, daß sie Rechthaberei nicht als Rechthaben ansehen.
Wie sonderbar aber das Ganze ist, ist ausführlich zu lesen in einem Text von John R.T. Lamont, den Sandro Magister dankenswerterweise veröffentlicht hat.

Denkauftrag an die Piraten und alle Menschen guten Willens

Zum vergangenen Karfreitag hat die Piratenpartei zu Tanz-Flashmobs gegen das Verbot von Tanzveranstaltungen am Karfreitag aufgerufen. (Flashmob nennt man eine über das Internet zu einem gemeinsamen Zweck sich blitzartig zusammenfindende Volksmasse)

Das ist ziemlich kurzgedacht. Ein Pastor impfte seine Meßdiener vor der Fronleichnamsprozession gegen dumme Bemerkungen von Autofahrern: „Ihr müßt ihnen antworten: Wenn wir das hier nicht täten, müßtest du heute arbeiten.“ So könnte man den Piraten erwidern: Wenn du Karfreitag tanzen willst, dann mußt du diesen Feiertag abschaffen.

Die Piraten argumentieren, daß es in einem religiös neutralen Staat nicht in Ordnung sei, wenn ein (kleiner, und kleiner werdender) Teil der Gesellschaft allen Bürgern vorschreiben wolle, was sie an einem Feiertag zu tun und zu lassen hätten. Auch das ist sehr kurz gedacht: Karfreitag ist ein staatlicher Feiertag. Zwar auch ein kirchlicher, aber die Kirche würde niemals auf die Idee kommen, Muslimen oder Atheisten eine Feier an diesem Tag verbieten zu wollen. Sie kann und will es nicht. Der Staat hat das Tanzverbot erlassen, und zwar um den Sinn dieses Tages für die ganze Gesellschaft in Erinnerung zu halten.

Als Kirche sind wir natürlich dankbar für die staatlichen Feiertage, aber wir brauchen sie nicht. Wir könnten auch frühmorgens oder nach Feierabend zur Feier der Gottesdienste zusammenkommen. Es ist der Staat, der einige Feste des Kirchenjahres (nicht zuletzt den Sonntag) zu arbeitsfreien Tagen erklärt hat, weil er weiß: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist.“ (Ernst-Wolfgang Böckenförde, Bundesverfassungsrichter)

Und hier sind wir am Kern des Problems: Sind wir bereit, für diese menschlich-positive Freiheit einzustehen? Sind wir bereit, den gemeinsamen kulturellen Boden unseres Landes – und der ist nun einmal christlich – zu akzeptieren und mitzutragen, auch wenn wir selbst anderes oder gar nichts glauben? Sind wir bereit zu bejahen, daß die Grundlagen unseres Staates (Schutz jedes Menschenlebens, Schutz der Schwachen, Unschuldsvermutung, objektive Gerichtsverfahren usw.) auch heute sinnvoll und schützenswert sind?

Ein anderer Flashmob, nämlich der in Emden, der mit einem unschuldigen Jugendlichen kurzen Prozeß machen wollte, zeigt, daß es längst andere Tendenzen gibt. Das steht zwar nicht in einem moralischen, wohl aber in einem gesellschaftlichen Zusammenhang.

Wir feiern in dieser Woche Ostern – und tun das noch bis Pfingsten. Christus hat am Karfreitag alle Gewalt und Schuld „wie ein Lamm“ auf sich genommen, ans Kreuz und ins Grab getragen, und er hat an Ostern den Tod besiegt. Seine göttliche Barmherzigkeit ist stärker unser „kurzer Prozeß“. Ostern feiern, an Christus glauben heißt, sich auf die Seite des Lebens und der Barmherzigkeit zu stellen. Ostern nicht zu feiern und an Christus nicht zu glauben schließt allerdings nicht aus, für das Leben und die Barmherzigkeit einzutreten. Und dazu kann die Stille des Karfreitags wie auch jeder Sonntag eine gute Hilfe sein, wenn wir den Sinn kennen.

Mittwoch, 11. April 2012

Das Evangelium vom Ostersonntag

Zwei Apostel, Petrus und Johannes, laufen zum Grab. Johannes ist schneller, kommt als erster an. Er ist der Lieblingsjünger, der kurz zuvor beim Letzten Abendmahl den Ehrenplatz ganz nahe beim Herrn innegehabt hatte; Petrus dagegen hat sich gleich danach im Hof des Hohenpriesters entsetzlich bloßgestellt. Doch er ist es, dem der Herr den Vorrang unter den Aposteln zuerkannt hatte; und so wartet Johannes, am Grab angekommen, läßt ihm den Vortritt, so daß Petrus – nach den Frauen – der erste Zeuge der Auferstehung wird.

Mittwoch, 4. April 2012

Dienstag, 3. April 2012

Rechtsprechung gegen die Natur

Ein Urteil des italienischen Kassationshofes befindet, gleichgeschlechtliche Paare hätten gleiche gesetzliche Rechte zu haben wie ein verheiratetes Paar. Mit der heutigen gesellschaftlichen Situation und auch der Europäischen Menschenrechtskonvention sei die Auffassung überwunden, nach der unterschiedliches Geschlecht die «naturalistische Voraussetzung der Ehe» sei.
Was manchem nach gewohnter PC-Folklore klingen mag, erweist sich bei näherem Hinsehen als noch viel schlimmer:
Lest weiter in der Chronik von Orietur Occidens.

Dienstag, 27. März 2012

Der Geburtstag Papst Benedikts steht bevor

«Der Glaubende wie der Ungläubige haben, jeder auf seine Weise, am Zweifel und am Glauben Anteil», ein jeder Christ unserer Zeit sei in irgendeiner Weise seines Glaubens unsicher, ebenso wie der Ungläubige seiner Verleugnung, schrieb Joseph Ratzinger in seinem Buch über das Apostolische Glaubensbekenntnis.
So bedauernswert das ist – es scheint wirklich so zu sein. Ich bedenke die vergangenen Jahre.
Tiefbesorgt war ich, als ich erfuhr, daß Papst Johannes Paul II. im Sterben lag, als ich die Gerüchte vernahm, welche Meinungen im Kardinalskollegium vorherrschten. Dann aber wurde, was ich nicht zu hoffen gewagt hatte, jener Joseph Ratzinger, der mittlerweile den Kardinalspurpur erhalten hatte, zum Papst gewählt, im Alter von 78 Jahren, als schon jene unselige Altersgrenze drohte, die Papst Paul VI. den wahlberechtigten Kardinälen gesetzt hatte.
Nicht nur damals, sondern auch im persönlichen Leben – und da wohl noch deutlicher – hatte ich erlebt, daß so vieles zusammentraf, daß ich vernünftigerweise nicht zweifeln kann, daß das die göttliche Vorsehung bewirkt hat. Als aber Papst Benedikt gewählt wurde, ist solches vor besonders großer Öffentlichkeit geschehen.
Daher lernte ich mehr und mehr, der Vorsehung Gottes zu vertrauen. Und so habe ich Gott für die Wahl des Papstes gedankt. Noch am selben Abend habe ich mein Laudate genommen und ganz allein jenes deutsche Lied gesungen, das dem Te Deum nachgedichtet ist; alle zwölf Strophen habe ich gesungen*.

Darum erwarten wir voll Freude den 85. Geburtstag unseres Heiligen Vaters Benedikt XVI. und auch den siebten Jahrestag seiner Wahl zum Papst und bitten:

• Exaudi Christe! •


_______________________
* Ein Lied, das im GL nur verstümmelt wiedergegeben ist; cf. Wilfried Hasselberg-Weyandt: Steifzüge durch EÜ und GL: Te Deum und «Grosser Gott, wir loben dich». E&E 14 (2009), S. 33-36

• Eadem latine •

Zum Florentiner Neujahrsfest

stellen wir dem internetten Publikum neue Florilegien aus E&Ewald vor, zu den Themen «Priestertum» und «Die Verbürgerlichung der Kirche».

Samstag, 24. März 2012

Ein gesegnetes neues Jahr!

In alter Zeit begann das Jahr, wie die Monatsnamen von September bis Dezember noch heute zeigen, mit dem März, oder auch dem 24. Februar, nach den Terminalien. Der Beginn des Amtsjahrs der römischen Magistrate jedoch wurde später dann auf den 1. Januar festgelegt; Caesar ließ auch das bürgerliche, das julianische Jahr mit diesem Termin beginnen.
Als die Christenheit begann, die Jahre von Christi Geburt an zu zählen, wurde es sinnvoll, das Jahr mit seinem Geburtsfest zu beginnen, das ja nahe am 1. Januar liegt.
Im Mittelalter jedoch gab es verschiedene Jahresanfänge; der Weihnachtsstil war zwar der verbreiteteste, aber Münster und Spanien etwa blieben beim von Caesar ererbten Circumcisionsstil, und in der Toscana gab es einen theologisch wohlbegründeten anderen Jahresanfang:
Sinnvoller noch, als von der Geburt Christi an zu zählen, ist es, von der Inkarnation auszugehen, also vom Fest der Verkündigung. Das geschah dort; nur: wie dann die Jahre zählen?
In Pisa, Lucca und Arezzo war man konsequent: man zählte logischerweise von dem 25. März an, der dem jeweiligen Weihnachtsfest vorausging. Doch dadurch befand man sich dort meistens denen gegenüber, die den Weihnachts-, den Circumcisionsstil oder gar den Osterstil pflegten, ein Jahr voraus. In Florenz war man pragmatischer und begann am 25. März das Jahr, das anderswo vor wenigen Monaten schon begonnen hatte – dort war man also stets Arezzo gegenüber ein Jahr zurück.
Orietur Occidens hat sich für die florentinische Verbindung von theologischer Tiefe und Pragmatik entschieden, was es uns erlaubt, die Verpflichtungen des Jahres fast drei Monate hinauszuzögern, und wünscht allen jetzt ein gesegnetes Jahr 2012.

Andererseits: die Passionszeit beginnt.

Andere Nachrichten aus Syrien (tertium)

Nein, ich kann die Sache nicht beurteilen. Aber da unser aus Syrien stammender Freund, der im Kontakt ist mit seinen Angehörigen, die noch dort leben, ganz ähnliches sagt, kann ich Herrn Todenhöfers Aussagen nicht einfach abtun. Auch daß er den Eindruck nicht scheut, er sei weniger für die Menschenrechte engagiert als Saudi-Arabien und all die Golfstaaten, spricht nicht von vornherein gegen ihn und seine Aussagen.

Mittwoch, 14. März 2012

Die Kirche der Gottesgebärerin Maria und der heiligen Schmuni

Vor einigen Jahren noch war es ein «Fitneß-Studio».

Die Harburger syrisch-orthodoxe Gemeinde hielt früher ihre Gottesdienste in verschiedenen westlichen Kirchen der weiteren Umgebung ab. Mein aramäisches Patenkind habe ich damals in einer evangelischen Kirche zur Taufe getragen.
Sonderlich günstig war das nicht: die Gottesdienstzeiten mußten sich denen der Gastgeber nachordnen, manchem Wechsel war man unterworfen, und nicht jeder Pfarrer war gleich kooperativ.
So nahm man das große Werk in Angriff. Von anderen syrisch-orthodoxen Gemeinden gab es Spenden, doch die meisten Aufgaben waren vor Ort zu bewältigen. Vor etwa fünf Jahren ging es los. Fortan verbrachte ein großer Teil der Mitglieder der Gemeinde einen großen Teil ihrer Freizeit mit Bauaufgaben. Im letzten Herbst konnte die Kirche geweiht werden.

Die Kirche lebt vom Engagement der Gemeindemitglieder. Der Priester arbeitet in einem Industriebetrieb – vollzeitig, und keineswegs aufgrund einer Arbeiterpriesterideologie. Und viele bringen ihren Dienst in den Gottesdienst ein. Die Ministranten sind zahlreich und liturgiekundig, der Chor der Diakonissen – ganz junger Damen – singt nicht irgendwelche Lieder, sondern authentischen liturgischen Gesang. Und in einem Seitenraum wird zweimal die Woche Aramäischunterricht gegeben.

Nach der Sonntagsmesse sind wir eingeladen zu einem Frühstück im Untergeschoß, wo ein großer Speisesaal seinen Ort hat. Es gibt dort Brot, Trauben, Kaffee, Tee, Wasser. Ich erfahre, daß fast jeden Sonntag jemand aus der Gemeinde aus irgendwelchem Anlaß dorthin einlädt. Ich bemerke, wie jemand sich ein Pulver, einen «Milchweißer» in den Kaffee schüttet. Später erfahre ich warum: es ist ja Fastenzeit, Milch – das geht da nicht.

Mittwoch, 29. Februar 2012

Moralische Nachlese

Neue Kommentare haben sich angesammelt:

NEOLIBERALER NEBEL
Ein Interview mit einem Professor für Internationale Volkswirtschaft, der Beratertätigkeit bei mächtigen Institutionen vorzuweisen hat, klingt über weite Strecken nicht sehr ideologisch; doch gegen Ende macht es die Denkweise – und damit den Denkfehler – des Neoliberalismus augenfällig. Lest mehr darüber!
Drei Wochen später stieß ich auf einen Leserbrief – «Die Mehrheit schämt sich» –, der zeigt, daß in Deutschland wirklich Menschen infolge der «Hartz IV»-Reformen verhungern; der Verfasser, ein Sozialarbeiter, erklärt, die von ihm (leider nicht sehr détailreich) geschilderte Begebenheit sei in seinem Arbeitfeld kein Einzelfall.

MUSS FOLTER BEZAHLT WERDEN?
Ein Iraner, der zum Christentum konvertiert ist, soll in Deutschland dafür bezahlen, daß er der Folter überantwortet wurde. Lest mehr darüber!

Dienstag, 28. Februar 2012

Verdrängte Weisheit

Etwas Besonderes ist es, wenn dort, wo Törichtes propagiert wird, sich verdrängte Weisheit finden läßt.
Der Titel «Droht eine Perpetuierung des liturgischen Plusquamperfekts?» läßt schon die unselige Tendenz eines Aufsatzes erkennen, den ausgerechnet ein Professor für Gregorianik und Liturgik jüngst publiziert hat.
«Man orientiert sich an einer eng geführten Gestalt von Tradition und übersieht dabei, dass der Glaube und seine gottesdienstlichen Ausdrucksformen immer neu angeeignet und übersetzt werden müssen.» Das stimmt: der Glaube und seine gottesdienstlichen Ausdrucksformen müssen immer neu angeeignet werden. Der Gläubige muß dem Glauben und seiner Liturgie entgegenreifen, nicht etwa Glaube oder Liturgie dem ungereiften, dem zeitgeistgeprägten Menschen angepaßt werden. Doch was ist eine «eng» geführten Gestalt von Tradition»? Nicht nur mit dieser sonderbaren Formulierung, über den ganzen Text hin negiert der Autor die Weisheit dieses Satzes – selbst die mangelhafte Qualität irgendeiner amerikanischen Popsängerin muß dann als Argument gegen die überlieferte Liturgie dienen.
«Dadurch entsteht das Bild von Kirche als einer sakralen Gegenwelt (man könnte in diesem Zusammenhang von einer „entweltlichten“ Kirche sprechen), die sich dem gefährlichen Strom der Geschichte wie ein Fels entgegenstemmt und den Menschen Zuflucht vor allen Unbilden der Zeitläufte bietet.» Solches ist die Kirche in der Tat. «Nolite conformari huic saeculo» (Röm. 12, 2) steht über diesem Blog – macht euch nicht dieser Welt konform; und «Die katholische Kirche ist die einzige Institution, die den Menschen vor der erniedrigenden Sklaverei bewahrt, ein Kind seiner Zeit zu sein», führte Gilbert Keith Chesterton aus, wie man von Laurentio Rhenanio weiß.
Darum auch ist die Kirche „semper reformanda“, stets von zeitbedingten Entstellungen zu befreien. Doch wieder negiert in jenem Aufsatz der Autor die Weisheit der eigenen Worte, indem er fortfährt: «Das wäre ein zumindest partieller Abschied von der „ecclesia semper reformanda“, die ... durch die Geschichte pilgert und sich immer wieder neu und auch in sehr unterschiedlichen Erscheinungsformen mühsam gestalten muss.» „Ecclesia semper reformanda“ heißt es, nicht „semper conformanda“!

Mittwoch, 22. Februar 2012

Neues aus Ewald & Ewald & dem Alltag der Kirche

Da ein Text über die Verbürgerlichung der Kirche noch auf dem Weg in den neuen E&Ewald war, bemühte sich die real existierende Liturgie schon geflissentlich, ihn zu bestätigen – das Bestehen eines Konvents jährte sich; Erstkommunikanten wurden vorgestellt.
Hier eine Kostprobe aus einer anderen Partie des E&E-Textes:

Das grundlegende Motto behäbiger Bürgerlichkeit

Noch einmal sei gesagt: ich schätze kultivierte Bürgerlichkeit. Doch es gibt eine behäbige wohlétablierte Bürgerlichkeit, die durch ihre banale Ansprüchlichkeit sehr wenig erfreulich ist (...). Ihr grundlegendes Motto lautet:
– Was sollen denn die Leute dazu sagen!
Für den eingefleischten Kleinbürger gibt dieses Motto das unverbrüchliche Lebensprinzip. Der Honoratior wird sich eine etwas differenziertere Haltung leisten. Sobald es sich jedoch nicht um «die Leute» handelt, sondern um seinesgleichen, tritt es wieder voll in Kraft. Wer modern denkt, wird dieses Motto enragiert ablehnen – und sich ebenso enragiert danach richten.
Modern zu sein ist nämlich die gängigste Art, nach diesem Motto zu leben – die Mode, der alle durch all ihre Wandlungen und Windungen folgen, ist das Paradefeld wohlétablierter Bürgerlichkeit.
Hier liegt der Schlüssel für das Verständnis all der Forderungen der kirchlichen Bourgeoisie, die von den Forderungen der Arrièregarde der Altachtundsechziger von der Insel Wisiki bis zu denen der Großhonoratioren vom Theologen-Memorandum und vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken reichen: Frauen nicht zum Priesteramt, nicht einmal zum Diakonat zuzulassen, Priestern den Zölibat abzuverlangen, «wiederverheiratete» (also anderweitig neuverheiratete) Geschiedene von der Kommunion auszuschließen, mit protestantischen Mitchristen keine «Abendmahlsgemeinschaft» zu dulden – was sollen denn die Leute dazu sagen!


Aber E&E bieten mehr.
So hat, verborgen in den Tiefen zwischen dem geheimnisvollen Graxedom und den mathematisch anspruchsvollen einhundertdreiundfünfzig Fischen, Thomas Baumann einen sehr lesenswerten Exkurs über Predigtmärlein allzu diskret plaziert. Dieser Exkurs sei nun dem Tageslicht, sprich: den Streifzügen durch die Bibel übergeben.
Und beim Einstellen bemerkte ich, daß der vorangehende Text, der schon seit bald zwei Jahren im Netz steht, übel verstümmelt ist – ein winziger html-Fehler: an einer Stelle hatte ich Anführungsstriche vergessen; nun sind sie endlich da, und mit ihnen der unverstümmelte Text.

Und: wieder ist Fastenzeit.

Dienstag, 21. Februar 2012

Ewald&Ewald: der neue Jahrgang ist geöffnet

Eine Dekade bereits liegt der Tag der Abendländischen Musik zurück – Zeit, die Früchte der Öffentlichkeit darzubieten.
Messe, Vesper in gregorianischer Pracht. Et ultra drama latinum «De magno Dei miraculo» ab egregia Caecilia Coqua confectum laetitia omnium exactum est, cui nempe versetti instrumentales vesperae inserendi cesserunt.

Zwischendurch aber wurde der neue Jahrgang von Ewald & Ewald entkorkt. Nachdem die Hefte zuletzt in etwas abgespeckter Gestalt erschienen waren, haben sie nun den alten Glanz zurückerlangt.
Nachdem Thomas Baumann in seinem großen Werk über moderne Irrtümer – oder vielmehr neuaufgewärmte alte Irrtümer – sich dem Verständnis einer breiten Leserschaft hatte fügen müssen, konnte er nun nach Herzenslust das Verständnisvermögen aller strapazieren. Ein ganz neuer und ein altbewährter Autor haben das homiletische Genre in unseren Heften eröffnet. Und Vorträge vom vorigen Tag der Abendländischen Musik habe ich zu einem Text über die Verbürgerlichung der Kirche ausgearbeitet. Eine Kostprobe daraus soll bald folgen.
Dann noch ein Text über die unsägliche Argumentation für eine «Frauenordination» und einer über «catholicae et apostolicae fidei» cultores – die, «die den katholischen und apostolischen Glauben pflegen» und die gerade in unserer Zeit, die die Rolle der Laien in der Kirche so hochzuhalten vorgibt, aus dem römischen Kanon wegübersetzt worden sind.
Das ganze ist internett zu haben – zum Ausdruck als Heft formatiert.

Mittwoch, 1. Februar 2012

Ewald und Ewald und Tag der Abendländischen Musik

Gerade im Begriffe, in den neuen E&Ewald einen Artikel über die Verbürgerlichung der Kirche zu setzen, da erlebe ich, wie, gerade rechtzeitig, in einer Festmesse zum zwanzigjährigen Bestehen eines örtlichen Konvents man sich große Mühe gibt, all das zu bestätigen, was ich da angeführt habe (und – anderer Ort, anderer Anlaß, nichtsdestoweniger ganz ähnlich – schon einmal ausführlich beschrieben habe).
Also: rechtzeitig noch anno 2011 stilo florentino (wieviel Hektik erspart sich doch unsere Sodalitas dadurch, daß sie diese Jahresrechnung gewählt hat) wird das neue Heft fertig. Und es hat zugenommen: altbewährte Autoren sind wieder dabei, unter ihnen der Editeur en titre, der aus den Tiefen des Bücherschreibens nach dem Erscheinen seines großen Werkes wieder aufgetaucht ist; ein neuer Autor ist dazugestoßen.
Gelitten hatte unter den Wirren unseres Bistums der Tag der Abendländischen Musik; aber wenn er auch in diesem Jahr (stilo florentino) nur etwas eingeengt zustande kommt: er findet statt; und ich hoffe auf große musikalische Ereignisse.
Venite, canite, psallite!

Samstag, 14. Januar 2012

Der Neocatecumenato

Auf dem Site «Summorum Pontificum» ist ein bemerkenswert differenzierter und weitgehend wohlwollender Text über den Neocatecumenato und seine sehr besondere Liturgie zu lesen. In einem Zweispalt gegenüber dieser Bewegung stehe auch ich; und wenn ich zusätzlich noch meinen Kommentar abgebe, so deshalb, weil mir etwas kritischere Gedanken kommen.

Ich erinnere mich, wie in meiner ostwestfälischen Lebensepisode unser Pfarrer – ein hervorragender Mann – über den Neocatecumenato klagte, über dessen Bemühung, seine Gottesdienste isoliert von der übrigen Kirche abzuhalten.
In meiner anschließenden hanseatischen Lebensepisode lebte ich in einer Pfarrei, deren Pfarrer selber, sehr aktiv, zum Neocatecumenato gehörte. Unter den dortigen Neocatecumenen habe ich freundliche Menschen mit klarem, entschiedenem Glauben kennengelernt; es tat mir leid, daß man mit ihnen keinen privaten Kontakt schließen konnte. Andererseits habe ich eines Abends eine ihrer Katechesen besucht; ich war befremdet von dem geringen geistigen Niveau und dem harten Auftreten des Katecheten. Noch befremdeter war ich von der Art, wie der Pfarrer die Messe an Festen feierte, die keine staatlichen Feiertage waren – an solchen Tagen habe ich fortan die heimische Pfarrei gemieden.
Eines Tages, noch zu Anfang meiner dortigen Zeit, rief mich eine Pfarrerin der protestantischen Nachbarpfarrei an, erzählte, daß unser Pfarrer sie gefragt habe, ob er in ihrer Kirche die Osternachtfeier für seine Gemeinschaft abhalten könne. Sie wollte meine Meinung dazu hören; ich habe abgeraten, der Klage meines früheren Pfarrers gedenk. Später klagte mir gegenüber unser Pfarrer über die Unfreundlichkeit der protestantischen Pfarrei, die ihm das abgeschlagen hatte. Damals schämte ich mich; als ich nun Sandro Magisters Artikel las, wurde ich daran erinnert – nun schäme ich mich nicht mehr.

Es stimmt: im Neocatecumenato finden Menschen zu klarem, entschiedenem Glauben. Nur: der Preis ist eine Abschottung von der Kirche; Sandro Magister stellt sie noch schärfer da, als ich sie damals erleben konnte. Ich kenne recht gut eine andere der «Neuen geistlichen Bewegungen», eine, die sich nicht absondert. Dort beobachte ich, wie sich der Impetus sich nach einigen Jahrzehnten abschwächt; die Bewegung wächst kaum noch. Was würde aus den Menschen, wenn sich wie beim Neocatecumenato ihr geistliches Leben fast ausschließlich in ihren kleinen Gemeinschaften abspielte, wenn diese dann langsam absterben? Und ich habe erlebt, wie unchristliche Lebensweise und entsprechende Lehren sich in einer Diözesangruppe ausbreiteten. Wie groß mag solch eine Gefahr bei einer Bewegung sein, die sich von der Kirche sehr viel mehr abschottet? Mir scheint es fatal, wenn für einen Katholiken die primäre geistliche Gemeinschaft etwas anderes ist als die ganze Kirche.
Und: impliziert nicht schon die Abschottung von der Kirche ein unkatholisches Verständnis von Kirche? Impliziert nicht schon die triviale Liturgie eine Abwendung vom katholischen Eucharistieverständnis?
Zur Zeit der jetzigen Kirchenkrise erscheint das missionarische Potential dieser Bewegung wohltuend; aber wirklich förderlich für Kirche und Glauben würde es erst, wenn der Neocatecumenato zu den guten Formen der Kirche zurückfände.