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Freitag, 25. Februar 2022

Sexueller Mißbrauch:
Richtige Einsichten und verdrehte Folgerungen

«Der emeritierte Regensburger Dogmatiker Wolfgang Beinert sieht in der nachkonziliaren Berufungspraxis von Bischöfen durch die Päpste Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. eine systemische Ursache für Missbrauch in der Kirche», so war jüngst bei katholisch.de zu lesen (Beinert: Pontifikat Johannes Pauls II. hat Missbrauch begünstigt).
Ein hartes Wort; aber:
«Seit den 1970ern dringt kaum etwas nach außen», setzt die Süddeutsche als Untertitel in einen durchaus nicht kirchenfreundlichen Artikel (Nicolas Richter und Ronen Steinke: Missbrauch in der katholischen Kirche: Warum nur wenige Täter bestraft werden. 22. Mai 2019). In diesem Artikel steht: «Wenn man die Akten aus den 1950er- und 1960er-Jahren durchblättert, fällt auf, dass damals mehr Opfer bereit waren zu reden, Jugendliche traten als Zeugen auf, Kirchenleute wurden zu Haftstrafen verurteilt. Später ließ die Anzeigebereitschaft nach, von den 1970er-Jahren an drang kaum mehr etwas nach außen, es sei „offenbar so ein Deckel draufgegangen“, sagt [Oberstaatsanwältin] Ines Karl.»
Gratias Felicitati
An jenem Vorwurf kann demnach etwas dran sein: zumindest für die Ernennungen unter Paul VI. scheint er durchaus begründet*:
Die Gründe benannte schon Kardinal Ratzinger: «Dans les premières années après Vatican II le candidat à l’épiscopat semblait être un prêtre qui devait avant tout être ‘ouvert au monde’ : dans tous les cas, ce prérequis était mis à la première place – In den ersten Jahren nach dem II. Vatikanischen Konzil schien der Kandidat für das Bischofsamt ein Priester zu sein, der vor allem ‚weltoffen‘ sein musste: diese Voraussetzung wurde an die erste Stelle gesetzt» (Joseph Ratzinger: Entretiens sur la foi, Paris 2005; zitiert von Abbé François-Marie Chautard (Paul VI et l’auto-démolition de la Tradition), der darin auch das Motiv für Pauls VI. Rücktrittsforderung an Bischöfe von 75 Jahren sieht).
Später bestätigte der ehemalige Papst diese Sicht noch einmal: «Da nach dem II. Vaticanum auch die Kriterien für Auswahl und Ernennung der Bischöfe geändert worden waren, war auch das Verhältnis der Bischöfe zu ihren Seminaren sehr unterschiedlich. Als Kriterium für die Ernennung neuer Bischöfe wurde nun vor allen Dingen ihre „Konziliarität“ angesehen, worunter freilich sehr Verschiedenes verstanden werden konnte. In der Tat wurde konziliare Gesinnung in vielen Teilen der Kirche als eine der bisherigen Tradition gegenüber kritische oder negative Haltung verstanden, die nun durch ein neues, radikal offenes Verhältnis zur Welt ersetzt werden sollte. ... Es gab – nicht nur in den Vereinigten Staaten von Amerika – einzelne Bischöfe, die die katholische Tradition insgesamt ablehnten und in ihren Bistümern eine Art von neuer moderner „Katholizität“ auszubilden trachteten.» (Die Kirche und der Skandal des sexuellen Mißbrauchs. II. Erste kirchliche Reaktionen, 1.)
Doch dann verkehrt der anfangs zitierte Dogmatiker diese Einsicht in ihr Gegenteil: «Mit dem von dieser Bischofsgeneration geforderten unbedingten Papstgehorsam „wandte sich die Kirche neuerlich jenem rückschrittlichen Antimodernismus zu, der sie seit der Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt hatte“», der den Mißbrauch begünstigt hätte – als seien nicht „Konziliarität“, „Weltoffenheit“ die neuen Kriterien gewesen, sondern Antimodernismus. Der Trick des Dogmatikers: er setzt «selbstbewusstes Agieren» mit Modernismus in eins.

Dieser verdrehte Gedankengang hat Anklang gefunden auch bei einem hochrangigen deutschen Kirchenmann: Der Vorsitzende der polnischen Bischofskonferenz hatte an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz einen kritischen Brief zum Synodalen Weg geschrieben; diesen Brief nun kritisiert seinerseits der Essener Generalvikar Pfeffer auf Facebook; katholisch.de hat dieses Post veröffentlicht (Pfeffer über Brief polnischer Bischöfe: Hochklerikaler Antimodernismus).
Was einen deutschen Generalvikar sich berechtigt fühlen läßt, den Brief des Vorsitzenden der Bischofskonferenz eines anderen Landes derart herunterzumachen, ist einfach zu erraten: es ist der tiefverankerte deutsche Antipolonismus. Dankenswerterweise bekommt er Widerspruch von einem deutschen Bischof: Bischof Wolfgang Ipolt von Görlitz (Ipolt: Sollten beim Synodalen Weg auf Stimme aus der Weltkirche hören), leider ein wenig halbherzig: «Dass wir [die deutsche und die polnische Kirche] ganz sicher in mancher Hinsicht verschiedene Zugänge zum Glauben und zur Kirche haben, das darf unseren guten Beziehungen keinen Abbruch tun» – daß der Synodale Weg (s.u.) den deutschen Zugang ein wenig zugeschüttet hat, bleibt hinzuzufügen.

*: Johannes Paul II. und Benedikt XVI. haben sich wohl bemüht; doch nicht selten mangelte es an geeigneten Kandidaten, und auch die Menschenkenntnis dieser beiden Päpsten steht nicht außer Frage.

Mittwoch, 2. Februar 2022

Nachbemerkungen zur Münchener Mißbrauchsstudie

Einige Monate nach der französischen Studie nun die Studie über sexuelle Übergriffe durch Priester in der Erzdiözese München. Mittlerweile ist die Sicht etwas klarer: es hat schlimmste Übergriffe in beträchtlicher Zahl gegeben.
Daß diese Studie einen deutlich antikirchlichen Einschlag hat, wie im Blog Invenimus Messiam aufgezeigt wurde, ändert nichts an der Richtigkeit dieser Falldarstellungen.
Was nun ist der Kirche vorzuwerfen?
Der Kirche – das heißt natürlich nicht: der göttlichen Institution; wohl aber: deren Amtsträgern, insbesondere den Ordinariaten und den Bischöfen. Was man der Kirche nicht vorwerfen kann, ist, daß es in ihr Priester gegeben hat, die pädophile Neigungen hatten und diese in verbrecherischer Weise ausgelebt haben – wo sich Kontakt mit Kindern oder Jugendlichen anbietet, da sammeln sich Pädophile, sei es in Internaten, in Sportvereinen, in Freizeiteinrichtungen oder eben in der Kirche. Was ihnen vorzuwerfen ist, das ist, wie zögerlich gegen sie eingeschritten wurde.
Im Blog Nolite Timere werden die Fälle ausgewertet, die in der Studie dargestellt wurden.
Was man zumindest den Erzbischöfen Kardinal Faulhaber und Kardinal Wendel und ebenso Kardinal Ratzinger nicht vorwerfen kann, ist, daß sie diese Übergriffe toleriert oder gar gedeckt hätte. Wohl aber steht der Vorwurf gegen alle Münchener Erzbischöfe seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, daß sie mit den Tätern zu viel Geduld hatten, zu viel Vertrauen in deren Bereitschaft und Fähigkeit gesetzt haben, von ihrem Treiben abzulassen. Wie verwerflich solche Taten sind, scheint dabei etwas aus dem Blick geraten gewesen zu sein. Die Morallehre der Kirche hat es immer ausgeschlossen, solche Taten zu verharmlosen. In der Kirche der Väterzeit hätte solch ein Täter eine mehrjährige Kirchenbuße auf sich nehmen müssen – mit solch einer Regelung wäre auch heute die Kirche besser gefahren.
Dahinter zeigen sich zwei Probleme in der Kirche dieser Zeit.
Das eine ist ein verzerrtes Verständnis der kirchlichen Sexualmoral. Diese Sexualmoral ist eigentlich sehr streng; aber eben deshalb hat man sich wohl ein wenig daran gewöhnt, daß gegen sie sowieso verstoßen wird. Dabei scheint der eine, eigentlich der sekundäre Aspekt der Sexualmoral, der der continentia, der Selbstbeherrschung, gegenüber dem des Schutzes, ein wenig in den Hintergrund getreten zu sein. In ihrem Kern aber ist diese Sexualmoral Schutz: sie schützt den anderen, auf den sich sexuelles Begehren richtet, seine körperliche und seelische Gesundheit, seine Würde; sie schützt darüber hinaus seine eigene Familie und schließlich seine eigene Würde. Wenn aber das Hauptaugenmerk sich nur auf die Selbstbeherrschung richtet, so wird nur die Sünde gesehen, weniger aber das Opfer des Begehrens. Sünden aber vergibt die Kirche einfach, wenn der Schuldige Reue zeigt.
Das andere ist, daß man begonnen hat, in Pädophilie eine psychische Störung zu erkennen – an sich völlig zu Recht; aber dabei hat man auch begonnen, die persönliche Verantwortung aus dem Blick zu verlieren. Pädophilie ist zwar eine psychische Störung, aber pädophiles Handeln ist Handeln, für das der Täter nichtsdestoweniger Verantwortung trägt (freilich: je mehr es sich eingeschliffen hat, desto schwieriger wird die bewußte Steuerung). Dazu trat eine Therapiegläubigkeit, so, als sei Therapie ein Sakrament, das ex opere operato wirke. Doch eine Therapie ist natürlich nur wirksam, wenn der Betroffene sich ganz darauf einläßt – was nicht nur eine Frage des guten Willens ist –; und selbst dann ist der Erfolg nicht selbstverständlich. Und Psychotherapeuten wurde es auch damals schon bekannt, daß sexuelle Devianzen von ähnlicher Art sind wie Süchte, daß sie für Therapie besonders sperrig sind, nicht restlos zu verschwinden pflegen.
Der Bruch im Umgang mit sexuellen Übergriffen
Seit den sechziger Jahren aber scheint verantwortungslose Sorglosigkeit zugenommen zu haben. «Seit den 1970ern dringt kaum etwas nach außen», setzt die Süddeutsche als Untertitel in einen durchaus nicht kirchenfreundlichen Artikel (Nicolas Richter und Ronen Steinke: Missbrauch in der katholischen Kirche: Warum nur wenige Täter bestraft werden. 22. Mai 2019). In diesem Artikel steht: «Wenn man die Akten aus den 1950er- und 1960er-Jahren durchblättert, fällt auf, dass damals mehr Opfer bereit waren zu reden, Jugendliche traten als Zeugen auf, Kirchenleute wurden zu Haftstrafen verurteilt. Später ließ die Anzeigebereitschaft nach, von den 1970er-Jahren an drang kaum mehr etwas nach außen, es sei „offenbar so ein Deckel draufgegangen“, sagt [Oberstaatsanwältin] Ines Karl.»
Gratias Felicitati
Sexuelle Übergriffe und kirchliche Sexualmoral
Was der Kirche zugute zu halten ist, daß sie in der Lehre keine Konzessionen gegenüber der Pädosexualität gemacht hat, obwohl es in den siebziger und achtziger Jahren Druck in dieser Richtung gegeben hat (eine Studie, die die Partei der Grünen zur Aufarbeitung ihrer eigenen Vergangenheit in Auftrag gegeben hat, zeigt es auf). Doch Kardinal Wetter gibt zu, daß er «mit den Tätern nicht mit der gebotenen Strenge umgegangen» ist (dpa). Der Grund: daß «dies damals bei vielen in der Gesellschaft, nicht nur in der Kirche, so war», er sei eben ein «Kind meiner Zeit». Und man erinnert sich an einen Satz von Gilbert Keith Chesterton: «Die katholische Kirche ist die einzige Institution, die den Menschen vor der erniedrigenden Sklaverei bewahrt, ein Kind seiner Zeit zu sein.»
Letztlich also eine moderne Geringschätzung der katholischen Sexualmoral. Zu fürchten ist aber auch, daß mehr und mehr des Priestermangels wegen Ordinariate darauf verzichtet haben, schuldige Priester in die Wüste zu schicken, um sie nicht für die Seelsorge zu verlieren – so daß sie dadurch der Seelsorge um so schweren Schaden zugefügt haben.
Die französische Studie hatte ergeben, daß, je mehr die religiöse Praxis abgenommen hatte, desto mehr Ordinariate bereit waren, schuldige Priester durchzuschleppen (§0270). Das wichtigste, was die Kirche gegen sexuelle Übergriffe durch Priester und Ordensleute tun kann, ist also, die religiöse Praxis zu stärken; und das kann nur auf der Grundlage der Stärkung des klaren, nicht irgendwie abgeschwächten Glaubens geschehen.
Nun aber bietet der durch die Menge der offengelegten verbrecherischen Verstöße gegen die Sexualmoral der Kirche ausgelöste Eklat paradoxerweise die Gelegenheit, nun wieder eine Abkehr von der kirchlichen Lehre, eine Abschwächung ebendieser Sexualmoral zu fordern. Eine Initiative kirchlicher Mitarbeiter strebt eine feindliche Übernahme der Kirche an. Sonderbar: welchen Sinn sollte eine Kirche haben, die sich von den Geboten des Herrn entfernt? Selbstverständlich hat deren jeder das Recht, sein Heil anderswo zu suchen (die Unitarier sind da zu empfehlen: sie versorgen ihre Mitglieder mit den gewünschten Amtshandlungen, ohne irgend etwas an Glauben einzufordern); nur daß dort das Heil zu finden sei, das kann die Kirche freilich nicht versprechen.
All das wäre weniger beunruhigend, wenn Verlaß darauf wäre, daß zumindest Bischöfe und Priester fest zur Lehre der Kirche stehen. Doch was von Bischöfen in den Nachrichten zu lesen ist und was ich von Priestern vor Ort höre, bereitet große Sorge.
Kirchenaustritte
Viele Kirchenmitglieder treten nun einfach aus der Kirche aus. Dies ist nicht nur für die Finanzen der Kirche ein beträchtlicher Schade; es bedeutet auch, daß deren Kinder kaum noch für Kommunion- und Firmunterricht erreichbar sein werden (was freilich nicht bei jedem Kommunion-, bei jedem Firmunterricht ein Schaden ist). Doch daß die meisten von ihnen offenbar einfach die Kirche verlassen, sich nicht etwa der Piusbruderschaft oder einer Ostkirche anschließen, zeigt, daß für sie die Kirche nur noch ein Verein war, sie sich vom Glauben der Kirche, vom Glauben an den Herrn, der in dieser Kirche ungeachtet allen Versagens dieser Hierarchen lebendig ist (und der selber von einem seiner Apostel verraten wurde), schon längst entfernt haben.
Was heute nicht mehr zu erkennen ist,
ist, wie viel Mühe man sich mit seelsorgerischen Gesprächen mit den Tätern gegeben haben mag, wie sie ihre Verfehlungen bekannt (oder auch geleugnet) haben, gebeichtet haben mögen. Was man den Bischöfen und den anderen Verantwortlichen der älteren Zeit vorzuwerfen hat, ist im Kern falsches Vertrauen, das von ihnen den Tätern zuteil wurde. Bereitschaft zu vergeben, vertrauen: eigentlich gut christliche Haltungen, die aber pädophilen Mitbrüdern gegenüber sich verheerend auswirkten, ganz besonders für die Opfer, aber auch für die Täter, die so, entgegen allen Regeln der Pastoral (die nächste Gelegenheit zur Sünde meiden ...), wieder in Versuchung geführt wurden, der sie dann oft nicht widerstanden haben. Vom Suchtcharakter sexuell devianten Verhaltens ahnten die Verantwortlichen noch nichts.
Vergebungsbereitschaft ohne Ansehen der Schwere der Schuld und falsches Vertrauen: das ist das, was den Kardinälen Faulhaber, Wendel und Ratzinger vorgeworfen werden kann. Bemerkenswert dabei ist, daß Kardinal Ratzinger vor allem etwas vorgeworfen wird, was in der Sache keinen Vorwurf rechtfertigt: der „Fall H.“. Hier war dem Täter von der Erzdiözese München offenbar nur erlaubt worden, in der Erzdiözese sich einer Therapie zu unterziehen – in der Seelsorge dort eingesetzt wurde er erst viel später, als Kardinal Ratzinger längst in Rom war. Der Fehler, den Mons. Ratzinger nun aber gemacht hat, ist, daß er sagte, an einer Sitzung, an die er sich natürlich nach so langer Zeit nicht mehr erinnern konnte, nicht teilgenommen zu haben, was er dann widerlegt fand.
Doch derselbe Kardinal Ratzinger war es, der dann als einer der ersten verstanden hat, was not tut, der als Präfekt der Glaubenskongregation energische und wirksame Maßnahmen gegen sexuelle Übergriffe eingeführt hat: Joseph Ratzinger: Der Wegbereiter im Anti-Missbrauchskampf – zu einer Zeit, da jener Studie zufolge man sich von Seiten wie Pro Familia und Humanistischer Union noch sehr für Toleranz solchem Verhalten gegenüber stark machte.
Was zudem verhängnisvoll für die Kirche ist,
ist, daß dies in einer Zeit zu bewältigen ist, in der die, von denen man am ehesten erwarten kann, daß sie sich in ihren Reihen energisch sexuellen Übergriffen entgegenstellen, die Gemeinschaften, die den überlieferten Ordo ausüben, selber von Rom unter starken Druck gesetzt sind.
Was für die Kirche ansteht,
ist, die Institute zu stärken, denen nichts vorzuwerfen ist. Und der Seligsprechungsprozeß für Kardinal Ottaviani verdient es, in Gang gebracht zu werden.

Donnerstag, 14. Oktober 2021

Auch in der Kirche in Frankreich: Sexueller Mißbrauch

Eine furchtbare Zahl: von 1950 bis 2020 wurden zwischen 165.000 und 270.000 Kinder in Frankreich sexuell mißbraucht von Priestern oder Ordensleuten (Les violences sexuelles dans l’Église catholique / France 1950-2020. Rapport de la Commission indépendante sur les abus sexuels dans l’Église. Octobre 2021, § 0575, p. 222).
Daß Priester und Ordensleute überhaupt dergleichen begehen, ist furchtbar, aber irgendwie hat man sich in den letzten Jahren daran gewöhnt, davon zu hören; und daß 2,5-2,8 % der französischen Priester und Ordensleute sich in dieser Weise schuldig gemacht haben (§ 0070, p. 40), übertrifft die Erwartungen nicht. Und die geringeren Zahlen bei Schulen, Sport und Ferienlagern (ibid.) mögen davon beeinflußt sein, daß dort bisher weniger nachgeforscht wurde.
Was aber entsetzt, ist, daß die Hochphase dieser Taten die Jahre 1950-1970 umfaßt, also schon vor den Wirren der sechziger Jahre begonnen hat (§ 0267, p. 125 – freilich sank danach nicht nur die Zahl der Übergriffe, sondern auch die der Priester und Ordensleute, die sie begehen konnten). Was entsetzt, ist weniger, daß den Kindern nicht sogleich geglaubt wurde – daß man zunächst einmal Vertrauen zu Priestern und Ordensleuten hatte, war verhängnisvoll, aber dahinter steht ein Dilemma: «Jeder Obere, jeder Vorgesetzte muß Vertrauen haben zu denen, die ihm anvertraut sind» –, als vielmehr, daß, wenn es dann klar wurde, nicht die Normen des kanonischen Rechts strikt angewandt wurden (§ 0269, p. 125), sondern die Täter nur versetzt wurden oder auch in Spezialkliniken gewiesen und dann wieder im priesterlichen Dienst eingesetzt wurden (§ 0270, p. 126), als hätte Therapie eine gleichsam sakramentale Wirkung. «Namentlich in Diözesen mit schwacher religiöser Praxis» sei es nur zu Versetzungen gekommen (§0270) – so führte der geistliche Niedergang in den Diözesen zu geistlichem Versagen der Ordinariate, das wiederum diesen Niedergang verschärfen mußte. Und schlimm ist, daß Opfer zu einem Eid des Schweigens gedrängt wurden (§ 0269).

Anderswo wurde berichtet, eine amerikanische Ordensfrau sei «von einem Freund gefragt worden, warum Katholiken nach all den Skandalen nicht austreten sollten, und nach einem langen Schweigen habe sie geantwortet: „Wir bleiben wegen Jesus Christus.“»
Dieser Antwort kann man nur beipflichten. Aber wenn von ebendieser Ordensfrau geschrieben wird, es falle ihr «in letzter Zeit sehr schwer, die Worte des Glaubensbekenntnisses zu rezitieren: „Eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“», so darf man sich daran erinnern, daß die Kirche nicht die Kirche all dieser Mietlinge, des Kardinals …, die der Bischöfe … und … und wie sie alle heißen (ich verzichte darauf, Namen anzuführen, die mir vor Augen sind) ist, sondern Kirche Jesu Christi, des Herrn, des Kyrios (Kyriakè Ekklesía), ist. Und es ist die Kirche der Apostel und Heiligen – und daß unter den Aposteln Christi auch Judas Iskariot war, hat damals niemanden vom Glauben an seine Kirche abgebracht.
Jedem Bischof, jedem Priester bleibt das Recht unbenommen, sich ganz privat nach seiner Façon auf den Weg in die Hölle zu machen. Wenn er allerdings dieses Recht mit seinem Auftreten in seinem Amt verbindet, so ist das schlimm – aber auch Judas Iskariot hat das schon getan.

Samstag, 15. Dezember 2018

Klares Urteil und unklare Wahrheit

Einerseits: Kardinal Pell, ein australischer Kardinal, von Papst Franziskus in den Kardinalsrat der Neun berufen.
Andererseits: Marco Tosatti, ein katholischer Blogger, engagiert für die Aufdeckung sexuellen Mißbrauchs, kein Freund des Bergoglio-Regimes.
Nun ist Kardinal Pell von einem australischen Gericht wegen sexuellen Mißbrauchs verurteilt worden. Doch Marco Tosatti jubelt nicht, sondern, ganz im Gegenteil, bemängelt, daß das Urteil in einem nichtöffentlichen Prozeß von einer „hang jury“, einem Geschworenengericht, das nicht in der Lage war, ein wahres Urteil zu fällen, aufgrund wenig glaubwürdiger Anklagen gefällt worden ist.
Ob Kardinal Pell schuldig ist oder nicht, weiß Marco Tosatti nicht – und ich erst recht nicht. Doch ich achte den Blogger, der nicht einfach froh ist über Nachrichten, die zu seiner Richtung passen, sondern die Wahrheit wissen will und auch klarstellt, daß sie, so sehr man sich das auch anders wünscht, keineswegs immer erkennbar ist.

Mittwoch, 24. Oktober 2018

Sexuelle und weitere Übergriffe –
Wie kann es dazu kommen?
Wie kann es sein, daß sie gedeckt werden?
Was ist dagegen zu tun?

In den letzten Jahren waren sexuelle Übergriffe das große Thema; doch nicht minder schwer wiegen Mißhandlungen von Kindern und Jugendlichen in Kinderheimen und Internaten – besonders aus Irland wurde von Nonnenkonventen Schlimmstes berichtet. Aber auch hierzulande wußte noch vor nicht sehr langer Zeit jeder Katholik, daß es unterschiedlichste Nonnen gibt, äußerst liebevolle ebenso wie haßerfüllte, grausame.

Wie konnte das sein, wie konnte es dazu kommen?

Bis ins frühe XX. Jahrhundert war es üblich, daß Familien unversorgte Töchter ins Kloster wiesen; auch daß Eltern ihre Töchter dorthin schickten, weil sie das für ein frommes Werk hielten, war nicht ungewöhnlich. So gab es in vielen Konventen Nonnen, die keine wirkliche Ordensberufung hatten. Auch in Männerkonventen gab es, wenn zwar wohl etwas seltener, doch ähnliches.
Wer nun ohne echte Ordensberufung sein Leben in einem Ordenskonvent zu verbringen hat, kann dort natürlich doch noch zu einem geistlichen Leben dort finden; er kann aber auch seine Enttäuschung auf verschiedenste ungute Weise ausleben.

Dies spielt für Übergriffe der letzten Jahre wohl keine Rolle mehr, aber anderes wird noch heute gelten:

Auch wer eine Berufung verspürt, kann vom Ordensleben enttäuscht werden. Schon durch einen neuen Oberen kann sich das Leben, für das man sich entschieden hat völlig ändern. Aber schwerer wiegt wohl etwas anderes: Wo Konvente die Betreuung von Kindern oder Jugendlichen zu ihren Aufgaben zählen, kann es geschehen, daß solche Aufgaben Ordensleuten übertragen werden, die dadurch durchaus nicht begabt sind, die nun im Konvent nicht ihre Berufung leben können, sondern sich aufreiben an Aufgaben, die ihnen fremd sind.

Solches kann zu sinnlosem Zwang, zu Grausamkeiten, aber auch zu sexuellen Übergriffen führen. Für sexuelle Übergriffe im Besonderen ist etwas anderes bedeutsam:

Wo immer Umgang mit Kindern und Jugendlichen selbstverständlich gegeben ist, da werden Pädophile angezogen. So sind kirchliche Kinder- und Jugendarbeit, Kinderheime und Internate für sie ein naheliegender Anziehungspunkt.
Sexuelle Übergriffe gegen Kinder und Jugendliche gehen besonders häufig von Männern aus, die sich kumpelhaft anbiedernd geben und sich damit oft sehr beliebt zu machen wissen. Wo im heutigen Pfarrleben der Eindruck entsteht, daß hier für solchen Umgang viel Raum sei, ist es für Pädophile besonders anziehend.
Gelegentlich wird darauf hingewiesen, daß solche Übergriffe sich ganz überwiegend nicht gegen Kinder, sondern gegen Jugendliche richten, es sich daher nicht um Pädophile handle. Aber das ist ein Mißverständnis des Wortes paîs: in der Antike galt Päderastie als erlaubt, jedoch nicht mit Kindern unter etwa zwölf Jahren. Paîdes bezeichnet demnach durchaus auch Jugendliche.

Wie kann es sein, daß solche Übergriffe gedeckt werden?

Es gibt eine große Scheu menschlicher Gemeinschaften, Übles nach außen dringen zu lassen – das deutsche Wort «Nestbeschmutzer», das als Schimpfwort benutzt wird, legt Zeugnis davon ab. Das durch solche Haltung, solchen Corpsgeist, Übeltaten gedeckt und verharmlost werden, sogar in der Kirche, ist schlimm – aber es geschieht.
Doch jenseits des «Right or wrong, my country», des «Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus»: daß man die Ehre der Kirche nicht durch Schandtaten beschmutzt wissen will, mag zwar verständlich erscheinen; aber eine Ehre, die auf Verleugnung von Tatsachen beruht, ist keine Ehre.
Natürlich ist es nicht angemessen, jede je geschehene Übeltat an die Öffentlichkeit zu bringen – auch die Betroffenen müssen da Mitspracherecht haben –; aber wenn Täter nicht zur Rechenschaft gezogen werden oder Betroffene keinen Zugang zu den Unterlagen bekommen, die sie betreffen, so ist das verwerflich.

Aber neben diesen beiden verwerflichen Motiven (die eigentlich verschiedene Ausprägungen desselben Motivs sind), gibt es ein anderes, das nicht verwerflich ist, sondern ein Dilemma zeigt:

Man kann keine menschliche Gemeinschaft führen ohne Vertrauen. Jeder Obere, jeder Vorgesetzte muß Vertrauen haben zu denen, die ihm anvertraut sind, mit denen er arbeitet. Beschuldigungen sind nicht von vornherein immer wahr. Daher ist es legitim, daß ein Vorgesetzter zunächst einmal, wenn jemand von seinen Untergebenen beschuldigt wird, nicht sogleich das Vertrauen zu ihm über Bord wirft, sondern die Beschuldigungen erst einmal mit Zurückhaltung anhört. Nichtsdestoweniger müssen die Opfer von Übergriffen ihr Recht bekommen, sie müssen Gehör finden. Hier ist ein echtes Dilemma; und ohne vertrauenswürdige Personen von außen einzubeziehen wird es oft nicht zu lösen sein.

Was ist gegen die Übergriffe zu tun?

Mit der Instruktion Crimen sollicitationis, 1922 von Kardinal Rafael Merry del Val herausgebracht, 1962 von Kardinal Ottaviani verschärft, hat die Kirche schon viel getan gegen sexuelle Übergriffe – doch es reichte nicht. Es folgte das Motu Proprio Sacramentorum sanctitatis tutela samt dem Brief De delictis gravioribus von Kardinal Ratzinger von 2001, 2010 noch einmal verschärft – jetzt scheint es besser zu greifen.
Das bezieht sich nur auf sexuelle Übergriffe; Grausamkeiten in Kinderheimen und Internaten geschehen heute wohl viel weniger, aber die der Vergangenheit bedürfen noch der Aufarbeitung; besonders dringlich ist, daß die Betroffenen vollen Zugang zu ihren Akten und Unterlagen erhalten.

Aber offensichtlich reicht das alles noch nicht, Übergriffe und deren Vertuschung zu unterbinden.

«Es gibt hierzulande zwei Ansätze, gegen die Krise der Kirche anzugehen; der eine: Mehr Christus, die Welt ihm untergeordnet – der andere: Weniger Christus, mehr Welt», haben wir zu Anfang des Jahres geschrieben. Auf der Suche nach einer Lösung für das Problem der Übergriffe zeigen sich wieder diese beiden Ansätze.

Die im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz verfaßte MHG-Studie Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz – ihren wissenschaftlichen Wert hat Manfred Lütz trotz des reißerischen Titels in der Tagespost (Missbrauchsstudie „mangelhaft und kontraproduktiv“) sehr differenziert überprüft – nennt (S. 13) „Klerikalismus“ «eine wichtige Ursache» für sexuellen Mißbrauch. «Klerikalismus meint ein hierarchisch-autoritäres System, das auf Seiten des Priesters zu einer Haltung führen kann, nicht geweihte Personen in Interaktionen zu dominieren, weil er qua Amt und Weihe eine übergeordnete Position inne hat. Sexueller Missbrauch ist ein extremer Auswuchs dieser Dominanz.» Amt und Weihe führten demnach im Extrem dazu, daß der Priester etwas tut, was dem Wesen dieser Weihe diametral entgegensteht.
«Die Studienergebnisse machen es aber notwendig, sich damit zu beschäftigen, welche Bedeutung den spezifischen Vorstellungen der katholischen Sexualmoral zu Homosexualität im Kontext des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen zukommt. ... Anstelle solcher Haltungen ist eine offene und toleranzfördernde Atmosphäre zu schaffen» (S. 17). Toleranz ist eine gute Sache; aber Toleranz als Mittel gegen sexuelle Übergriffe?
«Die grundsätzlich ablehnende Haltung der katholischen Kirche zur Weihe homosexueller Männer ist dringend zu überdenken.» Natürlich kann gefragt werden, ob ein homosexuell empfindender Mann nicht auch berufen sein und den Zölibat strikt einhalten kann. Allerdings an anderer Stelle (S. 259) ist zu lesen: «Homosexuelle Beziehungen oder Praktiken werden im offiziellen, nach außen hin sichtbaren Handeln der Kirche aber abgelehnt. Somit besteht die Gefahr, dass entsprechende Neigungen versteckt gelebt werden (müssen).» Wie nun: kann man Männern mit solchen Neigungen vertrauen, daß sie zölibatär leben, oder «(müssen)» diese Neigungen «gelebt werden»?
«Die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit den Themen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger und der eigenen sexuellen Identitätsbildung im Rahmen der Priesterausbildung wurde erkannt und spiegelt sich in der Implementierung entsprechender Weiterbildungsmodule in den Priesterseminaren» (S. 53). Wenn solche Weiterbildungsmodule und «Fort- und Weiterbildungsangeboten für Priester oder Diakone» wirksam wären gegen sexuelle Übergriffe: wie kann es dann sein, daß es solche Übergriffe von intensivst ausgebildeten Psychotherapeuten gegen ihre Klienten gibt?

Soweit der Ansatz: Weniger Christus, mehr Welt. Den Ansatz: Mehr Christus, die Welt ihm untergeordnet bietet P. Komorowski, der neue Generalobere der Petrusbruderschaft, in einem Interview (Die Zukunft der Kirche sind gute und heiligmäßige Priester. Informationsblatt 10/2018):
«Es ist sehr bedauerlich, daß wir wieder von Missbrauch und Vertuschung in der Kirche hören. Wir beten für alle Opfer, aber auch für die Täter, damit sie sich bekehren und Buße tun. Viele Verantwortliche in der Kirche haben gravierende Fehler begangen, die Opfer nicht ausreichend geschützt oder sie nicht ernst genommen. Man hat Fälle vertuscht, um den guten Namen der Kirche zu schützen. Zuerst muß man aber an der Seite der Opfer stehen, vor allem der minderjährigen, und die Wahrheit, so bitter sie auch sein mag, offenlegen. Die Täter müssen ihre Schuld eingestehen, um Vergebung bitten und sich einer gerechten Strafe unterziehen. Sie haben nicht nur andere missbraucht, was an sich schon schrecklich ist, sondern die ganze Kirche verletzt und das Vertrauen in sie zerstört. Jetzt kann uns nur volle Transparenz und die konsequente Umsetzung des Null-Toleranz-Prinzips helfen, die Glaubwürdigkeit wiederherzustellen.
Letztlich liegen diesen Vorfällen aber geistliche Probleme zugrunde. Der moralische Verfall kommt von einem mangelhaften geistlichen Leben. Kleriker, die solche Taten begangen haben, verleugnen ihre Berufung. Nur wenn wieder Gott und die zehn Gebote in den Mittelpunkt gestellt werden, findet man aus dieser Krise heraus.
Auch die Formung zukünftiger Priester darf sich nicht nur auf die akademische Bildung beschränken. Eine gesunde Spiritualität, tiefe Frömmigkeit und ein Geist der Abtötung sind wirksame Präventionsmaßnahmen.»

Beachtenswert ist noch die Stellungnahme eines Seligen aus dem vorigen Jahrhundert.

Samstag, 8. September 2018

Franciscus P.P. I. – ein Nachtrag: Duplizität der Ereignisse

Das eine füllte gerade die Medien, und wir haben soeben darüber geschrieben; das andere ging vor wenigen Monaten durch die Medien. Hier bleibt noch die Ähnlichkeit der Ereignisse aufzuzeigen, die unsere unten ausgeführte Deutung unterstützt.
In einen Fall ist es ein Erzbischof und ehemaliger Nuntius, der Papst Franziskus 2013 persönlich über sexuelle Übergriffe eines Bischofs unterrichtete;
im anderen Fall ist es ein Opfer solcher Übergriffe, das 2015 einen Brief an den Papst schrieb und einem Erzbischof und Kardinal übergab.
In beiden Fällen erreichten die Informationen Papst Franziskus nicht:
im einen Fall wurde die von Papst Benedikt über den verantwortlichen Bischof verhängte Strafe – eine Art von kirchlicher lebenslanger Freiheitsstrafe – aufgehoben;
im anderen Fall wurde der Verantwortliche gegen den Protest von Klerus und Volk als Diözesanbischof eingesetzt.
Beide wurden schließlich 2018, als nichts anderes mehr ging, in die Wüste geschickt.

Freitag, 7. September 2018

Franciscus P.P. I. – ein kirchengeschichtlich einmaliges Experiment

Am 26. August hat Mons. Carlo Maria Viganò ein Dokument veröffentlicht, demzufolge er schon 2013 Papst Franziskus mitgeteilt hat, daß sich Kardinal McCarrick sexuelle Übergriffe zuschulden kommen läßt. Damals geschah daraufhin seitens des Papstes nichts. Nun hat Mons. Viganò ihn zum Rücktritt aufgefordert.
Der Papst reagierte darauf nur eher am Rande. Doch es erhoben sich Stimmen, die Mons. Viganòs Zeugnis als unglaubwürdig darzustellen suchten. In Deutschland war es zunächst die Süddeutsche Zeitung, die sich daran machte. Ihre Argumentation ist bemerkenswert: sie wirft Mons. Viganò vor, es fehlten bei ihm «dokumentierte Beweise» – aber eine Zeugenaussage hat auch ihre Gültigkeit, wenn sie keine anderweitigen Beweise anführt. Doch Mons. Viganò nennt auch viele andere befragbare Zeugen, angefangen mit Papst Benedikt XVI. Die Süddeutsche nennt Gründe, weshalb Mons. Viganò Franziskus I. mißgünstig gesonnen sein könnte – doch Grund zur Mißgunst widerlegt eine Aussage nicht. Und sie führt ausgerechnet Andrea Tornielli als Beleg an, den Vatikanisten, der nicht dafür bekannt ist, daß er seine Position als «Vatican Insider» durch kritische Haltung gefährden wolle – angesehenere Vatikanisten wie Sandro Magister und Marco Tosatti zeigen keine solchen Zweifel gegenüber Mons. Viganòs Dokument.

Aber dennoch dürfte es wahr sein, daß Papst Franziskus von diesen Übergriffen nichts wußte.
Den Schlüssel bietet, was wir vor einigen Jahren schon auf unserer Seite über Franziskus I. und die Franziskaner der Immaculata geschrieben haben über den Papst, der nichts erfährt: der Papst hat eine kleine Zahl von Vertrauten; was er von anderen hört, hat für ihn keine Bedeutung – und Mons. Viganò gehört nicht zu diesen Vertrauten, wohl aber – bis vor kurzem – Kardinal McCarrick.
Franziskus I. ist Jesuit. Dieser Orden heißt von Anfang an «Compañía de Jesús» (die lateinische Bezeichnung «Societas Jesu» ist jünger), er ist nach militärischem Vorbild verfaßt. Während der heilige Benedikt einerseits strikten Gehorsam dem Abt gegenüber verlangt, andererseits aber vom Abt fordert, in allen Angelegenheiten den Rat der Brüder einzuholen und zu berücksichtigen, in wichtigen den des ganzen Konvents (Regula cap. 3), sieht der heilige Ignatius die «Vorhersehung mittels des Oberen» wirken, er fordert ihm gegenüber ausdrücklich «blinden Gehorsam», «perinde ac cadaver» (Constit. S.J., VI. pars, cap. I. / § 547).
So hat jeder Obere in dieser Kompanie absolute Befehlsgewalt gegenüber seinen Untergebenen; wie er sich beraten läßt, liegt an ihm. Andererseits aber hat er seinen eigenen Oberen ebenso absolut zu gehorchen. Der letztendliche Obere, dem auch der Ordensgeneral zu gehorchen hat, ist der Papst. Nun aber ist mit Franziskus I. zum ersten Mal ein Jesuit Papst geworden, zum ersten Mal hat ein Jesuit keinen irdischen Oberen mehr über sich. So wählt er allein nach seinem Ermessen aus, wem er vertraut; und Mons. Viganò hat nicht sein Ohr.

Montag, 27. Dezember 2010

Was ist Gotthold Hasenhüttl?

– ein Idealist auf Abwegen oder ein Mann des blinden Hasses?
Lieber möchte ich eigentlich das erste annehmen; doch in einem Artikel von Reportern, die ihn besucht haben, finde ich nun die Aussage: «Jetzt, 2010, macht Hasenhüttl Ratzinger direkt verantwortlich für das systematische Vertuschen des Missbrauchsskandals der Kirche. Als Präfekt der Glaubenskongregation habe jener im Mai 2001 in einem Schreiben an alle Bischöfe untersagt, Missbrauchsfälle öffentlich zu machen – unter Androhung kirchenrechtlicher Strafen.»
Wieder jenes Dokument, das von Küng, Kong und Hasenhüttl benutzt wird, dem Papst üble Nachrede anzuhängen, und das eine ganz andere Tendenz hat als die, die diese Herren ihm nachsagen – was zumindest die Leser dieses Blogs schon seit längerem wissen.

Mittwoch, 18. August 2010

Der Pastor

Sonntagsmesse in der kleinen Großstadtkirche. Der Pastor ist ein frommer, volksmissionarisch hochengagierter Priester. Schon vor Beginn der Messe kommt er herein, sieht nach dem Rechten, holt die Kinder nach vorne, führt ein in das, was kommt. Während der Messe achtet er darauf, das Volk mitzunehmen, spricht es immer wieder zur gegebenen Zeit an, gibt die Antworten – nach den Lesungen etwa – besonders laut, damit alle mitgerissen werden. Und immer ist er betont locker.
Mit anderen Worten: kaum sind die Kinder in der Kirche, sehen sie sich schon von ihm herumkommandiert; das Volk bekommt ständig gesagt, wo es lang geht. «Sò!» hört man ihn sagen, wenn ein notwendiger liturgischer Teil überstanden ist und er sich wieder direkt an die Leute wenden kann. Mal muß er hier, mal dort sein – dazu, auf dem Weg den Altar zu beachten (das Tabernakel steht sowieso auf der anderen Seite), ist da keine Zeit mehr.
So sieht jeder, auf wen es hier ankommt. Wer aber Raum zur Andacht, zum Gebet sucht, hat es nicht leicht. Und wer sich in der Kirche nicht gern dirigieren läßt oder wer den Herrn Pastor nicht so sehr interessant findet, bleibt weg.
Etliche kommen aus der weiteren Umgebung, die der Pastor mit seinem missionarischen Einsatz gewonnen hat. Aber derer, die wegbleiben, aus dem eigenen Pfarrbezirk, sind mehr.

So lautete ein längst gelöschter Beitrag in der Chronik. Fast anderthalb Jahrzehnte lang habe ich in seiner Pfarrei gelebt, bin in dieser Zeit gern auch anderswohin, oft aber in seine Kirche zur Sonntagsmesse gegangen. Messen bei ihm an nichtstaatlichen Festtagen allerdings habe ich gemieden, seit ich einmal hatte erleben müssen, daß wir auch zur Wandlung sitzenbleiben sollten – das sei irgendwie urchristlich.
Man konnte nett mit ihm reden; doch greifen ließ er sich nicht. Einmal fiel ein Feiertag auf einen Samstag. Meine Planung, wann ich wo an welcher Messe teilnehmen konnte, war etwas schwierig; ich fragte ihn, ob die Messe am Samstagabend eine Messe zum Fest oder eine Vorabendmesse zum Sonntag sei. Es war nicht zu erfahren; ich verstand nur, daß es pastoral sei, daß die Messe so irgendwie beides sei.
Noch kein Jahr war ich von dort weggezogen, als er abgesetzt wurde: einige Opfer hatten sich gemeldet, die als Kinder von ihm als Kaplan mißbraucht worden waren; er gestand sofort. Als ich auf Besuch wieder in meine frühere Pfarrei kam, war man dort recht niedergeschmettert. Nur ein älterer Herr mißbilligte die Absetzung: die Übergriffe seien doch schon 25 Jahre her. Was soll es noch – ich habe seinen Satz nicht richtiggestellt: 25 Jahre lang haben die Opfer gewartet, bis es ihnen gelungen ist, die Übergriffe offenzulegen.
Im Nachhinein wurde auch von Beschwerden gesprochen, daß er bei Beichtgesprächen mit Schülern zu sehr im Sexuellen kramte, von der Verwunderung, daß er Wert darauf legte, Kinder nackt zu taufen, auch wenn sie nicht mehr ganz klein waren.
Doch Verdacht geschöpft hatte niemand. Wie sollte es auch anders sein – einem Priester (und nicht nur einem Priester) bringe ich, und nicht nur ich, ein Grundvertrauen entgegen. Und bei vielen, gerade auch bei Kindern, war er sehr beliebt gewesen.

Dienstag, 1. Juni 2010

Hatte Clemens XIV. doch recht?

In der tageszeitung wird wenig wohlwollend der Provinzial der Deutschen Provinz der Jesuiten zitiert.
Über die Opfer des Mißbrauchs sagt er: «Ausdrücklich wende ich mich an dieser Stelle an alle, die sich als „Opfer“, „Überlebende“ oder einfach „Betroffene“ des Missbrauchs in den Einrichtungen unseres Ordens erfahren. Im Namen des Ordens anerkenne ich mit Scham die Schuld und das Versagen des Ordens und bitte ich sie noch einmal um Entschuldigung.»
Über die Täter sagt er: «Sie gehören zu uns, und wir werden sie nicht aus unserer Gemeinschaft verstoßen. Der Schutz ihres Persönlichkeitsrechts muss gewährleistet werden, bei Bedarf auch mit Hilfe von Anwälten.»
Die tageszeitung findet, daß das, was der Provinzial über die Opfer sagt, weniger herzlich klingt als das, was er über die Täter sagt.
Leider hat die tageszeitung recht.
Was die finanzielle Entschädigung angeht, findet er es «wichtiger, Gelder in die Prävention zu stecken». Das freilich geht an den bisherigen Opfern vorbei – abgesehen davon glaube ich nicht, daß die geeignete Prävention durch finanziellen Aufwand zu bewerkstelligen ist; intensiveres geistliches Leben schiene mir sinnvoller. Aber vielleicht wird das Geld ja auch schon für die «Hilfe von Anwälten» gebraucht.
Achtenswert war allerdings, wie P Mertes sich um Aufdeckung bemühte. Andererseits jedoch hat er die Gelegenheit genutzt, seine frisch gewonnene Popularität zu Propaganda zu nutzen für seine sehr persönlichen Vorstellungen.

Auch Ordinariate haben sich in der gegenwärtigen Affairenserie nicht immer überzeugend verhalten, etwa in der Art, wie sie verständliche Wünsche der Opfer abbügeln. Aber die SJ ...
Nein, Clemens XIV. hatte nicht recht; die damaligen Jesuiten waren unschuldig; und auch heute noch mangelt es nicht an hochachtenswerten Priester dieser Gesellschaft. Aber meine Sympathie für die SJ hat gelitten.

Freitag, 30. April 2010

Warum ich Papst Benedikt vertraue

Ein Treffen guter Katholiken in einer Vorstadtkirche. Die Messe zum Fest der heiligen Katharina von Siena wird gefeiert, sehr Novo ordine, aber der Prediger steht treu zu Kirche und Papst.
Danach, im Gespräch mit einem Mann aus der kleinen Schar: aber als der Papst noch Erzbischof von München war, da habe es doch einen Fall gegeben, wo ...
Nun, was für ein Mißbrauchsfall das wirklich gewesen wäre, wird nicht ganz klar; aber ich sehe, daß die Verdächtigungen schon bis hinein in fromme Kreise geschwappt sind.
Was ich bisher mitbekommen habe, sind zwei entstellende Zitate von Dokumenten der Glaubenskongregation, von der New York Times in die Welt gesetzt, von der deutschen Presse bereitwillig übernommen, ein nicht minder entstellender Hinweis von Hans Küng auf ein weiteres Dokument, und dann noch eine Geschichte aus München aus der Zeit, als Kardinal Ratzinger dort Erzbischof war: nicht, daß es klar sei, daß der Erzbischof davon gewußt hätte, aber es könnte sein. Und nicht, daß da etwas passiert wäre, aber es hätte etwas passieren können.
Nun, wenn man offensichtlich mit aller Macht sucht und nichts Aussagekräftiges findet, dann zeigt das, daß es nichts gibt, was gegen Papst Benedikt spräche. Sicher ist damit zu rechnen, daß man noch mehr an den Haaren herbeizerren wird; und darum werde ich bei jeder neuen Beschuldigung äußerst skeptisch sein.
Und ich bemerke, daß diese Energie, mit der man abträgliche Belege sucht, gegen einen Mann gerichtet ist, der in den letzten zehn Jahren, in schroffem Gegensatz zu allen Beschuldigungen, aufgefallen ist durch seien Einsatz zur Bekämpfung sexuellen Mißbrauchs. Das Motiv, gerade gegen ihn Beschuldigungen zu fabrizieren, kann nur Haß gegen die Kirche, kann nur odium nominis Christiani sein.
Ich habe großes Vertrauen zu Papst Benedikt als Person, so wie ich es schon zu Kardinal Ratzinger hatte; die gegenwärtigen Ereignisse zeigen mir, daß ich nicht nur vertrauen kann, sondern auch in der Pflicht bin, mein Vertrauen offen auszusprechen.

Beati estis cum maledixerint vobis et persecuti vos fuerint et dixerint omne malum adversum vos mentientes propter me; gaudete et exultate, quoniam merces vestra copiosa est in caelis: sic enim persecuti sunt prophetas qui fuerunt ante vos. (Matth. 5, 11-12)

Montag, 26. April 2010

Die Pädophilophilie der «68er»

wird dankenswerterweise in einigen ausführlichen Artikeln der tageszeitung dargestellt, die auch die eigene Beteiligung daran nicht verleugnet: „Es gab ein heroisiertes Bild des Kindes“Kuscheln mit den IndianernDie Illusion von Freiwilligkeit.
Freilich wird bestritten, daß «das damals geschaffene libertäre gesellschaftliche Klima» «den Boden bereitet» habe «für das, was heute ans Licht kommt: jahrelanger massenhafter sexueller Missbrauch von Kindern in Schulen, Heimen und kirchlichen Einrichtungen» – es ist aber doch wenig glaubhaft, daß solch öffentliche Verherrlichung der «sexuellen Befreiung» ohne Wirkung auf die Menschen geblieben wäre, die sich mit ihren eigenen pädophilen Neigungen auseinanderzusetzen hatten und dann gescheitert sind.
Interessant auch, daß die Pädophilen als Teil der «Homosexuellenbewegung» akzeptiert worden seien, während sie von den «Feministinnen» strikt abgelehnt wurden.

Letztlich kann es nicht Wunder nehmen, wenn angesichts der damaligen Faszination durch die «sexuelle Befreiung» auch Pädophilie akzeptabel erschien – solange man nicht selbst Kinder hatte oder aber die religiösen Gebote akzeptiert, ungeachtet jeden Zeitgeistes.

Montag, 19. April 2010

Im Sturm

Am Montag vor einer Woche fand ich in der Zeitung einen Artikel mit einem neuen schweren Vorwurf gegen Kardinal Ratzinger. Ich suchte nach Aufklärung; doch so ganz zügig zu finden war sie nicht. Beim Portal zur katholischen Geisteswelt fand ich schließlich den entscheidenden Verweis auf kathweb (wo ich erfuhr, daß es wieder eine von der New York Times produzierte Ente war) – Pater Recktenwald sei Dank.
Ansonsten aber nimmt alles seinen gewohnten Gang. Am Sonntag in der Kirche keine besondere Fürbitte für den Papst, geschweige denn ein Hinweis, wo man sich realistisch informieren kann (viele Katholiken lassen sich heute nur von Tagespresse, Funk und Fernsehen informieren und laufen so Gefahr, den Verleumdungen zu glauben, die allerorten verbreitet werden). Das Schiff droht unterzugehen, und die Besatzung kümmert es nicht.
Nein! Die Kirche ist kein Schiff, das untergehen könnte: portae inferi non praevalebunt adversum eam! Auch dem Papst selbst schadet es nicht: beati estis cum maledixerint vobis et persecuti vos fuerint et dixerint omne malum adversum vos mentientes propter me; gaudete et exultate, quoniam merces vestra copiosa est in caelis. Sic enim persecuti sunt prophetas, qui fuerunt ante vos.
Aber daß das Ansehen dieses Papstes in der deutschen Öffentlichkeit zerstört zu werden droht, daß die Chance verloren zu gehen droht, die sein Wirken für die Erneuerung der Kirche bietet, ist ein Unglück für uns.
Mich jedenfalls kümmert es.

Montag, 12. April 2010

Im Taxi zur Kirche

Sonntagmorgen. Trübes Wetter. Ich bin müde. In der Propstei ist die Vorstellung der Erstkommunikanten angekündigt. Also bleibe ich noch eine halbe Stunde liegen und gehe in die nahe Pfarrkirche in meinem Gründerzeitviertel.
Meßdiener, der Diakon, und dann – nein, kein Priester. Der Pfarrer sei «mit der Gemeinde» irgendwo, sagt er Diakon, darum nun ein Wortgottesdienst.
Ich überlege: bleiben und es damit genug sein lassen? Das ist mir doch zu wenig. Bleiben und heute abend in die Propstei? Keine Lust! Noch herüberlaufen zur Propstei? Dann komme ich viel zu spät. Aber bald weiß ich, auf welchen Kompromiß ich mich einlassen will: ich laufe, renne zum Bahnhof, falle auch nicht die kleine Treppe hinunter, die erst im letzten Augenblick zu sehen ist, werfe mich in ein Taxi: «Zur Propsteikirche bitte». So etwas kennt der Taxifahrer nicht. Ich erkläre ihm den Weg, soweit ich passionierter Fußgänger es kann, und vereint schaffen wir es.
Aber: so etwas kennt der Taxifahrer nicht, und überhaupt, die Mißbrauchsfälle, und der Papst, damals noch in München. Und so habe ich einige Minuten Zeit, es ihm zu erklären: Mißbrauch gibt es überall, in den Familien, in Sportvereinen, in säkularen Schulen, und auch in der Kirche – in der Kirche aber am wenigsten. Und der Papst: damals ist in München doch offensichtlich nichts Übles geschehen, was man Kardinal Ratzinger vorwerfen könnte; und in den Jahren, bevor das Thema Mißbrauch öffentlich hochkochte, war es Kardinal Ratzinger, der sich ganz besonders für die Aufklärung der Mißbrauchsfälle einsetzte und sich bemühte, die rechtlichen Voraussetzungen dafür zu verbessern.
Erstaunlich: ich höre dann, der kirchenferne Taxifahrer habe so etwas von der Kirche nicht gedacht. Ich muß ihm auch das sagen: jeder Christ, der seine Kirche langjährig kennt, weiß, das es in ihren Einrichtungen beides gibt, bewundernswert gute Menschen und wahre Drachen. Letzteres ist traurig, kann mich aber nicht mehr erschüttern. Warum das so ist, das zu erklären führt zu weit für solch eine Taxifahrt. Aber mir scheint, sie hat sich auch so schon gelohnt.
Und als ich endlich in die Propstei komme, geht die Vorstellung der Erstkommunikanten gerade zu Ende; und ich kann noch am wesentlichsten Teil der Messe teilnehmen. Und auch die Mutter-Theresa-Schwestern aus der heimischen Pfarrei sehe ich hier.
Nur die Texte der Katechumenenmesse muß ich mir noch zu Hause privat zu Gemüte führen.

Freitag, 26. März 2010

Der Urlaub ist zu Ende – die Hatz leider nicht

Kaum zurück, kaum wieder eingetaucht in die Welt der deutschen Nachrichten, erfahre ich, das die Hatz Früchte zu tragen droht: dem Papst, der so offen und entschieden gegen Mißbrauch und Mißhandlung wendet, wird die Schuld daran unterschoben, nicht nur von üblen Meinungsmachern, sondern nun auch von der «öffentlichen Meinung» (dem «Klappern der Bretter, die die Leute vor den Köpfen haben», wie sie so schön definiert worden ist).
Und so folge ich schleunigst dem Wunsch von Soutien à Benoît XVI und werbe mit dem Comité de soutien für Unterschriften.

Aber bald sollen auch einige kleine Reiseerzählungen folgen.

Sonntag, 21. März 2010

Mißbrauch des Mißbrauchs beim WDR

An die Intendantin des WDR
Frau Monika Piel

Betr.: Diesseits von Eden - Mißbrauch des Mißbrauchs durch den WDR

Sehr geehrte Frau Piel,

soeben habe ich zum ersten Mal am Sonntagmorgen das Radio ausgeschaltet, weil ich es nicht mehr aushalte. Herr Dierkes wollte mir einreden, daß die katholische Kirche in Deutschland durch die Mißbrauchsfälle in der schwersten Krise seit der Reformation steckt, und "belegt" dies mit Beiträgen aus einem Internetforum. Jeder weiß, wie "objektiv" solche Stimmen zusammenkommen. Es wäre ein Leichtes, Herrn Dierkes in wenigen Minuten eine lange Reihe gegenteilig lautender Äußerungen zusammenzustellen.

Die leicht zu durchschauende Absicht, das Thema "Mißbrauch" immer und immer wieder hochzukochen, um der Kirche zu schaden, widert mich an. In den Medien - auch durch den WDR - wird seit Wochen in dieser Sache kein Journalismus betrieben, sondern Stimmungsmache. Es werden "Erwartungen" an den Papst geäußert und dann die Enttäuschung darüber, daß er die Erwartung nicht erfüllt hat.

Ich bitte dringend um seriösen Umgang mit der Kirche und um die Versetzung von Herrn Dierkes in die Sportredaktion.

Dienstag, 9. Februar 2010

Nachträge zum Mißbrauchsskandal

Ein ehemaliger Schüler eines Täters berichtet der taz: «„Meine Freunde und ich waren immer sehr fasziniert von diesem Mann, weil er im Vergleich zu den meisten anderen Jesuiten sehr fortschrittlich dachte.“»

Ein anderer Schüler auf die Frage «Warum haben die Schüler nichts unternommen?»:
«„Wir waren links und hatten ganz andere Interessen, als irgendwelchen Gerüchten nachzugehen.“»

Freitag, 5. Februar 2010

Sehr geehrter Herr Otto Kallscheuer,

in der tageszeitung habe ich ein Interview mit Ihnen gelesen über die Fälle sexuellen Mißbrauchs am Canisius-Kolleg und an anderen Jesuitenschulen. Sie setzen für die Aufklärung dieser Verbrechen einige Hoffnung aufden Rektor des Canisius-Kollegs, P. Mertes – ob zu recht, kann ich nicht beurteilen – und auf die deutschen Ordensprovinz.
Auffällig ist, daß Sie diese Gelegenheit nutzen, ausgerechnet Papst Benedikt abzubügeln, der energischer als seine Vorgänger sich bemüht, allem sexuellen Mißbrauch in katholischen Einrichtungen Einhalt zu gebieten; Sie sprechen von «Papst Benedikts verdammt unglücklicher Rehabilitierung des Holocaust-Leugners Williamson». Sie seien Katholik, Philosoph und Politikwissenschaftler, lese ich. Als einigermaßen informierter Katholik werden Sie wissen, daß Sie da eine Unwahrheit weitergeben. Bischof Williamson ist nicht rehabilitiert worden, sondern begnadigt; auch betraf diese Begnadigung nicht ihn als Einzelperson und schon gar nicht als «Holocaust-Leugner», sondern die Bischöfe der Piusbruderschaft insgesamt, sie betraf ihr Vergehen gegen die Kirchendisziplin.
Die gegenwärtig inkriminierten Mißbrauchsfälle sind ab 1971 geschehen, seitdem die paulisextanischen Reformen zu greifen begonnen haben, seitdem der Jesuitenorden «eher individualistisch, modernistisch, um nicht zu sagen liberal» geworden ist, seit der Entwicklung also, der die Piusbruderschaft sich widersetzt hat.
Ich will die Verhältnisse in Ordensschulen und -heimen in der Zeit zuvor keineswegs beschönigen. Wie jeder Katholik mit langjähriger Kirchenerfahrung weiß ich, daß es dort verschiedenartigste Charaktere gab, Ordensfrauen und -männer von großer Güte und Freundlichkeit ebenso wie wahre Drachen – und mir scheint, daß sich dort gerade die Extreme. häuften. So war Lieblosigkeit bis hin zu Brutalität leider nicht selten – ich habe da von üblen Dingen gehört, und einige solche Fälle sind ja in den letzten Jahren endlich ans Licht gekommen.
Dennoch erscheint es mir nicht als zufällig, daß gerade solche Fälle sexuellen Mißbrauchs vom liberal gewordenen Jesuitenorden berichtet werden und eben nicht von der Piusbruderschaft.
Hier nun aber den gar nicht involvierten Papst Benedikt in schlechteres Licht zu rücken als etwa die deutsche Ordensprovinz der Jesuiten, erscheint abwegig.
Darum bitte ich Sie höflichst, daß Sie Ihre Äußerungen über den Papst zurücknehmen.

Mit freundlichen Grüßen
Peregrinus