Mittwoch, 21. September 2022

Marsch für das Leben

I. Der Marsch
Es ist mühsam, hin zu gelangen: überall Absperrungen, um die Teilnehmer des Marsches vor den Gegendemonstranten zu schützen, die mit viel Lärm und Getöse den Platz umgeben. Aber als ich es dorthin geschafft habe, umgibt mich eine (trotz des Lärms von außen) ruhige, friedliche und entspannte Atmosphäre.
Einmal durchkreuzen zwei oder drei Gegendemonstranten lärmend den Versammlungsplatz, begleitet von Polizisten; etwas später das gleiche ohne Polizisten. Doch die Teilnehmer des Marsches lassen sich dadurch nicht stören; die friedliche Atmosphäre ist davon nicht zu beeinträchtigen. Später wird der Marsch selbst gelegentlich unterbrochen, doch auch davon lassen sich die Teilnehmer nicht aus der Ruhe bringen. Wo ihnen Lärm entgegenschlägt, antworten sie, indem sie ein Kirchenlied singen.
Es ist ein Marsch für das Leben, für das Leben von ungeborenen, für das Leben von kranken und hinfälligen Menschen, aber auch ein Marsch, den eine Atmosphäre von Leben und Freundlichkeit umgibt.
II. Die Berichterstattung
Am Abend zeigt mir ein Freund, was ein öffentlich-rechtlicher Rundfunksender, der RBB, über den Marsch berichtet. Ausführlich kommt die Seite der Gegendemonstranten zu Wort. Unter den Teilnehmern des Marsches aber bekommt eine Frau das Wort, die zwar für die Veranstaltung keine Rolle gespielt hat, die die wenigsten Teilnehmer des Marsches bemerkt haben, die sich aber einen schlechten Ruf erarbeitet hat, wie er von der Tendenz des Senders gewünscht wurde, eine Frau, die sich gar einer Organisation angeschlossen hatte, die gegen einen starken Sozialstaat steht, einen Sozialstaat, wie der Lebensschutz ihn erfordert.
«Wenn auf einer Demonstration unter viertausend Menschen einige sind, mit deren politischer Meinung ich nicht übereinstimme, oder gar einige, die ich von Herzen unsympathisch finde, kann ich beschließen, wegen dieser Leute wegzubleiben. Das wäre allerdings etwas überempfindlich. Ich werde nie viertausend Menschen finden, unter denen kein einziger ist, den ich nicht zum Nachbarn haben möchte», schreibt Claudia Sperlich. Als ich vor vier, vor fünf Jahren an Märschen gegen CETA teilgenommen habe, marschierten neben mir Menschen mit Plakaten der MLPD, einer Partei, die den Massenmörder Lenin im Namen trägt und unter deren Anhängern von Stalin geschwärmt wird – ich konnte mir damals nicht aussuchen, wer sonst dabei ist, und das Anliegen war und ist wichtig. Auch hier konnte ich es mir nicht aussuchen, hier aber habe ich diese Dame & Co. nicht einmal bemerkt.
III. Am nächsten Morgen
Zur Sonntagsmesse in Berlin: ich gehe nach St. Afra. Die Kirche ist gerammelt voll; und die meisten Teilnehmer des Gottesdienstes sind weniger als halb so alt wie ich. Es wird eine Choralmesse gesungen, die dem Sonntag entspricht (nicht eine der leichtgängigen Schlichtmessen), dazu das Credo in einem weniger üblichen Ton. Und so gut wie alle singen mit sicherer Stimme mit.

Dienstag, 13. September 2022

Das Ideal des „Synodalen Wegs“: die Kirche als Wundertüte

Ein „Moraltheologe“ Sautermeister erhält von katholisch.de ausführlich das Wort für seine „Kritik an Bischöfen“ unter dem Titel: „Kirche hat immer ihre Lehre geändert“. Diesem Thema ist dieses Positum gewidmet; dabei sei einmal die Frage all der Lehren, um die es ihm geht, beiseite gelassen.
«Und Weiterentwicklung und Vertiefung der theologisch-ethischen Grundeinsichten sind ein wichtiger Bestandteil der Treue zum Evangelium», sagt er; das ist richtig. Wie aber solche «Weiterentwicklung und Vertiefung» auszusehen hat, hat der heilige Vinzenz von Lérins in seinem Commonitorium ausführlich erläutert: «Allein es muß in Wahrheit ein Fortschritt im Glauben sein, keine Veränderung. Zum Fortschritt gehört nämlich, daß etwas in sich selbst zunehme, zur Veränderung aber, daß etwas aus dem einen sich in ein anderes verwandle.» (Cap. XXIII / 28)
Das ist aber nicht die Sicht des „Moraltheologen“; er meint: „Entscheidend sei das «Ernstnehmen der humanwissenschaftlichen Erkenntnisse»“ – das aber heißt, daß die Kirche die «Weiterentwicklung und Vertiefung» eben nicht aus eigenem nähme, sondern von außen, daß es Veränderung wäre, kein Fortschritt.
Nun hat die Kirche die Wissenschaft sehr zu achten; aber ein Lehramt der Humanwissenschaften – wer hätte das inne? die Meinungen sind in diesen Wissenschaften nicht minder weit gefächert als in der Kirche und alles andere als zeitlos feststehend – gibt es nicht, und Humanwissenschaften sind etwas anderes als Morallehre. Für ihre Lehre ist die Kirche allein verantwortlich.
Weiter sagt der „Moraltheologe“: «Es ließen sich noch weitere Beispiele anführen, die zeigen: Tradition ist geschichtlich und es gibt Lern- und Einsichtsprozesse auch in der kirchlichen Morallehre.» «Tradition ist geschichtlich» – das meint offensichtlich, die Offenbarung (die durch die Tradition vermittelt wird) habe keine zeitlose Gültigkeit; und die Kirche – «Lern- und Einsichtsprozesse» – müsse einmal etwas anders lernen und einsehen – und dann wohl auch lehren.
Diese Kirche wäre eine Wundertüte: der Christ glaubt an sie und muß sich überraschen lassen, was er morgen wird zu glauben haben.
Galilei darf natürlich nicht fehlen: «Ansonsten hätten wir einen neuen Fall Galilei im 21. Jahrhundert» – dankenswerterweise hat vor einiger Zeit katholisch.de selbst klargestellt, daß im Falle Galilei die Kirche keine wissenschaftliche Erkenntnis verboten hat.
Gerade habe ich die Vesper von Kreuzerhöhung mit Le Barroux mitgesungen. Die Kirche, die diese Texte im Gewand der Gregorianik betet, ist die, an die ich glaube; an eine Wundertüte wollte ich nicht glauben.

Krieg im Windschatten des Krieges

Scheinbar gute Nachrichten aus der Ukraine (was wird, bleibt völlig ungewiß) – und zugleich wird das, was zu befürchten war, Wirklichkeit, nicht zum ersten Mal, nun aber verschärft: im Windschatten des Ukrainekrieges greift Aserbaidschan Armenien an, nun nicht Karabach, sondern das armenische Staatsgebiet selbst.
Und während USA, EU und OSZE nur ein Ende der Kampfhandlungen fordern, während die Türkei, ein NATO-Land, Aserbaidschan dezent unterstützt, ist es nur Rußland, das sich ernsthaft daran macht, wenigstens eine Feuerpause zu vermitteln.
Die Indolenz der westlichen Länder führt dazu, daß als einziger Friedensbringer in diesem Krieg der Angreifer im anderen erscheint.

Samstag, 10. September 2022

Zum Stufengebet

Nach langer Unterbrechung nun wieder: Liturgisches von einem evangelischen Theologen – diesmal eigentlich nur zu einem einzelnen Gebet aus dem Stufengebet (das durch die Liturgiereform Pauls VI. abgeschafft wurde), aber mit einer Aussage, die darüber hinausgeht.

Samstag, 3. September 2022

Kommunionausteilung

Am vorletzten Sonntag: Im Hochamt – durchaus nicht wenig Kommunikanten – teilt der Priester allein die Kommunion aus.
Danke!
Am letzten Sonntag: Im Hochamt, diesmal in einer anderen Kirche unseres Großstädtchens, in unserem Viertel, legt der Priester die Hände in den Schoß und läßt zwei Laien die Kommunion austeilen.
Es ist ja ganz gut, sich manchmal mit der geistlichen Kommunion zu begnügen.
Und nun heißt es abwarten, was ich morgen erleben werde.

Montag, 8. August 2022

Hirtenbrief der europäischen Bischöfe der Russisch-orthodoxen Auslandskirche

Auf diesen Hirtenbrief, der zur Solidarität mit den Menschen aus der Ukraine auffordert, hat kürzlich dankenswerterweise Barbara Wenz hingewiesen. Hier nun die Auszüge daraus, etwas erweitert, in deutscher Übersetzung:
«Während das Blutvergießen des Krieges den Boden in den Ländern unserer Väter befleckt, sind wir von den Qualen unserer Brüder und Schwestern betroffen, deren Leiden unser Leiden sein muß und deren Hilfe und Erlösung unser tiefersehnter Wunsch sein muss. Wir drücken unsere tiefe Dankbarkeit für die Reaktion unserer Geistlichen und Gläubigen auf unsere Aufrufe aus, Flüchtlingen aus der Ukraine zu helfen und auf viele andere Arten Hilfe und Unterstützung zu bieten. Doch sehen wir weiterhin die schrecklichen Kosten des Krieges; wir spüren den traurigen Wandel der Kulturen, da Haß alltäglich wird und Mißtrauen und Angst Liebe und Mitgefühl ersetzen; wir sehen Regierungen, die eher politische Interessen verfolgen als den Frieden und das Wohl ihrer Völker; und wir beobachten, daß überall um uns herum moralischer und ethischer Verfall zunehmen...
Die Kirche ist unser unerschütterliches Bollwerk in dieser Welt: Ihre Wahrheit ändert sich nie, ihr Herz schwindet nie, und ihr Leben ändert sich nie dazu, sich den Launen der Welt anzugleichen. Die mehr als fünfzehn europäischen Nationen, aus denen unsere Diözesen bestehen, haben in ihrer Geschichte viele Konflikte erlebt, aber die Einheit der Kirche ist größer als jeder Konflikt und darf in Zeiten der Prüfung niemals aufgegeben werden.»

Donnerstag, 4. August 2022

Papst Franziskus I. und der „Traditionalismus“

Papst Franziskus I. hat sich, wieder einmal, über den Traditionalismus in der katholischen Kirche geäußert, wieder völlig verständnisfrei. Das wenig katholische katholisch.de zitiert ihn: «Tradition ist das Leben derer, die vor uns gegangen sind – und das geht weiter. Traditionalismus ist ihr totes Gedächtnis».
Die Wirklichkeit: Wenn das Traditionalismus ist, dann sind die, die solchem Traditionalismus anhangen, jene, die sich aufs II. Vaticanum berufen und dabei einen Novus Ordo hochpreisen, der nichts mit den Vorgaben dieses Konzils zu tun hat, die aber in aller Regel nur noch tote Relikte dieses Ordo benutzen und ihn in der Wirklichkeit durch eine Verbindung von Klerikalismus und Langeweile – «Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag» – ersetzen.

Er rügt, aus «Gestern wurde es so gemacht» würde «Das wurde schon immer so gemacht», das mit Blick auf jene Messe, die durchaus „Messe aller Zeiten“ genannt zu werden verdient.
Die Wirklichkeit: «Gestern wurde es so gemacht, also machen wir es auch heute und immer so» ist das Prinzip der von ihm favorisierten Liturgie – so soll es ihm zufolge fortan immer gemacht werden: «[Wir können] mit sicherer Gewissheit und lehramtlicher Autorität bekräftigen, daß die Liturgiereform unumkehrbar ist» (Ansprache an die Teilnehmer der 68. Nationalen Liturgischen Woche, Rom, 24. August 2017).

Ein katholischer Priester predigt im evangelisch-lutherischen Dom

Die heutige katholische Kirche in Meißen ist etwas abgelegen, darum ziehe ich es vor, abends an der Messe daheim teilzunehmen und am Vormittag in den heute evangelisch-lutherischen Dom zu gehen.
„Sommerpredigten“ sind angesagt. Das heißt: heute tritt der Dompfarrer und Superintendent zusammen mit einem katholischen Priester, einem emeritierten Pfarrer der Stadt, heran.
Der Priester, in Albe und Stola, hat die Aufgabe, über das Abendmahl zu predigen.
Eine delikate Aufgabe. Er bewältigt sie, indem er erklärt, das Sakrament – Abendmahl und Eucharistie – habe drei Aspekte. Und dann führt er diese Aspekte aus, drei nachrangige Aspekte des eucharistischen Sakraments.
So hat er sich gut aus der Affaire gezogen. Nur: schade, daß so die Protestanten nichts vom wirklichen Wesen der Eucharistie zu hören bekommen.

Konzert oder Gottesdienst?

Eine „Geistliche Abendmusik“ im heute evangelisch-lutherischen Dom zu Meißen gibt Rätsel auf – wir fragen uns, was die Antwort sein mag.

Samstag, 23. Juli 2022

Muß Martin Luther King zensiert werden?

Nein, es ist kein Opfer, im normalen Gespräch auf das „N-Wort“ zu verzichten. Aber für das gemeinte Wort die monströse Umschreibung „N-Wort“ benutzen zu sollen, ist deutlich schlimmer.
Nun hat es sogar Martin Luther King getroffen, dessen berühmteste Rede in korrekter Übersetzung, mit diesem Wort, zu lesen in einer deutschen Schule auf politisch korrekte Zensur stieß – von Seiten einiger Schüler, denen sich dann von außerhalb einflußreiche Leute anschlossen. Und getroffen hat es den Schulleiter, der zu seiner Lehrerin stand, die sich der Zensur nicht unterworfen hat, gegen den deshalb nun gar Dienstaufsichtsbeschwerde eingelegt wurde.
Anlaß, dem Thema des Rassismus, dessen dieses Wort beschuldigt wird, einige Zeilen zu widmen.

Dienstag, 19. Juli 2022

«Damit die Kirche in der Vielfalt der Sprachen ein und dasselbe Gebet erhebt, das ihre Einheit zum Ausdruck bringt»

habe er Traditionis Custodes geschrieben, schreibt Papst Franziskus I. in seinem Apostolischen Schreiben Desiderio desideravi – ein starkes Argument für den überlieferten Ritus.
Einige Anmerkungen zu diesem Schreiben:
• Die wirkliche Einheit der Kirche im Gebet •

Samstag, 16. Juli 2022

Ist das eine Messe?

ist die entgeisterte Frage nach einer einschlägigen Sonntagsmesse (natürlich: im Neuen Ritus).

„Tankrabatt“ – „Klimageld“ – Übergewinnsteuer

Stets auf dem Weg zu schlechten Lösungen zeigen sich in der Finanzpolitik gewisse Politiker einer bestimmten Partei.

Dienstag, 5. Juli 2022

Kardinal Marx und die „Öffnung des Diakonen-Amtes für Frauen“

Dafür sei die Zeit reif, meint der Kardinal.
Aber:
I. Es hat in der Kirche einen Diakonat von Frauen gegeben; nur: der war nicht dasselbe Amt wie der sakramentale Diakonat von Männern:
• Der Diakonat von Frauen •
II. Der Diakonat von Männern ist begründet in einem Sakrament. Sakramente aber hat der Herr eingesetzt; über sie kann die Hierarchie der Kirche nicht frei verfügen, sie kann es nicht „öffnen“, sie ist an das Maß der Vollmacht gebunden, die der Herr ihr gegeben hat:
• Priesteramt und Berufung von Frauen •
«Wenn mich Gott um Rat gefragt hätte, als Er die Welt erschuf, hätte ich Ihm einige nützliche Ratschläge gegeben», soll Alfons X., der Weise, gesagt haben. Er hat uns aber nicht gefragt, weder bei der Schöpfung der Welt noch bei der Einsetzung des Neuen Bundes, weder König Alfons noch Kardinal Marx noch mich – damit müssen wir drei und viele andere uns abfinden.
Natürlich könnte die Kirche wieder einen Diakonat von Frauen einführen; aber das wäre (wieder) ein Sakramentale eigener Art. Und natürlich könnten diese Frauen in der Kirche Gutes tun, aber nicht das Amt sakramental geweihter Diakone ausüben, nicht das Evangelium vortragen oder das Exultet singen.

Das Kreuzesopfer und moderne evangelische Theologie

Daß Jesus für unsere Sünden am Kreuz gestorben ist, bezeichnet Martin Fritz, Privatdozent für Systematische Theologie und Wissenschaftlicher Referent bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, zentral für die evangelikale Strömung – aber ihm zufolge offenbar nur für diese: «Das ist eine Lehre, die sich in Ansätzen in der Bibel findet, die dann aber erst im Mittelalter ausformuliert wurde. Aber spätestens in der Aufklärung wurden Zweifel laut, ob Gott wirklich ein Menschenopfer bringen musste, um eine vererbte Sünde zu vergeben.»
In der Bibel freilich finde ich mehr als nur „Ansätze“ – das „Lamm Gottes“, die Abendmahlsworte in der Fassung bei Matthäus (26, 28), einiges bei Paulus, so den „Schuldschein“, „ans Kreuz geheftet“ (Kol. 2, 14). Daß seit der Aufklärung daran Zweifel laut wurden, stimmt natürlich, nur: was hat das mit dem christlichen Glauben zu tun?
Aber bezeichnend für das Denken von Theologen seiner Art ist die Formulierung «ob Gott wirklich ein Menschenopfer bringen musste, um eine vererbte Sünde zu vergeben.»
Erstens geht es beim Kreuzesopfer nicht nur um die Erbsünde, sondern um die gesamte Sündenlast der Menschen (jedenfalls sofern sie beim Herrn Vergebung suchen).
Zweitens „mußte“ Gott das nicht. Er hat dieses Opfer gebracht, weil Er die Schwere der Sünden ernst nahm – ein einfaches „Schwamm drüber“ wäre all dem Unheil, das aus den Sünden der Menschen kommt, nicht gerecht geworden.

Montag, 27. Juni 2022

Roe v. Wade: Nachruf auf eine juristische Groteske

Am 22. Januar 1973 war vom US-amerikanischen Supreme Court in Sachen Roe v[ersus] Wade den US-Staaten verboten worden, Abtreibung zu verbieten für die Zeit, da das Kind noch nicht „lebensfähig“ („viable“; IX / B.) ist, was jedenfalls für die Zeit bis zur 24. Woche gelte. Nun aber, am 24. Juni, wurde dieser Spruch durch die Entscheidung Dobbs v. Jackson Women’s Health Organization revidiert.
Wer das menschliche Leben hochschätzt, ist erfreut, wer nicht aufs Töten verzichten will, empört. Freilich hat dieses Urteil nur soviel Wirkung, wie einzelne US-Staaten sie ihm verleihen. Und natürlich genügt es nicht, Abtreibung strafrechtlich zu sanktionieren oder ihr zumindest alle staatliche Unterstützung zu entziehen; wichtig ist es besonders, Wertschätzung von Kindern in der Öffentlichkeit zu fördern, Eltern und alleinerziehende Mütter zu unterstützen, besonders durch eine gute Sozialgesetzgebung – in der die USA europäischen Ländern weit nachstehen.

Doch nicht nur die einfache Redlichkeit, die Achtung vor den Schwächsten der Gesellschaft, den ungeborenen Kindern, hatte es geboten, jenes Urteil gerade noch, bevor es fünfzig Jahre gegolten hätte, aufzuheben; dieses Urteil war darüber hinaus monströs.
Mit großer gelehrter Liebe zum Detail stellt es die Geschichte der rechtlichen und moralischen Bewertung der Abtreibung vom persischen Reich (VI / 1.) über den Aquinaten (3.) bis zur angelsächsischen Gegenwart (4.-8.) dar. Allerdings ist schon die Auffassung des Gerichtes von der Bewertung der Abtreibung durch die römisch-griechische Antike irreführend: in ihr ging es nicht um die Erlaubnis, ungeborene Kinder im besonderen abzutreiben, sondern allgemein um das Recht der Eltern, des Vaters nämlich, über das Leben der Kinder zu verfügen.

Unter VI / 3. steht: «.. in terms of when a “person” came into being, that is, infused with a “soul” or “animated” – in Bezug darauf, wann eine „Person“ ins Dasein komme, das heißt, ihr eine „Seele“ eingegossen werde oder sie „belebt“ werde.» „Person“ ist demnach ein menschliches Wesen, wenn ihm, theologisch oder philosophisch formuliert, eine Seele eingegeben ist, wenn es, phänomenologisch formuliert, belebt ist. Ohne Zweifel aber ist auch ein Embryo belebt, demnach Person, auch schon vor der Zeit, um die es hier im weiteren geht, vor dem 6. Monat. Doch wo es um die Rechte geht, die nach dem XIV. Zusatz zur US-Verfassung der Person zustehen, heißt es plötzlich unter IX / A.: «.. that the word “person”, as used in the Fourteenth Amendment, does not include the unborn – daß das Wort „Person“, wie es im Vierzehnten Zusatz gebraucht wird, das Ungeborene nicht einschließt.»

Unter IX / B. heißt es: «We need not resolve the difficult question of when life begins – wir brauchen nicht die schwierige Frage zu lösen, wann Leben beginnt.» Weil die Fachleute sich nicht einig sind, ist das Rechtswesen nicht berufen, «to speculate as to the answer – über die Antwort zu spekulieren.» Rechtens wäre es da, vom Grundsatz «in dubio pro reo» auszugehen, das hieße hier: für das Kind, dessen Leben zur Disposition gestellt wird. Doch der Supreme Court entscheidet sich für etwas ganz anderes, für die „viability – Lebensfähigkeit“ als Voraussetzung für das Lebensrecht (X).
Lebensfähigkeit als Voraussetzung für das Lebensrecht, das klingt plausibel. Doch mit „Lebensfähigkeit“ ist hier nicht die Lebensfähigkeit an sich gemeint, die offenkundig jeder Embryo hat, der nicht abstirbt, sondern Lebensfähigkeit außerhalb des Mutterleibes, die freilich über das Mensch- oder Personsein des Kindes nichts aussagt.

Soviel Inkonsequenz war erforderlich, um Abtreibungsverbote verbieten zu können.

Montag, 20. Juni 2022

Krieg im Schatten des Krieges

Ein wenig hat man sich an den Krieg in der Ukraine gewöhnt (natürlich nur, wenn man nicht selber betroffen ist). Und die Angriffe scheinen sich regionalisiert zu haben: westliche Politiker können ohne übermäßige Gefahr für Leib und Leben nach Kyjiv fahren.
Aber er ist nach wie vor furchtbar; und weiterhin bewegt er die Gemüter – die Frage ist längst nicht mehr, Waffenlieferungen oder nicht, nur noch, welche Waffen. Und der ukrainische Präsident erklärt, daß die türkischen Drohnen hilfreich für sein Land sind.
Krieg im Schatten des Krieges – zur gleichen Zeit führt die Türkei mit solchen Drohnen und mit Bomben Krieg gegen die kurdische und aramäische, christliche Bevölkerung im Norden Syriens und des Iraqs (und schließt sich damit dem Völkermord des IS an Jeziden und Christen an).
Doch anders als bei der Ukraine ist nichts davon zu hören, daß westliche Staaten auch hier an Beistand für die überfallenen Völker dächten, ebenso wenig, wie sie an Waffenlieferungen an Armenien gedacht hatten, als Aserbaidschan türkische Drohnen gegen die armenische Bevölkerung von Karabach einsetzte.
Und wenn ein türkischer Staatsbürger in Deutschland sich mit Kräften der angegriffenen Bevölkerung (Kräften, die von den USA und Frankreich unterstützt werden) solidarisiert, muß er damit rechnen, in die Türkei abgeschoben zu werden.

Liturgische Eindrücke aus anderen Kirchen

Seit die Corona-Infektion einigermaßen überstanden ist, ist der Weg frei für erste Ausflüge und neue liturgische Eindrücke.

Mittwoch, 15. Juni 2022

Die Länge der Predigt

«Eine übermäßig lange Predigt ist gleichbedeutend mit schlechter Vorbereitung: Die richtige Zeit für eine Predigt sind 10, höchstens 15 Minuten. Es muß deutlich werden, daß das eucharistische Geheimnis der Höhepunkt der Feier ist», sagte schon vor fünfzehn Jahren Erzbischof Ranjith, der heutige Kardinal. Papst Franziskus geht nun über ihn hinaus: er legte «den Pfarrern ans Herz, nur kurze Predigten zu halten: Die Aufmerksamkeit der meisten Menschen lasse nach acht Minuten einer Predigt nach.» Danke!
Eine Frage allerdings stellt sich mir bei im gleichen Artikel berichteten Worten des Papstes: «Ja, manchmal ist es angebracht, etwas von Großmutters Spitze mitzubringen, manchmal. ... Es ist gut, die Großmutter zu ehren, aber es ist besser, die Mutter zu feiern, die heilige Mutter Kirche, und wie die Mutter Kirche gefeiert werden will. Damit diese Insularität nicht die wahre liturgische Reform verhindert, die das Konzil ausgesandt hat.» Ich kann es nicht finden: wo in den Texten des Konzils steht etwas von Spitzen?

Donnerstag, 2. Juni 2022

Wird in Priesterseminaren Klerikalismus gelehrt?

«.. auf den in der Ausbildung immer so nachdrücklich betonten „Augenkontakt mit dem Publikum“ zu verzichten, ist für viele moderne Zelebranten sicher eine größere Herausforderung als ...» lese ich auf einem traditionalistischen Site.
«.. mit dem Publikum» – dieser Ausdruck dürfte Polemik sein (freilich habe auch ich oft den Eindruck, daß Zelebranten das Volk nicht als betende, als mit ihnen betende Gemeinde ansehen, sondern als Publikum). Aber daß Augenkontakt «in der [Priester-] Ausbildung immer so nachdrücklich betont» werde, ist eine Tatsachenbehauptung. Kann das wahr sein? Doch der Site, auf dem das zu lesen ist, ist sehr solide. Das hieße, daß in den Seminaren künftige Priester gelehrt würden, sich zwischen die heilige Handlung der Liturgie – die «das Gewand des Herrn» ist – und die betende Gemeinde zu schieben: so etwas heißt Klerikalismus.

Fürbitte für Verstorbene

Andere Diözesen zeigen es: es muß nicht bei den Vermeldungen sein.

Freitag, 20. Mai 2022

Rassismus und Sklaverei

Bemerkenswert ist, daß manchmal aus demselben Mund die Umschreibung „N-Wort“ zu hören ist, weil dieses Wort selbst rassistisch sei, und zugleich ein Ausdruck, der es wirklich ist.
Unseren Text zum Thema „Rassismus und Ultra-Rassismus“ haben wir nun erweitert. Um so deutlicher zeigt sich, wie sehr die Auseinandersetzung zwischen Kirche und Aufklärung (nein, nicht allen Aufklärern) um Rassismus und Sklaverei zu ihrer Zeit der zwischen Kirche und politischer Korrektheit um die Abtreibung heute gleicht.

Dienstag, 10. Mai 2022

Geburtsstationen schließen

Hebammen müssen haften, oft mit einem maßlos hohen Betrag, wenn sie Fehler machen und ein Kind dann geschädigt ist. Wenn aber infolge der Schließung von Geburtsstationen überlange Wege zu Schäden für Mutter oder Kind führen: was, so sei einmal gefragt, ist dann mit den verantwortlichen Kliniken und Politikern?

Samstag, 7. Mai 2022

Schutz von Ehe und Familie

Die Frage, wie der Staat mit Zuwanderern umzugehen hat, ist komplex; eine einfache erschöpfende Antwort kann die christliche Moral nicht geben. Doch einige Vorgaben gehen aus Naturrecht und christlicher Moral hervor; und gegen diese Vorgaben wird in Deutschland ständig von Behörden verstoßen: aus dem Islam konvertierte Christen werden in den Iran abgeschoben; Familien werden für lange Zeit oder gar auf Dauer getrennt.

Samstag, 23. April 2022

Христос воскрес! unter Artilleriebeschuß und Bomben

Heute beginnt das Osterfest der orthodoxen Kirchen sowie katholischer und vorchalzedonensischer Kirchen. Gemeinsam feiern es die russische Kirche und die Kirchen der Ukraine, zweier Länder, die einst mehr als siebzig Jahre gemeinsam unter der Unterdrückung durch das Sowjet-Regime und durch Tscheka und KGB litten.
Und nun müssen die Völker dieser Länder erleben, wie durch einen alten KGB-Führer die russische Armee in die Rolle Kains gedrängt wird (wie ein russisch-orthodoxer Bischof es ausdrückte, wie russisch-orthodoxe Priester und Diakone es wiederholten), wie ukrainische Zivilisten und Soldaten von ihr niedergemacht werden, Städte pulverisiert werden.
Mögen die Russen trotz aller Meinungsdiktatur (und trotz dem Beifall eines anderen ehemaligen KGB-Offiziers, der zum Patriarchen von Moskau umgerubelt worden ist) vor Augen haben, daß sie von einem gemeinsamen Feind in diesen Krieg geschickt werden; mögen die Ukrainer vor Augen haben, daß es nicht das russische Volk ist, das ihr Land verwüstet, sondern die es sind, die ihre in Sowjet-Zeiten wurzelnde Macht nutzen, eine Armee in die Rolle Kains zu treiben, ein ganzes Volk in die Abels zu zwingen.
Христос воскрес – Christus ist erstanden! Mögen beide Völker dessen eingedenk sein und die verabscheuen, die Haß sähen.
Möge der auferstandene Herr selber Seinen Frieden geben.

Dienstag, 19. April 2022

Arvo Pärt an das Volk der Ukraine

Arvo Pärt, den man als den bedeutendsten lebenden Komponisten ansehen darf, der sich in Musik und Leben als Christ zeigt, der sich seit fünfzig Jahren ungebrochen zur russisch-orthodoxen Kirche bekennt, hat vor einigen Wochen öffentlich erklärt:
«Liebe ukrainische Freunde, liebe Kollegen, alle die, die jetzt um den Preis ihres Lebens um ihre Heimat kämpfen!
Wir verneigen uns vor Eurem Mut, dessen Preis ungeheuerliches Leid ist.
Wir werden so sehr mit Euch sein, so sehr wir es können werden. Alles, was uns bleibt, das sind ein Klumpen im Hals, Tränen und Gebet. Die Worte haben ihre Bedeutung verloren.
Vergebt uns!
Vergebt uns, daß wir nicht vermocht haben, Euch vor einer Katastrophe zu schützen, die in unserer Zeit undenkbar war.
Ehre der Ukraine! Слава Україні!

Dienstag, 5. April 2022

Wie anders war die Zeit des Auftretens des Herrn als die unsere

Am Passionssonntag wurde nach neuer Leseordnung die Perikope von der Ehebrecherin (Joh. 8, 2-11) gelesen.
«Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster auf sie einen Stein!» Und die Schriftgelehrten und Pharisäer besannen sich und, angefangen von den Ältesten, nahmen Abstand davon, das Urteil zu vollziehen, und machten sich still und leise davon.
Wie anders wäre es in unserer Zeit. Selbst für Christen ist die Gewissenserforschung längs nicht mehr selbstverständlich; und damit, daß säkulare Menschen sich als Sünder erkennen könnten, rechnet wohl niemand mehr. Da reicht das Spektrum von den Politisch-Korrekten, bei denen es keine Vergebung gibt, bis zu den säkularen Rechten, die keine Gnade kennen.

Samstag, 2. April 2022

Ein heißer und ein vergessener Krieg

Die russischen Bodentruppen machen keine Geländegewinne mehr, können aber auch nicht wirklich geschlagen werden – der Bodenkrieg gegen die Ukraine stagniert. Doch mit ihren Fernwaffen fährt die russische Armee damit fort, ukrainische Städte zu pulverisieren.
Waffenlieferungen an die Ukraine? Moralisch ist es zu rechtfertigen, einem Staat, der von einem anderen überfallen worden ist, mit einem Krieg, der sich auch exzessiv gegen dessen Zivilbevölkerung gerichtet, Waffen zur Verteidigung zu liefern. Ob es aber sinnvoll ist, bei dieser Frage verheddern sich moralische Überlegungen. Helfen solche Lieferungen der Ukraine, Frieden zu finden? Oder verlängern sie nur das Leiden der Menschen in den ukrainischen Städten? Und wenn die Ukraine sich allen russischen Forderungen unterwürfe, würde das die russische Regierung zu weiteren Angriffskriegen ermuntern? Müßten auch Ukrainer in Gebieten, die dann unter russischer Gewalt blieben, damit rechnen, für solche russischen Angriffskriege zwangsrekrutiert zu werden?
Ein wenig scheint man sich allmählich an diesen Krieg zu gewöhnen – natürlich nur, wenn man weit davon entfernt ist –; andere Kriege jedoch geraten dabei ganz in Vergessenheit.
Offenkundig sinnvoll gewesen aber wären Waffenlieferungen vor anderthalb Jahren an Armenien und Karabach, ganz besonders Waffen gegen türkische und chinesische Drohnen in azerbaidschanischer Hand, die damals Karabach terrorisierten.
In Karabach war es die russische Regierung, die im letzten Augenblick einschritt, ist es die russische Armee, die, freilich für fünf Jahre befristet, den brüchigen Frieden sichert. Nun aber, da sich Rußland in ein anderes militärisches Abenteuer eingelassen hat, beginnen wieder aserbaidschanische Angriffe, Beschuß, militärische Einfälle, Terror; die Bevölkerung flieht. Was droht, was von aserbaidschanischer Seite angestrebt wird, ist ethnische Säuberung, ist die Vertreibung der alteingesessenen Bevölkerung des Landes.
Und es droht auch der Abzug russischer Truppen aus Armenien, um sie an die ukrainische Front zu werfen, so daß auch die Republik Armenien selbst in Gefahr gerät. Daß Armenien Russen aufnimmt, die vor dem Krieg gegen die Ukraine, vor Kriegseinsatz und Meinungsdiktatur fliehen, könnte zusätzlich Rußland dazu bringen, den (keineswegs altruistischen) Beistand für Armenien aufzugeben.
Das älteste christliche Land, Armenien zusammen mit Karabach, ist in Gefahr, nicht erst jetzt, aber durch den russischen Überfalls auf die Ukraine mehr den zuvor.

Samstag, 12. März 2022

Braucht Christentum Priester?

Martin Ebner, Priester und emeritierter Professor für Neutestamentliche Exegese verneint das; und katholisch.de gibt ihm dazu ausgiebig Raum.
Dreierlei springt bei seiner Argumentation ins Auge:
I. «Ein "starkes Zeichen" gegen die Lehre, dass das Priestertum direkt auf dem Willen Christi gründe, sei die Tatsache, dass der Clemensbrief aus dem Jahr 90, der dieses Konzept nennt, nicht in den Kanon der Heiligen Schrift aufgenommen worden sei.» Im nächsten Absatz: «Das christliche Priestertum, wie es heute bestehe, sei Anfang des dritten Jahrhunderts entstanden, erklärte Ebner weiter.» Also: dieses «Konzept», das im Jahre 90 im Clemensbrief «genannt» wird, ist dann Anfang des dritten Jahrhunderts entstanden.
II. Eine abenteuerliche Vorstellung steht hinter Prof. Ebners Argument: was im Clemensbrief steht, müsse falsch sein, denn sonst wäre der Brief doch ins Neue Testament aufgenommen worden. Dieser Brief, wenn er auch laut Prof. Ebner «aus dem Jahr 90» datiert (eine andere These ist, daß er Ende der sechziger Jahre, vor der Zerstörung des Tempels, geschrieben wurde, was angesichts von Clem. 40 wahrscheinlicher ist), führt sich nicht auf einen Apostel zurück: darum wurde er nicht ins Neue Testament aufgenommen.
III. Prof. Ebner setzt mit seiner Argumentation voraus, daß in der katholischen Kirche das «sola scriptura»-Prinzip gelte, welches bisher als protestantisch gegolten hat.

Die Russisch-Orthodoxe Kirche und der Krieg

Als der Patriarch von Konstantinopel 2018 in kanonisch zumindest fragwürdiger Weise eine vom Moskauer Patriarchat getrennte Ukrainisch-Orthodoxe Kirche mit einem Patriarchen von Kiew begründet hatte, blieb ein Großteil der orthodoxen Hierarchie und des orthodoxen Volkes in der Ukraine der Russisch-Orthodoxen Kirche und damit dem Moskauer Patriarchen treu.

Noch am 24. Februar 2022, dem Tag des russischen Großangriffs auf die Ukraine, appelierte Metropolit Onufrij, der Primas der Russisch-Orthodoxen Kirche in der Ukraine, an Putin, «unverzüglich den Bruderkrieg zu beenden», «der Krieg zwischen diesen Völkern sei eine Wiederholung von Kains Sünde, welcher aus Neid seinen eigenen Bruder tötete» (engl.).
Am 3. März wurde von den Russisch-Orthodoxen Bischöfen in Deutschland, zweien der Auslandskirche, die sich mittlerweile mit dem Moskauer Patriarchat vereinigt hatte, und einem, der dem Patriarchat direkt untersteht, ein „Appell der Hierarchen an die Pfarrer und Gemeindemitglieder der Russischen Orthodoxen Kirche in Deutschland zur Hilfeleistung für Flüchtlinge aus der Ukraine“ veröffentlicht; darin heißt es: «Der Schmerz, den das ukrainische Volk derzeit erleidet, wird von den Kindern der Russischen Orthodoxen Kirche in Deutschland geteilt.»
Am 5. März wurde ein „Appell der Priester und Diakone der Russisch-Orthodoxen Kirche mit einem Aufruf zur Versöhnung und Beendigung des Krieges“ veröffentlicht; er wiederholt den Vergleich mit Kains Bluttat und endet mit: «Beendet den Krieg.»

Was aber sagt der Russisch-Orthodoxe Patriarch?
Patriarch Kirill fragt in einer Predigt am Vergebungssonntag, dem 6. März: «Wer greift die Ukraine heute an? Acht Jahre Unterdrückung und Vernichtung von Menschen im Donbaß, acht Jahre Leiden, und die ganze Welt schweigt – was bedeutet das?» Es hat in der Tat in der ukrainischen Politik nationalistische Tendenzen gegeben, die dem russischsprachigen Teil der Bevölkerung Anstoß gaben; aber «Unterdrückung» ist dafür wohl ein zu großes Wort und «Vernichtung» eine Unwahrheit – der Patriarch betreibt hier offenkundig Geschichtsklitterei.
Am 9. März legt er nach: «Andere Staaten hätten die Ukraine bewaffnet, damit sie gegen ihre russischen Brüder kämpften.» Daß es nicht nur Krieg im Donbaß gibt, sondern die russische Armee einen Krieg gegen die ganze Ukraine begonnen hat – ein Krieg, der durch keine Vorwürfe an die ukrainische Politik, seien sie berechtigt oder nicht, zu entschuldigen ist –, daß daraus bald ein Vernichtungskrieg gegen die Bevölkerung ukrainischer Städte geworden ist: davon spricht er nicht.
Die Sowjetzeit hat die Russisch-Orthodoxe Kirche nur überstanden, indem Patriarch und Hierarchen sich gegenüber dem Regime handzahm verhalten haben und zum Teil sich auch dessen Lügen angeschlossen haben. Was aber soll solch eine Liebedienerei Putin gegenüber? Hofft der Patriarch, ihn dadurch zur Mäßigung wenn schon nicht den Menschen, so doch den Kirchen in der Ukraine gegenüber bewegen zu können? In Kiew liegen zwei der bedeutendsten Heiligtümer der russischen Kirche, die Sophienkathedrale und das Höhlenkloster, erstere mitten in der Stadt.
Ich kann nur hoffen, daß diese (schwache) Entschuldigung nicht an den Haaren herbeigezogen ist.

Donnerstag, 3. März 2022

Russische Bomben auf Kiew

In Kiew fand 28. Juli 988 am Dnepr die Taufe der Rus’ statt, derer in Rußland und der Ukraine mit einem besonderen Festtag gedacht wird. Kiew war das kulturelle Zentrum Rußlands, der Ukraine und Weißrußlands in der Zeit vorm Mongolensturm. Die Sophienkirche in Kiew ist ein großartiges Denkmal dieser Kultur – den künstlerischen und geistlichen Eindruck, den sie auf mich machte, habe ich in lebendiger Erinnerung.
Russische Bomben auf Kiew – ein unerträglicher Gedanke der unschuldigen Menschen in der Stadt wegen, aber auch wegen der Vernichtung von Grundfesten russischer – keineswegs nur ukrainischer Kultur.

Samstag, 26. Februar 2022

Erhörtes Gebet

Heute kann die Priesterbruderschaft St. Petrus nach einer langen Zeit der Verwirrung die niederen Weihen spenden.

Freitag, 25. Februar 2022

Sexueller Mißbrauch:
Richtige Einsichten und verdrehte Folgerungen

«Der emeritierte Regensburger Dogmatiker Wolfgang Beinert sieht in der nachkonziliaren Berufungspraxis von Bischöfen durch die Päpste Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. eine systemische Ursache für Missbrauch in der Kirche», so war jüngst bei katholisch.de zu lesen (Beinert: Pontifikat Johannes Pauls II. hat Missbrauch begünstigt).
Ein hartes Wort; aber:
«Seit den 1970ern dringt kaum etwas nach außen», setzt die Süddeutsche als Untertitel in einen durchaus nicht kirchenfreundlichen Artikel (Nicolas Richter und Ronen Steinke: Missbrauch in der katholischen Kirche: Warum nur wenige Täter bestraft werden. 22. Mai 2019). In diesem Artikel steht: «Wenn man die Akten aus den 1950er- und 1960er-Jahren durchblättert, fällt auf, dass damals mehr Opfer bereit waren zu reden, Jugendliche traten als Zeugen auf, Kirchenleute wurden zu Haftstrafen verurteilt. Später ließ die Anzeigebereitschaft nach, von den 1970er-Jahren an drang kaum mehr etwas nach außen, es sei „offenbar so ein Deckel draufgegangen“, sagt [Oberstaatsanwältin] Ines Karl.»
Gratias Felicitati
An jenem Vorwurf kann demnach etwas dran sein: zumindest für die Ernennungen unter Paul VI. scheint er durchaus begründet*:
Die Gründe benannte schon Kardinal Ratzinger: «Dans les premières années après Vatican II le candidat à l’épiscopat semblait être un prêtre qui devait avant tout être ‘ouvert au monde’ : dans tous les cas, ce prérequis était mis à la première place – In den ersten Jahren nach dem II. Vatikanischen Konzil schien der Kandidat für das Bischofsamt ein Priester zu sein, der vor allem ‚weltoffen‘ sein musste: diese Voraussetzung wurde an die erste Stelle gesetzt» (Joseph Ratzinger: Entretiens sur la foi, Paris 2005; zitiert von Abbé François-Marie Chautard (Paul VI et l’auto-démolition de la Tradition), der darin auch das Motiv für Pauls VI. Rücktrittsforderung an Bischöfe von 75 Jahren sieht).
Später bestätigte der ehemalige Papst diese Sicht noch einmal: «Da nach dem II. Vaticanum auch die Kriterien für Auswahl und Ernennung der Bischöfe geändert worden waren, war auch das Verhältnis der Bischöfe zu ihren Seminaren sehr unterschiedlich. Als Kriterium für die Ernennung neuer Bischöfe wurde nun vor allen Dingen ihre „Konziliarität“ angesehen, worunter freilich sehr Verschiedenes verstanden werden konnte. In der Tat wurde konziliare Gesinnung in vielen Teilen der Kirche als eine der bisherigen Tradition gegenüber kritische oder negative Haltung verstanden, die nun durch ein neues, radikal offenes Verhältnis zur Welt ersetzt werden sollte. ... Es gab – nicht nur in den Vereinigten Staaten von Amerika – einzelne Bischöfe, die die katholische Tradition insgesamt ablehnten und in ihren Bistümern eine Art von neuer moderner „Katholizität“ auszubilden trachteten.» (Die Kirche und der Skandal des sexuellen Mißbrauchs. II. Erste kirchliche Reaktionen, 1.)
Doch dann verkehrt der anfangs zitierte Dogmatiker diese Einsicht in ihr Gegenteil: «Mit dem von dieser Bischofsgeneration geforderten unbedingten Papstgehorsam „wandte sich die Kirche neuerlich jenem rückschrittlichen Antimodernismus zu, der sie seit der Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt hatte“», der den Mißbrauch begünstigt hätte – als seien nicht „Konziliarität“, „Weltoffenheit“ die neuen Kriterien gewesen, sondern Antimodernismus. Der Trick des Dogmatikers: er setzt «selbstbewusstes Agieren» mit Modernismus in eins.

Dieser verdrehte Gedankengang hat Anklang gefunden auch bei einem hochrangigen deutschen Kirchenmann: Der Vorsitzende der polnischen Bischofskonferenz hatte an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz einen kritischen Brief zum Synodalen Weg geschrieben; diesen Brief nun kritisiert seinerseits der Essener Generalvikar Pfeffer auf Facebook; katholisch.de hat dieses Post veröffentlicht (Pfeffer über Brief polnischer Bischöfe: Hochklerikaler Antimodernismus).
Was einen deutschen Generalvikar sich berechtigt fühlen läßt, den Brief des Vorsitzenden der Bischofskonferenz eines anderen Landes derart herunterzumachen, ist einfach zu erraten: es ist der tiefverankerte deutsche Antipolonismus. Dankenswerterweise bekommt er Widerspruch von einem deutschen Bischof: Bischof Wolfgang Ipolt von Görlitz (Ipolt: Sollten beim Synodalen Weg auf Stimme aus der Weltkirche hören), leider ein wenig halbherzig: «Dass wir [die deutsche und die polnische Kirche] ganz sicher in mancher Hinsicht verschiedene Zugänge zum Glauben und zur Kirche haben, das darf unseren guten Beziehungen keinen Abbruch tun» – daß der Synodale Weg (s.u.) den deutschen Zugang ein wenig zugeschüttet hat, bleibt hinzuzufügen.

*: Johannes Paul II. und Benedikt XVI. haben sich wohl bemüht; doch nicht selten mangelte es an geeigneten Kandidaten, und auch die Menschenkenntnis dieser beiden Päpsten steht nicht außer Frage.

Donnerstag, 17. Februar 2022

Prüfsteine für die Beschlüsse des „Synodalen Wegs“

Zu Einzelheiten der Beschlüsse des „Synodalen Wegs“ hat es bereits viele Stellungnahmen gegeben; was darüber hinaus sinnvollerweise zu tun bleibt, ist, die grundsätzlichen Kriterien anzugeben, an denen diese Beschlüsse zu messen sind.

I. Einige der Beschlüsse beziehen sich auf die Lehre der Kirche. Nach welchen Kriterien der Lehre der Kirche etwas hinzugefügt werden kann, zeigt am klarsten das Commonitorium des heiligen Vinzenz von Lérins, das das katholische (und orthodoxe) Verständnis von der Lehre der Kirche in einer durch alle Zeiten gültigen Weise darlegt (und das auch schon vom Papst Franziskus I. angeführt wurde).
Diesem Werk entstammt die berühmte Definition des Begriffs „katholisch“ (Cap. II./ 3): «In ipsa item catholica ecclesia magnopere curandum est ut id teneamus quod ubique, quod semper, quod ab omnibus creditum est; hoc est etenim vere proprieque catholicum – In der katholischen Kirche selbst ist große Sorge dafür zu tragen, daß wir das festhalten, was überall, was immer, was von allen geglaubt worden ist; das ist nämlich wahrhaft und eigentlich katholisch.»
Dort ist aus einem Brief des heiligen Papstes Stephanus I. zitiert, den er an die Kirche in Afrika geschickt hat: «Nihil novandum, nisi quod traditum est – nichts Neues ist einzuführen außer dem, was überliefert ist.» Der heilige Vinzenz selbst erläutert das: «.. nosque religionem non qua vellemus ducere, sed potius qua illa duceret sequi oportere – (und) daß es nötig ist, daß wir die Religion nicht den Weg führen, den wir wollen, sondern vielmehr wir dem Weg folgen, den sie uns führt.» (Cap. VI./ 9)
An anderer Stelle (Cap. XXIII./ 28) fragt der heilige Vinzenz, ob es dann in der Kirche keinen Fortschritt der Religion geben werde: «Nullusne ergo in ecclesia Christi profectus habebitur religionis?» Daß es solchen Fortschritt geben werde, bejaht er entschieden, «sed ita tamen, ut vere profectus sit ille fidei, non permutatio, siquidem ad profectum pertinet ut in semetipsum unaquaeque res amplificetur, ad permutationem vero ut aliquid ex alio in aliud transvertatur – aber doch so, daß jener wahrhaft ein Fortschritt des Glaubens sei, keine Veränderung, da ja zum Fortschritt gehört, daß jedwede Sache in sich selbst ausgeweitet wird, zur Veränderung aber, daß etwas aus einem in anderes umgewandelt wird.»
Einige Abschnitte weiter (32) schreibt er: «Christi vero ecclesia, sedula et cauta depositorum apud se dogmatum custos, nihil in his umquam permutat, nihil minuit, nihil addit ... non amittit sua, non usurpat aliena; sed omni industria hoc unum studet, ut vetera fideliter sapienterque tractando si qua illa sunt antiquitus informata et incohata, accuret et poliat, si qua jam expressa et enucleata, consolidet et firmet, si qua jam confirmata et definita, custodiat – Christi Kirche aber, als eifrige und sorgsame Wächterin der ihr anvertrauten Lehren, verändert an ihnen nie etwas, vermindert nichts, fügt nichts hinzu ... sie verliert nicht das Ihre, eignet sich nichts Fremdes an, sondern bemüht sich mit allem Fleiß um dieses eine derart, daß sie, indem sie das Alte treu und weise behandelt, wenn etwas von alters her vorgebildet und begonnen ist, es genauer faßt und glättet, wenn etwas schon formuliert und erläutert ist, es festigt und bekräftigt, wenn etwas schon festgelegt und definiert ist, es hütet.»
Dies sind die Regeln, an denen alle Forderungen nach Neuem in der Lehre der Kirche zu messen sind.

II. Anderer Beschlüsse betreffen das liturgische Leben der Kirche, ihre Sakramentalien (wo es um Sakramente geht, gilt dieser Artikel II. und mehr noch der Artikel I.).
Sinn allen kirchlichen Handelns, aller Liturgie, aller Segnungen ist es, den Herrn zu verehren und Menschen zum Heil zu führen. Darum ist jede Forderung dieser Art, bei der es nicht um die Verehrung des Herrn geht, daran zu messen, ob es ihr Sinn, ihr Ziel ist, die Menschen, denen hier das liturgische Handeln der Kirche gewidmet ist, von weltlichen Verstrickungen befreit zum Heil zu führen.

Alle Beschlüsse, die diesen Ansprüchen genügen, dürfen der Kirche anvertraut werden. Solche aber, die mehr weltlichen Normen oder den Ansprüchen der Gesellschaft entspringen, können nicht vor der Kirche Christi bestehen.
Eigentlich ist all dies für jeden Katholiken selbstverständlich; doch wenn ich Beschlüsse des „Synodalen Wegs“ lese, sehe ich dennoch Grund, darauf hinzuweisen.

Mittwoch, 2. Februar 2022

Nachbemerkungen zur Münchener Mißbrauchsstudie

Einige Monate nach der französischen Studie nun die Studie über sexuelle Übergriffe durch Priester in der Erzdiözese München. Mittlerweile ist die Sicht etwas klarer: es hat schlimmste Übergriffe in beträchtlicher Zahl gegeben.
Daß diese Studie einen deutlich antikirchlichen Einschlag hat, wie im Blog Invenimus Messiam aufgezeigt wurde, ändert nichts an der Richtigkeit dieser Falldarstellungen.
Was nun ist der Kirche vorzuwerfen?
Der Kirche – das heißt natürlich nicht: der göttlichen Institution; wohl aber: deren Amtsträgern, insbesondere den Ordinariaten und den Bischöfen. Was man der Kirche nicht vorwerfen kann, ist, daß es in ihr Priester gegeben hat, die pädophile Neigungen hatten und diese in verbrecherischer Weise ausgelebt haben – wo sich Kontakt mit Kindern oder Jugendlichen anbietet, da sammeln sich Pädophile, sei es in Internaten, in Sportvereinen, in Freizeiteinrichtungen oder eben in der Kirche. Was ihnen vorzuwerfen ist, das ist, wie zögerlich gegen sie eingeschritten wurde.
Im Blog Nolite Timere werden die Fälle ausgewertet, die in der Studie dargestellt wurden.
Was man zumindest den Erzbischöfen Kardinal Faulhaber und Kardinal Wendel und ebenso Kardinal Ratzinger nicht vorwerfen kann, ist, daß sie diese Übergriffe toleriert oder gar gedeckt hätte. Wohl aber steht der Vorwurf gegen alle Münchener Erzbischöfe seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, daß sie mit den Tätern zu viel Geduld hatten, zu viel Vertrauen in deren Bereitschaft und Fähigkeit gesetzt haben, von ihrem Treiben abzulassen. Wie verwerflich solche Taten sind, scheint dabei etwas aus dem Blick geraten gewesen zu sein. Die Morallehre der Kirche hat es immer ausgeschlossen, solche Taten zu verharmlosen. In der Kirche der Väterzeit hätte solch ein Täter eine mehrjährige Kirchenbuße auf sich nehmen müssen – mit solch einer Regelung wäre auch heute die Kirche besser gefahren.
Dahinter zeigen sich zwei Probleme in der Kirche dieser Zeit.
Das eine ist ein verzerrtes Verständnis der kirchlichen Sexualmoral. Diese Sexualmoral ist eigentlich sehr streng; aber eben deshalb hat man sich wohl ein wenig daran gewöhnt, daß gegen sie sowieso verstoßen wird. Dabei scheint der eine, eigentlich der sekundäre Aspekt der Sexualmoral, der der continentia, der Selbstbeherrschung, gegenüber dem des Schutzes, ein wenig in den Hintergrund getreten zu sein. In ihrem Kern aber ist diese Sexualmoral Schutz: sie schützt den anderen, auf den sich sexuelles Begehren richtet, seine körperliche und seelische Gesundheit, seine Würde; sie schützt darüber hinaus seine eigene Familie und schließlich seine eigene Würde. Wenn aber das Hauptaugenmerk sich nur auf die Selbstbeherrschung richtet, so wird nur die Sünde gesehen, weniger aber das Opfer des Begehrens. Sünden aber vergibt die Kirche einfach, wenn der Schuldige Reue zeigt.
Das andere ist, daß man begonnen hat, in Pädophilie eine psychische Störung zu erkennen – an sich völlig zu Recht; aber dabei hat man auch begonnen, die persönliche Verantwortung aus dem Blick zu verlieren. Pädophilie ist zwar eine psychische Störung, aber pädophiles Handeln ist Handeln, für das der Täter nichtsdestoweniger Verantwortung trägt (freilich: je mehr es sich eingeschliffen hat, desto schwieriger wird die bewußte Steuerung). Dazu trat eine Therapiegläubigkeit, so, als sei Therapie ein Sakrament, das ex opere operato wirke. Doch eine Therapie ist natürlich nur wirksam, wenn der Betroffene sich ganz darauf einläßt – was nicht nur eine Frage des guten Willens ist –; und selbst dann ist der Erfolg nicht selbstverständlich. Und Psychotherapeuten wurde es auch damals schon bekannt, daß sexuelle Devianzen von ähnlicher Art sind wie Süchte, daß sie für Therapie besonders sperrig sind, nicht restlos zu verschwinden pflegen.
Der Bruch im Umgang mit sexuellen Übergriffen
Seit den sechziger Jahren aber scheint verantwortungslose Sorglosigkeit zugenommen zu haben. «Seit den 1970ern dringt kaum etwas nach außen», setzt die Süddeutsche als Untertitel in einen durchaus nicht kirchenfreundlichen Artikel (Nicolas Richter und Ronen Steinke: Missbrauch in der katholischen Kirche: Warum nur wenige Täter bestraft werden. 22. Mai 2019). In diesem Artikel steht: «Wenn man die Akten aus den 1950er- und 1960er-Jahren durchblättert, fällt auf, dass damals mehr Opfer bereit waren zu reden, Jugendliche traten als Zeugen auf, Kirchenleute wurden zu Haftstrafen verurteilt. Später ließ die Anzeigebereitschaft nach, von den 1970er-Jahren an drang kaum mehr etwas nach außen, es sei „offenbar so ein Deckel draufgegangen“, sagt [Oberstaatsanwältin] Ines Karl.»
Gratias Felicitati
Sexuelle Übergriffe und kirchliche Sexualmoral
Was der Kirche zugute zu halten ist, daß sie in der Lehre keine Konzessionen gegenüber der Pädosexualität gemacht hat, obwohl es in den siebziger und achtziger Jahren Druck in dieser Richtung gegeben hat (eine Studie, die die Partei der Grünen zur Aufarbeitung ihrer eigenen Vergangenheit in Auftrag gegeben hat, zeigt es auf). Doch Kardinal Wetter gibt zu, daß er «mit den Tätern nicht mit der gebotenen Strenge umgegangen» ist (dpa). Der Grund: daß «dies damals bei vielen in der Gesellschaft, nicht nur in der Kirche, so war», er sei eben ein «Kind meiner Zeit». Und man erinnert sich an einen Satz von Gilbert Keith Chesterton: «Die katholische Kirche ist die einzige Institution, die den Menschen vor der erniedrigenden Sklaverei bewahrt, ein Kind seiner Zeit zu sein.»
Letztlich also eine moderne Geringschätzung der katholischen Sexualmoral. Zu fürchten ist aber auch, daß mehr und mehr des Priestermangels wegen Ordinariate darauf verzichtet haben, schuldige Priester in die Wüste zu schicken, um sie nicht für die Seelsorge zu verlieren – so daß sie dadurch der Seelsorge um so schweren Schaden zugefügt haben.
Die französische Studie hatte ergeben, daß, je mehr die religiöse Praxis abgenommen hatte, desto mehr Ordinariate bereit waren, schuldige Priester durchzuschleppen (§0270). Das wichtigste, was die Kirche gegen sexuelle Übergriffe durch Priester und Ordensleute tun kann, ist also, die religiöse Praxis zu stärken; und das kann nur auf der Grundlage der Stärkung des klaren, nicht irgendwie abgeschwächten Glaubens geschehen.
Nun aber bietet der durch die Menge der offengelegten verbrecherischen Verstöße gegen die Sexualmoral der Kirche ausgelöste Eklat paradoxerweise die Gelegenheit, nun wieder eine Abkehr von der kirchlichen Lehre, eine Abschwächung ebendieser Sexualmoral zu fordern. Eine Initiative kirchlicher Mitarbeiter strebt eine feindliche Übernahme der Kirche an. Sonderbar: welchen Sinn sollte eine Kirche haben, die sich von den Geboten des Herrn entfernt? Selbstverständlich hat deren jeder das Recht, sein Heil anderswo zu suchen (die Unitarier sind da zu empfehlen: sie versorgen ihre Mitglieder mit den gewünschten Amtshandlungen, ohne irgend etwas an Glauben einzufordern); nur daß dort das Heil zu finden sei, das kann die Kirche freilich nicht versprechen.
All das wäre weniger beunruhigend, wenn Verlaß darauf wäre, daß zumindest Bischöfe und Priester fest zur Lehre der Kirche stehen. Doch was von Bischöfen in den Nachrichten zu lesen ist und was ich von Priestern vor Ort höre, bereitet große Sorge.
Kirchenaustritte
Viele Kirchenmitglieder treten nun einfach aus der Kirche aus. Dies ist nicht nur für die Finanzen der Kirche ein beträchtlicher Schade; es bedeutet auch, daß deren Kinder kaum noch für Kommunion- und Firmunterricht erreichbar sein werden (was freilich nicht bei jedem Kommunion-, bei jedem Firmunterricht ein Schaden ist). Doch daß die meisten von ihnen offenbar einfach die Kirche verlassen, sich nicht etwa der Piusbruderschaft oder einer Ostkirche anschließen, zeigt, daß für sie die Kirche nur noch ein Verein war, sie sich vom Glauben der Kirche, vom Glauben an den Herrn, der in dieser Kirche ungeachtet allen Versagens dieser Hierarchen lebendig ist (und der selber von einem seiner Apostel verraten wurde), schon längst entfernt haben.
Was heute nicht mehr zu erkennen ist,
ist, wie viel Mühe man sich mit seelsorgerischen Gesprächen mit den Tätern gegeben haben mag, wie sie ihre Verfehlungen bekannt (oder auch geleugnet) haben, gebeichtet haben mögen. Was man den Bischöfen und den anderen Verantwortlichen der älteren Zeit vorzuwerfen hat, ist im Kern falsches Vertrauen, das von ihnen den Tätern zuteil wurde. Bereitschaft zu vergeben, vertrauen: eigentlich gut christliche Haltungen, die aber pädophilen Mitbrüdern gegenüber sich verheerend auswirkten, ganz besonders für die Opfer, aber auch für die Täter, die so, entgegen allen Regeln der Pastoral (die nächste Gelegenheit zur Sünde meiden ...), wieder in Versuchung geführt wurden, der sie dann oft nicht widerstanden haben. Vom Suchtcharakter sexuell devianten Verhaltens ahnten die Verantwortlichen noch nichts.
Vergebungsbereitschaft ohne Ansehen der Schwere der Schuld und falsches Vertrauen: das ist das, was den Kardinälen Faulhaber, Wendel und Ratzinger vorgeworfen werden kann. Bemerkenswert dabei ist, daß Kardinal Ratzinger vor allem etwas vorgeworfen wird, was in der Sache keinen Vorwurf rechtfertigt: der „Fall H.“. Hier war dem Täter von der Erzdiözese München offenbar nur erlaubt worden, in der Erzdiözese sich einer Therapie zu unterziehen – in der Seelsorge dort eingesetzt wurde er erst viel später, als Kardinal Ratzinger längst in Rom war. Der Fehler, den Mons. Ratzinger nun aber gemacht hat, ist, daß er sagte, an einer Sitzung, an die er sich natürlich nach so langer Zeit nicht mehr erinnern konnte, nicht teilgenommen zu haben, was er dann widerlegt fand.
Doch derselbe Kardinal Ratzinger war es, der dann als einer der ersten verstanden hat, was not tut, der als Präfekt der Glaubenskongregation energische und wirksame Maßnahmen gegen sexuelle Übergriffe eingeführt hat: Joseph Ratzinger: Der Wegbereiter im Anti-Missbrauchskampf – zu einer Zeit, da jener Studie zufolge man sich von Seiten wie Pro Familia und Humanistischer Union noch sehr für Toleranz solchem Verhalten gegenüber stark machte.
Was zudem verhängnisvoll für die Kirche ist,
ist, daß dies in einer Zeit zu bewältigen ist, in der die, von denen man am ehesten erwarten kann, daß sie sich in ihren Reihen energisch sexuellen Übergriffen entgegenstellen, die Gemeinschaften, die den überlieferten Ordo ausüben, selber von Rom unter starken Druck gesetzt sind.
Was für die Kirche ansteht,
ist, die Institute zu stärken, denen nichts vorzuwerfen ist. Und der Seligsprechungsprozeß für Kardinal Ottaviani verdient es, in Gang gebracht zu werden.

Donnerstag, 20. Januar 2022

Was bedeutet die Abschaffung des Paragraphen 219 a?

Praktisch zunächst wenig. Zwar kann nun ein Arzt in seine Praxisdarstellung schreiben: «Bei mir können sie ihr Kind killen lassen» – freilich wird er das professioneller ausdrücken. Doch werden nur wenige Frauen nur dadurch einen abtreibungsbereiten Arzt finden.
Das Problem liegt tiefer: sie trägt dazu bei, daß Abtreibung mehr und mehr als normale ärztliche Leistung erscheint, so wie impfen, Medikamente verschreiben oder den Blinddarm entfernen. Das aber hat zufolge, daß die ethische Bedenken immer mehr verschwinden.

Sicherlich ist das Verbot der Abtreibung im staatlichen Recht christlichem Einfluß geschuldet; in vorchristlicher Zeit klang es sehr anders: «Denn gegen diejenigen, die schlechthin zu unserer Person gehören, kann man kein Unrecht verüben; der Sklave aber und das Kind, solange bis es das Alter erreicht hat, um selbständig zu werden, ist wie ein Teil des Hausherrn; niemand aber hat den Vorsatz, sich selbst zu schädigen. Darum also kann man diesen kein Unrecht zufügen» (Aristoteles, Nikomachische Ethik Buch 5). Allerdings, auch wenn man die Sklaven ausnimmt und dieses Recht des Vaters durch das der Eltern oder der Mutter ersetzt (was auch nicht ganz ohne christlichen Einfluß in Betracht gekommen wäre (Gal. 3, 28)): wer will das heute wirklich?
Und auch in der Antike fand niemand es unterstützenswert, wenn Eltern dieses Recht voll in Anspruch nehmen wollten – der Eid des Hippokrates jedenfalls verpflichtete Ärzte, sich nicht auf einer Abtreibung einzulassen. Und vor der Ausbreitung des Christentums wäre kein Mensch auf den Gedanken gekommen, Abtreibung mit staatlichen Mitteln zu fördern.

Allerdings kann sich der Kampf gegen die Abtreibung nicht allein aufs Strafrecht stützen. Wichtig ist es, Wertschätzung von Kindern in der Öffentlichkeit zu fördern, wichtig ist es, Eltern und alleinerziehende Mütter zu unterstützen, durch eine gute Sozialpolitik, durch Maßnahmen wie den Mietendeckel.
• Nota bene: Abtreibung •

Samstag, 15. Januar 2022

Traditionis Custodes und Responsa

Der Papst, der die Verehrung der Götzenfigur der Pachamama (Mutter Erde, Demeter) auf vatikanischem Boden zugelassen hat, will nun den überlieferten Ordo beseitigen.
Als Traditionis Custodes erlassen wurde, hatten wir schon Stellung genommen; nun aber, da dieses Motu proprio durch die Responsa ad dubia noch verschärft wurde, schien eine gründlichere Auseinandersetzung vonnöten. Es bedeutete etlichen Aufwand, die nötigen Materialien zu finden; nun endlich ist es gelungen und sei hiermit vorgelegt:
Traditionis Custodes und Responsa

Donnerstag, 6. Januar 2022

Warum brachten die Magier Gaben dar?

«Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar», so wird im Matthäus-Evangelium (2, 11 nach EÜ) von den Magiern («Sterndeutern») berichtet. Warum es diese drei Gaben sind, wird oft erklärt; wieso überhaupt Gaben, davon ist seltener die Rede.
Ich denke da an die Thora: «Man soll nicht mit leeren Händen vor meinem Angesicht erscheinen» (Exod. 23, 15; ähnlich 34, 20; Deut. 16, 16 nach EÜ).

Was ist daraus zu schließen, wenn in GL-Liedern die Strophen allzu unterschiedlicher Qualität sind?

Zu Neujahr – wann auch sonst? – wird «Lobpreiset all zu dieser Zeit» gesungen, kein Werk von großer Dichtkunst, dennoch ein sinnvoll zu singendes Lied. Doch mir fällt auf, daß die 3. Strophe von viel geringerer Qualität ist. Wie mag das kommen?
Nach dem Gesang lese ich die Unterzeile. Natürlich: «T: nach Heinrich Bone 1851, 3. Str.: EGB [1971] 1975, M: ...»

Veröffentlichung der Ostertermine

Wie schon seit fünfzehn Jahren, so veröffentlichen wir in diesem Jahr wieder zu Epiphanie die verschiedenen Ostertermine.
Während der jüdische Kalender in diesem Jahr mit unserem übereinstimmt – Pesach wird am Abend unseres Karfreitags gefeiert–, ist die Ostergrenze der byzantinischen Epakte zufolge der 7. April des julianischen Kalenders, der 20. April also des gregorianischen. Darum können die Kirchen des byzantinischen Ritus erst eine Woche nach denen des römischen Ritus Ostern feiern.