Das Wissen, was eine Antiphon ist, war in den sechziger Jahren im Kirchenvolk nicht mehr allgemein verbreitet. In den Gebetbüchern fand sich zwar die Sonntags-Vesper mit ihren Antiphonen, doch die Bezeichnung „Antiphon“ stand nirgends dabei.
Als dann der Gesang des Stundengebets wieder mehr in die Gemeinden gebracht werden sollte, wurde eine Menge neuer deutscher Antiphonen ins neue Gesangbuch, das GL, gesetzt. Darunter sind eindrückliche Kompositionen, so die Antiphon zum 21./22. Psalm (176.2; 715.1 / 293). Viele dieser Antiphonen aber waren so, daß sie Anlaß gaben zu dem Spruch: «Hier ein Tönchen, da ein Tönchen; fertig ist ein Antiphönchen.»
Zum antiphonalen Psalmgesang gehört eine Regel: jeder Vers enthält eine Mediatio, die gekennzeichnet ist durch eine melodische Formel und die mit einer Pause verbunden ist; diese Pause soll etwa so lang sein wie zwei Töne. Nun hat sich in vielen Pfarrgemeinden, in denen Stundengebet gesungen wird, die Vorstellung ausgebreitet, diese Pause müsse richtig lang sein, müsse wehtun – und das läßt sich besonders gut erreichen, wenn die begleitende Orgel hart aufhört, um dann gleich ebenso hart wieder einzusetzen.
Doch das ist nicht die gute Form antiphonalen Gesangs. Beim Stundengebet von Klöstern, in denen man dieses Gesangs kundig ist, kann man hören, daß diese Pause so abgemessen ist, daß sie hörbar ist und doch nicht weh tut.
Auf die Lesungen folgt je ein Antwortgesang, das Graduale. Das ist ein Responsorium. Responsorien unterscheiden sich deutlich von antiphonalen Gesängen. Während beim antiphonalen Gesang die Verse abwechselnd von zwei Halbchören gesungen werden, werden sie bei einem Responsorium von einem Kantor gesungen. Das ermöglicht eine reichere Melodie. Eine ausgeprägte Pause bei der Mediatio kennen die Verse eines Responsoriums nicht.
Das Wort „Responsorium“ hat doppelte Bedeutung: es bezeichnet das eigentliche Responsorium, einen Kehrvers, ebenso wie den Gesang dieses Kehrverses mit den weiteren Versen als Ganzes. Zu Anfang des Responsoriums wird dieser Kehrvers vom Kantor gesungen und dann von der Gemeinde wiederholt, dann wieder (möglichst) nach jedem Vers wiederholt.
Die Antiphon dagegen muß nur am Ende gesungen werden, wird in der Regel auch (einmal!) am Anfang gesungen, gelegentlich auch zwischen einzelnen Versen, aber immer nur vom Chor.
Ein antiphonaler Psalm schließt in der Regel mit einem Ehre sei (natürlich vor der Antiphon). Ein Responsorium dagegen hat diesen Schluß nur in besonderen Fällen; der Antwortpsalm der Messe hat ihn niemals.
Das GL bietet leider keine Responsorien außer den Kurzresponsorien fürs Stundengebet, die musikalisch ungleich simpler sind als die Gradualia der Messe. Eine Ausnahme bilden nur die Alleluja (Alleluja ist der Kehrvers fürs Responsorium vor dem Evangelium), die hier freilich auch musikalisch sehr simpel sind.
Was also tun, wenn die Kehrverse der Responsorien vom Volk gesungen werden sollen?
Üblich ist dann, einfach eine Antiphon als Kehrvers zu nehmen; die Gesangsweise für die Verse des Responsoriums findet der Kirchenmusiker in seinen Büchern. Hat er das betreffende Buch nicht vor sich liegen, so ist es eine extreme Notlösung, statt dessen die simple Melodie des antiphonalen Psalms zu verwenden. Eine ausgeprägte Pause darf bei den Versen des Graduale nicht eingelegt werden.
Ganz barbarisch aber ist es, hier eine Pause einzulegen, die wehtut.
