Montag, 12. Oktober 2020

Das jüdische Erbe im liturgischen Alltag

Während wir kürzlich, wieder einmal, reichlich Anlaß hatten, über katholisch.de zu nölen, war dort doch auch etwas Sinnvolles zu finden: «Wie Christen jüdisches Leben „normal“ sein lassen können», hieß es.
Der erste Satz – «Das Christentum verdankt sich der jüdischen Tradition» – ist zwar Unfug: das Christentum verdankt sich Christus. Aber der Hinweis «In jedem Sonntagsgottesdienst muss eine Lesung aus der jüdischen Bibel gelesen werden [gemeint ist der „ordentliche“ Usus] – oft wird sie „aus Zeitgründen“ weggelassen» und der Satz «Von Antisemitismus entsetzt sein und die alttestamentliche Lesung weglassen, die biblische Geschichte, den jüdischen Philosophen – das ist ein Widerspruch in sich» sind sehr berechtigt.
Schade nur, daß der Autor – es geht ja um den „ordentlichen“ Usus – nicht den Skandal der Leseordnung dieses Usus angesprochen hat – in kaum drei Wochen wird es uns ja wieder anspringen –, daß aus der Apokalypselesung des Festes (7, 2-14) die zwölf Stämme Israels (vv. 5-8) säuberlich herausgeschnitten sind, obwohl ohne ihre Aufzählung die Zahl „hundertvierundvierzigtausend“ (v. 4) kaum verständlich ist.
Siehe auch: Antijudaïsmus in der Liturgie?

Donnerstag, 8. Oktober 2020

Was ist Laizismus?

Laizismus, das ist die Trennung von Staat und Kirche, wird hierzulande oft geantwortet.
Französische Laizisten sehen das anders. Ich zitiere aus Une religion pour la République von Vincent Peillon (Seuil 2010, hier nach den Auszügen von Alain Escada):

«La laïcité française, son ancrage premier dans l’école, est l’effet d’un mouvement entamé en 1789, celui de la recherche permanente, incessante, obstinée de la religion qui pourra réaliser la Révolution comme promesse politique, morale, sociale, spirituelle. Il faut pour cela une religion universelle : ce sera la laïcité. Il lui faut aussi son temple ou son église : ce sera l’école. Enfin, il lui faut son nouveau clergé : ce seront les hussards noirs de la République. – Der französische Laizismus, seine erste Verankerung in der Schule, ist das Ergebnis einer 1789 begonnenen Bewegung, der ständigen, unablässigen, hartnäckigen Suche nach einer Religion, welche die Revolution als politisches, moralisches, soziales, spirituelles Versprechen wird verwirklichen können. Dafür nötig ist eine universelle Religion: das wird der Laizismus sein. Dafür nötig ist auch ihr Tempel oder ihre Kirche: das wird die Schule sein. Schließlich ist dafür nötig ihr neuer Klerus: das werden die schwarzen Husaren der Republik sein.»
«Toute l’opération consiste bien, avec la foi laïque, à changer la nature même de la religion, de Dieu, du Christ, et à terrasser définitivement l’Église – Das ganze Vorgehen besteht nun darin, mit dem laizistischen Glauben das Wesen selbst der Religion, Gottes und Christi zu verändern und die Kirche endgültig niederzuwerfen.»

Nun ist Vincent Peillon nicht irgendwer; er war von 2012 bis 2014 der französische Minister für Bildung, Jugend und Sport.
Wenn nun – so hat er es am 2. Oktober erklärt – Präsident Macron die Schulpflicht für alle vom Alter von drei Jahren an (entwicklungspsychologisch gesehen eine Monstrosität) einführen will und Schulunterricht daheim strikt begrenzen will, insbesondere auf gesundheitliche Notwendigkeiten, um gegen «die Separatismen» anzugehen, so verstehe ich die Sorgen, die das französischen Katholiken bereitet.

Mittwoch, 7. Oktober 2020

Abenteuer bei der Lektüre von katholisch.de

Der Regens des Limburger Priesterseminars hat eine Predigt gehalten, in der er auf breiter Front die Lehre der Kirche angreift. Eine Pfarrei hat sie auf Facebook veröffentlicht mit dem Kommentar «Eine beeindruckende Predigt», und katholisch.de berichtet darüber ohne (wen wundert es?) jedwede Distanz.
Nichts darin ist neu oder gar originell; dennoch seien ihr (zitiert aus katholisch.de) einige Bemerkungen gewidmet:
«.. Menschen, die nach einer Scheidung in einer neuen Beziehung leben: „Die beiden wollen nicht heiraten, sie wollen einen Segen. Ich darf nicht zu ihnen sagen: So ist es gut.“» – In der Tat nicht, denn, wenn es eine sexuelle Beziehung ist, so ist es nicht gut; das lehrt nicht nur die Kirche von heute, sondern schon das Evangelium (Matth. 5, 31 f.). («Es gibt hierzulande zwei Ansätze, gegen die Krise der Kirche anzugehen; der eine: Mehr Christus, die Welt ihm untergeordnet – der andere: Weniger Christus, mehr Welt», hatten wir einmal geschrieben.)
«.. eines gleichgeschlechtlichen Paares, das sich in einer Gemeinde in vielfältiger Weise engagiert: „Segnen darf ich sie nicht.“» – Doch, er darf sie segnen, nur eben die einzelnen Menschen, nicht ihre Verbindung.
«Theologen, die für das Weiheamt der Frau argumentieren, würden mundtot gemacht.» – Wir erleben es Tag für Tag, daß diese Leute keineswegs mundtot sind; aber die Kirche darf natürlich Theologen, die gegen ihre Lehre reden, in der Kirche nicht das Wort geben.

In einem anderen Artikel wird dagegen raisonniert, daß Laien nicht in der Messe predigen dürfen. Nun, ich etwa könnte zu einem Lesungstext sinnvolle Dinge sagen, sinnvollere als manche Priester und Diakone; nur: ich habe nicht die Autorität dazu, daß als offizielle Verkündigung zu tun. Diese Autorität haben Priester und Diakone durch die Weihe, sie kommt vom Herrn, könnte mir also auch nicht durch eine Sondererlaubnis von einem Amtsträger gegeben werden.
«Zudem kommt es nicht selten zu der kuriosen Situation, dass ein Priester sich bei seiner Homilie einer publizierten Predigtvorlage eines Laien bedienen kann, dieser Laie dieselbe Homilie aber nicht vortragen darf.» – Das ist nicht kurios: wenn der Priester den Text des Laien für gut befindet, ihn sich zu eigen macht und vorträgt, dann ist es nicht mehr der Text des Laien, sondern der des Priesters (das geistige Urheberrecht spielt hierfür keine Rolle).
Grundlegender noch:
«„Wir müssen überlegen, was die Predigt ist, was sie soll und welche Kompetenz man für sie benötigt – unabhängig davon, ob jemand ein Mann oder eine Frau ist.“ Auch Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, hat bereits laut darüber nachgedacht, ob nicht auch begabte Nichttheologen in der Heiligen Messe die Heilige Schrift auslegen könnten.» – In der Tat sollte das überlegt werden; die Antwort: die Predigt ist nicht nur die Mitteilung von Inhalten, sondern Teil der Liturgie. Die Liturgie aber steht unter einem Gesetz, das die Tradition der ganzen Kirche festhält: die liturgische Funktion der Predigt kommt nur dem Priester oder Diakon zu; in den orthodoxen Kirchen ist es ebenso.

Montag, 5. Oktober 2020

Ein Vergleich: Bergkarabach und Kosovo

Diese Länder zeigen deutliche Übereinstimmungen:
 • Beide Länder waren autonomer Teil eines Nachbarlandes, Bergkarabach von Aserbaidschan, das Kosovo von Serbien.
 • In beiden Ländern gehört die Bevölkerungsmehrheit zu einer anderen Nation: in Bergkarabach sind es Armenier, im Kosovo Albaner.
 • Über Jahrzehnte waren die Gegensätze unter Kontrolle dadurch, daß die Staaten einem größeren Bundesstaat angehörten, Aserbaidschan zu Sowjet-Union, Serbien zu Jugoslawien.
 • Bei deren Zusammenbruch gab Gewalttaten von Seiten des Staatsvolks gegen die örtliche Bevölkerungsmehrheit.
 • Daraufhin erklärten sich beide Länder für unabhängig, 1991 Bergkarabach, 1992 das Kosovo.
 • Es kam zum Krieg, beide Seiten erhielten militärische Hilfe von außen.
 • Schließlich wurden beide Länder unabhängig.

Damit aber sind die Übereinstimmungen erschöpft; die Unterschiede sind groß:
 • Militärische Hilfe erhielt Bergkarabach nur vom kleinen Nachbarland Armenien, das Kosovo aber von der NATO.
 • Die Unabhängigkeit Bergkarabachs wird völkerrechtlich bisher nur von Armenien anerkannt; die des Kosovo aber, zunächst nur von Albanien anerkannt, wird, seit es 2008 noch einmal seine Unabhängigkeit erklärt hat, von den meisten westlichen Staaten anerkannt.

Ebenso unterschiedlich ist die Vorgeschichte:
 • Außerhalb der Zeiten der Besetzung durch Perser, Araber, Seldschuken waren Bergkarabach und angrenzende Gebiete immer von Armeniern regiert, bis schließlich ganz Transkaukasien zum russischen Reich kam. Das Kosovo demgegenüber war nie albanisch regiert, sondern mal serbisch, mal byzantinisch und auch bulgarisch, bis es zum Osmanenreich kam.
 • Die Bevölkerung in Bergkarabach und angrenzenden Gebieten war immer ganz überwiegend armenisch, während im Kosovo sich erst im XIX. oder XX. Jahrhundert eine albanische Mehrheit ergab, doch eine große serbische Minderheit bestehen blieb.
 • Beiderseitige Gewalttätigkeiten in der Zeit des Niedergangs und der Auflösung Jugoslawiens und der Sowjet-Union gab es auch im Kosovo (wobei Thema in der westlichen Presse vor allem die serbischen waren), Pogrome und Massaker großen Ausmaßes aber sind nur aus Karabach und Aserbaidschan gegen Armenier bekannt: so kam es 1990 zu einem Pogrom in Baku, 1992 in Bergkarabach zum Massaker von Chodschali und zu dem von Maraga.

Die Unabhängigkeit Bergkarabachs ist nicht weniger begründet, die Unabhängigkeitserklärung nicht weniger gerechtfertigt als die des Kosovo. Aber was folgte, ist sehr unterschiedlich: Das Eingreifen der NATO (mit einem nicht zu rechtfertigenden Bombenkrieg gegen Serbien) und diplomatische Anerkennung durch die meisten westlichen Länder: das hat dem Kosovo Sicherheit gegeben; Bergkarabach dagegen, nur von Armenien anerkannt, ist ohne Schutz einem von der Türkei unterstützten Eroberungskrieg ausgesetzt.
«Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan hatte dem Nachbarland aber zuvor jede Art von Unterstützung zugesichert.» – «In einem offenen Brief an den türkischen Präsidenten schrieb der aserbaidschanische Staatschef, die offenen Worte Erdoğans hätten gezeigt, dass Aserbaidschan „nicht allein steht mit seinem gerechten Anliegen“, die eroberten Gebiete in und um Berg-Karabach herum zurückzugewinnen.» – «US-Präsident Donald Trump, Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron und Kremlchef Wladimir Putin hatten gemeinsam eine sofortige Waffenruhe und einen Dialog gefordert. Während sich Armenien offen dafür zeigte, lehnte Aserbaidschan ab. Aliyew forderte die Rückgabe Berg-Karabachs ...» (SZ)