Freitag, 16. April 2021

Mißbrauchte und mißgebildete Fremdwörter

Als Hans Weigel 1974 sein „Antiwörterbuch“ „Die Leiden der jungen Wörter“ veröffentlichte, brauchte er sich fast nur über stilistisch unpassende Wörter zu ereifern. Hans Weigel ist vor fast dreißig Jahren gestorben; was seither die deutsche Sprache überschwemmt hat, sind nicht nur stilistische Mängel, sondern sinnlos gebrauchte und mißgebildete Fremdwörter.
Er braucht sie nicht mehr zu ertragen, kann dazu nicht mehr Stellung nehmen. So haben wir uns an die ersten Einträge einer Art neuen „Antiwörterbuchs“ gemacht.
Neue Beiträge sind willkommen.

Donnerstag, 15. April 2021

Der Mietendeckel

Das Bundesverfassungsgericht hat den Mietendeckel des Landes Berlin aufgehoben. Aber es hat nicht dessen Inhalt beanstandet; darum liegt die Verantwortung nun anderswo.
Einige Worte darüber finden sich bei Orietur Occidens.

Montag, 12. April 2021

Verhüllte Erscheinungsberichte

Unter den Erscheinungsberichten im Neuen Testament sind mehrere, in denen der Herr nicht sogleich erkannt wurde. Es sind schöne Erzählungen; aber daß er zunächst nicht zu erkennen ist, mag manchem auch Raum für Zweifel geben. Deren Vorkommen sei nun nachgegangen.

Mittwoch, 7. April 2021

Die Bezeugung der Auferstehung im Neuen Testament

Die Auferstehung des Herrn selbst hat kein Mensch gesehen; was berichtet wird, das ist das leere Grab und das sind die Erscheinungen des Auferstandenen.
Doch auffällig ist: das wohl älteste Evangelium, das Markus Evangelium, kennt in seiner ursprünglichen Fassung keine Berichte von diesen Erscheinungen. Es endete ursprünglich mit Kapitel 16, Vers 8: die Frauen fanden das leere Grab vor, hörten die Botschaft des Engels – und flohen.
Die Verse 9 bis 20 sind nachträglich hinzugefügt, aber schon sehr früh: auch in ihnen wird von den Emmaus- Jüngern berichtet, aber unabhängig vom Lukas Evangelium, denn diesen Versen zufolge (v. 13) fanden die Emmaus-Jüngern keinen Glauben, während sie im Lukas Evangelium (24, 33 f.) schon mit der Nachricht empfangen wurden, daß der Herr dem Simon erschienen ist.
Paulus dagegen (I. Kor. 15, 2-8) berichtet ausführlich von den Erscheinungen, erwähnt aber das leere Grab nicht. Vorher dieser Unterschied?
Das leere Grab löste Erschrecken aus, was es bedeutet, war nicht zu begreifen; aber es war öffentlich sichtbar. Die Erscheinungen (wenn auch bei einigen der Herr nicht gleich zu erkennen war) boten einen überwältigenden Eindruck; so wurden sie die Grundlage des Glaubens der Jünger. Doch sie waren eben den Jüngern vorbehalten, während das leere Grab damals jeder sehen konnte. Darum waren die Erscheinungen für die Verkündigung in der Kirche und somit auch für die Briefe des Paulus entscheidend, das leere Grab aber war es für die Verkündigung nach außen.
Hat Markus sein Evangelium vor allem als missionarische Schrift verfaßt? Oder war es so gemeint, daß (ich habe in Erinnerung, daß Hans-Joachim Schulz (Die apostolische Herkunft der Evangelien. Freiburg 1995) es so gedeutet hat) auf die Lesung des ursprünglichen Schlusses des Markus-Evangeliums jeweils der Auftritt der Zeugen folgte? Jedenfalls gründete die Glaubwürdigkeit der Erscheinungen in der Öffentlichkeit zunächst darauf, daß Augenzeugen zur Verfügung standen.

Die Feier der Ostertage

Der Höhepunkt der Ostertage ist seit ältester Zeit natürlich der Ostersonntag. Doch wie das jüdische Fest der ungesäuerten Brote umfaßte auch das christliche Osterfest von Anfang an eine ganze Festwoche, alle Tage der Osterwoche sind in den Diatagaí von ungefähr der Wende des IV. Jahrhunderts arbeitsfreie Tage (Entwicklung und Vollendung des römischen Kirchenjahrs). In den Quellen des Hochmittelalters sind die ersten drei Tage der Woche Hochfeste, die übrigen vier Tage einfache Feste, vom Rang eines Sonntags. Daher wird jetzt noch die monastische Vesper (ich habe die aus Le Barroux mitgebetet) von heute an mit schlichteren Melodien gesungen; und sie wird auch nicht mehr vom Pontifikalsegen des Abtes beschlossen.
1642 beschränkte Papst Urban VIII. die gebotenen Feiertage in der Osterwoche auf deren erste drei Tage, und mit dem CIC von 1917 wurden sie schließlich auf den Sonntag beschränkt. Festlichen Charakter aber hat die ganze Osterwoche bis heute.

Die eindrücklichste Osterpredigt meines Lebens

Uns allen hatte sich tief eingeprägt, auf die gesungenen Akklamationen, das Alleluja und ähnliches singend zu antworten. Das ist die große Herausforderung für die Liturgie in den Zeiten der Beschränkungen. Man hilft sich, indem man die Akklamationen nur spricht, sie auch, so zur Weihe der Osterkerze, ganz ausläßt. Unschöne Einschränkungen, aber es wird doch eine würdige Liturgie daraus.
Den Höhepunkt erreicht sie am Ostermontag. Es beginnt damit, daß von Kantor und einem zweiten Sänger das Victimæ paschali gesungen wird, auf Latein.
Nach der Kommunion dann höre ich die eindrücklichste Osterpredigt meines Lebens, nicht vom Priester, sondern vom Kirchenmusiker, nicht mit Worten, sondern mit Orgeltönen. Gesungen wird „Preis dem Todesüberwinder“, dem hier gebräuchlichen Text von „Alleluja, laßt uns singen“. Als Vorspiel improvisiert der Kantor eine Orgelphantasie über dieses Lied, die die Größe des Geschehens und die Begeisterung darüber in einer Weise erklingen läßt, wie es keine gesprochene Predigt könnte. Danke!

Samstag, 3. April 2021

Kartage in Zeiten des Confinement

Vorletztes Jahr konnte ich an der Osternacht nicht teilnehmen, weil ich Dienst hatte, letztes Jahr gab es nur elektronisch vermittelten Zugangzu den Gottesdienstes der Karwoche und der Ostertage. Um so mehr liegen mir die Gottesdienste dieses Jahres am Herzen.
Der Palmsonntag begann vielversprechend: wir durften zur Passion stehen bleiben. Leider wurde nur die Kurzfassung der Passion gelesen.
Für die Gottesdienste des Triduum sacrum habe ich die nahegelegene Kirche in unserem Gründerzeitviertel gewählt, teils um der späten Uhrzeit willen, teils, um die Propstei zu entlasten, für die es schon sehr viele Anmeldungen gab.
Am Gründonnerstag mußten wir auf die zweite Lesung verzichten, das heißt, auf den Bericht von der Einsetzung des Abendmahls. Für den Karfreitag, so wurde uns gesagt, sei eigentlich ein Gottesdienst zusammen mit der evangelischen Nachbarpfarrei geplant gewesen, der dann der geltenden Einschränkungen wegen doch nicht gemeinsam stattfinden konnte; dieser Plan habe jedoch Spuren hinterlassen in der Durchführung der nun getrennten Gottesdienste.
Angekündigt wurde, daß deshalb die Kreuzverehrung nicht stattfinden werde. Statt dessen bekam jeder eine Postkarte mit einem Bild von einem Kreuz (ohne Kruzifix) für die private Kreuzmeditation.
Dafür, daß der ursprünglichen Planung der gemeinsamen Feier mit der evangelischen Nachbarpfarrei wegen nun die Kreuzverehrung ausfällt, weiß ich nur eine Erklärung: daß das Kreuz unserer Kirche der evangelischen Kirche für eine dortige Kreuzverehrung ausgeliehen wurde – daß evangelischen Kirchen ein geeignetes Kreuz fehlt, ist durchaus vorstellbar. Aber daß es in unserer katholischen Kirche mit all ihren Gemeinderäumen kein zweites geeignetes Kreuz gibt, ist verwunderlich.
Und zum Schluß fiel auch die Kommunionausteilung weg. Ich bin darauf nach Hause gegangen und konnte noch vom letzten „Ecce lignum crucis“ an die Kreuzverehrung in Le Barroux mitverfolgen – ein großartiges Glaubenszeugnis; aber das ersetzte natürlich nicht die leibliche Teilnahme.

Montag, 22. März 2021

Die zwei Heiligen des heutigen Tages

Zwei große Heilige werden heute gefeiert: der heilige Vater Benedikt, weil gestern sein Fest vom Passionssonntag verdrängt wurde, es deshalb heute in den Kirchen seines Ordens nachgefeiert wird, und der selige Bischof Clemens August Kardinal v. Galen, der zwar noch nicht heiliggesprochen ist, was aber seiner Heiligkeit keinen Abbruch tut.
Ecce quomodo moritur justus – Prof. Sunder-Plaßmann, der aus Bonn angereiste ärztliche Spezialist, erklärte, er werde zeit seines Lebens den Kardinal, den er während der Tage der Krankheit immer wieder zu beobachten Gelegenheit gehabt habe, als Heiligen verehren (Heinrich Portmann: Kardinal von Galen / Ein Gottesmann seiner Zeit, S. 315).
«Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und lügnerisch alles Böse euch nachsagt um meinetwillen» – Heilige ziehen Verleumdung auf sich, auch von seiten katholischer Theologen. Um diesen Verleumdungen entgegenzutreten, haben wir aus leicht zugänglichen Quellen einiges zusammengetragen über Bischof Clemens August Graf v. Galen, das NS-Regime und die Juden.

Die letzten Worte des Kardinals

Heute vor 75 Jahren verlor nachmittags Bischof Clemens August das Bewußtsein; seine letzten Worte: «Wie Gott es will! Gott lohne es euch! ... Für Ihn weiterarbeiten ... o, Du lieber Heiland!»
Gegen 5 Uhr nachmittags starb er.
Quelle: Heinrich Portmann: Kardinal von Galen / Ein Gottesmann seiner Zeit. Münster 1948

Samstag, 20. März 2021

Die letzten Tage des Kardinals

Vor 75 Jahren: «Die Berichte der Ärzte wurden von Tag zu Tag ernster. Klaren und ruhigen Bewußtseins ging der Kardinal seinem Endziel entgegen. ... In dieser Ergebenheit dankte er allen, die Tag und Nacht nicht müde wurden, zu tun, was menschliche Kraft ... aufzubieten vermag ...»
Es ist eine große Liebe, mit der Heinrich Portmann als Augenzeuge Bischof Clemens Augusts letzte Tage schildert (Kardinal von Galen / Ein Gottesmann seiner Zeit. Münster 1948).

Freitag, 19. März 2021

Die Sterbesakramente

Heute vor 75 Jahren wurden morgens zwei Ärzte geholt; sie ordneten an, Bischof Clemens August ins Krankenhaus zu bringen. Als der Krankenwagen gekommen war, wies der Bischof auf das Cæremoniale Romanum, das aus Rom mitgebracht worden war: «Darin können Sie nachlesen, wie ein Kardinal begraben wird.» Im Krankenhaus empfing Bischof Clemens August die Sterbesakramente. Er merkte an: «Heute ist mein Tauftag, das Fest des heiligen Joseph, des Patrons der Strebenden.»
Als alle das Krankenzimmer verlassen hatten, rief er einen der Priester, seinen Kursusgenossen, zurück: «Wenn es diese Nacht zum Sterben geht, mußt du aber kommen, ich möchte dann nicht gern allein sein.»
An diesem Abend noch wurde er operiert; es zeigte sich ein durchgebrochener Blinddarm mit Darmlähmung.

Donnerstag, 18. März 2021

Sein letztes Meßopfer

Heute vor 75 Jahren – es war Montag – zelebrierte Bischof Clemens August seine letzte Messe. Bald danach zog er sich in sein Zimmer zurück, um auszuruhen, ohne noch etwas zu essen; doch er weigerte sich, einen Arzt hinzuzuziehen oder sich auch nur ins Bett zu legen.

Mittwoch, 17. März 2021

Sein letztes Pontifikalamt

Heute vor 75 Jahren – es war Sonntag – feierte Bischof Clemens August in Heilig Kreuz in Münster sein letztes Pontifikalamt. Danach zeigte er sich erschöpft, er hatte Schmerzen; abends konnte er nichts mehr essen.

Dienstag, 16. März 2021

ZdK und Glaube

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg befindet, daß eine «„Verheutigung“ der katholischen Lehre, wie sie Moraltheologen seit langem fordern,» «nicht einfach abgelehnt werden» dürfe. «Stattdessen plädiert das ZdK für „eine Weiterentwicklung der Lehre mit tragfähigen Argumenten“.»
Eine andere Meinung – die ich teile – ist, daß ein Mann, der vor etwa 1990 Jahren gekreuzigt wurde, wiederkommen wird, «zu richten über Lebende und Tote.» Geht jemand davon aus, daß Er sich dabei einer verheutigten und weiterentwickelten Lehre unterwerfen werde?

Münsters größter Tag

Heute vor 75 Jahren feierte das zerstörte Münster ein Freudenfest, wie es die Stadt seither nicht mehr erlebt hat: an diesem Tag, seinem 68. Geburtstag, zog Bischof Clemens August Graf v. Galen als Kardinal in die Stadt ein.
Mein Vater allerdings, der sich zu diesem Anlaß auf die angesichts der damaligen Verkehrsverhältnisse lange Fahrt dorthin gemacht hatte, sah dem Bischof schon an diesem Tag die tödliche Krankheit an.

Freitag, 12. März 2021

Antoine de Saint-Exupéry hatte mehr zu sagen als der zu Tode zitierte Fuchs

Als seine Kräfte schwanden, fühlte sich Giuseppe Tomasi di Lampedusa nicht mehr imstande, in seinem „Gattopardo“ seine Gedanken erzählerisch darzustellen, weswegen er sie gegen Ende des Romans einfach Padre Pirrone in den Mund legte – womit er selber ganz unzufrieden war, wie sein Adoptivsohn Gioacchino Lanza Tomasi (in seinem Vorwort zur Ausgabe von 1969) berichtet.
Ähnlich scheint es Antoine de Saint-Exupéry, bei seinen „Petit Prince“ ergangen zu sein: an einer Stelle hörte er auf zu erzählen und legte seine Gedanken einfach dem Fuchs in den Mund – literarisch ein gewaltiger Abstieg.
Antoine de Saint-Exupéry wird in frommen Kreisen und selbst bei Predigten oft zitiert, und fast immer aus dieser schwächsten Stelle des Buchs («Man sieht auch mit dem Herzen gut»).
Aber der Mann hatte auch anderes zu sagen. So etwa:
« Il n’y a qu’un problème, un seul de par le monde : rendre aux hommes une signification spirituelle. Faire pleuvoir sur eux quelque chose qui ressemble à un chant grégorien. Si j’avais la foi, il est bien certain que je ne supporterais plus que Solesmes. – Es gibt nur ein Problem, ein einziges auf der ganzen Welt: den Menschen eine spirituelle Bedeutung zurückzugeben. Etwas auf sie regnen zu lassen, das einem gregorianischen Gesang gleicht. Wenn ich den Glauben hätte, so wäre es ganz gewiß, daß ich nur noch Solesmes ertrüge. »
(Antoine de Saint-Exupéry, « Lettre au Général X », in: Figaro Littéraire vom 10 April 1948)

Dienstag, 9. März 2021

Frauentag

war gestern, in Berlin neuerdings gesetzlicher Feiertag, weshalb auch hierzulande die Tageszeitung nicht gekommen ist.
Frauentag: ein interessanter Gedanke, nur das Datum ist ganz ungünstig, zumeist tief in der Fastenzeit.
Mein Vorschlag: Frauentag als bundeseinheitlicher Feiertag am 15. August.

Altbackene moderne Theologie als Tragikomödie

„Junge Frauen“ in der Kirche haben einen Fürsprecher gefunden: den (nicht mehr so jungen) Theologen Zulehner, den katholisch.de ausführlich zitiert.
„Junge Frauen“ «hätten immer weniger „gute Gründe“, Teil der Kirche zu sein oder zu bleiben, sagte er im Interview der „Kleinen Zeitung“ (Sonntag) zum Weltfrauentag an diesem Montag.» Bei Licht betrachtet haben sie ebenso gute Gründe wie eh und je und wie alle anderen Menschen auch: in der Kirche ist der Herr zu finden, das heil zu finden.
«Der Theologe Paul Zulehner warnt vor einem Rückzug junger Frauen aus der katholischen Kirche.»
Eigentlich müßte er doch sagen: er «warnt junge Frauen vor einem Rückzug aus der katholischen Kirche.»
Aber liest man seine Worte einmal gegen den Strich, so zeigt sich, daß solch eine Warnung vielleicht gar nicht vonnöten ist:
«Sichtbar werde das Fehlen der jüngeren Frauengeneration in der Kirche auch bei den Mitgliedern der in Deutschland gestarteten Initiative „Maria 2.0“, wo es eher Vertreterinnen „aus der mutigen Konzilsgeneration“ gebe.»
Das heißt, so darf ich hoffen, daß die jungen Frauen, die heute noch in der Kirche sind, wirklich glauben, daß sie in der Kirche den Herrn suchen und mit Ihm auch seine Mutter, und zwar ohne „2.0“.

Mittwoch, 3. März 2021

Noch einmal zur „geschlechtsinklusiven“ Sprache

Nachdem wir uns vor drei Monaten der Tragödie (zu Lasten der deutschen Sprache) gewidmet hatten, liefert nun ein Leserbrief an eine Zeitung, die sich in solcher Sprache versucht, das Satyrspiel dazu: wie lautet der „geschlechtsinklusive“ Plural von „Ministerpräsident“?
Orietur Occidens ist der Frage gefolgt.

Mittwoch, 17. Februar 2021

Die moralische Versuchung des Predigers

Wunderberichte der Evangelien haben oft moralische Nebenaspekte, die ein ergiebiges Reservoir an Themen für Predigten bieten.

Da ist die Heilung eines Blinden (Mc. 10, 46-52; Lc. 18, 35-43; ähnlich Mtth. 20, 30-34): als er Jesus um Erbarmen («eleïson») gebeten hat, fragt Jesus noch nach, was er wolle; und erst als er es gesagt hat – daß sie wieder sehen können –, tut Jesus dieses Wunder.
Das Thema für den Prediger: man müsse erst klar wissen und auch aussprechen, was man will, dann erst könne es geschehen.
Aber: bei den meisten Wundern hat Er nicht weiter nachgefragt. Dem Gelähmten, der durchs Dach herabgelassen wurde (Mtth. 9, 2-8; Mc. 2, 2-12; Lc. 5, 18-26), vergab Er seine Sünden, worum niemand gebeten hatte und was niemand erwartet hatte; und erst nach einer Erläuterung tat Er das Wunder, das man erhofft, aber immer noch nicht ausdrücklich erbeten hatte.

Nach der Heilung jenes Blinden sagt Jesus: «Dein Glaube hat dich geheilt», einen Satz, den Er auch nach mehreren anderen Wundern sagt.
Das Thema für den Prediger: das, was eigentlich heilt, sei der Glaube.
Aber: bei den Brotvermehrungen hat zuvor niemand mit dem Wunder gerechnet, niemand einen Glaubensvorschuß geleistet. Und beim Weinwunder von Kana (Joh. 2, 1-11) hat nur Maria geglaubt, daß Jesus mit einem Wunder eingreifen könnte – und die war ja gar nicht die eigentliche Nutznießerin des Wunders. «Seine Jünger glaubten an ihn», steht am Ende des Berichts: der Glaube ging nicht dem Wunder voraus, sondern wurde durch ihn gestärkt.

Ein Aussätziger bittet um Heilung (Mtth. 8, 2; Mc. 1, 40-45; Lc. 5, 12-16). Jesus berührt ihn und heilt ihn.
Das Thema für den Prediger: Jesus berührt den, der aus der menschlichen Gesellschaft ausgestoßen ist, der für die anderen unberührbar ist; ja, Jesus macht sich sogar selbst unrein, indem er ihn berührt.
Aber: sobald Jesus ihn berührt, ist der Mann geheilt, ist er rein. Die Vorschriften des Gesetzes über die Unreinheit von Aussätzigen stellt Jesus nicht in Frage; im Gegenteil: er trägt dem Geheilten auf, sich dieser Vorschrift gemäß dem Priester zu zeigen. Jesus wird von Schriftgelehrten manches vorgehalten: daß Er am Sabbat heilt, daß seine Jünger am Sabbat Ähren rupfen (Lc. 6, 1), daß sie mit ungewaschenen Händen essen (Mtth. 15, 2; Mc. 7, 8); aber daß Er nach der Berührung mit dem Aussätzigen nun selber unrein sei, kommt offenbar keinem Schriftgelehrten in den Sinn.

Es ist zu verstehen, daß Prediger bei jedem Wunder im Sonntagsevangelium einen besonderen Aspekt für ihre Predigt suchen; darum ist es erlaubt, solche moralischen Aspekte in den Blick zu nehmen. Aber schon bei der erwähnten Heilung des Aussätzigen zeigt sich, daß auch etwas ins Evangelium hineingelesen wird, was gar nicht darin steht.
Die schwererwiegende Gefahr aber ist, daß die eigentliche Bedeutung der Wunder aus dem Blick gerät: die göttliche Macht Jesu zu zeigen, die sich in den Wundern zeigt. Als Johannes, der Täufer, Jesus fragen läßt, ob Er der sei, der da kommen wird, beruft Jesus sich auf seine Wunder, um sich als Messias auszuweisen (Mtth. 3-5; Lc. 7, 19-22); und wenn Er auch sagt: «Selig sind die, die nicht sehen und [doch] glauben» (Joh. 20, 29), so sagt er an anderer Stelle (Joh. 10, 37 f.): «Wenn ich nicht die Werke meines Vaters tue, glaubt ihr mir nicht. Wenn aber ich sie tue: auch wenn ihr mir nicht glauben wollt, glaubt den Werken, damit ihr erkennt und glaubt, daß in mir der Vater ist und ich im Vater.»

Besonders entstellend ist solche moralische Auslegung bei den Brotvermehrungen (Mtth. 14, 13-21; Mc. 6, 30-44; Lc. 9, 10-17; Joh. 6, 1-13; Mtth. 15, 32-39; Mc. 8, 1-10).
Die Sicht manches Predigers: Als die Jünger hervorgeholt hatten, was der Junge bei sich hatte (Joh.) / sie bei sich hatten (Synopt.), und es auszuteilen begonnen hatten, hätten alle ihren Proviant ausgepackt, und so seien alle satt geworden.
Aber: dadurch würden die vorherigen sorgenvollen Überlegungen und Besprechungen der Apostel, wie die Evangelien sie schildern, ad absurdum geführt; und Jesu späterer Hinweis auf das Verhältnis der Zahl der ausgeteilten Brote und der der Körbe mit eingesammelten Bröckchen (Mtth. 16, 9 f.; Mc. 8, 19 f.) wäre dieser Sicht nach belanglos. Diese Sicht tut den Evangelientexten Gewalt an – und doch ist sie mir nicht nur einmal begegnet.
Die Berichte von den Brotvermehrungen haben in den Evangelien besonderes Gewicht: kein anderes Wunder als die erste Brotvermehrung wird in allen vier Evangelien berichtet; und auf keine anderen Wunder geht Jesus selber danach noch so ausführlich ein (deswegen ist auch von zwei Brotvermehrungen auszugehen und nicht etwa von einer, die in zwei Evangelien je zweimal, jeweils etwas anders, erzählt würde).
Und sie stehen jeder psychosomatischen Erklärung, wie sie bei den Heilungen denkbar wäre, entgegen.
So erhebt sich der Verdacht, daß manch einer sie weginterpretieren will, weil er nicht Jesu göttliche Vollmacht auch über die Natur – «Welch einer ist dieser, daß auch die Winde und das Meer ihm gehorchen?» (Mtth. 8, 27) – anerkennen will.
Und so erlaube ich mir Vorbehalte gegen moralische Ausdeutungen von Wunderberichten, und ich bin dankbar für die klare Aussage der Berichte von den Brotvermehrungen.

Samstag, 16. Januar 2021

Warum wir der alten deutschen Rechtschreibung folgen

– hier ist es begründet, unter dem Thema des Triumphzugs der Dummheit durch unsere Kulturlandschaft, auf einer Seite, auf der auch dargestellt ist, was eigentlich abendländisch ist.

Und: ex Oriente lux – damit auch das Morgendland gebührende Erwähnung findet:
Das Wort „téktōn“ wird ins Deutsche üblicherweise mit „Zimmermann“ übersetzt. Und so sieht man auf deutschen Bildern der Heiligen Familie oft eine Werkstatt mit Säge und Hobel. Aber Joseph war kein Schreiner, er war Tekton. Was aber war die Arbeit eines Tekton im alten Galiläa? Da unmittelbare Zeugen nicht mehr befragt werden können, habe ich versucht, einer Antwort näherzukommen, indem ich Aramäer aus einer benachbarten Landschaft gefragt habe.

Mittwoch, 13. Januar 2021

Taufe des Herrn

Bis ins XVII. Jahrhundert war der heutige Tag, der Oktavtag von Epiphanie gebotener Feiertag, dem Gedenken der Taufe des Herrn gewidmet.
Heute noch festlich begangen und dankenswerterweise von dort übertragen wird er in Le Barroux; so kann ich ihn ein wenig mitfeiern.

Montag, 11. Januar 2021

Corona und Gesang

Von verschenkten Chancen: «.. Wenn die eigene Inbrunst so untrennbar ans Singen unliturgischer Texte gebunden ist, dass ich ohne sie meine, die Messe sei nicht wirklich vollständig, dann ist man von mündigem Mitvollzug weiter entfernt als damals, als man noch unschuldig Rosenkranz während der Messe hat beten können. ...»

Freitag, 8. Januar 2021

Segnungsfeiern für Verbindungen der besonderen Art

«Was passiert, wenn Paare ihre Beziehung unter den Segen Gottes stellen wollen, eine kirchliche Trauung aber nicht möglich ist?» – gemeint ist: wenn Paare den Segen der Kirche für Verbindungen wünschen, die den Geboten des Herrn widersprechen. Lange Zeit war es klar, wie die Kirche da vorgegangen ist: sie hat zur Umkehr aufgerufen. Jetzt aber verbreitet katholisch.de eine andere Idee: «Ein Buch stellt Abläufe für Segnungsfeiern zusammen».
Daß dann noch hinzugefügt wird: «die in der Praxis so gefeiert werden,» ist ebenso sachlich richtig wie beunruhigend.

Dienstag, 5. Januar 2021

Das Menschenrecht auf Leben

Die Richterin Nancy Poser in einem Interview (Richterin über Triage: „Wir werden als Erste geopfert“. taz vom 23.12.2020): «Und da hat aber das Bundesverfassungsgericht ganz klar gesagt: Das geht nicht. Ich darf selbst den totgeweihten Leuten im Flugzeug ihre Überlebenswahrscheinlichkeit, so minimal sie auch sein mag, nicht nehmen, um andere zu retten, weil ich sie damit zum Werkzeug degradiere und ihnen so die Menschenwürde nehme. Mit diesem Grundsatz bin ich auch groß geworden, als Mensch und als Juristin. Ich habe seit dem ersten Semester Jura gelernt, dass man Leben nicht gegen Leben abwägen kann, egal welche Chance man diesem Menschenleben beimisst.»
Wenn diesen hehren Grundsatz unseres Verfassungsrechts auch auf ungeborene Kinder angewendet würden ...