Donnerstag, 3. Oktober 2019

Ein sonderbarer Feiertag

Als „Tag der deutschen Einheit“ wurde 1953 der 17. Juni zum Feiertag erklärt.
Sinn eines Feiertags ist es, eines bedeutenden Geschehens zu gedenken, es zu feiern: so wurde am damaligen „Tag der deutschen Einheit“ des Arbeiteraufstands in der DDR an diesem Tag gedacht – jenes Aufstands, der Bertolt Brecht zu den berühmten Versen veranlaßte: «Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?»
Wieder kam es im Spätsommer und Herbst 1989 in der DDR zu einem Aufstand des Volks gegen die Regierung, der seinen Höhepunkt mit der sechsten Montagsdemonstration am 9. Oktober in Leipzig erreichte, der friedlichen Versammlung der Siebzigtausend – der Angst vor der „chinesischen Lösung“ zum Trotz, vor einem Massaker wie drei Monate zuvor in Peking. Diese Demonstration bedeutete das Ende der Alleinherrschaft der SED und öffnete den Weg zur künftigen deutschen Einheit.
Doch als im nächsten Jahr es wirklich zu dieser deutschen Einheit kam, wurde als neuer die„Tag der deutschen Einheit“ nicht etwa der 9. Oktober ausgerufen, sondern der 3. Oktober, ein Tag, der keine eigene Bedeutung gehabt hatte (an das Fest der heiligen Märtyrer Ewald & Ewald an diesem Tag dachte anscheinend kein Politiker), sondern durch einen einfachen Rechtsakt zum Tag der Wiedervereinigung festgelegt worden war.
Warum dieser sonderbare Feiertag ohne eigenen Anlaß?
Ein Verdacht drängt sich auf: mehr und mehr wurde in jener Zeit der Eindruck erweckt, die Wiedervereinigung sei nicht das Werk des Volks der DDR, sondern des „Einheitskanzlers“, der in Wirklichkeit zunächst diese Wiedervereinigung erschwert hatte, indem er Bedingungen gestellt hatte, die aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zu erfüllen waren – doch dann gab die sowjetische Regierung in einem Maße nach, das zuvor kaum vorstellbar gewesen war; so fiel dem „Einheitskanzler“ die Wiedervereinigung wie eine reife Frucht in den Schoß.
Doch nun wurde der Blick auf die Geschichte umgearbeitet: Aus dem friedlichen Aufstand der DDR-Bevölkerung wurde die „Wende“, in offenkundiger Erinnerung an Helmut Kohls „geistig-moralische Wende“ aus den früheren achtziger Jahren, die freilich wenig Geistiges, wenig Moralisches an sich gehabt hatte; der 3. Oktober wurde zum „Tag der deutschen Einheit“, ein Tag so kurz vor dem 9. Oktober, daß er geeignet war, dem Gedenken an diesen Tag das Wasser abzugraben.

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