Samstag, 3. Januar 2026

Das Canticum Benedictus
– eine Anfrage an die Musiker –

Aus der altgallikanischen Liturgie ist überliefert, daß nach der Epistel das Benedictus (Dan. 3, 52-56) gesungen wurde.
In der römischen Liturgie wird dieses Canticum am Quatembersamstag vor Oration und Epistel gesungen. Die Frage ist, ob der Gesang dieses Canticum an diesen beiden Stellen auf einen gemeinsamen Ursprung zurückgeht oder ob dieser Gesang in Rom aus der altgallikanischen Liturgie übernommen wurde.
Lange habe ich gemeint, daß es ein gemeinsamer Ursprung sei; doch nun erscheinen mir die Belege überzeugend, daß der römische Gesang aus dem altgallikanischen übernommen wurde.
In den ältesten Belegen für die Liturgie des Quatembersamstags erscheinen die Daniel-Lesung und das Canticum noch nicht.
Sodann: ein Graduale in der römischen Liturgie – dessen Stelle das Canticum hier vertritt –, enthält niemals ein Gloria Patri
Gloria Patri
. Hier aber erscheint es; es widerspricht also den Gesetzen des römischen Ritus.
Außerdem: die Cantica aus Daniel enthalten im römischen und ebenso im byzantinischen Ritus niemals ein Gloria Patri, sondern stattdessen steht da – sowohl im Benedicite der Laudes als auch in den Benedictus-Versen in den Preces der Komplet (R.B. c. XVII) – Benedicamus Patrem.
N.B.: Benedicamus Patrem et Filium cum Sancto Spiritu * laudemus et superexaltemus eum in sæcula – eine schöne Darstellung der Dreifaltigkeit.
Aber auch die Gesangsweise wirkt wenig gregorianisch. Ist sie altgallikanisch?

Zum Vergleich:
Das Credo wurde in Rom nicht gesungen, bis es 1014 auf Wunsch von Kaiser Heinrich II. dort eingeführt wurde, mit dem Filioque, das zuvor in Rom nicht gebräuchlich war. Die erste musikalische Gestalt des Credo war in Rom wohl das heutige Credo I. Woher kommt es?
Zur uns bekannten Form der altgallikanischen Liturgie gehörte kein Credo, wohl aber zur visigothischen (moçarabischen), die mit ihr nahverwandt war (Missale Gothicum heißt eines der wichtigsten Dokumente der altgallikanischen Liturgie). Kam das Credo I etwa dorther? Oder von den Iren? Leider wissen wir ganz wenig von der keltischen Liturgie.
Klar scheint, daß es im gallikanisch-gothisch-fränkischen Raum entstanden ist. Darum also die Frage an die Musiker:
Läßt sich ein musikalischer Stil erkennen, der das Benedictus (iij puerorum) mit dem Credo I verbindet und somit ein letztes Zeugnis wäre des vorgregorianischen Kirchengesangs im gallikanisch-fränkischen Raum?