Mittwoch, 16. Februar 2011

Papst Pius XII. – das Nachspiel

Am 9. Oktober 1958 starb Papst Pius XII. Unter seinem Pontifikat hat das Ansehen des Papsttums in der Welt einen Höhepunkt erreicht; Pinchas Lapide zitiert Danksagungen jüdischer Persönlichkeiten am Ende des Krieges und nach dem Tod des Papstes in großer Menge.
Zu seinem Nachfolger wurde am 28. Oktober Kardinal Roncalli gewählt: Johannes XXIII.
Msgr. Angelo Giuseppe Roncalli war der Diplomat, der sich wohl am erfolgreichsten im Dienst des Papstes für die verfolgten Juden eingesetzt hatte. Und seine menschliche und geistliche Qualität ist unbestritten – eine wirklich heiligmäßige Persönlichkeit.
Aber er erlangte bald ein Ansehen, das das seines Vorgängers in einer breiten Öffentlichkeit noch in den Schatten stellte. Und es stellt sich da die Frage: wieviel hatte dieses Ansehen mit der Person des neuen Papstes zu tun, wieviel davon hat andere Gründe?
Papst Johannes XXIII. war eine Sphinx. Er war der Papst, der das «Aggiornamento» ausrief und diesem mit dem II. Vaticanum den Weg bereitete, aber auch der, unter dessen Pontifikat Arbeiterpriester definitiv verboten wurden, auch der, der im selben Jahr, in dem er dieses Konzil eröffnete, mit seiner Apostolischen Konstitution «Veterum sapientia» Unterricht auf Latein in den Seminarien anordnete.
Zwei Taschenbücher mit Texten von Johannes XXIII. habe ich: das «Geistliche Tagebuch» (Freiburg 1964) und eine Anekdotensammlung: Henri Fesquet: «Ich bin ja nur der Papst» (Frankfurt 1965; Freiburg 1975). Die Persönlichkeit, die sich im geistlichen Tagebuch zeigt – ein frommer, demütiger, scheinbar etwas trockener Priester –, hat keine Ähnlichkeit mit dem launigen, recht scharfzüngigen Urheber der Anekdoten (so bezeichnete er Kardinal Montini einmal als «Unseren Hamlet»). Auch wenn man davon ausgeht, daß das Tagebuch sicher authentisch ist, Anekdoten dagegen oft zweifelhaft sind, so bleibt die Frage: wie kann einem der Kirche so treuen Mann der Ausspruch unterschoben werden: «Es gilt, den kaiserlichen Staub, der sich seit Konstantin auf den Thron des heiligen Petrus gesetzt hat, abzuschütteln» («An einen Botschafter» wird nur als Quelle zitiert).
Offensichtlich wurde die wirkliche Herzlichkeit und Unkonventionalität Johannes’ XXIII. von einem gewissen Geist der Zeit instrumentalisiert, ihn gegen seinen Vorgänger und letztlich gegen die Kirche in Stellung zu bringen – worum er nicht gebeten hatte und was seiner Haltung durchaus nicht entsprochen haben dürfte.
Aber es war nicht nur der anonyme Zeitgeist; auch ganz konkrete Personen mischten mit. In der Einleitung der Anekdoten schrieb der Herausgeber, Georg Huber zitierend: «wenn Papst Pius XI. Ehrfurcht, Papst Pius XII. Bewunderung einflößten, so weckte Johannes XXIII. Zuneigung; ja mehr noch – Liebe.» Und: «Er war der einzige Papst dieses Zeitalters, von dem auch ein kommunistischer Arbeiter sagen konnte: „Das ist ein Mann, mit dem ich gerne ein Glas an der Theke trinken möchte.“»
Natürlich ist das so falsch. Hier wird ein imaginärer kommunistischer Arbeiter ins Spiel gebracht – welche Liebe ein wirklicher kommunistischer Arbeiter zu Papst Pius XII. zeigte (der, als einmal in Rom Bomben fielen, sogleich zur Stelle war, um zu helfen), schildert Konstantin Prinz von Bayern sehr konkret (Der Papst. Ein Lebensbild. München 1952). Aber an diesem imaginären kommunistischen Arbeiter zeigt sich, daß das Ansehen, das hier der Person Johannes’ XXIII. künstlich zugespielt wurde, letztlich parasitär ist: ein kommunistischer Arbeiter kann Leute genug finden, mit denen er „ein Glas an der Theke trinken“ kann. Bedeutung gewinnt der Papst „an der Theke“ dadurch, daß man sich einen Papst dort nicht vorstellen kann. Ist der Papst „an der Theke“ erst einmal normal geworden, so interessiert man sich nicht mehr für ihn.
Natürlich trank Papst Johannes XXIII. nicht einfach mit irgendwem „ein Glas an der Theke“. Aber es gelang, den Papst als Menschen mit recht alltäglichem Gebaren zu popularisieren (womit man seiner Persönlichkeit natürlich in keiner Weise gerecht wurde); und natürlich hatte sich dieser Effekt, nachdem der Kontrast zum Auftreten seiner Vorgänger abgegrast war, schnell verzehrt – unter Paul VI., der als Kardinal mit einem Bergmannshelm posiert hatte, stürzte das Ansehen des Papsttums auf seinen Tiefpunkt.
Es gab also einen Zeitgeist, es gab eine Machination gewisser Kreise, die sich gegen die transzendentale Ausstrahlung des Papsttums wendeten, die noch Pius XII. (auch wenn er das päpstliche Zeremoniell vereinfacht hatte) ungebrochen verkörperte.
Aber das allein erklärt schwerlich die Verleumdungswelle, deren erste Spuren schon zu seinen Lebzeiten sich zeigten, die danach so hoch aufschäumte, in Deutschland, in den USA, selbst in Israel, dessen Politiker beim Tod des Papstes sich doch noch voller Dankbarkeit zeigten.
«Die beiden großen Übel, die heute die Welt vergiften, sind der Laizismus und der Nationalismus.» Dieser Satz stammt nicht von Papst Pius, sondern aus Msgr. Roncallis Geistlichem Tagebuch (Oktober 1942). Es war eine Kränkung der laizistischen Welt, daß es vor allem Kirchenfürsten waren, die in der Zeit des NS-Regimes besonders viel für die Menschenrechte geleistet hatten. Es war eine Kränkung für sie, daß im Einsatz für Menschenleben sich die Kirche so viel besser bewährte als die westlichen Staaten.
Zum Vergleich:
Im Juli 1938 tagte, veranlaßt vom US-amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, die Konferenz von Évian: Vertreter von 32 Staaten suchten nach Zufluchtsorten für deutsche und österreichische Juden, doch niemand war wirklich bereit, sie in ausreichender Zahl aufzunehmen – Joseph Goebbels hatte Gelegenheit zum Spott über Juden, die niemand wolle.
Bestätigt wurde er nicht einmal ein Jahr später, als im Mai 1939 die St. Louis mit mehr als 900 jüdischen Flüchtlingen Deutschland verließ und diese (mit Ausnahme einiger weniger) nirgendwo die Erlaubnis erhielten, an Land zu gehen, nicht in Kuba, dem ursprünglich vereinbarten Ziel, nicht in Kanada noch in den USA – Präsident Roosevelt wollte sie zwar geben, doch seine Partei stellte sich quer. Die Irrfahrt endete wieder in Europa; nach der Besetzung der Niederlande, Belgiens und Frankreichs durch Deutschland 1939 und 1940 fiel etwa die Hälfte dieser Flüchtlinge dem NS-Regime zum Opfer.
Schließlich stand für Juden aus dem Machtbereich des NS-Regimes praktisch nur das japanisch besetzte Schanghai offen, dessen Einreisebedingungen sich aber seit 1939 ebenfalls verschärften, bis Ende 1941 auch dieser Zufluchtsort unzugänglich wurde.
Errechnet man das Verhältnis der aufgenommenen jüdischen Flüchtlinge zur Bevölkerung des Staates (oder Gebiets), so erhält man
für die USA 0,13%,
für Portugal 0,13%,
für Groß-Britannien 0,21%,
für Schanghai 0,5 %,
für die Schweiz 0,6 %,
für den Vatikan 320 %.
Allerdings ist die Zahl für den Vatikan viel zu niedrig, denn vom Vatikan wurden die Flüchtlinge, wenn möglich, weitergeschleust an Zufluchtsorte in sicherer Entfernung vom NS-Machtbereich, so daß nur schwer abzuschätzen ist, wieviel jüdische Flüchtlinge zugleich da waren; mit Sicherheit waren es deutlich mehr als 3000, welche Zahl den 320% zugrunde liegt. Die Zahl der Juden, die überhaupt in der Zeit der deutschen Besatzung Roms in vatikanischen Gebäuden Zuflucht gefunden hatten, betrug gut 530% der Einwohnerzahl.

Darum die Angriffe gegen die Kirchenfürsten, die sich am meisten ausgezeichnet hatten, besonders gegen Papst Pius XII. Stete Wiederholung der immer gleichen unwahren Anwürfe gegen ihn führte dazu, daß die Verleumdungen in der Öffentlichkeit glaubwürdiger zu erscheinen begannen als die Wahrheit. Uns Katholiken wird nichts anderes übrigbleiben, als auch die Wahrheit ständig zu wiederholen.

Kommentare:

  1. Herzlichen Dank für diesen erhellenden Beitrag.

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  2. P. Lapide gilt vielen Historikern als etwas "zu unkritisch", insbesondere was sein Zahlenmaterial betrifft. Aber auch andere Autoren kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Ich möchte deshalb auf die relativ aktuellen Bücher hinweisen:
    Wolf, Hubert: Papst & Teufel. Die Archive des Vatikan und das Dritte Reich;
    Brechenbacher, Thomas: Der Vatikan und die Juden. Geschichte einer unheiligen Beziehung

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  3. Danke für die Hinweise! Zu unkritisch, insbesondere was sein Zahlenmaterial betrifft - darum war ich da bei Zahlen sehr zurückhaltend; ich denke, die, die ich genannt habe, können bestehen. Hinzufügen an Literatur will ich noch: Der Rabbi von Rom: Autobiografie von Eugenio Zolli (und Christel Galliani).

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  4. Dazu noch ein letzter Hinweis auf den lesenswerten Artikel von Albrecht von Kessel: Der Papst und die Juden, in: Die Welt, 06.04.1963.
    Von Kessel war Diplomat am Heiligen Stuhl bis zu seiner Internierung im Juni 1944.

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