Dienstag, 3. November 2020

Der Eroberungskrieg schreitet fort

Aserbaidschan will Bergkarabach vollständig mit seinen Truppen in seine Gewalt bringen, erklärte jetzt Diktator Ilham Alijew der staatlichen Nachrichtenagentur Azertag zufolge. Das von Armeniern besiedelte, aber von der Sowjet-Union Aserbaidschan zugeteilte Bergkarabach hatte sich nach Massakern an Armeniern in Aserbaidschan und dann auch in Karabach selbst von Aserbaidschan befreit und sich für unabhängig erklärt. Wenn, wie zu befürchten ist, der Plan des aserbaidschanischen Diktators ausgeführt wird, so muß die armenische Bevölkerung von Bergkarabach mit neuen Massakern rechnen – der Haß ist in den letzten Jahrzehnten keineswegs geringer geworden. Und daß die Türkei, die den eigenen Völkermord an den Armeniern immer noch leugnet, fest auf Seiten Aserbaidschans steht, läßt erst recht die Hoffnung schwinden. Das heißt, daß ein Strom von mehr als hunderttausend Flüchtlingen aus Bergkarabach und den umliegenden Gebieten zu erwarten sein wird.
Daß Bergkarabach völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehört, ist immer wieder zu lesen. Das ist richtig: infolge eines Beschlusses der sowjetischen Staatsführung gehört das seit alter Zeit ganz überwiegend von Armeniern besiedelte Karabach völkerrechtlich zu Aserbaidschan, ebenso wie Nordzypern, das einen türkischen Bevölkerungsanteil hatte, völkerrechtlich zu Zypern gehörte, als es vom türkischen Militär für die Gründung eines türkischen Staates freigekämpft wurde (die Übergriffe des griechisch-zypriotischen Putschistenführers Nikos Sampson gegen die türkische Minderheit lieferte freilich der damaligen türkischen Regierung guten Grund zum Eingreifen), ebenso wie das Kosovo völkerrechtlich zu Serbien gehörte, als es von der NATO freigekämpft wurde.
Haß erzeugt Haß; es schmerzt, zu sehen, daß es auch armenische Übergriffe gegen Aseris gegeben hat, daß auch die Armee Karabachs Wohnbauten zumindest mit beschossen hat, als sie militärische Anlagen unter Beschuß genommen hat.
Das ist nicht zu rechtfertigen; wenigstens beschönigt das niemand als „Kollateralschäden“, wie damals die NATO es bei ihrem Krieg ums Kosovo gegen Serbien tat. Doch der Haß, den die Gewalt der einen Seite auf der anderen Seite auslöst, entschuldigt nicht die Gewalt, die am Anfang stand. Und systematischen Beschuß ziviler Ziele, vor allem der Hauptstadt Karabachs, Stepanakert, gibt es jetzt anscheinend durch das aserbaidschanische Militär.

Als Phileirenos zu bloggen habe ich in Armenien, in Eriwan begonnen, um meiner Begeisterung Ausdruck zu geben über das, was ich mit armenischen Menschen erlebt habe. Und daß nun Armenier in einen Krieg gedrängt worden sind, der wohl Tausenden Menschen beider Nationen das Leben oder die körperliche Unversehrtheit kostet und noch kosten wird, der noch viel mehr Menschen die Wohnung kostet und noch kosten wird durch Beschuß oder Vertreibung, das schmerzt.

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