Samstag, 14. November 2020

Waffenstillstand und Hoffnung auf Frieden

Ein Waffenstillstand für fünf Jahre, von russischem Militär überwacht – das gibt Hoffnung auf Frieden. Ein bitterer Friede für Armenier: Schuschi (russ.: Schuscha), früher die bedeutendste Stadt der Region, ist den Eroberern zum Opfer gefallen; der Angriffskrieg hat sich für sie ausgezahlt. Aber dennoch: Friede ist besser als das Unheil weiteren Krieges.
«Vor Ausbruch des Krieges im Jahr 1988 waren circa zwei Drittel der Einwohner Schuschis aserbaidschanisch», lese ich; und anderswo steht ähnliches. Doch in Meyers Konversationslexikon von 1907 steht s.v. Schuscha über die Einwohner der Stadt: «meist Armenier». 1916 seien es laut Wikipedia noch 53,3 % gewesen, bis es 1920, vor allem durch « aserbaidschanische und türkische Armeesoldaten», zum Pogrom gegen die armenischen Bewohner kam, das «zu deren weitgehender Auslöschung» führte. «Die Armenierviertel der Stadt Schuscha wurden dabei vollständig zerstört» (Wikipedia s.v. Schuscha-Pogrom).
1992 von Karabach erobert, ist Schuschi nun wieder in aserbaidschanischer Hand.
Rußland wird von der EU sanktioniert – aus durchaus guten Gründen; aber nicht weniger Grund gäbe es, die Türkei und Aserbaischan zu sanktionieren. Doch «Deutschland blockiert europäische Sanktionen gegen Ankara» (Telepolis). «Noch Ende Oktober hatte Außenminister Heiko Maaß erklärt, die internationale Gemeinschaft werde eine militärische Lösung im Konflikt um Bergkarabach nicht akzeptieren» (tagesschau.de); und nun hat diese «internationale Gemeinschaft» durch Untätigkeit dafür gesorgt, daß Aserbaidschan die Früchte seines militärischen Vorgehens einbringen kann. Das einzige Land aber, von dem Armenien und Bergkarabach überhaupt irgendwelchen Schutz erwarten können, ist Rußland.

Nachtrag aus Tigran Petrosyan: Krieg aus der Ferne:
«Nach der Sowjetisierung des Südkaukasus gliederten die Kommunisten am 4. Juli 1921 Bergkarabach in die armenische Sowjetrepublik ein. Als Antwort darauf protestierten die aserbaidschanischen Vertreter in Moskau und meldeten ihren Anspruch auf Bergkarabach an. Am nächsten Tag schlug Josef Stalin Bergkarabach als armenisches Autonomiegebiet der Sowjetrepublik Aserbaidschan zu.»
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«Das Jahr 1988 sei ein einziger Horror gewesen. .... Immer die Bilder der Stadt Sumgait im Kopf, wo Armenier*innen totgeschlagen und vertrieben worden waren.
„An einem Abend kam meine Schwester weinend zu uns und berichtete, dass eine Gruppe aserbaidschanischer Männer in ihr Haus eingebrochen sei und die Möbel zerhackt habe“, erzählt M... Ärzte durften Armenier*innen nicht mehr in den Klinken behandeln. Schwangere entbanden in Kirchen. ...
Sie erinnert sich aber auch an gute aserbaidschanische Nachbarn, die mit den Armeniern gemeinsam nachts draußen Wache hielten und ihnen bei der Flucht halfen.»

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