Donnerstag, 29. September 2022

„Zeichen der Zeit“

Kardinal Kurt «Koch hatte im Interview mit der katholischen Wochenzeitung „Die Tagespost“ gesagt, es irritiere ihn, „dass neben den Offenbarungsquellen von Schrift und Tradition noch neue Quellen angenommen werden“», nämlich beim „Synodalen Weg“.
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg «Bätzing wies diesen Vorwurf entschieden zurück», so heißt es; doch in Wirklichkeit bestätigt er ihn: «Im Orientierungstext des Synodalen Wegs habe man aufgezeigt, dass es um die sogenannten Zeichen der Zeit als Quellen theologischer Erkenntnis und für die Entwicklung der Lehre gehe.»
„Zeichen der Zeit“ – das ist ein Ausdruck, den der Herr selber gebraucht im Blick auf die Zeichen, die auf Sein Erscheinen hinweisen (Matth. 16, 3). Die Pastoralkonstitution Gaudium et spes des II. Vatikanum gibt der Kirche dann auf (4. De spe et angore.), diese Zeichen «sub Evangelii luce – im Licht des Evangeliums» zu verstehen und so das Evangelium um so zielgenauer zu verkünden. Mons. Bätzing aber will das Gegenteil daraus machen: «Quellen theologischer Erkenntnis und für die Entwicklung der Lehre», die offenbar nicht bei der Verkündigung des Evangeliums helfen sollen, sondern ihm etwas von außen (der Zeit nämlich) hinzufügen sollen.
Kardinal Koch hätte natürlich in seiner Formulierung bedenken sollen, daß NS-Vergleiche zumindest aus deutschem Mund immer verstörend wirken. Doch das Anliegen des Kardinals, aus der Geschichte zu lernen – damals hat, anders als die „Deutschen Christen“, die katholische Kirche die „Zeichen der Zeit“ richtig verstanden hat –, ist berechtigt. Wenn Mons. Bätzing nun von Kardinal Koch «„im Sinne der Sache und der Synodalen“ eine öffentliche Entschuldigung» erwartet, und zwar «umgehend», und eine «Beschwerde beim Heiligen Vater» androht, so ist das absurdes Theater.

Mittwoch, 21. September 2022

Marsch für das Leben

I. Der Marsch
Es ist mühsam, hin zu gelangen: überall Absperrungen, um die Teilnehmer des Marsches vor den Gegendemonstranten zu schützen, die mit viel Lärm und Getöse den Platz umgeben. Aber als ich es dorthin geschafft habe, umgibt mich eine (trotz des Lärms von außen) ruhige, friedliche und entspannte Atmosphäre.
Einmal durchkreuzen zwei oder drei Gegendemonstranten lärmend den Versammlungsplatz, begleitet von Polizisten; etwas später das gleiche ohne Polizisten. Doch die Teilnehmer des Marsches lassen sich dadurch nicht stören; die friedliche Atmosphäre ist davon nicht zu beeinträchtigen. Später wird der Marsch selbst gelegentlich unterbrochen, doch auch davon lassen sich die Teilnehmer nicht aus der Ruhe bringen. Wo ihnen Lärm entgegenschlägt, antworten sie, indem sie ein Kirchenlied singen.
Es ist ein Marsch für das Leben, für das Leben von ungeborenen, für das Leben von kranken und hinfälligen Menschen, aber auch ein Marsch, den eine Atmosphäre von Leben und Freundlichkeit umgibt.
II. Die Berichterstattung
Am Abend zeigt mir ein Freund, was ein öffentlich-rechtlicher Rundfunksender, der RBB, über den Marsch berichtet. Ausführlich kommt die Seite der Gegendemonstranten zu Wort. Unter den Teilnehmern des Marsches aber bekommt eine Frau das Wort, die zwar für die Veranstaltung keine Rolle gespielt hat, die die wenigsten Teilnehmer des Marsches bemerkt haben, die sich aber einen schlechten Ruf erarbeitet hat, wie er von der Tendenz des Senders gewünscht wurde, eine Frau, die sich gar einer Organisation angeschlossen hatte, die gegen einen starken Sozialstaat steht, einen Sozialstaat, wie der Lebensschutz ihn erfordert.
«Wenn auf einer Demonstration unter viertausend Menschen einige sind, mit deren politischer Meinung ich nicht übereinstimme, oder gar einige, die ich von Herzen unsympathisch finde, kann ich beschließen, wegen dieser Leute wegzubleiben. Das wäre allerdings etwas überempfindlich. Ich werde nie viertausend Menschen finden, unter denen kein einziger ist, den ich nicht zum Nachbarn haben möchte», schreibt Claudia Sperlich. Als ich vor vier, vor fünf Jahren an Märschen gegen CETA teilgenommen habe, marschierten neben mir Menschen mit Plakaten der MLPD, einer Partei, die den Massenmörder Lenin im Namen trägt und unter deren Anhängern von Stalin geschwärmt wird – ich konnte mir damals nicht aussuchen, wer sonst dabei ist, und das Anliegen war und ist wichtig. Auch hier konnte ich es mir nicht aussuchen, hier aber habe ich diese Dame & Co. nicht einmal bemerkt.
III. Am nächsten Morgen
Zur Sonntagsmesse in Berlin: ich gehe nach St. Afra. Die Kirche ist gerammelt voll; und die meisten Teilnehmer des Gottesdienstes sind weniger als halb so alt wie ich. Es wird eine Choralmesse gesungen, die dem Sonntag entspricht (nicht eine der leichtgängigen Schlichtmessen), dazu das Credo in einem weniger üblichen Ton. Und so gut wie alle singen mit sicherer Stimme mit.

Dienstag, 13. September 2022

Das Ideal des „Synodalen Wegs“: die Kirche als Wundertüte

Ein „Moraltheologe“ Sautermeister erhält von katholisch.de ausführlich das Wort für seine „Kritik an Bischöfen“ unter dem Titel: „Kirche hat immer ihre Lehre geändert“. Diesem Thema ist dieses Positum gewidmet; dabei sei einmal die Frage all der Lehren, um die es ihm geht, beiseite gelassen.
«Und Weiterentwicklung und Vertiefung der theologisch-ethischen Grundeinsichten sind ein wichtiger Bestandteil der Treue zum Evangelium», sagt er; das ist richtig. Wie aber solche «Weiterentwicklung und Vertiefung» auszusehen hat, hat der heilige Vinzenz von Lérins in seinem Commonitorium ausführlich erläutert: «Allein es muß in Wahrheit ein Fortschritt im Glauben sein, keine Veränderung. Zum Fortschritt gehört nämlich, daß etwas in sich selbst zunehme, zur Veränderung aber, daß etwas aus dem einen sich in ein anderes verwandle.» (Cap. XXIII / 28)
Das ist aber nicht die Sicht des „Moraltheologen“; er meint: „Entscheidend sei das «Ernstnehmen der humanwissenschaftlichen Erkenntnisse»“ – das aber heißt, daß die Kirche die «Weiterentwicklung und Vertiefung» eben nicht aus eigenem nähme, sondern von außen, daß es Veränderung wäre, kein Fortschritt.
Nun hat die Kirche die Wissenschaft sehr zu achten; aber ein Lehramt der Humanwissenschaften – wer hätte das inne? die Meinungen sind in diesen Wissenschaften nicht minder weit gefächert als in der Kirche und alles andere als zeitlos feststehend – gibt es nicht, und Humanwissenschaften sind etwas anderes als Morallehre. Für ihre Lehre ist die Kirche allein verantwortlich.
Weiter sagt der „Moraltheologe“: «Es ließen sich noch weitere Beispiele anführen, die zeigen: Tradition ist geschichtlich und es gibt Lern- und Einsichtsprozesse auch in der kirchlichen Morallehre.» «Tradition ist geschichtlich» – das meint offensichtlich, die Offenbarung (die durch die Tradition vermittelt wird) habe keine zeitlose Gültigkeit; und die Kirche – «Lern- und Einsichtsprozesse» – müsse einmal etwas anders lernen und einsehen – und dann wohl auch lehren.
Diese Kirche wäre eine Wundertüte: der Christ glaubt an sie und muß sich überraschen lassen, was er morgen wird zu glauben haben.
Galilei darf natürlich nicht fehlen: «Ansonsten hätten wir einen neuen Fall Galilei im 21. Jahrhundert» – dankenswerterweise hat vor einiger Zeit katholisch.de selbst klargestellt, daß im Falle Galilei die Kirche keine wissenschaftliche Erkenntnis verboten hat.
Gerade habe ich die Vesper von Kreuzerhöhung mit Le Barroux mitgesungen. Die Kirche, die diese Texte im Gewand der Gregorianik betet, ist die, an die ich glaube; an eine Wundertüte wollte ich nicht glauben.

Krieg im Windschatten des Krieges

Scheinbar gute Nachrichten aus der Ukraine (was wird, bleibt völlig ungewiß) – und zugleich wird das, was zu befürchten war, Wirklichkeit, nicht zum ersten Mal, nun aber verschärft: im Windschatten des Ukrainekrieges greift Aserbaidschan Armenien an, nun nicht Karabach, sondern das armenische Staatsgebiet selbst.
Und während USA, EU und OSZE nur ein Ende der Kampfhandlungen fordern, während die Türkei, ein NATO-Land, Aserbaidschan dezent unterstützt, ist es nur Rußland, das sich ernsthaft daran macht, wenigstens eine Feuerpause zu vermitteln.
Die Indolenz der westlichen Länder führt dazu, daß als einziger Friedensbringer in diesem Krieg der Angreifer im anderen erscheint.

Samstag, 10. September 2022

Zum Stufengebet

Nach langer Unterbrechung nun wieder: Liturgisches von einem evangelischen Theologen – diesmal eigentlich nur zu einem einzelnen Gebet aus dem Stufengebet (das durch die Liturgiereform Pauls VI. abgeschafft wurde), aber mit einer Aussage, die darüber hinausgeht.

Samstag, 3. September 2022

Kommunionausteilung

Am vorletzten Sonntag: Im Hochamt – durchaus nicht wenig Kommunikanten – teilt der Priester allein die Kommunion aus.
Danke!
Am letzten Sonntag: Im Hochamt, diesmal in einer anderen Kirche unseres Großstädtchens, in unserem Viertel, legt der Priester die Hände in den Schoß und läßt zwei Laien die Kommunion austeilen.
Es ist ja ganz gut, sich manchmal mit der geistlichen Kommunion zu begnügen.
Und nun heißt es abwarten, was ich morgen erleben werde.

Montag, 8. August 2022

Hirtenbrief der europäischen Bischöfe der Russisch-orthodoxen Auslandskirche

Auf diesen Hirtenbrief, der zur Solidarität mit den Menschen aus der Ukraine auffordert, hat kürzlich dankenswerterweise Barbara Wenz hingewiesen. Hier nun die Auszüge daraus, etwas erweitert, in deutscher Übersetzung:
«Während das Blutvergießen des Krieges den Boden in den Ländern unserer Väter befleckt, sind wir von den Qualen unserer Brüder und Schwestern betroffen, deren Leiden unser Leiden sein muß und deren Hilfe und Erlösung unser tiefersehnter Wunsch sein muss. Wir drücken unsere tiefe Dankbarkeit für die Reaktion unserer Geistlichen und Gläubigen auf unsere Aufrufe aus, Flüchtlingen aus der Ukraine zu helfen und auf viele andere Arten Hilfe und Unterstützung zu bieten. Doch sehen wir weiterhin die schrecklichen Kosten des Krieges; wir spüren den traurigen Wandel der Kulturen, da Haß alltäglich wird und Mißtrauen und Angst Liebe und Mitgefühl ersetzen; wir sehen Regierungen, die eher politische Interessen verfolgen als den Frieden und das Wohl ihrer Völker; und wir beobachten, daß überall um uns herum moralischer und ethischer Verfall zunehmen...
Die Kirche ist unser unerschütterliches Bollwerk in dieser Welt: Ihre Wahrheit ändert sich nie, ihr Herz schwindet nie, und ihr Leben ändert sich nie dazu, sich den Launen der Welt anzugleichen. Die mehr als fünfzehn europäischen Nationen, aus denen unsere Diözesen bestehen, haben in ihrer Geschichte viele Konflikte erlebt, aber die Einheit der Kirche ist größer als jeder Konflikt und darf in Zeiten der Prüfung niemals aufgegeben werden.»

Donnerstag, 4. August 2022

Papst Franziskus I. und der „Traditionalismus“

Papst Franziskus I. hat sich, wieder einmal, über den Traditionalismus in der katholischen Kirche geäußert, wieder völlig verständnisfrei. Das wenig katholische katholisch.de zitiert ihn: «Tradition ist das Leben derer, die vor uns gegangen sind – und das geht weiter. Traditionalismus ist ihr totes Gedächtnis».
Die Wirklichkeit: Wenn das Traditionalismus ist, dann sind die, die solchem Traditionalismus anhangen, jene, die sich aufs II. Vaticanum berufen und dabei einen Novus Ordo hochpreisen, der nichts mit den Vorgaben dieses Konzils zu tun hat, die aber in aller Regel nur noch tote Relikte dieses Ordo benutzen und ihn in der Wirklichkeit durch eine Verbindung von Klerikalismus und Langeweile – «Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag» – ersetzen.

Er rügt, aus «Gestern wurde es so gemacht» würde «Das wurde schon immer so gemacht», das mit Blick auf jene Messe, die durchaus „Messe aller Zeiten“ genannt zu werden verdient.
Die Wirklichkeit: «Gestern wurde es so gemacht, also machen wir es auch heute und immer so» ist das Prinzip der von ihm favorisierten Liturgie – so soll es ihm zufolge fortan immer gemacht werden: «[Wir können] mit sicherer Gewissheit und lehramtlicher Autorität bekräftigen, daß die Liturgiereform unumkehrbar ist» (Ansprache an die Teilnehmer der 68. Nationalen Liturgischen Woche, Rom, 24. August 2017).

Ein katholischer Priester predigt im evangelisch-lutherischen Dom

Die heutige katholische Kirche in Meißen ist etwas abgelegen, darum ziehe ich es vor, abends an der Messe daheim teilzunehmen und am Vormittag in den heute evangelisch-lutherischen Dom zu gehen.
„Sommerpredigten“ sind angesagt. Das heißt: heute tritt der Dompfarrer und Superintendent zusammen mit einem katholischen Priester, einem emeritierten Pfarrer der Stadt, heran.
Der Priester, in Albe und Stola, hat die Aufgabe, über das Abendmahl zu predigen.
Eine delikate Aufgabe. Er bewältigt sie, indem er erklärt, das Sakrament – Abendmahl und Eucharistie – habe drei Aspekte. Und dann führt er diese Aspekte aus, drei nachrangige Aspekte des eucharistischen Sakraments.
So hat er sich gut aus der Affaire gezogen. Nur: schade, daß so die Protestanten nichts vom wirklichen Wesen der Eucharistie zu hören bekommen.

Konzert oder Gottesdienst?

Eine „Geistliche Abendmusik“ im heute evangelisch-lutherischen Dom zu Meißen gibt Rätsel auf – wir fragen uns, was die Antwort sein mag.

Samstag, 23. Juli 2022

Muß Martin Luther King zensiert werden?

Nein, es ist kein Opfer, im normalen Gespräch auf das „N-Wort“ zu verzichten. Aber für das gemeinte Wort die monströse Umschreibung „N-Wort“ benutzen zu sollen, ist deutlich schlimmer.
Nun hat es sogar Martin Luther King getroffen, dessen berühmteste Rede in korrekter Übersetzung, mit diesem Wort, zu lesen in einer deutschen Schule auf politisch korrekte Zensur stieß – von Seiten einiger Schüler, denen sich dann von außerhalb einflußreiche Leute anschlossen. Und getroffen hat es den Schulleiter, der zu seiner Lehrerin stand, die sich der Zensur nicht unterworfen hat, gegen den deshalb nun gar Dienstaufsichtsbeschwerde eingelegt wurde.
Anlaß, dem Thema des Rassismus, dessen dieses Wort beschuldigt wird, einige Zeilen zu widmen.

Dienstag, 19. Juli 2022

«Damit die Kirche in der Vielfalt der Sprachen ein und dasselbe Gebet erhebt, das ihre Einheit zum Ausdruck bringt»

habe er Traditionis Custodes geschrieben, schreibt Papst Franziskus I. in seinem Apostolischen Schreiben Desiderio desideravi – ein starkes Argument für den überlieferten Ritus.
Einige Anmerkungen zu diesem Schreiben:
• Die wirkliche Einheit der Kirche im Gebet •

Samstag, 16. Juli 2022

Ist das eine Messe?

ist die entgeisterte Frage nach einer einschlägigen Sonntagsmesse (natürlich: im Neuen Ritus).

„Tankrabatt“ – „Klimageld“ – Übergewinnsteuer

Stets auf dem Weg zu schlechten Lösungen zeigen sich in der Finanzpolitik gewisse Politiker einer bestimmten Partei.

Dienstag, 5. Juli 2022

Kardinal Marx und die „Öffnung des Diakonen-Amtes für Frauen“

Dafür sei die Zeit reif, meint der Kardinal.
Aber:
I. Es hat in der Kirche einen Diakonat von Frauen gegeben; nur: der war nicht dasselbe Amt wie der sakramentale Diakonat von Männern:
• Der Diakonat von Frauen •
II. Der Diakonat von Männern ist begründet in einem Sakrament. Sakramente aber hat der Herr eingesetzt; über sie kann die Hierarchie der Kirche nicht frei verfügen, sie kann es nicht „öffnen“, sie ist an das Maß der Vollmacht gebunden, die der Herr ihr gegeben hat:
• Priesteramt und Berufung von Frauen •
«Wenn mich Gott um Rat gefragt hätte, als Er die Welt erschuf, hätte ich Ihm einige nützliche Ratschläge gegeben», soll Alfons X., der Weise, gesagt haben. Er hat uns aber nicht gefragt, weder bei der Schöpfung der Welt noch bei der Einsetzung des Neuen Bundes, weder König Alfons noch Kardinal Marx noch mich – damit müssen wir drei und viele andere uns abfinden.
Natürlich könnte die Kirche wieder einen Diakonat von Frauen einführen; aber das wäre (wieder) ein Sakramentale eigener Art. Und natürlich könnten diese Frauen in der Kirche Gutes tun, aber nicht das Amt sakramental geweihter Diakone ausüben, nicht das Evangelium vortragen oder das Exultet singen.

Das Kreuzesopfer und moderne evangelische Theologie

Daß Jesus für unsere Sünden am Kreuz gestorben ist, bezeichnet Martin Fritz, Privatdozent für Systematische Theologie und Wissenschaftlicher Referent bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, zentral für die evangelikale Strömung – aber ihm zufolge offenbar nur für diese: «Das ist eine Lehre, die sich in Ansätzen in der Bibel findet, die dann aber erst im Mittelalter ausformuliert wurde. Aber spätestens in der Aufklärung wurden Zweifel laut, ob Gott wirklich ein Menschenopfer bringen musste, um eine vererbte Sünde zu vergeben.»
In der Bibel freilich finde ich mehr als nur „Ansätze“ – das „Lamm Gottes“, die Abendmahlsworte in der Fassung bei Matthäus (26, 28), einiges bei Paulus, so den „Schuldschein“, „ans Kreuz geheftet“ (Kol. 2, 14). Daß seit der Aufklärung daran Zweifel laut wurden, stimmt natürlich, nur: was hat das mit dem christlichen Glauben zu tun?
Aber bezeichnend für das Denken von Theologen seiner Art ist die Formulierung «ob Gott wirklich ein Menschenopfer bringen musste, um eine vererbte Sünde zu vergeben.»
Erstens geht es beim Kreuzesopfer nicht nur um die Erbsünde, sondern um die gesamte Sündenlast der Menschen (jedenfalls sofern sie beim Herrn Vergebung suchen).
Zweitens „mußte“ Gott das nicht. Er hat dieses Opfer gebracht, weil Er die Schwere der Sünden ernst nahm – ein einfaches „Schwamm drüber“ wäre all dem Unheil, das aus den Sünden der Menschen kommt, nicht gerecht geworden.

Montag, 27. Juni 2022

Roe v. Wade: Nachruf auf eine juristische Groteske

Am 22. Januar 1973 war vom US-amerikanischen Supreme Court in Sachen Roe v[ersus] Wade den US-Staaten verboten worden, Abtreibung zu verbieten für die Zeit, da das Kind noch nicht „lebensfähig“ („viable“; IX / B.) ist, was jedenfalls für die Zeit bis zur 24. Woche gelte. Nun aber, am 24. Juni, wurde dieser Spruch durch die Entscheidung Dobbs v. Jackson Women’s Health Organization revidiert.
Wer das menschliche Leben hochschätzt, ist erfreut, wer nicht aufs Töten verzichten will, empört. Freilich hat dieses Urteil nur soviel Wirkung, wie einzelne US-Staaten sie ihm verleihen. Und natürlich genügt es nicht, Abtreibung strafrechtlich zu sanktionieren oder ihr zumindest alle staatliche Unterstützung zu entziehen; wichtig ist es besonders, Wertschätzung von Kindern in der Öffentlichkeit zu fördern, Eltern und alleinerziehende Mütter zu unterstützen, besonders durch eine gute Sozialgesetzgebung – in der die USA europäischen Ländern weit nachstehen.

Doch nicht nur die einfache Redlichkeit, die Achtung vor den Schwächsten der Gesellschaft, den ungeborenen Kindern, hatte es geboten, jenes Urteil gerade noch, bevor es fünfzig Jahre gegolten hätte, aufzuheben; dieses Urteil war darüber hinaus monströs.
Mit großer gelehrter Liebe zum Detail stellt es die Geschichte der rechtlichen und moralischen Bewertung der Abtreibung vom persischen Reich (VI / 1.) über den Aquinaten (3.) bis zur angelsächsischen Gegenwart (4.-8.) dar. Allerdings ist schon die Auffassung des Gerichtes von der Bewertung der Abtreibung durch die römisch-griechische Antike irreführend: in ihr ging es nicht um die Erlaubnis, ungeborene Kinder im besonderen abzutreiben, sondern allgemein um das Recht der Eltern, des Vaters nämlich, über das Leben der Kinder zu verfügen.

Unter VI / 3. steht: «.. in terms of when a “person” came into being, that is, infused with a “soul” or “animated” – in Bezug darauf, wann eine „Person“ ins Dasein komme, das heißt, ihr eine „Seele“ eingegossen werde oder sie „belebt“ werde.» „Person“ ist demnach ein menschliches Wesen, wenn ihm, theologisch oder philosophisch formuliert, eine Seele eingegeben ist, wenn es, phänomenologisch formuliert, belebt ist. Ohne Zweifel aber ist auch ein Embryo belebt, demnach Person, auch schon vor der Zeit, um die es hier im weiteren geht, vor dem 6. Monat. Doch wo es um die Rechte geht, die nach dem XIV. Zusatz zur US-Verfassung der Person zustehen, heißt es plötzlich unter IX / A.: «.. that the word “person”, as used in the Fourteenth Amendment, does not include the unborn – daß das Wort „Person“, wie es im Vierzehnten Zusatz gebraucht wird, das Ungeborene nicht einschließt.»

Unter IX / B. heißt es: «We need not resolve the difficult question of when life begins – wir brauchen nicht die schwierige Frage zu lösen, wann Leben beginnt.» Weil die Fachleute sich nicht einig sind, ist das Rechtswesen nicht berufen, «to speculate as to the answer – über die Antwort zu spekulieren.» Rechtens wäre es da, vom Grundsatz «in dubio pro reo» auszugehen, das hieße hier: für das Kind, dessen Leben zur Disposition gestellt wird. Doch der Supreme Court entscheidet sich für etwas ganz anderes, für die „viability – Lebensfähigkeit“ als Voraussetzung für das Lebensrecht (X).
Lebensfähigkeit als Voraussetzung für das Lebensrecht, das klingt plausibel. Doch mit „Lebensfähigkeit“ ist hier nicht die Lebensfähigkeit an sich gemeint, die offenkundig jeder Embryo hat, der nicht abstirbt, sondern Lebensfähigkeit außerhalb des Mutterleibes, die freilich über das Mensch- oder Personsein des Kindes nichts aussagt.

Soviel Inkonsequenz war erforderlich, um Abtreibungsverbote verbieten zu können.

Montag, 20. Juni 2022

Krieg im Schatten des Krieges

Ein wenig hat man sich an den Krieg in der Ukraine gewöhnt (natürlich nur, wenn man nicht selber betroffen ist). Und die Angriffe scheinen sich regionalisiert zu haben: westliche Politiker können ohne übermäßige Gefahr für Leib und Leben nach Kyjiv fahren.
Aber er ist nach wie vor furchtbar; und weiterhin bewegt er die Gemüter – die Frage ist längst nicht mehr, Waffenlieferungen oder nicht, nur noch, welche Waffen. Und der ukrainische Präsident erklärt, daß die türkischen Drohnen hilfreich für sein Land sind.
Krieg im Schatten des Krieges – zur gleichen Zeit führt die Türkei mit solchen Drohnen und mit Bomben Krieg gegen die kurdische und aramäische, christliche Bevölkerung im Norden Syriens und des Iraqs (und schließt sich damit dem Völkermord des IS an Jeziden und Christen an).
Doch anders als bei der Ukraine ist nichts davon zu hören, daß westliche Staaten auch hier an Beistand für die überfallenen Völker dächten, ebenso wenig, wie sie an Waffenlieferungen an Armenien gedacht hatten, als Aserbaidschan türkische Drohnen gegen die armenische Bevölkerung von Karabach einsetzte.
Und wenn ein türkischer Staatsbürger in Deutschland sich mit Kräften der angegriffenen Bevölkerung (Kräften, die von den USA und Frankreich unterstützt werden) solidarisiert, muß er damit rechnen, in die Türkei abgeschoben zu werden.

Liturgische Eindrücke aus anderen Kirchen

Seit die Corona-Infektion einigermaßen überstanden ist, ist der Weg frei für erste Ausflüge und neue liturgische Eindrücke.

Mittwoch, 15. Juni 2022

Die Länge der Predigt

«Eine übermäßig lange Predigt ist gleichbedeutend mit schlechter Vorbereitung: Die richtige Zeit für eine Predigt sind 10, höchstens 15 Minuten. Es muß deutlich werden, daß das eucharistische Geheimnis der Höhepunkt der Feier ist», sagte schon vor fünfzehn Jahren Erzbischof Ranjith, der heutige Kardinal. Papst Franziskus geht nun über ihn hinaus: er legte «den Pfarrern ans Herz, nur kurze Predigten zu halten: Die Aufmerksamkeit der meisten Menschen lasse nach acht Minuten einer Predigt nach.» Danke!
Eine Frage allerdings stellt sich mir bei im gleichen Artikel berichteten Worten des Papstes: «Ja, manchmal ist es angebracht, etwas von Großmutters Spitze mitzubringen, manchmal. ... Es ist gut, die Großmutter zu ehren, aber es ist besser, die Mutter zu feiern, die heilige Mutter Kirche, und wie die Mutter Kirche gefeiert werden will. Damit diese Insularität nicht die wahre liturgische Reform verhindert, die das Konzil ausgesandt hat.» Ich kann es nicht finden: wo in den Texten des Konzils steht etwas von Spitzen?