Donnerstag, 2. April 2026

Wohnungskrise und Abtreibung

In einem Artikel über „Die Wohnungskrise am Beispiel Frankreich“ (LMd. März 2026) schreibt Benoît Bréville: « Die Wohnungskrise wirkt sich zudem auf die Demographie aus. Aus Platzmangel verzichten inzwischen viele Paare auf Kinder. In den großen französischen Städten haben jungen Menschen mit mittlerem Einkommen heute 35 Quadratmeter Wohnfläche weniger zur Verfügung als noch vor 20 Jahren.
In den USA hat laut dem Ökonomen Benjamin Couillard die Verteuerung des Wohnraums zwischen 1990 und 2020 zu einem Geburtenrückgang um 11 Prozent geführt. Anders gesagt: ohne den Anstieg der Mieten wären 13 Millionen Kinder mehr geboren worden. »
Seine Quellen: „Compte rendu de réunion n° 11“, Enquetekommission zu den Ursachen und Folgen des Geburtenrückgangs in Frankreich, Sitzungsprotokoll Nr. 11, Nationalversammlung, 10. Dezember 2025 und Benjamin Couillard, „Build, Baby, Build: How Housing Shapes Fertility“, Fakultät für Wirtschaftswissenschaften, Universität Toronto, 14. November 2025.
Wie kommt ein Geburtenrückgang solchen Ausmaßes in zwei recht verschiedenen Ländern zustande? Sexuelle Enthaltsamkeit dürfte keine allzu große Rolle gespielt haben. Empfängnisverhütungsmittel sicher eher; aber auch Abtreibungen dürften beträchtlichen Anteil daran haben.
Mit anderen Worten: die Wohnungskrise und besonders die überhöhten Mieten haben einen beträchtlichen Einfluß auf die Bereitschaft zur Abtreibung. Wer immer in der Politik gegen Abtreibung vorgehen will, muß sich gegen überhöhte Mieten (und, damit verbunden, überhöhte Grundstückspreise) einsetzen. Wirksame Maßnahmen gegen Abtreibung sind ganz besonders Maßnahmen wie Mietpreisbremse, wirksamere Gesetz gegen Mietwucher, Förderung von Wohnbaugenossenschaften und dergleichen; dazu sollten Maßnahmen treten, die bisher noch nicht ins Gespräch gekommen sind.

Samstag, 28. März 2026

Der paradoxe Nutzen der «allgemeinen Unkirchlichkeit»

Der evangelische Theologe, aus dessen Autobiographie wir eine Anthologie bieten, erklärt, warum Protestanten in Gebieten mit verdorrtem kirchlichen Leben viel schönere Kirchen haben als Katholiken, bei denen die kirchliche Praxis sehr viel intensiver ist.

Freitag, 13. März 2026

Das Mysterion des Klanges der klassischen Sprache

Am Montag letzter Woche wurde in unserem Großstädtchen – zum ersten Mal, so wurde gesagt – eine koptische Liturgie zelebriert. Die Liturgie besteht ganz aus Gesang, so wurde gesagt und so war es zu hören.
Am Sonntag dann in Köln. Zu den geistlichen Höhepunkten der Stadt gehört das unscheinbare Kirchlein Maria Hilf. Auch dort besteht die Liturgie ganz aus Gesang.
Nur, leider: Es ist keine Schola mehr da. Das Asperges und das Ordinarium können dank einer sehr guten Solistin und einer gesangskundigen Gemeinde noch im Choral gesungen werden; aber das Proprium wird durch deutsche Lieder ersetzt, Graduale und Tractus durch Orgelspiel.
Schöne Lieder; dennoch: es ist ein markanter Abfall der geistlichen Ausdruckskraft gegenüber den Choralstücken.
Das liegt natürlich an der musikalischen Qualität des Chorals. Aber auch der Klang der klassischen Sprache, des Lateinischen und des Griechischen (Kyrie) spielt eine Rolle. Es ist eine Fügung, daß der christliche Glaube in die Welt kam, als diese beiden Sprachen das Imperium prägten.

Freitag, 27. Februar 2026

Gesang, Lesungen und Predigt

Es war das Erleben der – von ihm eingeführten – Christmette, die den evangelischen (!) Theologen zu einer bemerkenswerten liturgischen Entdeckung führte. Wenn auch jetzt eigentlich nicht die Zeit ist, über eine Christmette zu schreiben: die Entdeckung ist zeitlos, nicht ans Kirchenjahr gebunden.
Außerdem ist morgen Quatember-Samstag; wer Gelegenheit hat, da an einer Quatember-Messe teilzunehmen, kann Bestätigung für diese Entdeckung finden.

Freitag, 20. Februar 2026

Die Altäre der Kirche

Die Grundordnung des Römischen Messbuchs (303) schreibt vor: «Damit die Aufmerksamkeit der Gläubigen nicht vom neuen Altar abgelenkt wird, ist der alte nicht in besonderer Weise zu schmücken.»
In der Reihe von Beiträgen, die wir einem evangelischen Theologen gewidmet haben, ist nun zu lesen, wie er es als Pfarrer einer früher katholischen Kirche gehalten hat.

Mittwoch, 18. Februar 2026

Frohes Fasten!

Warum Ostereier? – und einiges, was man sonst über die Fastenzeit wissen möchte

Freitag, 13. Februar 2026

Antiphonen und Antwortgesänge – Hinweise für Kirchenmusiker

Das Wissen, was eine Antiphon ist, war in den sechziger Jahren im Kirchenvolk nicht mehr allgemein verbreitet. In den Gebetbüchern fand sich zwar die Sonntags-Vesper mit ihren Antiphonen, doch die Bezeichnung „Antiphon“ stand nirgends dabei.
Als dann der Gesang des Stundengebets wieder mehr in die Gemeinden gebracht werden sollte, wurde eine Menge neuer deutscher Antiphonen ins neue Gesangbuch, das GL, gesetzt. Darunter sind eindrückliche Kompositionen, so die Antiphon zum 21./22. Psalm (176.2; 715.1 / 293). Viele dieser Antiphonen aber waren so, daß sie Anlaß gaben zu dem Spruch: «Hier ein Tönchen, da ein Tönchen; fertig ist ein Antiphönchen.»
Zum antiphonalen Psalmgesang gehört eine Regel: jeder Vers enthält eine Mediatio, die gekennzeichnet ist durch eine melodische Formel und die mit einer Pause verbunden ist; diese Pause soll etwa so lang sein wie zwei Töne. Nun hat sich in vielen Pfarrgemeinden, in denen Stundengebet gesungen wird, die Vorstellung ausgebreitet, diese Pause müsse richtig lang sein, müsse wehtun – und das läßt sich besonders gut erreichen, wenn die begleitende Orgel hart aufhört, um dann gleich ebenso hart wieder einzusetzen.
Doch das ist nicht die gute Form antiphonalen Gesangs. Beim Stundengebet von Klöstern, in denen man dieses Gesangs kundig ist, kann man hören, daß diese Pause so abgemessen ist, daß sie hörbar ist und doch nicht weh tut.
Auf die Lesungen folgt je ein Antwortgesang, das Graduale. Das ist ein Responsorium. Responsorien unterscheiden sich deutlich von antiphonalen Gesängen. Während beim antiphonalen Gesang die Verse abwechselnd von zwei Halbchören gesungen werden, werden sie bei einem Responsorium von einem Kantor gesungen. Das ermöglicht eine reichere Melodie. Eine ausgeprägte Pause bei der Mediatio kennen die Verse eines Responsoriums nicht.
Das Wort „Responsorium“ hat doppelte Bedeutung: es bezeichnet das eigentliche Responsorium, einen Kehrvers, ebenso wie den Gesang dieses Kehrverses mit den weiteren Versen als Ganzes. Zu Anfang des Responsoriums wird dieser Kehrvers vom Kantor gesungen und dann von der Gemeinde wiederholt, dann wieder (möglichst) nach jedem Vers wiederholt.
Die Antiphon dagegen muß nur am Ende gesungen werden, wird in der Regel auch (einmal!) am Anfang gesungen, gelegentlich auch zwischen einzelnen Versen, aber immer nur vom Chor.
Ein antiphonaler Psalm schließt in der Regel mit einem Ehre sei (natürlich vor der Antiphon). Ein Responsorium dagegen hat diesen Schluß nur in besonderen Fällen; der Antwortpsalm der Messe hat ihn niemals.
Das GL bietet leider keine Responsorien außer den Kurzresponsorien fürs Stundengebet, die musikalisch ungleich simpler sind als die Gradualia der Messe. Eine Ausnahme bilden nur die Alleluja (Alleluja ist der Kehrvers fürs Responsorium vor dem Evangelium), die hier freilich auch musikalisch sehr simpel sind.
Was also tun, wenn die Kehrverse der Responsorien vom Volk gesungen werden sollen?
Üblich ist dann, einfach eine Antiphon als Kehrvers zu nehmen; die Gesangsweise für die Verse des Responsoriums findet der Kirchenmusiker in seinen Büchern. Hat er das betreffende Buch nicht vor sich liegen, so ist es eine extreme Notlösung, statt dessen die simple Melodie des antiphonalen Psalms zu verwenden. Eine ausgeprägte Pause darf bei den Versen des Graduale nicht eingelegt werden.
Ganz barbarisch aber ist es, hier eine Pause einzulegen, die wehtut.

Samstag, 7. Februar 2026

Der Sinn der immer gleichen Gebete

Der evangelische Theologe, Wilhelm Stählin, dem wir einige Beiträge widmen, kam aus dem „liberalen“ Zweig der evangelischen Kirche; lange noch hat er den inneren Harnack nicht überwunden. Verständnis für Liturgie konnte er so kaum mitbringen. Daß er es doch entwickelt hat, verdankte er nicht zuletzt Erlebnissen und Begegnungen in der Anglikanischen Kirche.

Samstag, 31. Januar 2026

Ein evangelischer Jugendchor

Nach längerer Zeit hat die Chronik von Orietur Occidens die Reihe „Liturgisches von einem evangelischen Theologen“, Wilhelm Stählin nämlich, wieder aufgenommen.
Was er vom (evangelischen!) Jugendchor seiner Pfarrstelle in Osternburg berichtet, würde wohl jedem katholischen Jugendchor zur Ehre gereichen.

Samstag, 17. Januar 2026

Der heilige Paulus von Theben – hat es ihn gegeben?

Heute ist das Fest des heiligen Antonius. Wohl die berühmteste Geschichte aus seinem Leben ist die seiner Begegnung mit dem heiligen Paulus von Theben, dessen Fest, je nach Kalender, vorgestern oder vor einer Woche begangen wurde. Diese Begegnung aber ist nicht in der Vita Antonii des heiligen Athanasios zu finden, sondern nur in der Vita Pauli primi eremitae des heiligen Hieronymus.
Überhaupt ist die Lebensgeschichte des heiligen Paulus von Theben nur von Hieronymus überliefert. Der Schluß der Wikipedia daraus: „Die tatsächliche, geschichtliche Persönlichkeit des Paulus von Theben ist mehr als zweifelhaft. Es wird davon ausgegangen, dass Hieronymus mit seiner Geschichte eher daran gelegen war, sein literarisches Talent herauszustellen und der Vita Antonii des Athanasios einen Gegenentwurf für die christliche Heiligenlegende zur Seite zu stellen und mit der Darstellung eines älteren Wüstenheiligen zu übertreffen.“
Wenn dem so wäre: was wäre da geschehen?
Die Vita Pauli hat Hieronymus um 376 (Wikipedia) geschrieben. Daraufhin hätten fromme Leute in Ägypten eilends eine Grabstätte ausgesucht, die sie ihm zuschreiben konnten, und darüber das Pauluskloster (Deir Mari Bolos) errichtet, das auf die Mitte des IV. Jahrhunderts datiert wird – also: die Zeit war sehr knapp, um nach der Veröffentlichung der Vita noch in der Jahrhundertmitte (im weitesten Sinne) das Kloster zu bauen.
Der heilige Paulus von Theben wird in der koptischen Kirche verehrt, in der byzantinischen, der syro-antiochenischen. In der armenischen wird sein Name sogar im Hochgebet genannt. Welch große Wirkung dieser Schrift des heiligen Hieronymus.
In Wirklichkeit ist der heilige Hieronymus im Osten recht wenig bekannt. In den Diptychen von Jerusalem aus dem XII. Jahrhundert, die F. E. Brightman (Liturgies / Eastern and Western) als Appendix H veröffentlicht hat, finden sich die heiligen Ambrosius und Augustinus, nicht aber Hieronymus. Und natürlich steht da der heilige Paulus von Theben.
Der heilige Hieronymus hat lange Zeit in Bethlehem gelebt; doch nahm man ihn (der lateinisch schrieb, nicht griechisch) dort nicht als so wichtig war, daß er in die Diptychen des benachbarten Jerusalem eingedrungen wäre. Die von ihm verfaßte Vita eines von ihm frei erfundenen Heiligen aber hätte schnellstens dazu geführt, daß dieser Heilige im Orient und auch in Ägypten hoch verehrt wurde, ihm ein Grab zugeschrieben wurde?
Das Zeugnis der koptischen Kirche und der orientalischen Kirchen ist zwingend: den heiligen Paulus von Theben hat es gegeben. Wieweit seine Vita historisch ist, wieweit durch die frühe Überlieferung und dann durch den heiligen Hieronymus ausgeschmückt, ist heute nicht mehr zu klären.

Dienstag, 13. Januar 2026

Veröffentlichung der Ostertermine

Im Decretum Gelasii gehörte die Oktav der Epiphanie zu den gebotenen Feiertagen. Deren Antiphonen allerdings, die dem Gedächtnis der Taufe des Herrn galten, sind schon im Brevier Pius’ V. verschwunden, durch die Antiphonen vom Fest der Epiphanie selbst ersetzt. Nach der weitreichenden Verminderung der gebotenen Feiertage im XIX. Jahrhundert zählte dieser Oktavtag nicht einmal mehr zu den Festa suppressa. Die Reform von 1956 beseitigte sogar die Oktav von Epiphanie, doch dieser Tag blieb als Fest bestehen: als Gedächtnis der Taufe des Herrn. Auch der Konzils-Ordo hat ihn beibehalten; doch vom Novus Ordo wurde er auf den Sonntag nach Epiphanie verlegt.
Doch uns gelte dieser Oktavtag noch, um zu Epiphanie (etwas verspätet freilich) die Ostertermine zu veröffentlichen.

Freitag, 9. Januar 2026

Wetterbericht

Qui dat nivem sicut lanam,
nebulam sicut cinerem spargit.
Mittit cristallum suum sicut buccellas;
ante faciem frigoris eius quis sustinebit?

Samstag, 3. Januar 2026

Das Canticum Benedictus
– eine Anfrage an die Musiker –

Aus der altgallikanischen Liturgie ist überliefert, daß nach der Epistel das Benedictus (Dan. 3, 52-56) gesungen wurde.
In der römischen Liturgie wird dieses Canticum am Quatembersamstag vor Oration und Epistel gesungen. Die Frage ist, ob der Gesang dieses Canticum an diesen beiden Stellen auf einen gemeinsamen Ursprung zurückgeht oder ob dieser Gesang in Rom aus der altgallikanischen Liturgie übernommen wurde.
Lange habe ich gemeint, daß es ein gemeinsamer Ursprung sei; doch nun erscheinen mir die Belege überzeugend, daß der römische Gesang aus dem altgallikanischen übernommen wurde.
In den ältesten Belegen für die Liturgie des Quatembersamstags erscheinen die Daniel-Lesung und das Canticum noch nicht.
Sodann: ein Graduale in der römischen Liturgie – dessen Stelle das Canticum hier vertritt –, enthält niemals ein Gloria Patri
Gloria Patri
. Hier aber erscheint es; es widerspricht also den Gesetzen des römischen Ritus.
Außerdem: die Cantica aus Daniel enthalten im römischen und ebenso im byzantinischen Ritus niemals ein Gloria Patri, sondern stattdessen steht da – sowohl im Benedicite der Laudes als auch in den Benedictus-Versen in den Preces der Komplet (R.B. c. XVII) – Benedicamus Patrem.
N.B.: Benedicamus Patrem et Filium cum Sancto Spiritu * laudemus et superexaltemus eum in sæcula – eine schöne Darstellung der Dreifaltigkeit.
Aber auch die Gesangsweise wirkt wenig gregorianisch. Ist sie altgallikanisch?

Zum Vergleich:
Das Credo wurde in Rom nicht gesungen, bis es 1014 auf Wunsch von Kaiser Heinrich II. dort eingeführt wurde, mit dem Filioque, das zuvor in Rom nicht gebräuchlich war. Die erste musikalische Gestalt des Credo war in Rom wohl das heutige Credo I. Woher kommt es?
Zur uns bekannten Form der altgallikanischen Liturgie gehörte kein Credo, wohl aber zur visigothischen (moçarabischen), die mit ihr nahverwandt war (Missale Gothicum heißt eines der wichtigsten Dokumente der altgallikanischen Liturgie). Kam das Credo I etwa dorther? Oder von den Iren? Leider wissen wir ganz wenig von der keltischen Liturgie.
Klar scheint, daß es im gallikanisch-gothisch-fränkischen Raum entstanden ist. Darum also die Frage an die Musiker:
Läßt sich ein musikalischer Stil erkennen, der das Benedictus (iij puerorum) mit dem Credo I verbindet und somit ein letztes Zeugnis wäre des vorgregorianischen Kirchengesangs im gallikanisch-fränkischen Raum?

Mittwoch, 31. Dezember 2025

Die Tage um Weihnachten mit Le Barroux

Der Quatembersamstag: Leider ist er im Novus Ordo nicht mehr vorgesehen, wohl aber im Konzils-Ordo, wie er in Le Barroux gefeiert wird (und wie ich ihn in einem Schott von 1966 vorliegen haben).
Eine großartige Einführung ins Weihnachtsfest: die Jesaja-Lesungen, die Gradualia aus den Psalmen 18 und 79 (und wirklich: dieser Schott verwendet noch die Psalmen-Numerierung der Vulgata) und die einfühlsamen, ausdrucksstarken, doch unaufdringlichen Melodien der Gregorianik.
Das Fest des heiligen Johannes: Dieses Jahr fällt es auf einen Samstag; und in vielen deutschen Kirchen, und so auch in unseren Großstädtchen, werden samstags keine Messen gefeiert außer der Vorabendmesse für den Sonntag. Welch einen Heiligen zu feiern wird uns da vorenthalten! Und wieder hilft Le Barroux. Natürlich fehlt die physische Teilnahme an der Eucharistie. Doch Lesungen und Gesang bieten wieder eine intensive Art der Mitfeier, wie sie in deutschen Pfarrkirchen selten ist.

Samstag, 6. Dezember 2025

Advent in den verschiedenen Kirchen

Seit einer Woche ist die römische Kirche im Advent. Es ist eine „geschlossene Zeit“, eine Zeit, in der Hochzeiten und andere Feiern unterbleiben sollen, in der man auf Theater und andere weltliche Veranstaltungen verzichten soll. Eigentlich ist es eine Fastenzeit; doch war sie nie so streng wie die vor Ostern, Feste waren immer ausgenommen, und heute ist sie im lateinischen Raum weitgehend vergessen.
Zugleich hat diese Zeit einige liturgische Besonderheiten, die mit dem Fastencharakter zusammenhängen: Gloria und Te Deum fallen aus, ebenso das Orgelspiel, die liturgische Farbe ist Violett.
Der römische Advent beginnt mit dem 4. Sonntag vor Weihnachten, der in die Zeit vom 27. November bis zum 3. Dezember fällt. Ebenso lang ist er in der assyrisch-chaldäischen Kirche.
Zwei Wochen länger dauert der Advent in den zwei anderen noch lebendigen lateinischen Riten: im mozarabischen beginnt er also am 6. Sonntag vor Weihnachten, der in die Zeit vom 13. bis zum 19. November fällt. Ähnlich ist es im ambrosianischen; wenn allerdings hier der Heilige Abend auf einen Sonntag fällt, so wird der nicht als Adventssonntag gerechnet, so daß hier der Advent an dem Sonntag beginnt, der in die Zeit vom 12. bis zum 18. November fällt. In diesem Jahr war es in beiden Kirchen der 16. November.
Als „quaresima di san Martino“, „Martinsfasten“ war dieses längere Adventsfasten weit über die Mailänder Kirchenprovinz hinaus verbreitet; auch der heilige Franziskus hielt es ein.
Sechs Sonntage vor Weihnachten: das entspricht etwa 40 Tagen. 40 Tage lang fastete der Herr, 40 Tage dauert die Fastenzeit vor Ostern. Auch vor Weihnachten fasten die orthodoxen Kirchen 40 Tage; da dieses Fasten aber weniger streng ist, werden dabei auch die Samstage und Sonntage mitgezählt. Es beginnt also am 15. November (was bei den Altkalendariern dem 28. November des gregorianischen Kalenders entspricht). Sechs Wochen vorm Heiligen Abend beginnen die Kopten zu fasten, also am 12. November, dem 3. Hatur (was dem gregorianischen 25. November entspricht).
Doch besondere adventliche Texte gibt es in den orthodoxen Kirchen nur an den letzten beiden Sonntagen vor Weihnachten.
40 Tage vor Weihnachten fastete früher auch die syrisch-antiochenische Kirche, doch heute sind es nur die letzten noch zehn Tage. Der liturgische Advent aber ist in dieser Kirche am längsten: er beginnt am 8. Sonntag vor Weihnachten, an dem Sonntag also, der in die Zeit vom 30. Oktober bis zum 5. November fällt. In diesem Jahr war es der 2. November.
Am 6. Sonntag vor Weihnachten beginnt auch der Advent der armenischen Kirche. Doch diese Kirche feiert Weihnachten am 6. Januar, an dem Tag also, an dem die anderen Kirchen Epiphanie oder Theophanie feiern. Hier ist der 1. Adventssonntag der Sonntag, der in die Zeit vom 25. November bis zum 1. Dezember fällt. In diesem Jahr war es, wie in der römischen Kirche, der 30. November. Doch gefastet wird heute nur noch die letzten sieben Tage.

Donnerstag, 23. Oktober 2025

Die Nonnen von Goldenstein
 oder
Das mißverstandene Kirchenrecht

Die Geschichte der Nonnen von Goldenstein ist in den letzten Wochen allgemein bekannt geworden.
Propst und katholisch.de schäumen: die Nonnen hätten gegen das Kirchenrecht verstoßen, das Gehorsamsgelübde gebrochen.
Schäumen sie zu Recht?

Freitag, 3. Oktober 2025

Klerikalismus

«Ich darf sie zu diesem Gottesdienst begrüßen», so höre ich oft einen Priester sagen.
Aber, gleichsam zum Trost: ein Jugendchor singt wahre geistliche Musik, straft alle Vorurteile Lügen, die man gegen Jugendensembles haben mag.

Der „Trickle-Down“-Effekt und das Evangelium

In der Wirtschaftspolitik vertraut man gerne dem „Trickle-Down“-Effekt: wenn man die Reichen oder wenn man die großen Unternehmen begünstigt, etwa durch Steuersenkungen, werde etwas „trickle down – nach unten durchtröpfeln“, so daß letztlich alle etwas davon hätten, auch die Armen.
Der Ausdruck stammt aus der Wirtschaftspolitik des US-Präsidenten Ronald Reagan (die von George Bush, seinem späteren Vizepräsidenten und Nachfolger, als „Voodoo-economics“ bezeichnet wurde). Die Anhänger dieser Wirtschaftspolitik ziehen heute die Bezeichnung „Angebotspolitik“ vor. Wissenschaftlich ist dieser Effekt widerlegt, aber wirtschaftspolitisch spielt er nach wie vor eine Rolle.
Bemerkenswert ist, daß dieser Effekt schon im Evangelium besprochen wird, im Evangelium vom letzten Sonntag (NOM): Luc. 16, 19-21; ebenso im Evangelium vom Sonntag zwei Wochen zuvor: Luc. 15, 14-16.

Samstag, 27. September 2025

Nachbemerkungen zum Marsch für das Leben

Der Marsch für das Leben, der am 20. September in Berlin und Köln stattgefunden hat, „macht“, so die offizielle Pressemitteilung des Veranstalters BvL,„öffentlich auf die universelle Menschenwürde aufmerksam, die jedem Menschen von seiner Entstehung an zusteht – unabhängig von Alter, Herkunft, Zustand, Autonomie oder gesellschaftlicher Anerkennung.“ Ein Anliegen, das etliche Gegendemonstranten auf den Plan rief. Sehr viele waren es in Berlin zwar nicht, dafür aber waren sie um so lautstärker – während der Marsch selbst, abgesehen von einer Beschallung, die aber nicht überall sonderlich laut zu hören war, in Ruhe verlief. Durch ihr ständiges Schreien demonstrierten die Gegendemonstranten, daß Gespräch oder gar Verständigung unerwünscht waren.
Eindrucksvoll war, daß beim Marsch Menschen aller Hautfarben beteiligt waren (und ebennso am nächsten Morgen bei der Messe in St. Afra), während unter den Gegendemonstranten ich nur Weiße gesehen habe.
Zum Schlußsegen trug der Berliner Weihbischof Matthias Heinrich eine Fürbitte ausdrücklich für die Flüchtlinge vor, die in Europa Schutz suchen.

Samstag, 6. September 2025

Konzelebration ohne wirkliche Teilnahme der Konzelebranten

Ein Pontifikalamt, zu dem die ganze Großpfarrei eingeladen ist (alle Messen in der Stadt am Sonntagmorgen fallen aus).
Ein Erzbischof und einige Priester konzelebrieren.
Die Messe beginnt ganz vorschriftsgemäß. Doch „vorschriftsmäßig“ reicht nicht immer aus, wenn der Sinn des Ritus nicht beachtet wird. Obwohl es ganz vorschriftsgemäß ist, ist der Gottesdienst zu einem großen Teil so gestaltet, daß die Konzelebranten nicht wirklich daran teilnehmen.
Der Chronist von Orietur Occidens stellt das Problem dar.