Montag, 31. Oktober 2011

Im Priesterseminar

Im Oktober hatte ich aus ganz besonderen Gründen das Vorrecht, fast eine Woche lang im Priesterseminar in Wigratzbad zu verbringen.
Natürlich war es auch – auch – eine einfach schöne Zeit: zum Teil noch spätsommerlich schönes Wetter, die Wanderwege in der Allgäuer Landschaft mittlerweile sehr gut ausgeschildert, opulent ausgestattete Barockkirchen in der Umgebung. Dann die Gebetsstätte: geschmacklich ließe sich schon einiges anmerken; wie aber die Andachtsstätten und Andachtsstättchen im Grünen verteilt sind, ist doch hübsch. Und es gibt da wirklich Geistliches: die Anbetungskirche, den Kreuzweg. Und hinter der Ölbergkapelle, deren Architekt von Ronchamp träumte, erscheint in seltsamer Pracht die Sühnekirche in frühpostmodernem Neo-Chinois-Stil (von Gottfried Böhm, einem Sohn Dominikus Böhms).
Aber es war sehr viel mehr als nur eine schöne Zeit. Da waren die Gottesdienste. Sie begannen für mich mit der Ersten Sonntagsvesper, es gab tägliche Messen und weitere Gebetsstunden. Der Höhepunkt war das levitierte Hochamt am Sonntag; dazu kamen weitere Messen und Vespern mit gregorianischem Gesang. Doch es gab auch stille Messen. Wenn auch naturgemäß weniger eindrücklich als die gesungenen Messen, zeigten sie doch ihren ganz eigenen Wert: als intensive Gelegenheit zu ruhiger Betrachtung. In allen Messen und Gebetsstunden stimmte alles: alles war, alle waren auf die heilige Handlung, auf den Herrn ausgerichtet; nie erschien etwas zufällig im Chorraum, alles war bedeutsam.
Dann das Seminar. Die Priester der Petrusbruderschaft erlebte ich als eindrückliche, glaubwürdige Persönlichkeiten, die Seminaristen als engagiert, interessiert, klug. Alle erscheinen verbunden durch das gemeinsame geistliche Anliegen. In der Glaubenshaltung zeigen sich Priester und Seminaristen klar und konsequent, doch (wenn man nicht schon das Strenge nennen will) besondere Strenge nehme ich nicht wahr, weder Einseitigkeit noch Weltfremdheit. Mir fällt die gegenseitige Achtung, die Freundlichkeit im Umgang auf und die gute Stimmung. Ich erinnere mich an den Widerwillen von Theologiestudenten gegenüber dem diözesanen Priesterseminar, dem «Kasten», ihre Unzufriedenheit mit dem Leben dort – hier ist nichts dergleichen zu spüren.
Das Leben im Seminar verläuft in ausgewogener Form. Bei den Mahlzeiten gibt es eine Tischlesung statt; doch auch für Gespräch ist noch Raum. Es ist ein internationales Seminar. Es gibt einen deutschsprachigen und einen frankophonen Zweig, doch die Zahl der Herkunftsländer ist kaum überschaubar. Und so höre ich auch einmal, daß man auf Latein miteinander redet.
Eine ungewöhnliche Umgebung für einen Laien; und doch eine Freude und eine geistliche Vertiefung, hier einige Tage leben zu dürfen.

Schon 1936 hatte mit der Errichtung der «Lourdesgrotte» – zum Dank dafür, daß die Gründerin nationalsozialistische Nachstellungen unbeschadet überstanden hatte – die Geschichte der Gebetsstätte begonnen. Das Priesterseminar besteht seit 1988 in freundlichem Nebeneinander mit der Gebetsstätte; seit 2000 hat es seine eigenen Gebäude, seit diesem Sommer einen neuen Anbau, um die Menge der Priesteramtsbewerber unterbringen zu können. Doch auch dieser Anbau ist bereits voll belegt, eigentlich schon überbelegt. Ich lese: die Petrusbruderschaft, der 228 Priester angehören, zählt 164 Seminaristen (10 Diakone eingerechnet) in zwei Seminaren – das zweite liegt in Amerika. Vom Andrang der Bewerber ebenso wie von der Qualität des geistlichen Lebens ist es deutlich, daß hier die Zukunft der Kirche liegt. Doch an Kirchensteuermitteln erhält das Seminar nichts, alles wird durch Spenden finanziert. Wer für die Zukunft der Kirche spenden will: hier ist dazu Gelegenheit.

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Die Qualifikation unserer Politiker

«Wer die Rivalen nicht wegbiss, war verloren. Das klingt brutal, hatte aber einen entscheidenden Vorteil. So wurde sichergestellt, dass nur abgehärtete Politiker nach oben kamen. Das frühe Stahlbad hat uns manche spätere Enttäuschung erspart»: so beschreibt der Berliner Regierende Bürgermeister in seiner Autobiographie den Aufstieg eines erfolgreichen Politikers.
Oft wird geklagt, oft beschwere ich mich über unsere Politiker. Wenn so nun aus erster Hand zu erfahren ist, durch welche Eigenheiten man sich zu qualifizieren hat zu politischen Machtpositionen, so kann es nicht mehr wundern, daß unsere Politik so ist, wie sie ist.

Dienstag, 18. Oktober 2011

«Von Donatisten, Ikonoklasten und anderen Ketzern»

«Moderne Irrtümer und ihre Herkunft» – ein Buch von Thomas Baumann, in dem der Leser unschwer einen bekannten Blogger unseres Dekanats wiedererkennen wird.
Was beim ersten Anlesen einfach als unterhaltsamer Gang durch die christliche und nachchristliche Geistesgeschichte erscheint, erweist sich bei näherem Hinsehen als viel mehr, als die Ausarbeitung einer interessanten Erkenntnis:
Die Moden wechseln, der Schwachsinn bleibt der gleiche.
Eine kleine Einschränkung: wirklich viel hat von dem Buch nur, wer bereit ist, ein wenig mitzudenken. Aber dem, der dazu bereit ist: viel Freude bei der Lektüre!

Freitag, 7. Oktober 2011

Und das Wichtigste?

Eine in Deutschland aufgewachsene Journalistin türkischer Herkunft interviewt ihren eigenen Vater zum Thema ihrer Erziehung zwischen den Kulturen. Ihr Résumé: «Im Nachhinein finde ich, du hast es gut gemacht.»
Konkret: «Du musstest dich gleich zwei Gesellschaften stellen, der deutschen und der türkischen, und nicht nur dich und deine Entscheidungen, sondern auch mich verteidigen.» Er entgegnet: «Das Wichtigste war, mich vor Allah verteidigen zu können. Was die Leute reden, ist vergänglich. ... Aber weil du alles anders machen wolltest, befürchtete ich, du wendest dich von Allah ab. Deshalb hab ich dir immer gesagt: Egal wie du lebst, verlier nie deinen inneren Glauben. Glaub an Allah, er wird dich immer weisen. Das ist der Islam, wie ich ihn verstehe. Ich hatte Angst, dass du den Rat nicht ernst genug nimmst.»
Ich mußte an die Worte denken, die man unter Deutschen oft als Glückwunsch hört: «Und das Wichtigste: Gesundheit!» Wie peinlich ist das doch angesichts dieser Worte eines Muslims.

Dienstag, 4. Oktober 2011

Ehrabschneidung

Ein historischer Roman ist erschienen; ein Anlaß, in der tageszeitung den Verfasser zu interviewen.
M. Antoine Beauvilliers, ein Pariser Koch, ist der Autor eines Buches, «L'art du cuisinier», das 1814 erschienen ist. An dieses Kochbuch knüpft der Roman an. Doch der Romanautor gibt vor, das Werk sei in Wirklichkeit von einem (fiktiven) Gesellen verfaßt worden und diesem vom historischen Verfasser, eben M. Beauvilliers, entrissen worden. Historisch spricht nichts dafür, wie der Romanautor offen zugibt.
Aber wenn auch der Romanautor das zugibt: einmal ausgesprochen und gar einen Roman lang ausgewälzt, ist solch eine Behauptung in der Welt und droht irgendwie hängen zu bleiben, kaum minder als gentechnisch verändertes Saatgut. «Siehe, welch kleines Feuer, welch einen großen Wald zündet es an!» schrieb Jakobus zu diesem Thema (3, 5).
«Du sollst kein falsches Zeugnis gegen deinen Nächsten ablegen!» (8. Gebot)
Juristisch ist dieser Fall von übler Nachrede wohl leider nicht zu ahnden wegen eines Mangels in unserem Rechtssystem: es finden sich wohl keine Erben mehr, die klageberechtigt wären.
Nichtsdestoweniger: Im Ergebnis ist dies ein Fall von übler Nachrede.

Montag, 3. Oktober 2011

Nachlese

Am Samstag vor einer Woche: nachts gegen ½ 3 aufstehen, um dann um ½ 4 im Bus zu sitzen, später über 2 Stunden auf dem saukalten Feld stehend nichts zu tun als zu warten – hat sich das gelohnt?
Es hat sich gelohnt. Es hat sich gelohnt, diesen Papst bei der Zelebration des heiligen Opfers zu erleben. Und es hat sich gelohnt, die großen Reden zu lesen, die er bei anderen Gelegenheiten seiner Deutschlandreise gehalten hatte.
Nicht nur ich – viele sind glücklich über diesen Besuch.
Doch in den großen Medien dominieren ganz andere Stimmen. Der Papst habe in der Ökumene enttäuscht, habe innerkirchlicher Reform eine Absage erteilt. Man kann nur staunen: welcher Papst hätte in den Jahrzehnten zuvor solche Leistungen in der Ökumene vollbracht? Durch die Apostolische Konstitution «Anglicanorum coetibus» wurden viele Anglikaner mit der katholischen Kirche vereint und nebenbei noch die ganze «Anglo-Lutheran Catholic Church». Mit den Ecôniten sind Gespräche im Gange, die Raum für Hoffnung geben; über die orthodoxen Kirchen sagte er bei seiner Deutschlandreise: «Und so wagen wir zu hoffen, auch wenn menschlich immer wieder Schwierigkeiten auftreten, daß der Tag doch nicht zu ferne ist, an dem wir wieder gemeinsam Eucharistie feiern können.» Innerkirchliche Reform hat er durch das Motu proprio «Summorum pontificum» und die Instruktion «Universae Ecclesiae» ins Werk gesetzt; er hat Maßnahmen gegen den sexuellen Mißbrauch getroffen. Weitere Reformen hat er auf seiner Deutschlandreise angeregt: «Vielen Menschen mangelt es an der Erfahrung der Güte Gottes. Zu den etablierten Kirchen mit ihren überkommenen Strukturen finden sie keinen Kontakt» und «Ich denke, ehrlicherweise müssen wir doch sagen, daß es bei uns einen Überhang an Strukturen gegenüber dem Geist gibt.»
Warum werden dennoch Enttäuschungen vorgebracht? Die Antwort geben Erwartungen und Wünsche, die konkret geäußert wurden.
Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider durfte unmittelbar zuvor in unserer Kirchenzeitung erklären, «dass das Evangelium in ganz bestimmter Weise neu zum Glänzen gebracht wurde und etwa, dass das, was der Kirchenvater Augustinus sagte, mit Hilfe Martin Luthers ganz neu in das Bewusstsein der Zeit hineingebracht wurde.» Wohlgemerkt: es geht um jenen – für ihn selbst zentralen, mit dem christlichen Glauben freilich nicht gut zu vereinbarenden – Teil von Luthers Theologie («de servo arbitrio» schrieb er), den schon Melanchthon abzumildern in Angriff nahm, der im folgenden Jahrhundert von den Pietisten unauffällig entsorgt wurde und der heute nur noch durch die Köpfe einer erfreulich kleinen Schar von Gnesiolutheranern und Calvinisten geistert. Wenn Herr Schneider nicht Unmögliches und Destruktives von Papst gewünscht hätte, sondern einen Schritt zur Kirche hin gemacht hätte, etwa erklärt hätte, er wolle anstreben, daß protestantischerseits keine «Pastorinnen» mehr ordiniert werden, um so wenigstens ein Hindernis für eine künftige Ökumene abzubauen, das von den Reformatoren nicht einmal beabsichtigt gewesen war ...
Der ZdK-Vorsitzende Alois Glück hat gewünscht, daß etwa wiederverheiratet Geschiedene (gemeint ist: standesamtlich Geschiedene und anderweitig Neuverheiratete) wieder zur Kommunion dürften, was er für «Barmherzigkeit» hält. Daß das weder einfach so möglich noch «barmherzig» ist, habe ich gerade schon festgestellt.
Wenn Herr Glück nicht Unmögliches von Papst gewünscht hätte, sondern einen Schritt zum Abbau des Überhangs von Strukturen in Angriff genommen hätte, etwa die Abschaffung des ZdK, des Forums, durch das Politiker ungebührlich in die Kirche hineinreden ...
Die Enttäuschung ist selbstgemacht: wer vom Papst erwartet, daß der sich den fixen Ideen anderer unterwirft, wird zu recht enttäuscht werden.

Ehe, Scheidung und ein Theologieprofessor

In der Ausgabe der örtlichen Kirchenzeitung, die direkt vor dem Besuch des Papstes erschien, fand sich ein Interview mit dem Moraltheologen Prof. Schockenhoff «über die Kirche und das Gewissen gescheiterter Eheleute: Es muss einen Ausweg geben».
«Die jetzige Regelung jedenfalls ist unbarmherzig», ist da zu lesen. «Sie ist ein Relikt eines seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil überkommenen Eheverständnisses. Allerdings sind die kirchenrechtlichen Konsequenzen aus dem Wechsel zu einer personalen Eheauffassung nie gezogen worden, die das Konzil vorgenommen hat.»
Es klingt, als sei diese kirchenrechtliche Regelung ein Relikt aus, sagen wir einmal: dem XIX. Jahrhundert, eine Fehlentwicklung, die durch ein Konzil beseitigt werden könnte.
Das aber ist sie nicht. In Wirklichkeit hat sie in der westlichen Kirche immer gegolten, auch wenn sie nicht immer durchgesetzt werden konnte. So kann kein Konzil sie einfach ändern; und siehe: das II. Vaticanum hat gar nicht gefordert, Ehescheidungen zu ermöglichen.
Und «unbarmherzig»? Juristisch ist diese Regelung sowieso nicht durchsetzbar. Jeder, der geschieden und dann standesamtlich anderweitig verheiratet ist, kann ohne weiteres in eine Nachbarkirche gehen, in der er nicht bekannt ist, und dort kommunizieren. Die kirchenrechtliche Regelung hat nur die wirkliche Bedeutung, daß sie ihn darauf hinweist, daß seine Lebensführung dem Gebot Christi so entgegensteht, daß er deshalb den Leib Christi nicht empfangen kann. Wenn dieser Hinweis richtig ist, so ist er nicht «unbarmherzig», sondern schlicht notwendig.
Daß er richtig ist, scheint jedoch Prof. Schockenhoff zu verneinen: «Eine zweite Hochzeit hat Jesus gar nicht im Blick», sagt er im Interview. Eine sonderbare Meinung, wenn ich etwa das Marcus-Evangelium heranziehe: «Wer seine Frau entläßt und eine andere heiratet, bricht ihr gegenüber die Ehe; und wenn sie ihren Mann entläßt und einen anderen heiratet, bricht sie die Ehe» (10, 11 f.).
Noch sonderbarer sind Prof. Schockenhoffs Lösungsvorschläge: «Ich setze auf die Gewissensentscheidung der Betroffenen» und «Die Kirche sollte dieses Gewissensurteil respektieren.» Welch objektive Entscheidungen erwartet Prof. Schockenhoff da von den «Betroffenen»? – mir erscheint das weltfremd. Dann aber sagt er selber: «Es gibt Gründe, eine Ehe zu verlassen, die einfach niederträchtig sind und die dürfen nicht die moralische Zustimmung anderer finden.» Wie paßt das zusammen? Meint er, Menschen, die sich solch «besonderer Rücksichtslosigkeit» schuldig gemacht hätten, wären nicht bereit, ein «Gewissensurteil» zu fällen, das eben dieses Handeln approbiert? Wenn er keinen solchen Fall kennt: ich kenne ihn.
Schließlich: «Die Kirche könnte deshalb eine zivile Zweitehe als moralisch vertretbare Realität dulden». In einer Situation, in der nach der Lehre der Kirche eine Eheschließung nicht möglich ist, soll sie dann Katholiken den Weg zu einer nichtigen Eheschließung auf dem Standesamt freigeben?
Ich habe viel Mitgefühl für Menschen, die von ihrem Ehegatten verlassen wurden oder so drangsaliert wurden, daß sie selber ihn verlassen mußten. Ich habe da schlimme Fälle gesehen und wäre darum dankbar, wenn man diesen Menschen helfen könnte. Doch: Prof. Schockenhoffs Weg ist da kein Ausweg.

Donnerstag, 22. September 2011

Papst und Politiker

Daß es nicht besonders erleuchtet war, was «papstkritische» (genauer: unkritisch antipäpstliche) Politiker zur angesetzten Bundestagsrede des Papstes sagten, verwundert nicht; darauf zu antworten ist unnötig – das hat Papst Benedikt in seiner Rede in souveräner Weise selber getan.
Aber manches ist doch interessant:
Berlins Regierender Bürgermeister befand, die Kirche vertrete Lehren, „die weit in die zurückliegenden Jahrtausende gehören, aber nicht in die Neuzeit“. Zum Vergleich: Gilbert Keith Chesterton (danke, Laurenti!) stellte fest: „Die katholische Kirche ist die einzige Institution, die den Menschen vor der erniedrigenden Sklaverei bewahrt, ein Kind seiner Zeit zu sein.“
Der Bundestagspräsident äußerte „ehrlich begründete Zweifel, ob die Unterschiede zwischen den Konfessionen, die es zweifellos gibt, die Aufrechterhaltung der Trennung“ rechtfertigten. Dem pflichten wir gern bei, und so hat es die katholische Kirche ja immer gesehen: Protestanten, die zur Einheit zurückzukehren bereit sind, werden herzlich willkommen geheißen. Und so geschieht es ja auch schon im Kleinen: jüngst sind wieder zwei landeskirchlich-evangelische Pfarrer, aus Thüringen der eine, der andere aus Obersachsen, den Weg zur Einheit gegangen.
Wunderlich allerdings ist die Formulierung des Bundestagspräsidenten: große Unterschiede würden die Trennung von der katholischen Kirche ebensowenig rechtfertigen.

Mittwoch, 24. August 2011

Die dümmste Partei der Republik

meldet sich zu Wort – wieder einmal auf gewohntem Niveau.
In der tageszeitung lese ich: Die Grünen in einem Berliner Bezirk fordern in ihrem Wahlprogramm dazu auf, die Luxusmodernisierung von Wohnungen in Milieuschutzgebieten zu melden.
Der örtliche gelb-blaue Bezirksvorsitzende meint dazu: «Bespitzelung mussten viele Menschen im ehemals ostdeutschen Stadtteil Friedrichshain lange genug ertragen.»
Also: Wenn jemand sieht, wie ein Ganove am Werk ist, und daraufhin «Haltet den Dieb!» ruft, so wäre das demnach Bespitzelung, offenbar nach Stasi-Art.

Dienstag, 23. August 2011

Darf man vergleichen?

Ein Buch über den „Historikerstreit“ der achtziger Jahre (Mathias Brodkorb [Hg.]: Singuläres Auschwitz? Adebor Verlag, Banzkow 2011) wird rezensiert, und zwar von Rudolf Walther. Dort wird die Behauptung «es sei bis heute „unzulässig, nicht nur den Holocaust mit anderen Genoziden zu vergleichen, sondern hinsichtlich seiner regressiven Qualität mit diesen gleichzusetzen“» abgefertigt: «Spätestens in der Debatte um das „Schwarzbuch des Kommunismus“ (1997/98) wurden solche Scheinprobleme geklärt: Ohne Vergleiche kommt kein Historiker aus. Die Vermutung, mit dem Vergleich von Verbrechen relativiere man diese automatisch, ist haltlos.» Der Autor stellt fest, daß am „Singularitätsdogma“ «„in der Geschichtswissenschaft heute kein ernsthafter Denker mehr festhält“ (Wolfgang Wippermann).»
Ich denke einige Jahre zurück. In seiner Festpredigt zum Dreikönigstag 2005 sagte Kardinal Meisner: «Zuerst Herodes, der die Kinder von Bethlehem umbringen läßt, dann unter anderem Hitler und Stalin, die Millionen Menschen vernichten ließen, und heute, in unserer Zeit, werden ungeborene Kinder millionenfach umgebracht.» Damals hat der Kardinal die Einzigartigkeit der Scho’a in keiner Weise bestritten; er hat sie nicht einmal mit irgend etwas anderem verglichen, hat sie nur in einer Zahl von Massentötungen unschuldiger Menschen mitaufgezählt. Dieser Verstoß gegen das „Singularitätsdogma“, dessen Ungültigkeit, wie ich jetzt von Rudolf Walther lese, damals schon längst geklärt war, reichte damals aus, einen gewaltigen Proteststurm gegen den Kardinal hervorzurufen. Meisner habe die Holocaust-Opfer beleidigt, meinte etwa Claudia Roth; die „Initiative Kirche von unten“ verlangte vom Kardinal eine Entschuldigung. Von dem bereits als Historiker und Publizist recht bekannten Rudolf Walther habe ich damals nichts zur Verteidigung des Kardinals mitbekommen.
Wenn es dabei einen geschmacklosen Vergleich der Scho’a gab, dann ist das deren Vergleich mit von Gott gewollten Opfern durch die Bezeichnung „Holokaust“, die Frau Roth ebenso wie viele andere wählte. „Holocaustum“ ist ein Wort, das aus dem Griechischen entlehnt ist, im Griechischen aber nicht verwendet wird; im Lateinischen erscheint dieses Wort – soweit ich sehe: ausschließlich – als Übersetzung des alttestamentlichen „Brandopfers“ oder gelegentlich auch „Ganzopfers“, also von Gott gewollter Opfer. «Benigne fac Domine in bona voluntate Sion, ut aedificentur muri Jerusalem. Tunc acceptabis sacrificium iustitiae, oblationes et holocausta», betet die Kirche (50 [51], 20 f.).

Samstag, 13. August 2011

Christ und wirtschaftsliberal?

Eine abwegige Verbindung – eigentlich genügt ja das Wort des Herrn: «Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon» (Mt. 6, 24; Lc. 9, 13); dennoch habe ich ja schon selber einiges zu dem Thema gesagt, über den Kult des «Freien Marktes» als Götzendienst und über die Geistesgeschichte des Wirtschaftsliberalismus. Und in letzter Zeit habe ich wieder einige interessante Zeitungsartikel gefunden; einen Artikel, der zeigt, wie das Nordamerikanische Freihandelsabkommen ebenso wie die Menschen in Mexiko (die Tortilla-Krise ist ja noch in übler Erinnerung) auch die in den USA schädigt, einen anderen über die Strategie, die hinter der gegenwärtigen Schuldenkrise steht, und schließlich einen, der einen Mann zeigt, der das Unvereinbare zu vereinbaren suchte, der marktliberal dachte, dann zur katholischen Kirche konvertiert ist und seinen Marktglauben zunächst beibehielt. Mir erschließt es sich nicht, wie es denkbar ist, vom ungezügelten Markt etwas Gutes zu erhoffen – er hat es aber anscheinend gutgläubig (schlechtgläubig sollte man besser sagen) getan; doch schließlich hat er es begriffen, und (auch) darum ist der Artikel lesenswert.

Samstag, 6. August 2011

Die wunderbare Brotvermehrung

kann durch noch so fortschrittliche Predigten nicht gemeuchelt werden - das gewährleistet der Glaubenssinn des Volkes.

Fingierte «Menschenrechte» als Argument gegen Menschenrecht

machen dem Chronisten Sorge.

Sonntag, 31. Juli 2011

550. Anniversarium des Endes des Römischen Reichs

476: Ende des Weströmischen Reiches; 1453: Fall Konstantinopels, Ende des Oströmischen Reiches – das hat man in der Schule gelernt. Doch das letzte stimmt nicht: einige Jahre länger noch herrschten oströmische Kaiser. Im August 1461 aber fiel Trapezunt, ein Anlaß, jetzt des endgültigen Endes des Reichs zu gedenken.

Mittwoch, 27. Juli 2011

Wo liegt Strömen?

Wo liegt eigentlich Strömen? Oft höre ich, daß es dort regnet; aber ich habe diesen Ort noch auf keiner Karte entdeckt. Nun aber bin ich der Sache nähergekommen:
In einem oberbergischen Anzeigenblättchen lese ich, daß zwei oberbergische Unternehmen zu einem Fest eingeladen hatten – einem Konzert mit karnevalstypischer Musik – „und die Gäste kamen in Strömen“!
Im Oberbergischen also liegt Strömen! Und wer das oberbergische Wetter kennt, wundert sich nicht, daß es in diesem Ort so sehr regnet.

Urlaubserinnerungen

Bautzen:
Das zivilgesellschaftliche Engagement sorbischer und deutscher Einwohner hatte in der Oberlausitz der protestantischen Obrigkeit zum Trotz vielerorten den Fortbestand der katholischen Kirche gerettet. Der Dom in Bautzen ist geteilt (so etwas gab es öfters; bis etwa zum Beginn des XIX. Jahrhunderts war es in der Bielefelder Neustädter Marienkirche ebenso): der Chorraum ist katholisch, Konkathedrale der Diözese Meißen und Dresden, das Schiff jedoch protestantisch.
Und so gibt es dort auch noch einen prachtvollen Domschatz.

Dresden:
Natürlich ist die Waldschlößchenbrücke ein Skandal; aber so häßlich ist sie nun auch wieder nicht; und sie liegt schön abgelegen.
Darum möchte ich einen Kompromiß vorschlagen: Dresden erhält trotz dieser Brücke den Weltkulturerbetitel zurück, wenn stattdessen die Carolabrücke abgerissen wird – sie ist potthäßlich und liegt mitten in der Stadt (wenn man will, kann man ja zum Ausgleich noch die alte Carolabrücke wiedererrichten).

Mittwoch, 22. Juni 2011

Weshalb S 21?

Über die begonnenen und weiter drohenden Verwüstungen nachgedacht habe ich ja schon eher. Endlich aber habe ich nun eine einleuchtende Begründung für „Stuttgart 21“ gefunden – bei der sehr kundigen Petra Reski.

Samstag, 18. Juni 2011

Andere Nachrichten aus Syrien (iterum)

Wenn Nachrichten von einer jungen lesbischen Frau stammen, werden sie anscheinend bevorzugt gelesen, geglaubt, weitergegeben. Und wenn diese junge Frau aus einer finsteren Diktatur berichtet, dann wird sie zur Stimme der syrischen Opposition, und man macht sich nicht die Mühe, sich zu wundern, daß sie keine Bedenken hat, ihr Bild zu veröffentlichen; und daß sie nicht auf Arabisch schreibt, sondern auf Englisch, ist doch so praktisch für die internationale Presse.
Nun hat sich herausgestellt, daß es keine junge Frau in Damaskus ist, sondern ein Amerikaner in Edinburg; ob er lesbisch ist, wird nicht mehr erwähnt.

Daß wir andere Nachrichten aus Syrien bekommen haben, verdanken wir unserem aramäischen Freund, der die arabischsprachigen Nachrichten im Netz liest.