Samstag, 31. Januar 2026

Ein evangelischer Jugendchor

Nach längerer Zeit hat die Chronik von Orietur Occidens die Reihe „Liturgisches von einem evangelischen Theologen“, Wilhelm Stählin nämlich, wieder aufgenommen.
Was er vom (evangelischen!) Jugendchor seiner Pfarrstelle in Osternburg berichtet, würde wohl jedem katholischen Jugendchor zur Ehre gereichen.

Samstag, 17. Januar 2026

Der heilige Paulus von Theben – hat es ihn gegeben?

Heute ist das Fest des heiligen Antonius. Wohl die berühmteste Geschichte aus seinem Leben ist die seiner Begegnung mit dem heiligen Paulus von Theben, dessen Fest, je nach Kalender, vorgestern oder vor einer Woche begangen wurde. Diese Begegnung aber ist nicht in der Vita Antonii des heiligen Athanasios zu finden, sondern nur in der Vita Pauli primi eremitae des heiligen Hieronymus.
Überhaupt ist die Lebensgeschichte des heiligen Paulus von Theben nur von Hieronymus überliefert. Der Schluß der Wikipedia daraus: „Die tatsächliche, geschichtliche Persönlichkeit des Paulus von Theben ist mehr als zweifelhaft. Es wird davon ausgegangen, dass Hieronymus mit seiner Geschichte eher daran gelegen war, sein literarisches Talent herauszustellen und der Vita Antonii des Athanasios einen Gegenentwurf für die christliche Heiligenlegende zur Seite zu stellen und mit der Darstellung eines älteren Wüstenheiligen zu übertreffen.“
Wenn dem so wäre: was wäre da geschehen?
Die Vita Pauli hat Hieronymus um 376 (Wikipedia) geschrieben. Daraufhin hätten fromme Leute in Ägypten eilends eine Grabstätte ausgesucht, die sie ihm zuschreiben konnten, und darüber das Pauluskloster (Deir Mari Bolos) errichtet, das auf die Mitte des IV. Jahrhunderts datiert wird – also: die Zeit war sehr knapp, um nach der Veröffentlichung der Vita noch in der Jahrhundertmitte (im weitesten Sinne) das Kloster zu bauen.
Der heilige Paulus von Theben wird in der koptischen Kirche verehrt, in der byzantinischen, der syro-antiochenischen. In der armenischen wird sein Name sogar im Hochgebet genannt. Welch große Wirkung dieser Schrift des heiligen Hieronymus.
In Wirklichkeit ist der heilige Hieronymus im Osten recht wenig bekannt. In den Diptychen von Jerusalem aus dem XII. Jahrhundert, die F. E. Brightman (Liturgies / Eastern and Western) als Appendix H veröffentlicht hat, finden sich die heiligen Ambrosius und Augustinus, nicht aber Hieronymus. Und natürlich steht da der heilige Paulus von Theben.
Der heilige Hieronymus hat lange Zeit in Bethlehem gelebt; doch nahm man ihn (der lateinisch schrieb, nicht griechisch) dort nicht als so wichtig war, daß er in die Diptychen des benachbarten Jerusalem eingedrungen wäre. Die von ihm verfaßte Vita eines von ihm frei erfundenen Heiligen aber hätte schnellstens dazu geführt, daß dieser Heilige im Orient und auch in Ägypten hoch verehrt wurde, ihm ein Grab zugeschrieben wurde?
Das Zeugnis der koptischen Kirche und der orientalischen Kirchen ist zwingend: den heiligen Paulus von Theben hat es gegeben. Wieweit seine Vita historisch ist, wieweit durch die frühe Überlieferung und dann durch den heiligen Hieronymus ausgeschmückt, ist heute nicht mehr zu klären.

Dienstag, 13. Januar 2026

Veröffentlichung der Ostertermine

Im Decretum Gelasii gehörte die Oktav der Epiphanie zu den gebotenen Feiertagen. Deren Antiphonen allerdings, die dem Gedächtnis der Taufe des Herrn galten, sind schon im Brevier Pius’ V. verschwunden, durch die Antiphonen vom Fest der Epiphanie selbst ersetzt. Nach der weitreichenden Verminderung der gebotenen Feiertage im XIX. Jahrhundert zählte dieser Oktavtag nicht einmal mehr zu den Festa suppressa. Die Reform von 1956 beseitigte sogar die Oktav von Epiphanie, doch dieser Tag blieb als Fest bestehen: als Gedächtnis der Taufe des Herrn. Auch der Konzils-Ordo hat ihn beibehalten; doch vom Novus Ordo wurde er auf den Sonntag nach Epiphanie verlegt.
Doch uns gelte dieser Oktavtag noch, um zu Epiphanie (etwas verspätet freilich) die Ostertermine zu veröffentlichen.

Freitag, 9. Januar 2026

Wetterbericht

Qui dat nivem sicut lanam,
nebulam sicut cinerem spargit.
Mittit cristallum suum sicut buccellas;
ante faciem frigoris eius quis sustinebit?

Samstag, 3. Januar 2026

Das Canticum Benedictus
– eine Anfrage an die Musiker –

Aus der altgallikanischen Liturgie ist überliefert, daß nach der Epistel das Benedictus (Dan. 3, 52-56) gesungen wurde.
In der römischen Liturgie wird dieses Canticum am Quatembersamstag vor Oration und Epistel gesungen. Die Frage ist, ob der Gesang dieses Canticum an diesen beiden Stellen auf einen gemeinsamen Ursprung zurückgeht oder ob dieser Gesang in Rom aus der altgallikanischen Liturgie übernommen wurde.
Lange habe ich gemeint, daß es ein gemeinsamer Ursprung sei; doch nun erscheinen mir die Belege überzeugend, daß der römische Gesang aus dem altgallikanischen übernommen wurde.
In den ältesten Belegen für die Liturgie des Quatembersamstags erscheinen die Daniel-Lesung und das Canticum noch nicht.
Sodann: ein Graduale in der römischen Liturgie – dessen Stelle das Canticum hier vertritt –, enthält niemals ein Gloria Patri
Gloria Patri
. Hier aber erscheint es; es widerspricht also den Gesetzen des römischen Ritus.
Außerdem: die Cantica aus Daniel enthalten im römischen und ebenso im byzantinischen Ritus niemals ein Gloria Patri, sondern stattdessen steht da – sowohl im Benedicite der Laudes als auch in den Benedictus-Versen in den Preces der Komplet (R.B. c. XVII) – Benedicamus Patrem.
N.B.: Benedicamus Patrem et Filium cum Sancto Spiritu * laudemus et superexaltemus eum in sæcula – eine schöne Darstellung der Dreifaltigkeit.
Aber auch die Gesangsweise wirkt wenig gregorianisch. Ist sie altgallikanisch?

Zum Vergleich:
Das Credo wurde in Rom nicht gesungen, bis es 1014 auf Wunsch von Kaiser Heinrich II. dort eingeführt wurde, mit dem Filioque, das zuvor in Rom nicht gebräuchlich war. Die erste musikalische Gestalt des Credo war in Rom wohl das heutige Credo I. Woher kommt es?
Zur uns bekannten Form der altgallikanischen Liturgie gehörte kein Credo, wohl aber zur visigothischen (moçarabischen), die mit ihr nahverwandt war (Missale Gothicum heißt eines der wichtigsten Dokumente der altgallikanischen Liturgie). Kam das Credo I etwa dorther? Oder von den Iren? Leider wissen wir ganz wenig von der keltischen Liturgie.
Klar scheint, daß es im gallikanisch-gothisch-fränkischen Raum entstanden ist. Darum also die Frage an die Musiker:
Läßt sich ein musikalischer Stil erkennen, der das Benedictus (iij puerorum) mit dem Credo I verbindet und somit ein letztes Zeugnis wäre des vorgregorianischen Kirchengesangs im gallikanisch-fränkischen Raum?

Mittwoch, 31. Dezember 2025

Die Tage um Weihnachten mit Le Barroux

Der Quatembersamstag: Leider ist er im Novus Ordo nicht mehr vorgesehen, wohl aber im Konzils-Ordo, wie er in Le Barroux gefeiert wird (und wie ich ihn in einem Schott von 1966 vorliegen haben).
Eine großartige Einführung ins Weihnachtsfest: die Jesaja-Lesungen, die Gradualia aus den Psalmen 18 und 79 (und wirklich: dieser Schott verwendet noch die Psalmen-Numerierung der Vulgata) und die einfühlsamen, ausdrucksstarken, doch unaufdringlichen Melodien der Gregorianik.
Das Fest des heiligen Johannes: Dieses Jahr fällt es auf einen Samstag; und in vielen deutschen Kirchen, und so auch in unseren Großstädtchen, werden samstags keine Messen gefeiert außer der Vorabendmesse für den Sonntag. Welch einen Heiligen zu feiern wird uns da vorenthalten! Und wieder hilft Le Barroux. Natürlich fehlt die physische Teilnahme an der Eucharistie. Doch Lesungen und Gesang bieten wieder eine intensive Art der Mitfeier, wie sie in deutschen Pfarrkirchen selten ist.

Samstag, 6. Dezember 2025

Advent in den verschiedenen Kirchen

Seit einer Woche ist die römische Kirche im Advent. Es ist eine „geschlossene Zeit“, eine Zeit, in der Hochzeiten und andere Feiern unterbleiben sollen, in der man auf Theater und andere weltliche Veranstaltungen verzichten soll. Eigentlich ist es eine Fastenzeit; doch war sie nie so streng wie die vor Ostern, Feste waren immer ausgenommen, und heute ist sie im lateinischen Raum weitgehend vergessen.
Zugleich hat diese Zeit einige liturgische Besonderheiten, die mit dem Fastencharakter zusammenhängen: Gloria und Te Deum fallen aus, ebenso das Orgelspiel, die liturgische Farbe ist Violett.
Der römische Advent beginnt mit dem 4. Sonntag vor Weihnachten, der in die Zeit vom 27. November bis zum 3. Dezember fällt. Ebenso lang ist er in der assyrisch-chaldäischen Kirche.
Zwei Wochen länger dauert der Advent in den zwei anderen noch lebendigen lateinischen Riten: im mozarabischen beginnt er also am 6. Sonntag vor Weihnachten, der in die Zeit vom 13. bis zum 19. November fällt. Ähnlich ist es im ambrosianischen; wenn allerdings hier der Heilige Abend auf einen Sonntag fällt, so wird der nicht als Adventssonntag gerechnet, so daß hier der Advent an dem Sonntag beginnt, der in die Zeit vom 12. bis zum 18. November fällt. In diesem Jahr war es in beiden Kirchen der 16. November.
Als „quaresima di san Martino“, „Martinsfasten“ war dieses längere Adventsfasten weit über die Mailänder Kirchenprovinz hinaus verbreitet; auch der heilige Franziskus hielt es ein.
Sechs Sonntage vor Weihnachten: das entspricht etwa 40 Tagen. 40 Tage lang fastete der Herr, 40 Tage dauert die Fastenzeit vor Ostern. Auch vor Weihnachten fasten die orthodoxen Kirchen 40 Tage; da dieses Fasten aber weniger streng ist, werden dabei auch die Samstage und Sonntage mitgezählt. Es beginnt also am 15. November (was bei den Altkalendariern dem 28. November des gregorianischen Kalenders entspricht). Sechs Wochen vorm Heiligen Abend beginnen die Kopten zu fasten, also am 12. November, dem 3. Hatur (was dem gregorianischen 25. November entspricht).
Doch besondere adventliche Texte gibt es in den orthodoxen Kirchen nur an den letzten beiden Sonntagen vor Weihnachten.
40 Tage vor Weihnachten fastete früher auch die syrisch-antiochenische Kirche, doch heute sind es nur die letzten noch zehn Tage. Der liturgische Advent aber ist in dieser Kirche am längsten: er beginnt am 8. Sonntag vor Weihnachten, an dem Sonntag also, der in die Zeit vom 30. Oktober bis zum 5. November fällt. In diesem Jahr war es der 2. November.
Am 6. Sonntag vor Weihnachten beginnt auch der Advent der armenischen Kirche. Doch diese Kirche feiert Weihnachten am 6. Januar, an dem Tag also, an dem die anderen Kirchen Epiphanie oder Theophanie feiern. Hier ist der 1. Adventssonntag der Sonntag, der in die Zeit vom 25. November bis zum 1. Dezember fällt. In diesem Jahr war es, wie in der römischen Kirche, der 30. November. Doch gefastet wird heute nur noch die letzten sieben Tage.

Donnerstag, 23. Oktober 2025

Die Nonnen von Goldenstein
 oder
Das mißverstandene Kirchenrecht

Die Geschichte der Nonnen von Goldenstein ist in den letzten Wochen allgemein bekannt geworden.
Propst und katholisch.de schäumen: die Nonnen hätten gegen das Kirchenrecht verstoßen, das Gehorsamsgelübde gebrochen.
Schäumen sie zu Recht?

Freitag, 3. Oktober 2025

Klerikalismus

«Ich darf sie zu diesem Gottesdienst begrüßen», so höre ich oft einen Priester sagen.
Aber, gleichsam zum Trost: ein Jugendchor singt wahre geistliche Musik, straft alle Vorurteile Lügen, die man gegen Jugendensembles haben mag.

Der „Trickle-Down“-Effekt und das Evangelium

In der Wirtschaftspolitik vertraut man gerne dem „Trickle-Down“-Effekt: wenn man die Reichen oder wenn man die großen Unternehmen begünstigt, etwa durch Steuersenkungen, werde etwas „trickle down – nach unten durchtröpfeln“, so daß letztlich alle etwas davon hätten, auch die Armen.
Der Ausdruck stammt aus der Wirtschaftspolitik des US-Präsidenten Ronald Reagan (die von George Bush, seinem späteren Vizepräsidenten und Nachfolger, als „Voodoo-economics“ bezeichnet wurde). Die Anhänger dieser Wirtschaftspolitik ziehen heute die Bezeichnung „Angebotspolitik“ vor. Wissenschaftlich ist dieser Effekt widerlegt, aber wirtschaftspolitisch spielt er nach wie vor eine Rolle.
Bemerkenswert ist, daß dieser Effekt schon im Evangelium besprochen wird, im Evangelium vom letzten Sonntag (NOM): Luc. 16, 19-21; ebenso im Evangelium vom Sonntag zwei Wochen zuvor: Luc. 15, 14-16.

Samstag, 27. September 2025

Nachbemerkungen zum Marsch für das Leben

Der Marsch für das Leben, der am 20. September in Berlin und Köln stattgefunden hat, „macht“, so die offizielle Pressemitteilung des Veranstalters BvL,„öffentlich auf die universelle Menschenwürde aufmerksam, die jedem Menschen von seiner Entstehung an zusteht – unabhängig von Alter, Herkunft, Zustand, Autonomie oder gesellschaftlicher Anerkennung.“ Ein Anliegen, das etliche Gegendemonstranten auf den Plan rief. Sehr viele waren es in Berlin zwar nicht, dafür aber waren sie um so lautstärker – während der Marsch selbst, abgesehen von einer Beschallung, die aber nicht überall sonderlich laut zu hören war, in Ruhe verlief. Durch ihr ständiges Schreien demonstrierten die Gegendemonstranten, daß Gespräch oder gar Verständigung unerwünscht waren.
Eindrucksvoll war, daß beim Marsch Menschen aller Hautfarben beteiligt waren (und ebennso am nächsten Morgen bei der Messe in St. Afra), während unter den Gegendemonstranten ich nur Weiße gesehen habe.
Zum Schlußsegen trug der Berliner Weihbischof Matthias Heinrich eine Fürbitte ausdrücklich für die Flüchtlinge vor, die in Europa Schutz suchen.

Samstag, 6. September 2025

Konzelebration ohne wirkliche Teilnahme der Konzelebranten

Ein Pontifikalamt, zu dem die ganze Großpfarrei eingeladen ist (alle Messen in der Stadt am Sonntagmorgen fallen aus).
Ein Erzbischof und einige Priester konzelebrieren.
Die Messe beginnt ganz vorschriftsgemäß. Doch „vorschriftsmäßig“ reicht nicht immer aus, wenn der Sinn des Ritus nicht beachtet wird. Obwohl es ganz vorschriftsgemäß ist, ist der Gottesdienst zu einem großen Teil so gestaltet, daß die Konzelebranten nicht wirklich daran teilnehmen.
Der Chronist von Orietur Occidens stellt das Problem dar.

Samstag, 16. August 2025

Wenn am Sonntag kein Priester da ist

Vor zwei Wochen: in der syrisch-orthodoxen Kirche St. Maria und St. Shmuni ist der Priester zusammen mit Angehörigen der Pfarrei auf einer Reise. Kein Problem: am Sonntag fährt man zur Nachbarkirche, St. Dimet. Sie ist etwa 14 km entfernt, mit Bus und Bahn braucht man etwa 40 Minuten.
Eine Woche später: in St. Joseph ist kein Priester zu haben. Allerdings ist zur gleichen Zeit eine Messe in St. Johannes Nepomuk. Diese Kirche ist etwa 3 km entfernt, mit Bus und Bahn braucht man etwas weniger als eine halbe Stunde. Doch diesen Weg zur Eucharistiefeier will man der Gemeinde nicht zumuten; so gibt es in St. Joseph statt der Messe eine „Wort-Gottes-Feier“.
«Sine dominico non possumus – ohne das Herren[opfer] können wir nicht», erklärte der Sprecher von 49 Christen, die im Jahr 304, während der diokletianischen Verfolgung, in Abitene in Africa proconsularis ergriffen wurden, als sie sich an einem Sonntag morgens zur Feier der Eucharistie versammelt hatten; sie wurden dann in Karthago gefoltert und hingerichtet.

Mittwoch, 14. Mai 2025

„Disruption“

Seit einiger Zeit wabert der Begriff „Disruption“ durch die Medien, die von düsteren Gestalten wie dem neuen argentinischen und dem neuen US-amerikanischen Präsidenten gebraucht wird.
Schon der Begriff weckt Vorbehalte: sprachlich wäre natürlich „Diruption“ die deutlich bessere Form (man sagt ja auch nicht „Disrigent“).
Bisher ich habe ihn eher für eine bedeutungsarme Floskel gehalten. Nun aber bin ich auf einen Artikel von Lukas Franke gestoßen: „Lustvolle Zerstörung“. In ihm wird aufgezeigt, daß dahinter eine Ideologie steckt, die die Macht des Staates und die Bedeutung öffentlich-rechtlicher Einrichtungen letztlich auslöschen will zugunsten des Rechtes des Stärkeren, und das heißt vor allem: des wirtschaftlich Stärkeren. So wird ein anarchistischer Immoralismus gefordert, dessen höchstes Prinzip der Egoismus ist.
Die Begründung: «alle Versuche, die ungestüme kapitalistische Dynamik einzuhegen, seien zum Scheitern verurteilt, weswegen es besser sei, sich der Beschleunigung der Marktkräfte hinzugeben.» Die Rechte des wirtschaftlich Schwächeren werden abgetan, indem sie «als „schlurfende Untote“ verächtlich gemacht» werden.
Der Autor bezeichnet diese „dark enlightment – dunkle Aufklärung“ genannte Ideologie als «eine bizarre Mischung aus Science-Fiction und Popkultur»; sie stellt somit eine Kulmination der Moderne dar.
Danach allerdings baut der Artikel leider ab: er findet plötzlich, daß diese Ideen «auf eine grundsätzliche Ablehnung der Moderne, der Aufklärung und der Ideen der Französischen Revolution hinauslaufen» – ein Gegensatz, den es nicht gibt: als hätten «Science-Fiction und Popkultur» nichts mit Moderne zu tun. Er spricht davon, diese Strömung sei «angereichert mit misanthropisch-elitären Theoriefetzen, die an Ernst Jünger, Oswald Spengler oder auch Julius Evola erinnern» – was auch immer man über Ernst Jünger und Oswald Spengler sagen mag: Anarchisten waren sie nicht.
Oswald Spengler allerdings hat etwas von der Art der „Disruption“ geschrieben: «Die Welt als Beute» war seine Prognose. Doch die hat er erst für das übernächste Jahrhundert gestellt; für unser und das nächste Jahrhundert «Sieg der Gewaltpolitik über das Geld» – das ist ja nicht die Richtung der „Disruption“. Wenn er dann aber hinzufügt: «Zunehmend primitiver Charakter der politischen Formen», kann man ins Nachdenken kommen.
Für Christen und Humanisten entsteht so ein Dilemma, das sich etwa bei den letzten US-Wahlen gezeigt hat: zwei Immoralismen stehen einander gegenüber, der der „Disruption“ und der der Gegenseite mit Abtreibung und ähnlichem Gedankengut. Und es stimmt, daß Präsident Trump politische Gefangene aus der Zeit seines Vorgängers befreit hat. Und natürlich macht das die Idee der „Disruption“ nicht erträglich.

Donnerstag, 8. Mai 2025

Ad multos annos!

Kurz zuvor hatte ich gesagt, ich wünsche mir Papst Pius XIII. oder Papst Leo XIV. oder Papst Benedikt XVII.; auch Papst Innozenz XIV. wäre schön, etwas süffisant.
Mein Wunsch ist erfüllt worden; so dürfen wir auf einen gesegneten Pontifikat hoffen.
Er ist Augustiner-Eremit; möge er so eifrig für den rechten Glauben sein wie der heilige Augustinus.

Dienstag, 6. Mai 2025

Konklave

Fast genau zwanzig Jahre ist es her, daß eingetreten ist, was ich nicht zu hoffen gewagt hatte: Kardinal Ratzinger wurde zum Papst gewählt.
Möge der Herr in den nächsten Tagen Seiner Kirche wieder eine ähnliche Freude gewähren!

Samstag, 3. Mai 2025

Fast vergessen: Christen im Gazastreifen

Die Zeitungen und E-Kanäle sind voll von Nachrichten aus dem Gazastreifen. Doch von den Christen dort ist kaum etwas zu lesen. Dank darum der „tageszeitung“, die sich sonst meistens sehr antiklerikal zeigt, die aber, nachdem sie kürzlich über die Christen im Westjordanland berichtet hatte, nun denen im Gazastreifen einen langen Artikel widmet.
«Etwa 1.000 christliche Familien hätten vor dem Krieg im Gazastreifen gelebt», wird berichtet. «Ungefähr die Hälfte, schätzt Ayad [ein orthodoxer Christ], habe den Gazastreifen seit Kriegsbeginn verlassen. Wer eine zweite Staatsbürgerschaft hat, wurde evakuiert, andere zahlten viel Geld für die Ausreise nach Ägypten.»
Sie werden von der Hamas geduldet, leiden aber seit langem, wohl mehr noch als viele Muslime, unter deren Terror; sie leiden jetzt wie alle Menschen im Gazastreifen unter dem Bombardement, unter dem Mangel an Nahrung, an Wasser. «„Nach so langer Zeit, in der die Grenzen geschlossen sind und keinerlei humanitäre Hilfe hereingelassen wird, ist die Lage in vielen Gegenden absolut kritisch“, berichtet Romanelli», der katholische Pfarrer.
Es gibt noch zwei Kirchen in Gaza: die orthodoxe Sankt Porphyrius-Kirche und die katholische Kirche der heiligen Familie (bei der zu Lebzeiten Papst Franziskus täglich angerufen hat). Das Gelände der Kirchen wird nicht bombardiert; so wurde das Kirchgelände zur Notunterkunft für christliche Familien, deren Häuser ja ebenso bombardiert wurden wie die aller anderen Palästinenser. Und natürlich werden auch ausgebombte muslimische Familien aufgenommen.
Das Gelände der Kirchen wird eigentlich nicht bombardiert – aber bei einem israelischen Luftangriff wurde doch einmal das Gelände der orthodoxen Kirche getroffen. Es starben mindestens 17 Menschen, eine ganze Großfamilie.
Den Christen im Gazastreifen, so sagt einer von ihnen, bleibe zu Ostern «nur die traditionelle Liturgie und das Gebet.»

Ein Konzert syrischer Christen

In einer evangelischen Kirche singt ein Chor syrischer Christen. Vor allem geistliche Gesänge, zum Schluß auch Volkslieder.
Hörenswerte Musik; und dankenswerterweise sind viele Einheimische gekommen, sie erfahren so etwas von der syrischen Christenheit. In der Pause ist auch ein Vortrag mit Bildern von syrischen Klöstern eingefügt (die sehr unter dem IS gelitten haben).
Was aber mich besonders beeindruckt: bevor die Sänger zu singen beginnen, machen sie ein Kreuzzeichen, nicht organisiert, jeder für sich.

Dienstag, 22. April 2025

Fastenzeit in der syrisch-orthodoxen Kirche

Eigentlich kein Thema an Ostern; aber beim Osteranruf mit meinen syrisch-orthodoxen Angehörigen (dankenswerterweise haben wir dieses Jahr denselben Ostertermin; es gibt Überlegungen, das für die Zukunft zur Regel zu machen) habe ich, wieder einmal, davon gehört.
Syrisch-orthodoxe Priester müssen in der Regel außerhalb der Kirche ihr Brot verdienen. Der Priester der Pfarrei meiner Angehörigen – ein hochgebildeter Mann – arbeitet als Arbeiter im Mehrschichtensystem.
Nichtsdestoweniger: jeden Abend ein Gottesdienst, der bei besonderer Gelegenheit drei Stunden dauern konnte; und an den entsprechenden Tagen auch zwei Gottesdienste.

Franciscus PP. I. – R. I. P.

Gestorben am Ostermontag, am Tag gleich nach dem hohen Feiertag – es läßt an Johannes XXIII. denken, der am Pfingstmontag gestorben ist.
Sicher überwiegen die schlechten Erinnerungen an seinen Pontifikat; doch darf das nicht seine großen Leistungen vergessen lassen: den Beichten und den Eheschließungen der Piusbruderschaft hat er kanonische Gültigkeit gewährt. Und die Abwegigkeiten des Synodalen Wegs hat er zurückgewiesen.
Und unter seinem Pontifikat wurde angeordnet, die Mißbräuche beim Friedensgruß abzustellen – in Deutschland leider wirkungslos.
Gestern ist er gestorben, morgen ist sein Namenstag. So sei er der Fürbitte des heiligen Georg anvertraut.