Montag, 24. Februar 2025

Aufgabe des Priesters und Usus in Gemeindekirchen

In unserem letzten Heft zu Ehren der heiligen Ewald & Ewald (28/2023) war die Heilige Eucharistie ein zentrales Thema und darunter besonders auch „Die Einheit des Sakraments – Die Austeilung der Kommunion“ (S. 15), die dem Wesen des Sakraments gemäß Aufgabe des Priesters ist.
Und nun erlebe ich am Sonntag in der Kirche in unserem Gründerzeitviertel: Ein Priester ist zu Gast, er konzelebriert. Aber zur Austeilung der Kommunion nimmt er Platz, legt die geweihten Hände in den Schoß und überläßt die Kommunionausteilung dem Hauptzelebranten und einer Laiin.

Sonntag, 9. Februar 2025

Die Riten der Kirche und die Fassungskraft der Gläubigen

«Ritus ... sint fidelium captui accommodati – Die Riten seien der Fassungskraft der Gläubigen angepaßt», so heißt es in Sacrosanctum Concilium, der Liturgiekonstitution des II. Vaticanum (34). Da steht nicht, daß die Gläubigen geistig beschränkt seien und die Riten dieser Beschränktheit angepaßt werden sollten.
Doch offenbar wurde es manchmal so verstanden.
Kürzlich schon haben wir Norbert Lohfink (Zur Perikopenordnung für die Sonntage im Jahreskreis. I. Probleme beim „Ordo lectionum Missae“) zitiert. Er schreibt da über «eine Diskussion, die auf der entscheidenden Sitzung des nachkonziliaren „Coetus XI de lectionibus“ in Klosterneuburg einen ganzen Tag beanspruchte.» Dort wurde gesagt: «Der moderne Mensch habe keine Zeit mehr und vertrage keine langen Texte.» Wenn der „Coetus“ auch letzte Konsequenzen daraus vermied, so stellt der Autor doch fest, «daß die dadurch entstandene Sensibilität für die angebliche Unfähigkeit des modernen Menschen, einer Sache mehr als einige wenige Minuten zuzuhören, wesentlich dazu beitrug, daß der „Coetus“ mit eiserner Härte an seinen gekürzten und verstümmelten Bibelperikopen festhielt – gegen alle Einwände, und die gab es bald in Menge.»
Wer den Laien nicht zutraut, Lesungen zu verstehen, wird ihnen ebensowenig zutrauen, Riten zu verstehen. Und so mußte ich wieder und wieder erleben, daß während des Gottesdienstes der Ritus erklärt wird, daß etwa während einer Taufe ein Priester – ein ausdeutender Priester also – den Gläubigen erklärt, Chrisamsalbung, Taufkleid und Taufkerze seien «ausdeutende Zeichen». Abgesehen davon, daß die Chrisamsalbung eine hochrangige Segnung darstellt, also nicht einfach ein «ausdeutendes Zeichen» ist: meint der Priester, das könnten die Laien nicht selber verstehen?
Erklären lädt ein, sich dem rationalem Verstehen zu widmen. Aber Liturgie heißt, sich der Begegnung mit dem Herrn zu widmen. Insofern ist die Forderung, die Riten seien «fidelium captui accommodati», eher sinnvoll als das Erklären (dessen wirklicher Platz die Katechese ist).
Aber die Riten der Kirche sind von alters her «fidelium captui accommodati», sie sind von großer Ausdruckskraft. Natürlich versteht von ihnen ein kleines Kind nur ganz begrenzt etwas – aber doch mehr als nichts. Und der Königsweg zum Verstehen ist das Mitfeiern. Laien, die regelmäßig die Liturgie mitfeiern, verstehen sehr viel mehr, als so mancher Priester erwartet.
Zum Beispliel:
Was etwa bei der Taufe ein neues Kleid, was ein weißes Kleid, was eine brennende Kerze bedeutet, wird der gläubige Laie verstehen; und das eigentliche Verstehen geht über das hinaus, was mit Worten erklärt werden kann. Das in der Messe das Kreuzesopfer des Herrn wirklich gegenwärtig wir, hatte er in der Katechese zu lernen; was Teilnahme (participatio actuosa) an diesem Opfer ist, können Worte nicht erklären, das wird er durch ebendiese Teilnahme mehr und mehr verstehen.
«Ritus ... sint fidelium captui accommodati», das kann nur heißen, daß in der Liturgie Christen ständig etwas erleben, was ihre geistlichen Sinne weiter schärft, was all das, was bereits geklärt und einfach erscheint, übersteigt.
Doch wird dem Menschen nur das vorgesetzt, was er leicht versteht, wird ihm alles Verständnis vorgekaut, so entwickelt er sich nicht weiter. Und schließlich wird er sich dabei langweilen – Stimmen säkularer Autoren sind da sehr deutlich: «Was ich verstehe, interessiert mich nicht» (Günther Eich); «Kunstwerke, die der Betrachtung und dem Gedanken ohne Rest aufgehen, sind keine» (Theodor Adorno).
Es ist zu befürchten, daß so in den letzten Jahrzehnten Scharen liturgieblinder und -tauber Christen herangezogen wurden.
Ein Versehen, ein Irrweg. Oder? Karl-Rahner schrieb eint einen Aufsatz über das Thema: «Der mündige Christ». Doch was er wirklich von mündigen Christen hielt, zeigt sein und Herbert Vorgrimlers „Kleines Konzilskompendium“: «.. jene Schichten des viel zitierten und vielfach überschätzten „gläubigen Volkes“ [(die folgenden Relativsätze bieten Injurien gegen eigenständige mündige Gläubige)]. Es handelt sich um jene Schichten, denen die Heilssorge der Kirche zwar immer zu gelten hat, die aber keinesfalls zum Maßstab kirchlichen Selbstvollzugs gemacht werden dürfen … diese Wortstarken und teilweise Einflußreichen, aber in der Humanität gescheiterten Randfiguren der Kirche». Erwünscht waren also «mündige» Christen, die sich das vorbehaltlos zu eigen machten, was ihnen von der theologischen Prominenz vorgegeben wurde. Dazu eignet sich eine Liturgie, in der erklärt wird und alles vermieden wird, was zur Entwicklung eigenen geistlichen Verständnisses führen könnte.

Montag, 3. Februar 2025

Bolschewismus und Neoliberalismus – äußerliche Gegensätze, ähnliche Heilslehre

Sigmund Freud erzählte Ernest Jones im September 1919: „Der Mann, mit dem ich mich unterhielt, hat gesagt, der Bolschewismus wird zu einigen Jahren der Not und des Chaos führen, worauf dann der Weltfrieden, Wohlstand und Glück Einzug halten werden.“
(Freud anekdotisch. Herausgegeben von Jörg Drews. München 1970, S. 85)
Vor einigen Wochen war von einem gewissen Hartmood zu lesen: „Die Reduktion des Sozialstaats befreit die Wirtschaft von bürokratischer Last, während die Marktfreiheit und nicht der Staat Wohlstand schaffen sollte. Durch die Senkung der Staatsverschuldung mittels weniger Subventionen und Privatisierung wird eine nachhaltige wirtschaftliche Basis gelegt. ... Die kurzfristigen Härten sind notwendig für langfristiges Wachstum und Stabilität.“
(Hartmood auf taz.de)
Das eine Mal Bolschewismus, das andere Mal Reduktion des Sozialstaats und Marktfreiheit, ansonsten ganz ähnlich. Damals kommentierte das Sigmund Freud: „Ich sagte ihm, die erste Hälfte glaube ich ihm.“ Ich schließe mich seinem Kommentar an, für beide oben zitierte Aussagen.
Wer noch der Phraseologie der „Alt-Achtundsechziger“ mächtig ist, findet die innere Übereinstimmung geschildert in: Die Revolution in L

Samstag, 1. Februar 2025

Die erste Frau auf einem Lehrstuhl in Deutschland – die erste Frau auf einem Lehrstuhl weltweit

Vor gut hundert Jahren, 1923, so war gerade zu lesen, erhielt Mathilde Vaerting als erste Frau in Deutschland einen Lehrstuhl an einer Universität, in Jena.
Die erste Frau, die überhaupt einen Lehrstuhl an einer Universität erhielt, war Laura Bassi, 1732 in Bologna, im Kirchenstaat, gefördert von Kardinal Prospero Lambertini. Dieser, nunmehr Papst Benedikt XIV., bot 1750 auch der Mathematikerin Maria Gaetana Agnesi einen Lehrstuhl in Bologna an; die aber zog es vor, sich fortan der tätigen Nächstenliebe und geistlichen Studien zu widmen.

Montag, 13. Januar 2025

Das Evangelium vom Feste der Taufe des Herrn

In älteren Leseordnung bestanden die Lesungen in der Regel aus einem zusammenhängenden Stück eines biblischen Buches. Daß ein Stück gelesen wurde, bei dem Sätze oder auch größere Textstücke ausgelassen sind, war selten; und es gab das nur bei alttestamentlichen Lesungen und Lesungen aus der Apostelgeschichte. In der neuen Leseordnung ist das häufiger geworden, kommt nun auch bei Evangelien vor.
So auch beim Evangelium vom Feste der Taufe des Herrn im Lukas-Jahr (Lk. 3, 15-16. 21-22). Daß die Verse 19-20 ausgelassen werden, hat einen einleuchtenden Grund: sie bilden einen Exkurs, handeln von der Gefangennahme des Täufers, die erst später geschehen ist, darum auch bei Matthäus und Markus erst später berichtet wird.
Die Verse 17-18 aber gehören wirklich hierher; es gibt keinen vernünftigen Grund, sie auszulassen:
«Schon hält er die Schaufel in der Hand, um seine Tenne zu reinigen und den Weizen in seine Scheune zu sammeln; die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen. Mit diesen und vielen anderen Worten ermahnte er das Volk und verkündete die frohe Botschaft.»
Diese Verse fallen nicht ganz weg, am III. Adventssonntag erscheinen sie und auch im Matthäus-Jahr ihre Parallele; nichtsdestoweniger ein Mangel an Respekt vor dem Evangelisten.
Eine Erklärung weiß Norbert Lohfink (Zur Perikopenordnung für die Sonntage im Jahreskreis. Heiliger Dienst 55 (2001) 37-57; I. Probleme beim "Ordo lectionum Missae"):
«5. Dann – was nicht allgemein bekannt ist – gibt es eine Gesamtsumme der Minuten, die alle drei Lesungen zusammen dauern dürfen. Ist eine Lesung ungewöhnlich lang, müssen die andern kürzer sein. Entsprechend sind viele biblische Texte am Rande gestutzt und auch im Innern zusammengestrichen.»
«(Zu 5.) Hinter der festen Zeitregel steht vermutlich vor allem eine Diskussion, die auf der entscheidenden Sitzung des nachkonziliaren "Coetus XI de lectionibus" in Klosterneuburg einen ganzen Tag beanspruchte. Dort schlug nämlich jemand vor, das alte System eigentlicher Lesungen aufzugeben. Der moderne Mensch habe keine Zeit mehr und vertrage keine langen Texte. Außerdem habe die Exegese nachgewiesen, daß in den Evangelien nicht alle Jesusworte wirklich vom historischen Jesus stammten. Deshalb sei es am besten, ähnlich wie in der modernen Produktwerbung mit griffigen Slogans zu arbeiten. Man könne sich dafür kurze und historisch vertrauenswürdige Jesusworte aussuchen. Jedem Sonntag ein knappes, aber eindrucksvoll proklamiertes echtes Jesuswort – das genüge und sei wirksamer als lange Texte.
Nach heftiger Diskussion wurde dieser Vorschlag dann doch nicht angenommen. Aber es scheint, daß die dadurch entstandene Sensibilität für die angebliche Unfähigkeit des modernen Menschen, einer Sache mehr als einige wenige Minuten zuzuhören, wesentlich dazu beitrug, daß der "Coetus" mit eiserner Härte an seinen gekürzten und verstümmelten Bibelperikopen festhielt – gegen alle Einwände, und die gab es bald in Menge.» (Es lohnt sich, weiterzulesen.)
Weiterzulesen – an einer Stelle jedenfalls hat Norbert Lohfink Unrecht: «(Zu 4.) Die Dreizahl der Lesejahre ist erstaunlich reibungslos akzeptiert worden, obwohl es dafür eigentlich keinerlei Tradition gab, zumindest keine christliche» – die Zürcher und Peterlinger Messbuch-Fragmente aus dem Beneventanischen Ritus, der eng mit dem römischen verwandt ist, bezeugen das Gegenteil.
Also eine Art theologisch zensierter Reader’s Digest-Version kirchlicher Lesungen. Was aber die «Gesamtsumme der Minuten» angeht, so ist meistens die Predigt länger als alle drei Lesungen zusammen – hier lohnte es sich, Minuten zu sparen.

Sonntag, 5. Januar 2025

Publicatio festorum mobilium

Die Kirche veröffentlicht heute die beweglichen Feste und liturgischen Zeiten dieses Jahres. Nach nun schon altem Brauch veröffentlichen wir nun wieder die Ostertermine der drei Kalender. Dieses Jahr stimmen endlich wieder einmal Ost und West, julianischer und gregorianischer Kalender überein.
Der erste Frühlingsvollmond ist, wie der gregorianische Kalender richtig berechnet, am Sonntag, den 13. April. Darum ist der 19. April der nächstfolgende Samstag, also die Osternacht.
Doch dieser Frühlingsvollmond hat in Europa und in Vorderasien kurz nach Mitternacht statt. Die jüdische Kalenderrechnung nun setzt ihn schon am Samstag an; darum feiern die Juden schon am 12. April Pascha.

Samstag, 28. Dezember 2024

Kirchliche Feiertage

Von der orthodoxen Kirche kenne ich es, daß an jedem höheren Feiertag, auch wenn es kein staatlicher Feiertag ist (wie es dort ja meistens der Fall ist), die Göttliche Liturgie gefeiert wird (lang!) und am Vorabend die Nachtwache (noch länger!). Priester und Sänger (wenn auch deutlich weniger als an Sonntagen) sind immer vorhanden – obwohl orthodoxe Priester hierzulande meistens noch einem profanen Beruf nachgehen müssen.
Das Fest des heiligen Apostels und Evangelisten Johannes hat den gleichen liturgischen Rang wie das des heiligen Stephanus. Aber während in unserem Großstädtchen beim Fest des heiligen Stephanus Messen in ähnlicher Zahl wie an Sonntagen gefeiert wurden, herrschte an dem des heiligen Johannes Werktagsordnung: in der Propstei gar keine Messe, in der Kirche in unserem Gründerzeitviertel in der kleinen Seitenkapelle eine Messe mit minimaler Festlichkeit.
Der Priestermangel schlägt bei uns noch nicht allzusehr durch, daran kann es nicht liegen. Und wahrscheinlich wären auch Organist, Kantor und Ministranten zu haben gewesen.
Warum also wird hier uns dieses hohe Fest vorenthalten?

Freitag, 27. Dezember 2024

Die Menschwerdung des Herrn

Der Weihnachtstag selbst, der dies sanctus, galt ganz der Freude über die Menschwerdung des Herrn. Nun, unter der Oktav, ist auch Gelegenheit, sich zu erinnern, was „Menschwerdung“ eigentlich bedeutet, die philosophischen Grundlagen in den Blick zu nehmen.
Zunächst der Mensch:
Der Mensch ist zusammengesetzt aus vernünftiger Seele und Leib. Die Seele ist die Form des Leibes, durch sie wird die Materie zum Leib geformt (Conc. Vienn., Constit. Fidei Catholicæ, D 481 / DS 902).
Dies ist eine Lehre, die in der Katechese kaum erwähnt wird, da es für den, der der aristotelischen Philosophie nicht kundig ist, nicht verstanden werden kann. Dennoch hat das Konzil sie aus gutem Grund zum Dogma der Kirche erhoben.
Eine gute Einführung ist: S. Thomas Aqu.: De ente et essentia.
Darum ist ein Körper ohne Seele – wenn der Mensch gestorben ist – kein menschlicher Leib, sondern nur ein Leichnam; er hat zwar noch die Anatomie eines Menschen, aber es finden in ihm keine Lebensprozesse mehr statt. Darum ist ein Embryo, auch wenn er noch nicht die Anatomie eines Menschen zeigt, doch schon ein Mensch; in ihm finden die Lebensprozesse statt, die ihn zum Kind und dann zum erwachsenen Menschen machen.
«Anima rationalis – vernünftige Seele» hieß es – ist der Embryo schon vernünftig? Jedenfalls ist die Vernunft in ihm schon als Potenz angelegt. Was aber ein Embryo schon geistig leistet, um sich mehr und mehr auf die Begegnung mit der äußeren Welt vorzubereiten, läßt sich von außen kaum sagen; die Beobachtung mit Mitteln der modernen Technik zeigt aber, daß er schon intensiv lernt.
«Sicut anima rationalis et caro unus est homo: ita Deus et homo unus est Christus – so wie vernünftige Seele und Fleisch ein Mensch sind, so sind Gott und Mensch der eine Christus», so lehrt das Symbolum Quicumque.
So also, wie die Seele die Form des Leibes und überhaupt des Menschen ist, so ist die Gottheit Christi die Form Jesu Christi, der aus Gottheit und Menschheit zusammengesetzt ist. Das ist nicht etwa so zu verstehen, daß gleichsam der Mensch Jesus die Materie wäre, aus der durch die Gottheit als Form der gottmenschliche Christus würde, denn ein Mensch ist schon nicht mehr nur Materie, ist schon geformt. Vielmehr wird durch das göttliche Wesen in einem Schöpfungsakt der Mensch Jesus Christus geschaffen, Leib und Seele «simul», zugleich, «unitas», vereint; die Gottheit Christi ist die Form seiner gottmenschlichen Person (Constit. Fidei Catholicæ, D 480 / DS 900). Der Mensch Jesus ist also von seiner Erschaffung an untrennbar mit der Gottheit Christi zu der einen Person Jesus Christus vereinigt.
«Unus omnino non confusione substantiae, sed unitate personae – einer ganz und gar, nicht durch die Vermischung der Substanz, sondern durch die Einheit der Person» (Symbolum Quicumque). In dieser Person Christi bestehen die Enérgiai, Actus, Seinsvollzüge beider Substanzen unvermischt fort, Er ist zugleich im vollen Sinne Gott und Mensch, Mensch mit Leib und vernünftiger Seele. Darum gibt es in Ihm «dýo physikàs theléseis – duas naturales voluntates – zwei Willen der [jeweiligen] Natur» (Conc. Constantinopol. III, Sessio 18, D 291 / DS 556) – den göttlichen Willen, natürlich eins mit dem des Vaters, und den menschlichen, dem Willen des Vaters gehorsam (vgl. Phil. 2, 8).

Montag, 23. Dezember 2024

Macht hoch die Tür

Als in den frühen siebziger Jahren das (damals) neue Gotteslob zusammengestellt wurde, hat, so war zu hören, die zuständige Kommission das Lied „Macht hoch die Tür“ nur ungern, nur weil es im Volk so beliebt war, aufgenommen.
Mein Beichtvater hat es mir nun als Buße aufgegeben. Als ich es langsam, sehr bewußt, gebetet habe, als ich so über die (durchaus liebevolle) Gewohnheit, mit der man es gerne singt, hinausgegangen bin, wurde ich gewahr, wieviel tiefe Bedeutung dieses Lied in sich trägt.

Samstag, 14. Dezember 2024

Kleines Propädeutikum zu den liturgischen Gesten

Die Liturgie lebt von den Gesten. An ihnen zeigt sich, daß die, die mitfeiern, wirklich die Liturgie, die Begegnung mit dem Herrn erleben.
Darum hat auch die Konstitution des II. Vaticanum über die heilige Liturgie Sacrosanctum concilium angeordnet (31.), daß bei der Überprüfung der liturgischen Bücher sorgfältig darauf zu achten sei, daß die Rubriken auch die Anteile der Gläubigen, also auch deren Gesten, vorsehen – in den älteren liturgischen Büchern waren nur die Anteile des Zelebranten, der Ministranten und der Chorassistenz dargestellt worden.
Die Gesten des Volks einzubeziehen ist jedoch in den neuen liturgischen Büchern nur ganz wenig geschehen. Allerdings ordnet Sacrosanctum concilium (28.) auch an, daß in den liturgischen Feiern jeder das tun soll, was ihm der Natur der Sache nach und den liturgischen Normen nach zukommt. Liturgische Normen sind natürlich nicht nur die geschriebenen Normen, sondern auch die, die sich im Laufe der Zeit aus „der Natur der Sache“, aus dem Erleben der Liturgie heraus ausgebildet haben und im Klerus und im Volk, oft stillschweigend, überliefert worden sind.
Alle liturgischen Gesten sind Ausdruck, Ausdruck der Ergriffenheit, der Verehrung – Verneigungen, Kniebeugen –, der demütigen Verbundenheit – Kreuzzeichen. Sie müssen in ihrer Ausführung dieser Haltung, diesem Erleben entsprechen.
Der Altar ist es, auf dem wieder und wieder das Opfer des Herrn Wirklichkeit wird; darum kommt ihm höchste Verehrung zu. Gute Tradition ist es, daß der Priester im Ornat jedesmal (jedesmal!), wenn er an ihn tritt oder an ihm vorbeigeht, sich verneigt. Die Grundordnung des Römischen Messbuchs (122.) hat diese Beschränkung auf eine tiefe Verneigung ausgedehnt auf all die, die mit ihm an den Altar treten; jeder andere (also auch ein Priester, der nicht zelebriert) macht statt dessen eine Kniebeuge. Ähnlich ist es vor einem Kreuz, das Symbol jenes Opfers ist.
Es ist zumindest eine tiefe Verneigung, wie die Grundordnung ausdrücklich anordnet, nicht nur ein Kopfnicken, dabei still stehend, nicht etwa nur im Vorübergehen – eben ein Ausdruck der Ergriffenheit, der Verehrung. Was aber, wenn der Priester, der Ministrant, der Lektor oder der schlichte Gläubige im Kirchenschiff diese Ergriffenheit, diese Verehrung nicht spürt? Er halte inne, vergegenwärtige sich, vor welchem Mysterium tremendum (so Rudolf Otto) er steht, und vollziehe dann diese Geste mit besonderer Achtsamkeit – die achtsam ausgeführte Geste kann etwas an Empfinden mit sich ziehen.
Dem Altar gilt (zusammen mit dem Tabernakel, solange nicht das Allerheiligste anderswo ist, etwa bei der Kommunionausteilung oder einer Prozession) die größte Verehrung; er steht im Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit. Tritt jemand während des Gottesdienstes oder auch davor oder danach zu irgendeinem Dienst aus dem Kirchenschiff in den Altarraum, so wird er zuerst dem Altar seine Verehrung erweisen, bevor er dann an eine andere Stelle geht, ans Lesepult etwa oder an den Kredenztisch. Zurückgehen mag er danach auf direktem Weg.
Das priesterliche Amt bezieht sein Wesen aus dem Opfer des Herrn, dessen Ort der Altar ist. Darum achte der Priester bei allen liturgischen Funktionen, die am Altar stattfinden, daß er nahe am Altar steht, sich so ihm eng verbunden erweist; ein, zwei Schritte wegzutreten und ungerührt einfach mit der Liturgie fortzufahren oder gleich, nach den Vermeldungen, vom Lesepult aus den Segen zu geben macht diese Verbindung unklar. Und natürlich blickt der Priester, wenn er sich nicht gerade, etwa bei einem liturgischen Gruß, der Gemeinde zuwendet, auf den Altar und auf die Opfergaben, wenn sie bereits darauf liegen. Er kann nicht, um ein Gemeindelied mitzusingen, zum Sanctus etwa, das Gotteslob über den Altar halten, um dahinein zu schauen. Das klingt nach einer Quisquilie; doch man sieht es, daß da etwas schräg ist, daß es nicht zusammenpaßt.
„Andacht“ heißt es; alle liturgischen Gesten müssen im Gedenken an das, was da geschieht, an den, um den es in der Liturgie geht, ausgeführt werden. Nur andeutungsweise oder hastig ausgeführte Gesten sind verheerend.
Aber auch das Gegenteil kann der Liturgie abträglich sein. Einmal habe ich eine junge Frau beobachtet, die die ganze Zeit des Gottesdienstes hindurch ständig wechselnde Gebetsgesten vollzieht: sie faltet die Hände, erhebt sie in verschiedener Weise – durchaus nicht ausladend oder ostentativ –, bekreuzigt sich, verneigt sich. Das mag exzentrisch erscheinen oder auch zwanghaft, aber es ist echt, Ausdruck ihrer persönlichen Frömmigkeit. Wenn aber ein Priester am Altar liturgische Gesten, Kreuzzeichen, Verneigungen, das Erheben oder Ausbreiten der Hände, in ganz betont ausgeprägter Form, weit ausladend, ausführt, so kann es sein, daß es geradezu demonstrativ erscheint. Und so mag es auch gemeint seien. Das zeigt, daß er dabei nicht innerlich dem Herrn zugewandt ist, sondern beim Volk ist, ihm etwas demonstrieren will. Und so ist das, was er demonstriert, eben nicht die Hinwendung zum Herrn, sondern nur sein eigener Wunsch, Vorbild oder Lehrmeister zu sein.

Freitag, 13. Dezember 2024

Monstranz und Ziborium

In unserem Diasporagroßstädtchen ist erfreulich regelmäßig Gelegenheit zur eucharistischen Anbetung. Es sind Menschen da, die anbeten wollen; und es findet sich auch immer ein Priester, der die Monstranz ausstellt und später wieder zurückstellt, die Kustodie mit der Hostie ins Tabernakel zurückstellt.
Diese Aufgabe kommt allein einem Priester zu, kein Zweifel.
Dann aber, in der Messe, ist zu sehen, wie ein Kommunionhelfer das Ziborium aus dem Tabernakel holt und nach der Kommunion wieder zurückstellt.
Wenn nur ein Priester die Hostie in die Monstranz einsetzen und wieder herausnehmen kann, nur er die Kustodie ins Tabernakel stellen kann: wie kann bei der Kommunion ein Laie das Ziborium holen und zurückstellen?
Immerhin: es ist wohltuend, zu sehen, wie, während der Kommunionhelfer das Ziborium zurückstellt, Priester und Ministranten, zum Tabernakel gewandt, niederknien.
Aber selbst das ist nicht selbstverständlich: es ist nicht selten auch zu beobachten, wie, während der Kommunionhelfer das Ziborium zurückstellt, der Priester, den Rücken zum Tabernakel und zum Allerheiligsten gewandt, einfach mit der Purifikation der heiligen Gefäße weitermacht.
Natürlich kann man auch fragen, wenn nur ein Priester die Monstranz mit dem Leib des Herrn berühren darf, wieso ein Laie den Leib des Herrn austeilen darf. Doch nach der Grundordnung des Römischen Messbuchs (2007) «kann der Priester außerordentliche Kommunionhelfer zu seiner Unterstützung hinzuziehen», wenn Priester «nicht zur Verfügung stehen und die Zahl der Kommunikanten sehr groß ist.» Die Instructio Redemptionis sacramentum Johannes Pauls II. (2004) faßt es klarer: «Tantum ubi urgeat necessitas – nur, wo eine Notlage drängt» (88), «Quod tamen ita intendatur, ut causa omnino insufficiens erit prolongatio brevis – Das ist trotzdem so zu verstehen werden, daß eine kurze Verlängerung [der Feier der Messe] ein völlig unzureichender Grund ist» (158) – also erst recht die normale allsonntägliche Dauer der Messe mit regulärer Kommunionspendung kein Grund sein kann.
Allerdings bleibt auch das hinter der theologisch gegebenen Norm zurück, wie der heilige Thomas sie darlegt (S. Th. III, q. 82, art. 3).
Siehe auch: W. H. Weyandt: Miscellanea zur Heiligen Eucharistie. E&Ewald 28 (2023), S. 6-18

Freitag, 29. November 2024

Eine immer wieder vergessene Minderheit:
Christen im Heiligen Land

Was allgemein bekannt ist: Vor gut einem Jahr ein grauenhaftes Verbrechen einer islamistischen Terrorarmee an unschuldigen jüdischen Zivilisten. Darauf eine grauenhafte Reaktion des israelischen Staates, die vor allem die unschuldige palästinensische Zivilbevölkerung trifft. Zugleich eine weltweite Welle eines oft gewalttätigen Antisemitismus, dessen Opfer absurderweise Angehörige eben des Volkes sind, dem schon die ersten Opfer dieses Aktes der Konflikte im Heiligen Land angehören.
Es gibt zahlreiche Gruppen und Organisationen, in denen sich jüdische Israelis und Palästinenser gemeinsam um Frieden und Versöhnung im Heiligen Land bemühen, leider mit wenig Erfolg und auch wenig öffentlicher Resonanz. Und dennoch werden allüberall Juden für das Handeln der israelischen Regierung, Palästinenser für die Untaten der islamistischen Terrorarmeen verantwortlich gemacht.
Was kaum bekannt ist, ist das, was die besondere Aufmerksamkeit von Christen verdient: was geschieht mit den Christen im Heiligen Land?
Bemerkenswerterweise ist es dieselbe tageszeitung, die gelegentlich wüst antichristliche Artikel in die Welt setzt, von denen wir jüngst einen besprochen haben, die oft aber auch die Not der Christen im Nahen Osten aufzeigt.
Schon vor etwa zwei Jahren wurde berichtet (Lisa Schneider: Christen im Westjordanland / Reise nach Bethlehem), daß Christen aus dem Westjordanland, etwa um Weihnachten in Bethlehem zu feiern, große Umwege fahren müssen (über viel schlechtere Straßen, Schnellstraßen sind für sie gesperrt), weil ihnen der kurze Weg durch Jerusalem nicht gestattet ist. Um nach Jerusalem zu fahren, «dort Freunde, Verwandte oder die Grabeskirche zu besuchen», brauchen Palästinenser, also auch christliche Palästinenser, «eine Genehmigung», die sie «bei der israelischen Ziviladministration für das Westjordanland beantragen» müssen. «Während Israel zum Ende des Ramadan normalerweise die Einreiseregeln lockert und Frauen, Kinder und einige Männer aus dem Westjordanland so auch ohne Genehmigung die Al-Aksa-Moschee in Jerusalem besuchen dürfen, gibt es für Christen keine solchen Lockerungen» zu Ostern etwa.
Im Gaza-Streifen lebten damals noch etwa 1.000 Christen. Auch sie brauchten eine Genehmigung des Staates Israel, um ins Westjordanland reisen zu dürfen. Zu Weihnachten 2022 wurden von etwa 800 Anträgen aus Gaza rund 200 nicht bewilligt.
Was im Westjordanland schon lange, jetzt aber verschärft geschieht, ist Thema eines anderen Artikels (Mirco Keilberth: Siedlungsbau im Westjordanland / Zwischen den Fronten).
Christliche Palästinenser werden aus ihren Häusern, von ihren Grundstücken vertrieben, nicht aufgrund irgendwelcher Beschuldigungen, sondern einfach, um ihr Land für zionistische Siedler in Beschlag zu nehmen. Als ein Beispiel dient ein zuvor gutlaufendes Restaurant mit ausgedehntem Obst- und Olivengarten: «Frühmorgens», am 31. Juli 2024, «tauchte eine Gruppe junger Siedler auf, wortlos tauschten sie das Eingangstor des Grundstücks mitsamt Schloss aus und besetzten das Gelände. Soldaten begleiteten die Eindringlinge, ebenso der Bürgermeister der benachbarten jüdischen Siedlung Gusch Etzion. Anfang Oktober kamen sie mit Bulldozern wieder und rissen das Haus nieder.» «Eine Anordnung der israelischen Armee verbietet der Palästinenserin [der Tochter der betroffenen Familie, Alice Kisiya] auf unbestimmte Zeit, das Al-Makhrour-Tal [wo Restaurant und Grundstück lagen] zu betreten» – obwohl die Frau israelische Staatsbürgerin ist. «Weil sie aggressiv gegenüber der Armee und den Siedlern aufgetreten sein soll, verbrachte Alice Kisiya eine Nacht im Gefängnis.»
«Die Siedler nutzen den Umstand aus, dass die Besitzverhältnisse in Palästina bis 1967 meist mit Handschlag geregelt wurden.» Doch in diesem Fall ist es anders:
Die Besetzer «begründen ihre Übernahme mit einem vermeintlichen Richterspruch. „Sie sagen, sie hätten ein Gerichtsurteil, das ihnen nach über 55 Jahren ihren Besitz wieder gebe. ... Sie behaupten, meine Familie hätte das damals von der JNF gekaufte Grundstück besetzt, aber konnten weder uns noch unserem Rechtsanwalt irgendwelche Beweise dafür vorlegen. Wir hingegen haben unsere Besitzdokumente offengelegt.“» «Mit ihrem Versuch, ihr Recht endgültig geltend zu machen, scheiterten sie 2023, als ein Jerusalemer Zivilgericht die Enteignung bestätigte. „Wir setzen dennoch auf die Gerichte“, sagt Alica Kisiya, „und auf friedlichen Widerstand.“»
«Als Palästinenserin mit israelischem Pass habe sie sich bisher irgendwie geschützt gefühlt, sagt Alice Kisiya. „Aber nun zeigt sich, wie machtlos die Gesetze gegenüber den Plänen der Nationalisten sind.“»
Eine andere christliche Familie in einer anderen Region gehört zu den «der wenigen Familien im Westjordanland, die Besitzdokumente im Original aus osmanischer und britischer Kolonialzeit vorweisen können.
Dennoch müssen sich die Nassars vor israelischen Militärgerichten gegen ihre Enteignung wehren, seit 30 Jahren» – vor Militärgerichten, sie sind keine israelischen Staatsbürger. «Die israelische Behörde COGAT, die für „Palästinenserangelegenheiten“ zuständig ist, hat das Gebiet rund um Nahalin verstaatlicht. ...
Immer wieder tauchen Siedler aus der direkt unterhalb [des Hofes der Familie] gebauten Tora-Schule auf und beschimpfen das Ehepaar und ihre drei Kinder. „Manchmal schaue ich nachts in die Gewehrläufe einer Armeepatrouille, die sich auf unser Privatgrundstück verirrt hat“, sagt die 50-jährige Amal Nassar, Daouds Frau und Mitstreiterin. Über 50 Gerichtstermine hat die Familie bereits hinter sich. Die nächste Entscheidung darüber, ob das Grundstück wieder auf ihren Namen registriert werden kann oder ob sie gehen müssen, findet am 18. Dezember vor einem Militärgericht statt.»
Alice Kisiya meint, daß christliche Palästinenser unter besonderem Druck der Siedler stehen: «Sie stünden dem Narrativ israelischer Radikaler im Weg, nach der alle Palästinenser islamistischen Ideologien folgen würden.»
Viele Nachbarn sind dem Druck der Siedler gewichen: «In den letzten Monaten tauchten immer wieder Bewaffnete oder Patrouillen der israelischen Armee auf ihren Grundstücken auf, berichten sie. ... Die Siedler haben automatische M16-Schnellfeuergewehre geschultert.»
«Nach den großen Auswanderungswellen in der Folge der beiden Intifadas packen nun zum dritten Mal viele christliche Palästinenser [und Palästinenser]innen ihre Sachen und verlassen ihre Heimat. Ihr Bevölkerungsanteil im Westjordanland ist von 10 Prozent im Jahr 1967 auf ein Prozent gesunken.»
Die Haltung der verbliebenen Christen stellt Amal Nassar so dar: «„So profan es klingt: Wir halten dem Druck nur deswegen stand, weil wir uns weigern, Feinde zu sein“, sagt die gläubige Christin und zeigt auf das Kreuz, das über der Veranda ihres Steinhauses hängt. „Wir weigern uns, den Hass zu empfinden, der uns von den Siedlern entgegenschlägt. Als unsere Olivenbäume von einem Bulldozer zerstört wurden, haben wir eben neue gepflanzt.“»
Aber es gibt auch eine andere Seite: Auch Israelis, unter ihnen „Rabbiner für Menschenrechte“ aus Israel, sind ins Al-Makhrour-Tal gereist, «um sich für die Rückkehr der Kisiyas auf ihr Land einzusetzen.»
Schon vor anderthalb Jahren berichtete katholisch.de (Druck auf Christen im Heiligen Land nehme zu / Abt Nikodemus Schnabel: Werde als Christ in Israel täglich bespuckt) von häufiger Gewalt im Heiligen Land und namentlich in Jerusalem gegen Christen; das geht bis zu einem «verheerenden Brandanschlag» gegen ein Kloster in Tabgha.
Eine Kolumne (Charlotte Wiedemann: Siedler in Jerusalem: Hass auf alles Nichtjüdische) berichtet von der Situation der Christen in Jerusalem. Die Autorin spricht zunächst von einem Besuch am Grab der griechisch-orthodoxen Al-Jazeera-Reporterin Shirin Abu Akleh, «erschossen vom israelischen Militär», geht dann über zum nahegelegenen armenischen Viertel. Schon «bei Israels Staatsgründung 1948 wurden auch viele Armenier vertrieben.»
Vor den Kriegen seit der Mitte des XX. Jahrhunderts wurde Jerusalem (die heutige Altstadt) in vier Viertel unterteilt: das jüdische, das islamische, das christliche und ein zweites christliches, nämlich das armenische Viertel.
«Wie andere christliche Gemeinden zuvor kämpfen die Armenier gegen aggressive Siedlergangs, die Geschäftsleute bedrohen und Priester bespucken.»
«Die Siedler, sagt [ein Armenier], wollen hingegen die Altstadt judaisieren. Und die aggressiven Jungen, die sogenannte Hügeljugend, seien dazu erzogen worden, vor niemandem Respekt zu haben.»
«„Möge es niederbrennen“ wurde dieser Tage auch beim Überfall auf die Armenian Tavern gerufen, ein alteingesessenes Restaurant in der Nähe des armenischen Konvents, wenige Meter vor einer Polizeistation. Mit Hoodies über Schläfenlocken versprühten sie Pfefferspray und zerschlugen Mobiliar. Sie kamen zweimal in einer Woche.»
Und auch hier gilt wieder: «Die armenischen Aktivisten bekommen Unterstützung aus der jüdischen wie der palästinensischen Zivilgesellschaft.»
Und an all dem kommt den gern geschmähten „Ultraorthodoxen“ keine Schuld zu.
Und von der Hamas und ähnlichen Parteien und Terrorarmeen haben die Christen am allerwenigsten Gutes zu erwarten.
Nachtrag: Weihnachten im Kriegsgebiet
«Ein normaler, unmöglicher Tag – Für christliche Gemeinden im Westjordanland und im Gazastreifen steht ein zweites Weihnachten inmitten des Krieges zwischen Israel und der Hamas an.»

Samstag, 16. November 2024

Wenn Antisemitisches nicht antisemitisch klingen soll

Antisemitismus ist hier zu Lande verpönt. Nur ganz rechts im politischen Spektrum wird er noch offen ausgesprochen. Allerdings suchen sich manche in diesem Teil des Spektrums auch mit nationalistischen Juden zu verbünden, um auf diese Weise sich gegen Araber wenden zu können. Auf der linken Seite wird Antisemitismus seit jeher strikt abgelehnt – „Nie wieder Auschwitz“ –, was freilich linke Terroristen nicht daran hinderte, schon 1976 eine Selektion durchzuführen, die Juden verständlicherweise an die Selektionen von Auschwitz erinnerte. Nach einer Flugzeugentführung fand unter den Passagieren die „Selektion von Entebbe“ statt: die jüdischen Passagiere wurden ausgesondert, um sie gegen palästinensische Terroristen auszutauschen oder aber sie umzubringen.
Aber im Großteil unserer Gesellschaft, von rechts bis links, gilt doch Antisemitismus nicht als statthaft.
Was also tun, wenn man dennoch gegen Juden polemisieren will?
Die beliebte Lösung: statt „Juden“ sagt man: „Ultraorthodoxe“.
Den Ultraorthodoxen darf man ungestraft alles Schändliche zuschreiben, was man über Juden sagen möchte. Insbesondere darf man sie für all das Üble verantwortlich machen, was die israelische Regierung an militant nationalistischer Politik betreibt.
Die Wirklichkeit ist ganz anders.
Charedim oder „Ultraorthodoxe“ sind einfach Juden, die ihren Glauben ganz ernstnehmen. Die, die ihn für nationalistische Zwecke instrumentalisieren, nennt man „Nationalreligiöse“.
Ein Buch von Tuvia Tenenbom, „Gott spricht Jiddisch / Mein Jahr unter Ultraorthodoxen“ (Berlin 2023) gibt einen ausgezeichneten Einblick in das Leben der aschkenasischen Charedim in Israel.
Der Autor schreibt in einem entsetzlichen amerikanischen Stil, der auch durch die Übersetzung ins Deutsche nicht abgemildert wurde. Doch mit seiner Kenntnis der aschkenasisch-charedischen Kultur, seiner Fähigkeit, mit diesen Menschen ins Gespräch zu kommen, seiner Sympathie für sie und zugleich seiner Distanz zu ihren Lehren (an denen er sich manchmal kurios verbeißt) ist er ein ausgezeichneter Zeuge für das Leben in ihrer Welt.
Zionistischer Nationalismus ist ihnen völlig fremd. Im Gegenteil: unter ihnen ist ein manchmal geradezu makabrer Antizionismus zu finden. Ein (extremer) charedischer Rebbe, dessen Visitenkarte die palästinensische Flagge zeigt, erklärt: „Zionisten sind keine Juden“ (S. 122 f.). Nach dem jüdischen Gesetz, wie Charedim es verstehen, ist es gestattet, den Sabbat zu entweihen, um einem Juden das Leben zu retten. Einen anderen charedischen Rebbe fragt der Autor, ob Benjamin Netanjahu „am Sabbat gerettet werden“ sollte, „wenn man ihn nur retten kann, indem man den Sabbat nicht einhält?“ – „Ich denke nein. Es wäre nicht erlaubt, den Sabbat zu entweihen, um ihn zu retten.“ (S. 141)

Montag, 4. November 2024

Dringliche Wünsche aus dem Kirchenschiff an die Liturgen

Menschen tragen Fürbitten vor. Wenn in diesen Fürbitten der Herr angeredet wird, so hat, wer die Fürbitte vorträgt, sich zum Herrn zu wenden, zum Altar also oder zum Tabernakel. Sich zur Gemeinde zu wenden, dabei den Altar links (oder rechts) liegen zu lassen, stellt einen Widerspruch in sich dar: man formuliert eine Anrede an den Herrn und zeigt zugleich körperlich, daß nicht Er gemeint ist.
Aber auch wenn, wie es vorkommt, in den Fürbitten die Gemeinde angesprochen wird («Laßt uns beten für ...»), kann der, der Fürbitten vorträgt, nicht dem Herrn, folglich auch nicht dem Altar und Tabernakel, den Rücken zukehren. Alle Liturgie ist dem Herrn zugewandt; vorm Altar dem Volk zugewandt stehen kann nur der Priester, wenn er im Namen des Herrn handelt, den Segen oder gar ein Sakrament spendet oder zumindest einen liturgischen Gruß ausspricht, der ja auch einen Segen in nuce darstellt.
Dem Altar zugewandt sein müssen auch die Sänger: aller liturgische Gesang richtet sich ja an den Herrn. Gute Überlieferung ist es, in der lateinischen Kirche ebenso wie in der byzantinischen, daß sie (wenn sie nicht hinten auf der Empore stehen) seitlich im Chor stehen, also zur einen Seite vor sich den Altar oder das Tabernakel haben, zur anderen die Gemeinde, die so mit eingebezogen wird, denn aller Kirchengesang ist Gesang der ganzen Gemeinde: Schola oder Chor singen laut hörbar, die übrigen singen geistig mit.
«Man kann nicht nicht kommunizieren» ist ein wichtiger Grundsatz der Kommunikationspsychologie. Was immer am Altar und im Chorraum geschieht, es sagt etwas aus. Und was der Priester durch seine Bewegungen und Gesten sagt, ist wesentlich gewichtiger als das, was er in der Predigt sagt.

Donnerstag, 31. Oktober 2024

Was war da vor 507 Jahren?

In den östlichen und nördlichen Bundesländern ist nicht etwa so wie in den anderen Allerheiligen Feiertag, sondern der Vorabend des Festes, auf Englisch „Halloween“.
Das wird in protestantischen Kirchen dazu genutzt, an ein kleines Ereignis zu erinnern, das vor 507 Jahren stattgefunden hat. Was es damit auf sich hat, ist beim Chronisten von Orietur Occidens zu lesen.

Mittwoch, 30. Oktober 2024

Üble Nachrede gegen die Kirche und den seligen Carlo Acutis

Unter dem Titel „Nekromantischer Wanderzirkus“ ist ein Artikel über den seligen Carlo Acutis erschienen, in dem neben Kritik an der Rundfahrt des Herzens des Toten – die durchaus beanstandet werden darf – die bedeutendste Leistung des Seligen, sein Netz-Situs über Eucharistische Wunder, mittels einer Unwahrheit in übles Licht gerückt wird:
«Während seines kurzen Lebens war der Knabe ganz in seinen Hobbys aufgegangen: katholische Messe und Homepagebasteln. Besonders gerühmt wird die, auf der er einen in 17 Sprachen übersetzten Katalog sogenannter „eucharistischer Wunder“ präsentiert hat.
Das ist der widerlichste Aspekt der Historie vom heiligen Nerd: Diese Spezialkategorie der Wunder erzählt fast immer, wie Juden christlich geweihte Hostien geklaut, geschändet und mit Messern auf sie eingestochen hätten – woraufhin aus der Oblate Blut ausgetreten sei. Diese Legenden sollten zum Hass aufstacheln – und sie haben in Frankreich, Belgien und Deutschland Pogrome und Vertreibungswellen ausgelöst.»
«Diese Spezialkategorie der Wunder erzählt fast immer ...» – die Wirklichkeit: unter mehr als hundert Wundern, die der Situs des Seligen anführt, sind einige wenige, die an einen Hostiendiebstahl anknüpfen; und unter diesen sind drei, bei denen Juden beschuldigt wurden, ansonsten wurde die Schuld an solchen Taten bei Christen gesehen (und auch bei diesen dreien findet sich auf dem Situs nichts von der Beschuldigung gegen Juden). Eines von diesen dreien, das von Brüssel 1370, endete in der Tat mit einem Massaker an Juden; bei einem weiteren, Posen 1399, ist über derartige Folgen nichts zu ermitteln. Vom frühesten, Paris 1290, wird ein versöhnliches Ende berichtet: «Dieses Wunder habe viele der Augenzeugen zum christlichen Glauben gebracht, so auch den Verfasser des Berichts» (Wikipedia s.v. Hostienfrevel).
Unter den eucharistischen Wundern, die der Selige anführt, sind etliche sicher belegte, aber auch einige, die eher sagenhaft erscheinen. Weniger ist manch mal mehr – besser wäre es gewesen, wenn er etwas strenger ausgewählt hätte, wenn diese drei jedenfalls nicht dabei gewesen wären (allerdings war die Prüfung für ihn nicht leicht: das Netz war seinerzeit viel weniger umfangreich als heute). Aber es sind drei unter mehr als hundert: unter den eucharistischen Wundern stellen sie eine Ausnahme dar, nicht etwa, wie es jener Artikel vorgibt, die Regel.
Zu genauerem Verständnis solcher Schuldzuschreibungen an Juden ein Blick auf den zeitgeschichtlichen Hintergrund:
Während vor der ersten Jahrtausendwende Juden in Westeuropa recht friedlich leben konnten, kam im nördlichen Teil Europas im späten XI. Jahrhundert ein mörderischer Antisemitismus auf. Die Kirche stellte sich dem entgegen: Päpste protestierten, der wortgewaltigste Prediger der Zeit, der heilige Bernhard von Clairvaux, wurde nach Deutschland gerufen, um zugunsten der Juden zu predigen. Es nutzte nichts, Massaker wurden verübt. Bischöfe – besonders die Erzbischöfe von Köln und Mainz, die Bischöfe von Worms und Speyer – taten ihr Bestes, Juden zu retten, zum Teil unter eigener Gefahr, gaben ihnen Zuflucht in ihrer Kathedrale oder ihrer Residenz, waren oft aber machtlos gegen den Ansturm des Pöbels.
Vorwand für die Pogrome waren oft Kinderraub und Ritualmord, seit der Wende des XIII. Jahrhunderts Hostienfrevel, seit der Mitte des XIV. Jahrhunderts, als die Pest sich ausbreitete, Brunnenvergiftung. Päpste bemühten sich, dem entgegenzuwirken; Gregor X. ging so weit, anzuordnen, dass eine Zeugenaussage eines Christen gegen einen Juden nur gültig sei, wenn sie von einem Juden bestätigt wird (W. Durant / E. Schneider: Kulturgeschichte der Menschheit, Frankfurt / M. 1981, Bd. 6, S. 60). Das richtete wenig aus, aber doch mehr als nichts – der Rabbiner und Historiker Salo Wittmayer Baron schrieb: «Wäre die katholische Kirche nicht gewesen, so hätten die Juden das Mittelalter im christlichen Europa nicht überstanden» (A Social and Religious History of the Jews. New York 1937, Bd. II, S. 85; hier nach W. Durant / E. Schneider, ebd.).
Die Faktengrundlage für solche Beschuldigungen:
Bei den angeblichen Brunnenvergiftungen war es die Pest. Daß die Pest durch verdorbenes Wasser ausgebreitet werden könnte, ist medizinisch nicht haltbar, doch noch in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts tauchte diese Vorstellung noch in einem Lied («Wir lagen vor Madagaskar») auf.
Zu Hostienfreveln hatten Juden keine Veranlassung; das ihnen zugeschriebene Interesse, durch Mittelsleute an Hostien zu kommen, um sie zu entweihen, erscheint weit hergeholt. Es mag aber Hostiendiebstähle durch abergläubische Christen gegeben haben, derer dann Juden beschuldigt wurden; vor allem aber ist mit reiner Erfindung zu rechnen.
Kinderraub und Ritualmord wären mit der jüdischen Religion nicht vereinbar. Für diese Beschuldigungen wußte Papst Gregor X. eine einfache Erklärung: «Es geschieht, daß die Väter gestorbener Kinder oder andere Christen, die Feinde der Juden sind, diese toten Kinder insgeheim versteckten und versuchen, Geld von den Juden zu erpressen. … Sie behaupten durchaus wahrheitswidrig, daß die Juden selbst diese Kinder gestohlen und ihre Herzen und ihr Blut geopfert hätten» (nach Pinchas Lapide: Rom und die Juden. Ulm 1997, S. 23).
„Wunder“, die mit judenfeindlichen Berichten verknüpft waren, haben auf örtlicher Ebene auch Beifall beim Klerus gefunden, haben dort auch zu befremdlichen Andachtsübungen und -bräuchen geführt; die Kirche aber hat sich immer wieder gegen Beschuldigungen gewandt, welche dem Pöbel Anlaß zu Pogromen gaben.
Ein Kirchenmann des XIII. Jahrhunderts, der Prämonstratenser Petrus von Herentals, schrieb seinerzeit über Brunnenvergiftungen und Judenmorde:
«Aliqui planetis ascribebant, qui venena ex diversis visceribus terrae extraherent, venenis aeri permistis, et aerem venenosum attrahentibus hominibus – Manche schreiben die Pest den Planeten zu, die Gifte aus verschiedenen Eingeweiden der Erde herauszögen, wodurch sich die Gifte mit der Luft vermischten und Menschen die giftige Luft einzögen.»
«Alii ad intoxicationem fontium et puteorum referebant, et hoc Judaeis maxime imputabant, propter quod in diversis provinciis, et specialiter in Brabantia inhumaniter ducebantur ad mortem – Andere führten sie auf Vergiftung der Quellen und Brunnen zurück, und das unterstellten sie vor allem den Juden, weshalb diese in verschiedenen Provinzen, und insbesondere in Brabant, auf unmenschliche Weise zu Tode gebracht wurden.»
«Ego magis credo, pestem illam potissimum ex voluntate divina contigisse, ut mundus in maligno postitus purgaretur a contagiis viciorum, et per maximam causam interfectionis Judaeorum – Ich glaube eher, daß jene Pest durch göttlichen Willen aufgetreten ist, damit die Welt, die im Bösen ihren Platz genommen hat, gereinigt werde von den Einwirkungen der Laster, und hauptsächlich [des Lasters / der Sünde] des Mordes an den Juden.»
Christoph Cluse: Studien zur Geschichte der Juden in den mittelalterlichen Niederlanden. Forschungen zur Geschichte der Juden, hrsg. von Alfred Haverkamp, Abteilung A: Abhandlungen, Band 10, Hannover 2000

Samstag, 19. Oktober 2024

In memoriam Mons. Bernard Tissier de Mallerais

Vor zehn Tagen ist Bischof Bernard Tissier de Mallerais von der Priesterbruderschaft Sankt Pius X. gestorben. Er war ein sehr kluger, hochgebildeter, sehr ehrlicher, völlig integrer Mann.
Er galt als intransigent. Doch war auch er es, der Mons. Marcel Lefebvre vor der Weihe der vier Bischöfe angefleht hatte, diese Weihen zu unterlassen. Daß Papst Benedikt diese Bischöfe von der Exkommunikation befreit hatte, ohne von ihnen Reue zu verlangen, zeigt, daß er ihre Schuld nicht so schwer einschätzte, daß ihr eine solche Strafe entsprochen hätte. Es war ein Verstoß gegen die kirchliche Disziplin, nicht gegen das Wesen des Sakraments.
Die Piusbruderschaft ist nun in einer schwierigen Situation. Würde sie ohne römische Erlaubnis einen neuen Bischof weihen, so drohten die Errungenschaften von mehr als anderthalb Jahrzehnten verloren zu gehen, drohte die Spaltung der Kirche sich zu vertiefen. Tut sie das nicht und ein weiterer Bischof stürbe, so könnte sie im äußersten Notfall keinen Bischof mehr weihen – drei Bischöfe sollen es sein, die eine Bischofsweihe spenden, zur Not können es zwei sein, so wie es bei diesen vier Bischöfen damals geschehen ist. Aber ganz allein einen Bischof zu weihen ist dem Papst vorbehalten.
Beten wir, daß noch zu Lebzeiten der verbleibenden beiden Bischöfe eine Einigung mit Rom gelingt.

Donnerstag, 17. Oktober 2024

Der echte Friedensgruß

In seinem Werk Der Geist der Liturgie (Freiburg 2000, S. 183) bemängelt Kardinal Ratzinger, daß «bei der gegenwärtigen Ordnung durch den Friedensgruß häufig eine große Unruhe in der Gemeinde entsteht.»
Dem ist so. Zwar hat schon die Institutio generalis des neuen Missale (82.) angeordnet, den Friedensgruß «nur denen zu geben, der einem am nächsten stehen, in nüchterner Weise», und unter Papst Franziskus I. hat die Gottesdienstkongregation das neu eingefordert und verschärft, doch die Wirklichkeit in unseren Kirchen ist ganz anders.
Papst Benedikt XVI. hat darum bei Gelegenheit vorgeschlagen, den Friedensgruß ostkirchlicher Sitte entsprechend zur Opferung zu verlegen. Aber eine andere Lösung erschiene sinnvoller.
Wieder einmal hatte ich Gelegenheit, an der Liturgie der syro-antiochenischen Kirche teilzunehmen, konnte dort wieder deren Friedensgruß erleben, wie wir öfters schon geschildert haben. Er wird dort wie im Novus Ordo mit den Händen weitergegeben, folgt im übrigen aber ganz der altkirchlichen Tradition des Friedenskusses. Natürlich wie in allen Ostkirchen zu Beginn der Opferung; aber nichts ist dabei, was Unruhe auslöst. Und es hat auch nichts von Handschlag; es ist eine echte Weitergabe des Friedens – die, die den Frieden mit ihren Händen empfangen und dann weitergegeben haben, streichen sich mit den Händen noch einmal übers Gesicht, um den empfangenen Frieden sich noch mehr zu eigen zu machen.
Was in der lateinischen Liturgie not täte, wäre nicht die Verlagerung des Friedensgrußes, sondern die gute Ordnung des Ritus; die syro-antiochenische Liturgie bietet da ein Vorbild, das in Einklang ist mit der älteren römischen Tradition.

Montag, 7. Oktober 2024

Der 7. Oktober – doppelter Gedenktag

Am 7. Oktober vor einem Jahr geschah ein grauenhaftes Verbrechen durch eine Terroristenarmee, das zu einer grauenhaften Reaktion führte.
Die Anteilnahme der Christen gebührt den unschuldigen Opfern, die es auf beiden Seiten in überreichem Maße gibt.
Weniger Grauen, darum weniger beachtet, nichtsdestoweniger schmerzhaft: das Schicksal der Christen – es sind Araber, Palästinenser, aber auch Armenier und Griechen –, die auf beiden Seiten bedrängt werden.
Und so kann man sich erinnern an den 7. Oktober vor 453 Jahren:
Lange Zeit war es eine ausweglose Situation: 1354 hatten die Osmanen Europa erreicht, Gallipoli an den Dardanellen (Hellespont) erobert, 1453 eroberten sie Konstantinopel, 1529 belagerten sie zum ersten Mal Wien; damals halfen nur die Wetterverhältnisse, sie abzuwehren. Gegen die Kriegsgefangenen und gegen die Bevölkerung der eroberten Gebiete gingen sie mit Massenenthauptungen und mit Versklavung vor, die christliche Bevölkerung wurde mit der „Knabenlese“ terrorisiert. Mitteleuropa geriet in Angst und Schrecken, was auch zur „Reformation“ beitrug. So war es eine wirkliche Befreiung, als am 7. Oktober 1571 mit der Seeschlacht von Lepanto die osmanische Vormacht zur See gebrochen wurde.
Die Kirche schrieb es der Fürbitte Marias zu, der 7. Oktober wurde zum Fest Mariens de victoria, vom Sieg, erklärt, das viel später dann zum Rosenkranzfest wurde.
Der türkische Diktator Erdoğan wünscht einerseits ein neoosmanisches Reich zu errichten, spendet andererseits der Hamas in dieser Zeit des Mordens Beifall.

Mittwoch, 18. September 2024

Das Leiden der Kirche an neuzeitlicher Theologie

Man stelle sich vor, jemand behauptete: „C. Julius Caesar war ein mäßig erfolgreicher römischer Politiker in den Wirren der Mitte des ersten vorchristlichen Jahrhunderts (einer unter vielen), der dann wie so viele andere im Laufe der Bürgerkriege ermordet wurde. Doch als es dann C. Octavius gelang, die Herrschaft über das Römische Reich dauerhaft an sich zu ziehen, erklärte er Caesar, der im Unterschied zu ihm selbst aus einem der angesehensten Geschlechter Roms stammte, zu seinem Adoptivvater, sich selbst zu seinem Erben, nahm dessen Namen an (mit dem Beinamen Octavianus) und ließ ihn verherrlichen als großen Feldherrn und großen Herrscher über Rom, gütig („clementia Caesaris“) und reich an Verdiensten, dessen glorreiche Herrschaft durch den Mord an ihm unterbrochen worden sei und nun von ihm, Octavianus Augustus, vollendet werde.“
Es mag sein, daß diese These von dem einen oder anderen Feuilleton bejubelt würde, aber bei Altphilologen und Althistorikern würde sie keinen Augenblick ernstgenommen.
Doch in der Theologie tauchen vergleichbare Thesen auf. Jesus sei ein Wanderprediger gewesen (einer unter vielen); er „wollte keine Kirche gründen, schon gar nicht im Sinn der konstantinischen Wende. Er kannte seine späteren Hoheitstitel nicht [damit sind offenbar die in den Evangelien überlieferten „Titel“ wie Christus – Messias, Sohn Gottes, Heiliger Gottes, König von Israel gemeint] und suchte nicht seinen Tod, schon gar nicht einen Sühnetod, hätte auch von der Erbsünde nichts verstanden.“ All das sei ihm später erst von den Jüngern, den Aposteln zugeschrieben worden, besonders von Paulus, oder auch von einer nicht näher faßbaren Stimme der „Gemeinde“ („Gemeindebildung“).
Solche Thesen sind nicht nur von dem einen oder anderen Feuilleton bejubelt worden, sondern Konsens geworden in großen Bereichen der Theologie beider großer westlicher Konfessionen. Das Zitat in der Mitte stammt von einem katholischen Theologen, Hermann Häring („Hat die Institution Kirche im 21. Jahrhundert ausgedient?“).
Die Frage, wer größere Möglichkeiten gehabt hätte, eine solch unhistorische Sicht durchzusetzen, ist leicht zu beantworten: Augustus standen alle Machtmittel des Imperium zur Verfügung, und es mangelte zu seiner Zeit nicht an großen Dichtern und Geschichtsschreibern, die ihm ergeben waren. Die Urkirche hatte keine Machtmittel, konnte Dissidenten nicht kontrollieren; und antichristliche Polemik war im Römischen Reich noch über die Konstantinische Wende hinaus möglich.
Wer unbefangen die Evangelien liest, kann nur entweder Jesus absurde Größenphantasien zusprechen oder aber in Ihm einen einzigartigen Einbruch Gottes in diese Welt erkennen. Wenn aber jemand das letztere nicht glauben will, vorm ersteren aber zurückschreckt, sei es, weil er noch eine sentimentale Bindung ans Christentum hat, sei es, weil die Kirche gut dotierte Stellen zu vergeben hat oder zumindest die Missio canonica für solche erteilen muß, so kann er sich mit solchen Thesen durchzulavieren suchen. Dafür aber muß er sehr vieles von der biblischen Überlieferung „exegetisch entsorgen“, wie Klaus Berger es formulierte.
Doch wenn jemand keine solche Stelle innehat noch sie sucht: welchen Sinn sollte für ihn ein so entleerter Glaube haben? „Hat die Institution Kirche im 21. Jahrhundert ausgedient?“ Mit solcher Theologie hätte sie schon längst ausgedient.
Allerdings geht der oben angeführte Hermann Häring (aus dem Hause „Weltethos“, „Promotion und Habilitation wurden von Prof. Dr. Hans Küng begleitet“) noch weiter. Zuvor hatte er noch Alfred Loisys beliebten polemischen Spruch zitiert: „Jesus verkündete das Reich Gottes, doch gekommen ist die Kirche.“ Doch selber läßt er auch das Reich Gottes weg: „Durch sein Handeln und seine Zuwendung zu den Verlorenen ließ er vielmehr das durch und durch säkulare, weil human orientierte Reich der Gerechtigkeit beginnen.“

Samstag, 14. September 2024

Papst Franziskus Rede in Singapur

„Alle Religionen sind ein Weg, um zu Gott zu gelangen“, sagte Papst Franziskus in Singapur, „sie sind – ich mache einen Vergleich – wie verschiedene Sprachen, verschiedene Idiome, um dorthin zu gelangen.“
Dieser Vergleich sei einmal durchdacht.
Wenn jemand sagt: „Allà kaì eàn hemeîs è ángelos ex ouranoû euangelízetai hymîn par’ hò euangelisámetha hymîn, anáthema ésto“, wenn jemand anderes sagt: „Sed licet nos aut angelus de cælo evangelizet vobis præterquam quod evangelizavimus vobis, anathema sit“, wenn wieder jemand anders sagt: „Aber wenn auch wir oder ein Engel vom Himmel euch ein Evangelium verkündete außer dem Evangelium, was wir euch verkündet haben: er sei verflucht“, so sind das verschiedene Sprachen, verschiedene Idiome, doch kann das alles nebeneinander bestehen; im Kern ist das alles das Gleiche, führt zum selben Ziel.
Doch wenn jemand sagt: „Aber wenn auch wir oder ein Engel vom Himmel euch ein Evangelium verkündigte außer dem Evangelium, was wir euch verkündigt haben: er sei verflucht“, wenn jemand anderes aber sagt: „Mohammed ist der Gesandte Gottes“, so ist das durchaus nicht das Gleiche.
Was davon richtig ist, erschließt sich erst bei näherer Betrachtung; klar aber ist von vornherein (wenn man beachtet, daß Paulus mehr als ein halbes Jahrtausend älter ist als Mohammed), daß nicht beides richtig sein kann.
„Alle Religionen sind ein Weg, um zu Gott zu gelangen“? Das Christentum ist der von Gott gewiesene Weg, zu Ihm zu gelangen. Andere Religionen sind von Menschen geschaffene Wege, die zu Ihm oder auch ganz woandershin (im Buddhismus etwa: zum Nirvana, zum Verlöschen) zu gelangen anstreben.
Und natürlich können auch jene Gläubige anderer Religionen, „die an unüberwindbarem Unwissen um unsere heiligste Religion leiden und die das Naturgesetz und seine Gebote, die in aller Herzen von Gott eingeprägt sind, eifrig zu beachten bereit, ein ehrbares und richtiges Leben führen“ (Papst Pius IX.), zu Gott gelangen. Aber in anderen Religionen gibt es Wahrheiten, das Christentum ist wesentlich wahr.

Montag, 9. September 2024

Abtreibungspropaganda unter einem Kreuz

«Abtreibung / "Klima der Angst"» – so ist ein Artikel von Cornelia Krause auf „chrismon“, überschrieben, einem Netzauftritt des „Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik“, dessen Titel mit einem Kreuz geschmückt ist. Es ist ein flammendes Plaidoyer für freie Abtreibung.
Den Anlaß zu diesem Artikel hat das Abtreibungsverbot in Texas gegeben: «Im Bundesstaat Texas wird deutlich, was ein striktes Abtreibungsverbot bedeutet» – dort wurden Abtreibungen «verboten, sobald beim Fötus ein Herzschlag vorhanden ist. Das ist etwa ab der sechsten Schwangerschaftswoche ...»
«Frauen, die eine Schwangerschaft beenden wollten, müssten in andere Bundesstaaten reisen.» Das klingt, als sei eine Reise in einen anderen Bundesstaat etwas schlimmeres als eine Abtreibung. «Wem das Geld dazu fehle, sei gezwungen, ein Kind auszutragen, ohne für es sorgen zu können.» Das sollte ein Anlaß sein für die Forderung nach christlicher Solidarität und nach einer Sozialgesetzgebung, die es allen Eltern ermöglicht, ihr Kind ohne materielle Not aufzuziehen. Aber stattdessen schließt sich die Autorin dem Engagement einer Unitarier-Gemeinde für Abtreibung an.
Die Unitarier haben als christliche Sekte begonnen, die die Dreifaltigkeit ablehnt. In der Folge haben sie sich zu völliger religiöser Unverbindlichkeit entwickelt.
Das Engagement für Abtreibung «begründet der Pfarrer damit, dem Beispiel Jesus zu folgen: "Wo Not herrscht, bieten wir Unitarier Hand."» Man darf das Blasphemie nennen.
Das kurioseste Argument: «Und auch die Säuglingssterblichkeit ist in Texas im Jahr nach der Einführung des Verbots um 13 Prozent gestiegen. Vor allem weil Frauen schwer kranke Kinder gebären müssen – selbst wenn diese keine Überlebenschancen haben.» Das heißt, schwer kranke Kinder würden besser gleich getötet.
Was gemeint ist, wird noch prägnanter ausgeführt in einem Artikel in „NewsWorld“ über eine «Neue Studie: Anstieg der Säuglingssterblichkeit in Texas nach Abtreibungsverbot von 2021 festgestellt»: «Alison Gemmill, PhD, eine Hauptautorin der Studie, erklärte, dass strenge Abtreibungsgesetze die Gesundheit von Säuglingen beeinträchtigen können, da sie familiären Stress und höhere medizinische Kosten verursachen.» Mit diesem Argument kann man begründen, daß alle Kranken mit infauster Prognose sogleich eine tödliche Spritze bekommen sollten, um «familiären Stress und höhere medizinische Kosten», wie sie bei schweren Erkrankungen sich zu ergeben pflegen, zu vermeiden – implizit ein Plaidoyer für Euthanasie.

Samstag, 7. September 2024

Neu im Netz: E&Ewald 28

Die Armen in der Kirche – Basileios der Große erklärte einst, was für den Herrn der Ölberg gewesen sei, das seien nun für die Gläubigen die Bettler am Eingang der Kirche, denen sie Almosen zu geben haben. Wie ist es heute mit den Armen in der Kirche?
Miscellanea zur Heiligen Eucharistie – Vieles, was höchste Sakrament betrifft, ist heute an den Rand geraten, scheint fast vergessen. An einiges wird hier nun erinnert, einiges, was nicht ganz leicht zu verstehen scheint, wird anschaulich gemacht.
Vom Zufall und anderen Unwahrscheinlichkeiten – Ist die physikalische Welt ganz determiniert? Einige physikalische Anmerkungen mit philosophischem Aspekt.
Von der stillen Seele der Kühe – Können Kühe ein geistliches Vorbild sein? Auf einem Umweg zum meditativen Aspekt des Glaubens.
Ewald & Ewald: Das neue Heft zu Ehren der beiden heiligen Patrone des Niederrheins ist nun im Netz zu finden, zum Lesen am Bildschirm wie auch zum Ausdrucken.

Freitag, 6. September 2024

Ja. Nein.

Ist es den Katholiken der Stadt zumutbar, wenn in der Kirche in ihrer Nähe die Sonntagsmesse ausfällt, sich auf den Weg zur Sonntagsmesse in einer anderen Kirche der Stadt zu machen?
Die Antwort der Leitung der Stadtpfarrei:
1. Ja.
2. Nein.
– Synthese: keine.
Der Chronist von Orietur Occidens berichtet.

Samstag, 31. August 2024

Blau-gelbe Werbesprüche III

Eine Karte, von der AfD verteilt (mit englischer Netzadresse): „DIE AFD IST DER HÜTER DES kleinen MANNES“.
Ein Faltblatt eines hiesigen AfD-Landtagskandidaten führt „Unser Programm für Sachsen in Stichpunkten“ an. Unter der Überschrift „Sachsen in Europa“: „4. Auf freien Handel setzen“.
Der freie Handel ist es, durch den seit etwa vierzig Jahren sich der Staat hat zwingen lassen, Sozialleistungen abzubauen, auf staatliche Regulierungen zugunsten regionaler Produktion und kleiner Gewerbetreibender zu verzichten, um auf dem Weltmarkt bestehen zu können, den „Standort Deutschland“ zu schützen, wie der gängige Euphemismus lautete (der manchmal noch heute genannt wird). Nichts also mit „HÜTER DES kleinen MANNES“.
Unter der Überschrift „Familie“: „4. 5000 EUR Baby-Begrüßungsgeld für Sachsen“.
Im „Wahlprogramm der AfD Sachsen für die Landtagswahl Sachsen 2024 / Damit Sachsen Heimat bleibt“ ist unter „1.5 Baby-Begrüßungsgeld für Sachsen“ zu lesen: „Wir bekennen uns klar zu mehr Kindern und werden daher ein sächsisches Baby-Begrüßungsgeld in Höhe von 5.000 Euro einführen, um so diejenigen zu unterstützen, die Mut zu Kindern und Verantwortung als Eltern beweisen. Dieses Begrüßungsgeld soll Eltern gewährt werden, welche die alleinige deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, gemeinsam mindestens zehn Jahre in Sachsen ihren Hauptwohnsitz haben, auf eine abgeschlossene Ausbildung bzw. ein Studium verweisen können oder berufstätig sind.“ Wenn also ein Paar heiratet und einer von beiden aus einem Nachbarland kommt, Sachsen-Anhalt etwa oder Thüringen (ich kenne ein Haus, durch das die Landesgrenze mitten hindurchgeht), so muß also das Paar ein Jahrzehnt warten, bis es mit dieser Beihilfe Kinder bekommen kann. Und „auf eine abgeschlossene Ausbildung bzw. ein Studium verweisen können oder berufstätig sind“: eine Frau, die zunächst einmal nur Hausfrau und Mutter sein möchte, hat da keine Chance.

Freitag, 23. August 2024

Die Deutschen und ihre Sprache

«Ich lebe in Deutschland seit 45 Jahren und ich liebe die Deutschen und das Land, aber …», schreibt die Cembalistin und Musikwissenschaftlerin Esther Morales-Cañadas (Spezialgebiet: XVII. und XVIII. Jahrhundert). «Die Spanier lieben an erster Stelle ihr eigenes Land, was die Deutschen nicht tun, denn diese verfremden ihre eigene Sprache und ihr Essen mit fremden „Zutaten“.»
Nun, der deutschen Küche tun einige fremde „Zutaten“ durchaus gut (und sie selber kritisiert diejenigen Deutschen, «die an der spanischen Küste ihre deutsche Schweinehaxe essen»).
Aber damit, daß Deutsche («die Deutschen» – nein, ich bin davon nicht betroffen) ihre Sprache nicht lieben, sondern sie mit fremden „Zutaten“ verfremden, hat sie leider sehr recht.

Donnerstag, 15. August 2024

Rassistische Vorurteile, Antisemitismus und Antikatholizismus

Ein Zitat von Ralph Bunche, einem schwarzen US-Amerikaner, Diplomaten und Friedensnobelpreisträger von 1950:
„Rassistische Vorurteile, Antisemitismus und Antikatholizismus sind allesamt unamerikanisch und schaden der Einigkeit der Gesellschaft.“
„Unamerikanisch“, das ist natürlich keine Wertung, die für uns von Belang wäre. So aber dreierlei in einem Atemzug zu nennen – ich meine, er hat recht.

Mittwoch, 14. August 2024

Blau-gelbe Werbesprüche II

«Steuern runter / Arbeit muss sich lohnen», ist auf Wahlkampfplakaten der AfD zu lesen. Die Wirklichkeit: Arbeit, wenn es sinnvolle Arbeit ist, lohnt sich um ihrer selbst willen, nicht nur des Einkommens wegen. Aber auch, wenn es Arbeit ist, die in sich sinnlos ist, auch wenn es nur um Geld geht: man vergleiche das, was einem Arbeitnehmer, was einem Freiberufler oder Kleinunternehmer nach Steuern bleibt, mit der Höhe des Bürgergelds – auch finanziell lohnt sich Arbeit hierzulande.
Etwas anderes wäre es, wenn die AfD gefordert hätte: Krankenkassenbeiträge für Freiberufler und Kleinunternehmer runter – denn die sind bei kleinen Einkommen so drückend, daß viele von ihnen ganz auf eine Krankenversicherung verzichten müsse. Aber das fordert die AfD eben nicht. Etwas anderes wäre es auch, wenn die AfD gefordert hätte: Mehrwertsteuer runter – denn die trifft Menschen mit kleinen Einkommen ganz besonders. Aber das fordert die AfD nicht, und das hätte auch erst recht nichts mit «Arbeit muss sich lohnen» zu tun.

Donnerstag, 8. August 2024

Sprachen der Mathematik und der Theologie

«1+1=2» – so pflegten die Mathematiker bisher zu sagen.
Nun stelle man sich vor, moderne Mathematiker würden fortan sagen:
«Die Einheit vereint sich mit einer Einheit, die eine ganz andere und doch wesenhaft das Gleiche ist, in und zu einer Zweiheit, die in sich Zweiheit ist und als solche erscheint und sich uns darbietet und die in und mit sich zugleich eine neue Einheit ist und so sich vollendet und überhöht als Einheit von Einheit und Zweiheit.»
Absurd.
Nur: ich hatte in letzter Zeit Anlaß, einiges von theologischen Schriften aus den letzten sechzig Jahren zu lesen (und durchaus von soliden Theologen). Und siehe: bei ihnen klingt es gerade so wie bei jenen fiktiven modernen Mathematikern. Und von der Sprache etwa des heiligen Thomas ist ihre Sprache ebenso weit entfernt wie jener fiktive (pseudo-) mathematische Satz vom klassischen «1+1=2».

Samstag, 3. August 2024

Abschiebung ungeachtet des Grundgesetzes – eine Familie wird zerrissen

Ein Marokkaner hatte einen Asylantrag gestellt; der ist abgelehnt worden, anscheinend zu Recht. Doch der Mann ist mittlerweile mit einer deutschen Frau verheiratet, hat bisher mit ihr und den gemeinsamen Kindern zusammengelebt (www.medienservice.sachsen.de).
Dennoch hat die Ausländerbehörde entschieden, ihn abzuschieben. Da es aber offenbar keine relevanten Vorwürfe (etwa bewußt falsche Angaben, Straftaten) gegen den Mann gibt, hat das Verwaltungsgericht in einem Eilbeschluss die Abschiebung untersagt.
Die Ausländerbehörde hat ihn trotzdem abschieben lassen.
Daraufhin «verpflichtete das Verwaltungsgericht» die zuständigen Behörden «dazu, ihm binnen sieben Tagen die Wiedereinreise in die Bundesrepublik Deutschland zu ermöglichen.»
Doch das Oberverwaltungsgericht hat diesen Beschluß aufgehoben.
Die Begründung ist bemerkenswert: «Allein die Ehe mit einer deutschen Ehefrau stehe seiner Ausreiseverpflichtung hier nicht entgegen. Eine Vater-Kind-Beziehung habe er nicht glaubhaft gemacht.» Im Grundgesetz steht im Artikel 6 (1): «Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.» Daß ein Mann, der mit seiner Frau und seinen Kindern zusammenlebt, ein Vater-Kind-Beziehung fürs Gericht erst noch glaubhaft müsse, ist abwegig. Andererseits wird Vätern Besuchsrecht und gar Sorgerecht selbst dann zugebilligt, wenn sie gewalttätig sind oder sich sexuelle Übergriffe zuschulden kommen lassen. Abgesehen aber davon: anders als das Gericht es vorgibt, steht nicht nur die Familie mit Kindern unter dem Schutz des Grundgesetzes, sondern auch die Ehe selbst.
Ein andermal gab es Fälle, wo Ehen als Scheinehen abgestempelt wurden, weil die Ehegatten nicht zusammenlebten, ungeachtet dessen, daß ebendies ihnen von Ausländerbehörden verwehrt wurde. Nun aber reicht es auch nicht, daß das Paar mit seinen Kindern zusammenlebt.
Der Mann «sei daher auf die Durchführung eines Visa-Verfahrens von Marokko aus zu verweisen, wenn er einen rechtmäßigen Aufenthalt in der Bundesrepublik anstrebe.» Der Erfolg solch eines Visa-Verfahrens ist nicht sicher: «Die Visastelle prüft und entscheidet in Abstimmung mit der Ausländerbehörde [die ihn gerade abgeschoben hat] über Ihren Antrag.» Und es dauert lange: «Wartezeiten auf Termine für die verschiedenen Kategorien im Bereich nationaler Visa: ... Familienzusammenführung: über 1 Jahr».
Der deutschen Ehefrau wird also, wenn sie ihre Ehe leben will und wenn sie das Wohl der Kinder gewährleisten will, zu dem die Beziehung zum Vater gehört, nichts anderes übrig bleiben als mit ihren Kindern nach Marokko zu ziehen.
Gerade wurde in der monastischen Vesper gesungen: «Dominus custodit advenas» (Ps. 145 [146], 8). Das heißt nun nicht, daß Abschiebungen von vornherein verwerflich seien; gerechtfertigt sind sie insbesondere, wenn der Betroffene ernstlich straffällig wurde, ebenso wenn er seinen Aufenthalt durch falsche Angaben erschlichen hat. Doch ist es moralisch und dem Grundgesetz nach nicht annehmbar, wenn Christen in Länder abgeschoben werden, in denen Christen verfolgt werden, oder wenn Familien ohne eigene Schuld zerrissen werden. Von ersterem haben wir längst berichtet; und es wiederholt sich. Letzteres wiederholt sich hier also nun ebenfalls.