Mittwoch, 2. Februar 2022

Nachbemerkungen zur Münchener Mißbrauchsstudie

Einige Monate nach der französischen Studie nun die Studie über sexuelle Übergriffe durch Priester in der Erzdiözese München. Mittlerweile ist die Sicht etwas klarer: es hat schlimmste Übergriffe in beträchtlicher Zahl gegeben.
Daß diese Studie einen deutlich antikirchlichen Einschlag hat, wie im Blog Invenimus Messiam aufgezeigt wurde, ändert nichts an der Richtigkeit dieser Falldarstellungen.
Was nun ist der Kirche vorzuwerfen?
Der Kirche – das heißt natürlich nicht: der göttlichen Institution; wohl aber: deren Amtsträgern, insbesondere den Ordinariaten und den Bischöfen. Was man der Kirche nicht vorwerfen kann, ist, daß es in ihr Priester gegeben hat, die pädophile Neigungen hatten und diese in verbrecherischer Weise ausgelebt haben – wo sich Kontakt mit Kindern oder Jugendlichen anbietet, da sammeln sich Pädophile, sei es in Internaten, in Sportvereinen, in Freizeiteinrichtungen oder eben in der Kirche. Was ihnen vorzuwerfen ist, das ist, wie zögerlich gegen sie eingeschritten wurde.
Im Blog Nolite Timere werden die Fälle ausgewertet, die in der Studie dargestellt wurden.
Was man zumindest den Erzbischöfen Kardinal Faulhaber und Kardinal Wendel und ebenso Kardinal Ratzinger nicht vorwerfen kann, ist, daß sie diese Übergriffe toleriert oder gar gedeckt hätte. Wohl aber steht der Vorwurf gegen alle Münchener Erzbischöfe seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, daß sie mit den Tätern zu viel Geduld hatten, zu viel Vertrauen in deren Bereitschaft und Fähigkeit gesetzt haben, von ihrem Treiben abzulassen. Wie verwerflich solche Taten sind, scheint dabei etwas aus dem Blick geraten gewesen zu sein. Die Morallehre der Kirche hat es immer ausgeschlossen, solche Taten zu verharmlosen. In der Kirche der Väterzeit hätte solch ein Täter eine mehrjährige Kirchenbuße auf sich nehmen müssen – mit solch einer Regelung wäre auch heute die Kirche besser gefahren.
Dahinter zeigen sich zwei Probleme in der Kirche dieser Zeit.
Das eine ist ein verzerrtes Verständnis der kirchlichen Sexualmoral. Diese Sexualmoral ist eigentlich sehr streng; aber eben deshalb hat man sich wohl ein wenig daran gewöhnt, daß gegen sie sowieso verstoßen wird. Dabei scheint der eine, eigentlich der sekundäre Aspekt der Sexualmoral, der der continentia, der Selbstbeherrschung, gegenüber dem des Schutzes, ein wenig in den Hintergrund getreten zu sein. In ihrem Kern aber ist diese Sexualmoral Schutz: sie schützt den anderen, auf den sich sexuelles Begehren richtet, seine körperliche und seelische Gesundheit, seine Würde; sie schützt darüber hinaus seine eigene Familie und schließlich seine eigene Würde. Wenn aber das Hauptaugenmerk sich nur auf die Selbstbeherrschung richtet, so wird nur die Sünde gesehen, weniger aber das Opfer des Begehrens. Sünden aber vergibt die Kirche einfach, wenn der Schuldige Reue zeigt.
Das andere ist, daß man begonnen hat, in Pädophilie eine psychische Störung zu erkennen – an sich völlig zu Recht; aber dabei hat man auch begonnen, die persönliche Verantwortung aus dem Blick zu verlieren. Pädophilie ist zwar eine psychische Störung, aber pädophiles Handeln ist Handeln, für das der Täter nichtsdestoweniger Verantwortung trägt (freilich: je mehr es sich eingeschliffen hat, desto schwieriger wird die bewußte Steuerung). Dazu trat eine Therapiegläubigkeit, so, als sei Therapie ein Sakrament, das ex opere operato wirke. Doch eine Therapie ist natürlich nur wirksam, wenn der Betroffene sich ganz darauf einläßt – was nicht nur eine Frage des guten Willens ist –; und selbst dann ist der Erfolg nicht selbstverständlich. Und Psychotherapeuten wurde es auch damals schon bekannt, daß sexuelle Devianzen von ähnlicher Art sind wie Süchte, daß sie für Therapie besonders sperrig sind, nicht restlos zu verschwinden pflegen.
Der Bruch im Umgang mit sexuellen Übergriffen
Seit den sechziger Jahren aber scheint verantwortungslose Sorglosigkeit zugenommen zu haben. «Seit den 1970ern dringt kaum etwas nach außen», setzt die Süddeutsche als Untertitel in einen durchaus nicht kirchenfreundlichen Artikel (Nicolas Richter und Ronen Steinke: Missbrauch in der katholischen Kirche: Warum nur wenige Täter bestraft werden. 22. Mai 2019). In diesem Artikel steht: «Wenn man die Akten aus den 1950er- und 1960er-Jahren durchblättert, fällt auf, dass damals mehr Opfer bereit waren zu reden, Jugendliche traten als Zeugen auf, Kirchenleute wurden zu Haftstrafen verurteilt. Später ließ die Anzeigebereitschaft nach, von den 1970er-Jahren an drang kaum mehr etwas nach außen, es sei „offenbar so ein Deckel draufgegangen“, sagt [Oberstaatsanwältin] Ines Karl.»
Gratias Felicitati
Sexuelle Übergriffe und kirchliche Sexualmoral
Was der Kirche zugute zu halten ist, daß sie in der Lehre keine Konzessionen gegenüber der Pädosexualität gemacht hat, obwohl es in den siebziger und achtziger Jahren Druck in dieser Richtung gegeben hat (eine Studie, die die Partei der Grünen zur Aufarbeitung ihrer eigenen Vergangenheit in Auftrag gegeben hat, zeigt es auf). Doch Kardinal Wetter gibt zu, daß er «mit den Tätern nicht mit der gebotenen Strenge umgegangen» ist (dpa). Der Grund: daß «dies damals bei vielen in der Gesellschaft, nicht nur in der Kirche, so war», er sei eben ein «Kind meiner Zeit». Und man erinnert sich an einen Satz von Gilbert Keith Chesterton: «Die katholische Kirche ist die einzige Institution, die den Menschen vor der erniedrigenden Sklaverei bewahrt, ein Kind seiner Zeit zu sein.»
Letztlich also eine moderne Geringschätzung der katholischen Sexualmoral. Zu fürchten ist aber auch, daß mehr und mehr des Priestermangels wegen Ordinariate darauf verzichtet haben, schuldige Priester in die Wüste zu schicken, um sie nicht für die Seelsorge zu verlieren – so daß sie dadurch der Seelsorge um so schweren Schaden zugefügt haben.
Die französische Studie hatte ergeben, daß, je mehr die religiöse Praxis abgenommen hatte, desto mehr Ordinariate bereit waren, schuldige Priester durchzuschleppen (§0270). Das wichtigste, was die Kirche gegen sexuelle Übergriffe durch Priester und Ordensleute tun kann, ist also, die religiöse Praxis zu stärken; und das kann nur auf der Grundlage der Stärkung des klaren, nicht irgendwie abgeschwächten Glaubens geschehen.
Nun aber bietet der durch die Menge der offengelegten verbrecherischen Verstöße gegen die Sexualmoral der Kirche ausgelöste Eklat paradoxerweise die Gelegenheit, nun wieder eine Abkehr von der kirchlichen Lehre, eine Abschwächung ebendieser Sexualmoral zu fordern. Eine Initiative kirchlicher Mitarbeiter strebt eine feindliche Übernahme der Kirche an. Sonderbar: welchen Sinn sollte eine Kirche haben, die sich von den Geboten des Herrn entfernt? Selbstverständlich hat deren jeder das Recht, sein Heil anderswo zu suchen (die Unitarier sind da zu empfehlen: sie versorgen ihre Mitglieder mit den gewünschten Amtshandlungen, ohne irgend etwas an Glauben einzufordern); nur daß dort das Heil zu finden sei, das kann die Kirche freilich nicht versprechen.
All das wäre weniger beunruhigend, wenn Verlaß darauf wäre, daß zumindest Bischöfe und Priester fest zur Lehre der Kirche stehen. Doch was von Bischöfen in den Nachrichten zu lesen ist und was ich von Priestern vor Ort höre, bereitet große Sorge.
Kirchenaustritte
Viele Kirchenmitglieder treten nun einfach aus der Kirche aus. Dies ist nicht nur für die Finanzen der Kirche ein beträchtlicher Schade; es bedeutet auch, daß deren Kinder kaum noch für Kommunion- und Firmunterricht erreichbar sein werden (was freilich nicht bei jedem Kommunion-, bei jedem Firmunterricht ein Schaden ist). Doch daß die meisten von ihnen offenbar einfach die Kirche verlassen, sich nicht etwa der Piusbruderschaft oder einer Ostkirche anschließen, zeigt, daß für sie die Kirche nur noch ein Verein war, sie sich vom Glauben der Kirche, vom Glauben an den Herrn, der in dieser Kirche ungeachtet allen Versagens dieser Hierarchen lebendig ist (und der selber von einem seiner Apostel verraten wurde), schon längst entfernt haben.
Was heute nicht mehr zu erkennen ist,
ist, wie viel Mühe man sich mit seelsorgerischen Gesprächen mit den Tätern gegeben haben mag, wie sie ihre Verfehlungen bekannt (oder auch geleugnet) haben, gebeichtet haben mögen. Was man den Bischöfen und den anderen Verantwortlichen der älteren Zeit vorzuwerfen hat, ist im Kern falsches Vertrauen, das von ihnen den Tätern zuteil wurde. Bereitschaft zu vergeben, vertrauen: eigentlich gut christliche Haltungen, die aber pädophilen Mitbrüdern gegenüber sich verheerend auswirkten, ganz besonders für die Opfer, aber auch für die Täter, die so, entgegen allen Regeln der Pastoral (die nächste Gelegenheit zur Sünde meiden ...), wieder in Versuchung geführt wurden, der sie dann oft nicht widerstanden haben. Vom Suchtcharakter sexuell devianten Verhaltens ahnten die Verantwortlichen noch nichts.
Vergebungsbereitschaft ohne Ansehen der Schwere der Schuld und falsches Vertrauen: das ist das, was den Kardinälen Faulhaber, Wendel und Ratzinger vorgeworfen werden kann. Bemerkenswert dabei ist, daß Kardinal Ratzinger vor allem etwas vorgeworfen wird, was in der Sache keinen Vorwurf rechtfertigt: der „Fall H.“. Hier war dem Täter von der Erzdiözese München offenbar nur erlaubt worden, in der Erzdiözese sich einer Therapie zu unterziehen – in der Seelsorge dort eingesetzt wurde er erst viel später, als Kardinal Ratzinger längst in Rom war. Der Fehler, den Mons. Ratzinger nun aber gemacht hat, ist, daß er sagte, an einer Sitzung, an die er sich natürlich nach so langer Zeit nicht mehr erinnern konnte, nicht teilgenommen zu haben, was er dann widerlegt fand.
Doch derselbe Kardinal Ratzinger war es, der dann als einer der ersten verstanden hat, was not tut, der als Präfekt der Glaubenskongregation energische und wirksame Maßnahmen gegen sexuelle Übergriffe eingeführt hat: Joseph Ratzinger: Der Wegbereiter im Anti-Missbrauchskampf – zu einer Zeit, da jener Studie zufolge man sich von Seiten wie Pro Familia und Humanistischer Union noch sehr für Toleranz solchem Verhalten gegenüber stark machte.
Was zudem verhängnisvoll für die Kirche ist,
ist, daß dies in einer Zeit zu bewältigen ist, in der die, von denen man am ehesten erwarten kann, daß sie sich in ihren Reihen energisch sexuellen Übergriffen entgegenstellen, die Gemeinschaften, die den überlieferten Ordo ausüben, selber von Rom unter starken Druck gesetzt sind.
Was für die Kirche ansteht,
ist, die Institute zu stärken, denen nichts vorzuwerfen ist. Und der Seligsprechungsprozeß für Kardinal Ottaviani verdient es, in Gang gebracht zu werden.

Donnerstag, 20. Januar 2022

Was bedeutet die Abschaffung des Paragraphen 219 a?

Praktisch zunächst wenig. Zwar kann nun ein Arzt in seine Praxisdarstellung schreiben: «Bei mir können sie ihr Kind killen lassen» – freilich wird er das professioneller ausdrücken. Doch werden nur wenige Frauen nur dadurch einen abtreibungsbereiten Arzt finden.
Das Problem liegt tiefer: sie trägt dazu bei, daß Abtreibung mehr und mehr als normale ärztliche Leistung erscheint, so wie impfen, Medikamente verschreiben oder den Blinddarm entfernen. Das aber hat zufolge, daß die ethische Bedenken immer mehr verschwinden.

Sicherlich ist das Verbot der Abtreibung im staatlichen Recht christlichem Einfluß geschuldet; in vorchristlicher Zeit klang es sehr anders: «Denn gegen diejenigen, die schlechthin zu unserer Person gehören, kann man kein Unrecht verüben; der Sklave aber und das Kind, solange bis es das Alter erreicht hat, um selbständig zu werden, ist wie ein Teil des Hausherrn; niemand aber hat den Vorsatz, sich selbst zu schädigen. Darum also kann man diesen kein Unrecht zufügen» (Aristoteles, Nikomachische Ethik Buch 5). Allerdings, auch wenn man die Sklaven ausnimmt und dieses Recht des Vaters durch das der Eltern oder der Mutter ersetzt (was auch nicht ganz ohne christlichen Einfluß in Betracht gekommen wäre (Gal. 3, 28)): wer will das heute wirklich?
Und auch in der Antike fand niemand es unterstützenswert, wenn Eltern dieses Recht voll in Anspruch nehmen wollten – der Eid des Hippokrates jedenfalls verpflichtete Ärzte, sich nicht auf einer Abtreibung einzulassen. Und vor der Ausbreitung des Christentums wäre kein Mensch auf den Gedanken gekommen, Abtreibung mit staatlichen Mitteln zu fördern.

Allerdings kann sich der Kampf gegen die Abtreibung nicht allein aufs Strafrecht stützen. Wichtig ist es, Wertschätzung von Kindern in der Öffentlichkeit zu fördern, wichtig ist es, Eltern und alleinerziehende Mütter zu unterstützen, durch eine gute Sozialpolitik, durch Maßnahmen wie den Mietendeckel.
• Nota bene: Abtreibung •

Samstag, 15. Januar 2022

Traditionis Custodes und Responsa

Der Papst, der die Verehrung der Götzenfigur der Pachamama (Mutter Erde, Demeter) auf vatikanischem Boden zugelassen hat, will nun den überlieferten Ordo beseitigen.
Als Traditionis Custodes erlassen wurde, hatten wir schon Stellung genommen; nun aber, da dieses Motu proprio durch die Responsa ad dubia noch verschärft wurde, schien eine gründlichere Auseinandersetzung vonnöten. Es bedeutete etlichen Aufwand, die nötigen Materialien zu finden; nun endlich ist es gelungen und sei hiermit vorgelegt:
Traditionis Custodes und Responsa

Donnerstag, 6. Januar 2022

Warum brachten die Magier Gaben dar?

«Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar», so wird im Matthäus-Evangelium (2, 11 nach EÜ) von den Magiern («Sterndeutern») berichtet. Warum es diese drei Gaben sind, wird oft erklärt; wieso überhaupt Gaben, davon ist seltener die Rede.
Ich denke da an die Thora: «Man soll nicht mit leeren Händen vor meinem Angesicht erscheinen» (Exod. 23, 15; ähnlich 34, 20; Deut. 16, 16 nach EÜ).

Was ist daraus zu schließen, wenn in GL-Liedern die Strophen allzu unterschiedlicher Qualität sind?

Zu Neujahr – wann auch sonst? – wird «Lobpreiset all zu dieser Zeit» gesungen, kein Werk von großer Dichtkunst, dennoch ein sinnvoll zu singendes Lied. Doch mir fällt auf, daß die 3. Strophe von viel geringerer Qualität ist. Wie mag das kommen?
Nach dem Gesang lese ich die Unterzeile. Natürlich: «T: nach Heinrich Bone 1851, 3. Str.: EGB [1971] 1975, M: ...»

Veröffentlichung der Ostertermine

Wie schon seit fünfzehn Jahren, so veröffentlichen wir in diesem Jahr wieder zu Epiphanie die verschiedenen Ostertermine.
Während der jüdische Kalender in diesem Jahr mit unserem übereinstimmt – Pesach wird am Abend unseres Karfreitags gefeiert–, ist die Ostergrenze der byzantinischen Epakte zufolge der 7. April des julianischen Kalenders, der 20. April also des gregorianischen. Darum können die Kirchen des byzantinischen Ritus erst eine Woche nach denen des römischen Ritus Ostern feiern.

Mittwoch, 29. Dezember 2021

Wie lange dauert die Weihnachtszeit?

Der Kommerz weiß es noch, konnten wir vor einigen Jahren feststellen: die Weihnachtszeit dauert bis Mariæ Lichtmeß.
Das wurde wohl niemals offiziell festgeschrieben, man wußte es einfach – und es hat Spuren hinterlassen: Wie lange dauert die Weihnachtszeit?

Donnerstag, 23. Dezember 2021

Etwas zu lesen

zu Weihnachten: Unser 26. E&Ewald-Heft ist nun im Netz zu finden. Darin einige Anmerkungen zur Familie des Herrn, über Fragen wie «Was sind eigentlich „Brüder Jesu“?» – interessant für den, der dem noch nicht nachgegangen ist. Ein (sehr anspruchsvoller) Artikel über physikalische Axiome zeigt etwas über wissenschaftliches Denken, wie es für Physiker selbstverständlich ist und wie es Theologen gerne versagt wird. Und Pontius Pilatus erscheint in ganz neuem Licht.
In unserer Anthologie „Liturgisches von einem evangelischen Theologen“ zitierte Wilhelm Stählin den Topos, politische Gegner wollten „die Zeit aufhalten“ oder „zurückdrehen“. Nun haben wir zum besseren Verständnis eine Illustration und einige Sätze hinzugefügt.
Allen Lesern ein segensvolles Fest!

Samstag, 18. Dezember 2021

Die Psalmtexte der Vulgata und die der Lutherbibel

Oft wird, und nicht nur von Protestanten, die Lutherübersetzung der Bibel und ganz besonders der Psalmen gerühmt. Doch der evangelisch-lutherische Theologe Wilhelm Stählin vertrat eine etwas andere Sicht.

Freitag, 10. Dezember 2021

Wovor mag, wer „Priesterinnen“ ablehnt, „Angst“ haben?

In einer Diskussion wurde Claudia Sperlich gefragt, so berichtet sie, wovor sie «„Angst habe“, wenn» sie «Priesterinnen ablehne.» Sie sagt dazu, ganz zu Recht: «Kategorien wie Angst und Mut haben da gar nichts zu suchen.» Doch die Frage, was Angst machen könnte, wenn eine „Priesterinnenweihe“ eingeführt würde, ist berechtigt.
Ich kann nichts dazu, mich hat der Herr nicht gefragt, doch durch authentische Dokumente des LehramtsInter insigniores, De sacerdotali ordinatione – muß ich mir sagen lassen, daß eine Frau, an der ein Weiheritus durchgeführt würde, dadurch nicht zur „Priesterin“ oder gar „Bischöfin“ würde. Es könnte dann geschehen, daß ein Katholik, der an der Messe teilnehmen will, in eine Veranstaltung geriete, in der das Kreuzesopfer des Herrn nicht gegenwärtig würde, in der die Hostien nicht zum Leib des Herrn, der Wein nicht zu Seinem Blut würde.
Doch solch eine Veranstaltung könnte er, geistlich freilich ungesättigt, einfach verlassen. Was aber schlimmer ist: wenn es an einer Kirche solch eine Frau gäbe, wüßte er nicht, ob eine Hostie, die aus dem Tabernakel kommt, Leib des Herrn ist oder etwa aus solch einer Veranstaltung ins Tabernakel gelangt ist.
Nach wenigen Jahrzehnten aber könnte es dann sein, daß auch ein männlicher Zelebrant kein Priester ist, wenn nämlich an ihm ein Weiheritus von einer Frau vollzogen worden wäre, an der zuvor der Ritus einer Bischofsweihe vollzogen worden wäre.

Doch man kann darauf vertrauen, daß die Hirten der Kirche keine solch unmögliche Entscheidung fällen. Auf eine wirkliche Gefahr aber weist Kardinal Sarah hin (Vision de l'avenir de l'Eglise en Europe, Conférence in Draguignan, 18. September 2021):
Nach elf Jahren Ehe entschließt sich eine Frau, sich zum Mann erklären zu lassen. Als Mann tritt sie in ein Priesterseminar ein, an ihr wird der Ritus einer Diakonenweihe durchgeführt. Der Bischof, dem das unterlaufen ist, geht in den Ruhestand, sein Nachfolger erkennt, drei Monate vor der geplanten Priesterweihe, was da vor sich gegangen ist. Er wendet sich an Kardinal Sarah, der klarstellt, daß diese Diakonenweihe für nichtig zu erklären ist.

Freitag, 3. Dezember 2021

Das Wesen der Liturgie

Der lutherische Theologe Wilhelm Stählin zeigt ein Verständnis für das Wesen der Liturgie, das zu bedenken für Priester, die heutzutage katholische Pfarrmessen zelebrieren, und für Laien, die an ihnen mitwirken, sehr bereichernd sein kann.

Samstag, 27. November 2021

Die sieben Weihen

Die sieben Weihen: gleichsam der Advent des Priesteramts. Daher rechtzeitig zum Advent ein Abschnitt zu diesem Thema aus Wilhelm Stählins „Via vitæ“.

Freitag, 26. November 2021

Liturgisches von einem evangelischen Theologen

„Via vitæ“ – unter diesem Titel hat Wilhelm Stählin seine „Lebenserinnerungen“ veröffentlicht. Er war evangelischer Pastor und Theologieprofessor, Mitbegründer der Michaelsbruderschaft, einer achtenswerten evangelischen Vereinigung, die noch heute besteht. Der nationalsozialistischen Bewegung stand er von Anfang an scharf ablehnend gegenüber; doch trat er dem Regime nicht mit offenen Widerstand, sondern diplomatisch entgegen.
Sein Lebenswerk war vor allem der geistlichen und besonders auch der liturgischen Erneuerung im evangelischen Raum gewidmet. Wenn er auch sei
n Leben lang ein wenig jugendbewegt blieb und wenn er auch sich nachdrücklich dagegen verwahrte, katholisch, gar „römisch katholisch“ oder auch nur hochkirchlich zu sein, so bestand sein Erneuerungswerk doch zu einem großen Teil im Rückgriff auf katholische Traditionen.
In seinen Lebenserinnerungen steht vieles, was zitierenswert ist und ganz häufig sich auf die Liturgie bezieht. Daraus wollen wir einige Stellen wiedergeben; hier nun als erste zwei Erlebnisse aus der NS-Zeit: (Evangelische) „Kirche und Volk“ und „Rompilger“.

Samstag, 20. November 2021

Applaudieren im Gottesdienst

Umbau auf Orietur Occidens. Bisher haben wir eine Chronik geführt von kleinen Erlebnissen bei verschiedensten Gottesdiensten. Dabei hat sicher einiges Interessante gestanden; aber schließlich hat sich alles wiederholt. Darum wollen wir künftig eine Seite über liturgische Themata vorlegen, in der auf jene Chronik nur noch verwiesen wird, wo diese etwas zur Darstellung beiträgt.
Begonnen hatten wir gerade mit „Priesteramt und Berufung von Frauen“; nun geht es weiter mit „Applaudieren im Gottesdienst“.

Donnerstag, 18. November 2021

«Berufung zur Diakonin und Priesterin»?

»Weil Gott es so will« – unter diesem Titel hat eine Benediktinerin, Sr. Philippa Rath, ein Buch herausgegeben, in dem 150 Frauen von ihrer vorgeblichen «Berufung zur Diakonin und Priesterin» erzählen (Freiburg 2021), in dem sogar das Zeugnis dreier Heiliger angeführt wird, ein Buch, das, wie ich hören mußte, selbst in einer katholischen Sonntagsmesse in der Predigt kritiklos angeführt wurde.
Anlaß genug für uns, Stellung zu nehmen.

Samstag, 6. November 2021

Die zwölf Stämme Israels in der Lesung von Allerheiligen

Überlieferter und neuer Ordo – die Lesung von Allerheiligen im neuen zeigt einen Zug von Antijudaïsmus; doch was den markantesten Unterschied zwischen den beiden Ordines ausmacht, ist etwas anderes.

Adsumus, Sancte Spiritus

Ein Gebet zur „Synode zur Synodalität“, das ganz anders klingt als das Treiben des „Synodalen Wegs“ – ein Hoffnungsschimmer?

Sonntag, 31. Oktober 2021

Der ganze Talmud und auch in deutscher Übersetzung


 

Ja den gibt´s im Netz (In der klassischen Übersetzung von Lazarus Goldschmidt);

wenn auch ein bischen verschachtelt.

Zunächst diesen Link klicken:   Talmud

 Dann Kapitel auswählen 

und dann unter "Versions" auswählen.

Donnerstag, 14. Oktober 2021

Auch in der Kirche in Frankreich: Sexueller Mißbrauch

Eine furchtbare Zahl: von 1950 bis 2020 wurden zwischen 165.000 und 270.000 Kinder in Frankreich sexuell mißbraucht von Priestern oder Ordensleuten (Les violences sexuelles dans l’Église catholique / France 1950-2020. Rapport de la Commission indépendante sur les abus sexuels dans l’Église. Octobre 2021, § 0575, p. 222).
Daß Priester und Ordensleute überhaupt dergleichen begehen, ist furchtbar, aber irgendwie hat man sich in den letzten Jahren daran gewöhnt, davon zu hören; und daß 2,5-2,8 % der französischen Priester und Ordensleute sich in dieser Weise schuldig gemacht haben (§ 0070, p. 40), übertrifft die Erwartungen nicht. Und die geringeren Zahlen bei Schulen, Sport und Ferienlagern (ibid.) mögen davon beeinflußt sein, daß dort bisher weniger nachgeforscht wurde.
Was aber entsetzt, ist, daß die Hochphase dieser Taten die Jahre 1950-1970 umfaßt, also schon vor den Wirren der sechziger Jahre begonnen hat (§ 0267, p. 125 – freilich sank danach nicht nur die Zahl der Übergriffe, sondern auch die der Priester und Ordensleute, die sie begehen konnten). Was entsetzt, ist weniger, daß den Kindern nicht sogleich geglaubt wurde – daß man zunächst einmal Vertrauen zu Priestern und Ordensleuten hatte, war verhängnisvoll, aber dahinter steht ein Dilemma: «Jeder Obere, jeder Vorgesetzte muß Vertrauen haben zu denen, die ihm anvertraut sind» –, als vielmehr, daß, wenn es dann klar wurde, nicht die Normen des kanonischen Rechts strikt angewandt wurden (§ 0269, p. 125), sondern die Täter nur versetzt wurden oder auch in Spezialkliniken gewiesen und dann wieder im priesterlichen Dienst eingesetzt wurden (§ 0270, p. 126), als hätte Therapie eine gleichsam sakramentale Wirkung. «Namentlich in Diözesen mit schwacher religiöser Praxis» sei es nur zu Versetzungen gekommen (§0270) – so führte der geistliche Niedergang in den Diözesen zu geistlichem Versagen der Ordinariate, das wiederum diesen Niedergang verschärfen mußte. Und schlimm ist, daß Opfer zu einem Eid des Schweigens gedrängt wurden (§ 0269).

Anderswo wurde berichtet, eine amerikanische Ordensfrau sei «von einem Freund gefragt worden, warum Katholiken nach all den Skandalen nicht austreten sollten, und nach einem langen Schweigen habe sie geantwortet: „Wir bleiben wegen Jesus Christus.“»
Dieser Antwort kann man nur beipflichten. Aber wenn von ebendieser Ordensfrau geschrieben wird, es falle ihr «in letzter Zeit sehr schwer, die Worte des Glaubensbekenntnisses zu rezitieren: „Eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“», so darf man sich daran erinnern, daß die Kirche nicht die Kirche all dieser Mietlinge, des Kardinals …, die der Bischöfe … und … und wie sie alle heißen (ich verzichte darauf, Namen anzuführen, die mir vor Augen sind) ist, sondern Kirche Jesu Christi, des Herrn, des Kyrios (Kyriakè Ekklesía), ist. Und es ist die Kirche der Apostel und Heiligen – und daß unter den Aposteln Christi auch Judas Iskariot war, hat damals niemanden vom Glauben an seine Kirche abgebracht.
Jedem Bischof, jedem Priester bleibt das Recht unbenommen, sich ganz privat nach seiner Façon auf den Weg in die Hölle zu machen. Wenn er allerdings dieses Recht mit seinem Auftreten in seinem Amt verbindet, so ist das schlimm – aber auch Judas Iskariot hat das schon getan.

Mittwoch, 13. Oktober 2021

Ein Bischof vor einem Ministerthron

«Das Beichtgeheimnis hat für uns als Verpflichtung Vorrang vor den Gesetzen der Republik.» So ist es, und so sagte es klar Moulins-Beaufort, Erzbischof von Reims und Vorsitzender der französischen Bischofskonferenz.
Dann aber bekam er Gegenwind von der Politik; und nun nannte er das «eine ungeschickte Formulierung».
Unsere Propsteikirche hat das Patrozinium des heiligen Johannes Nepomuk; dieser hätte diese Formulierung nicht ungeschickt gefunden.

Was ist der Priester in der Messe?

Ein Artikel, ein „Editorial“ von Abbé Louis-Marie Berthe, dem ich insgesamt durchaus nicht beipflichte (weshalb ich ihn auch nicht einlinke). Aber ein Absatz daraus ist zitierenswert:
«Je mehr ein Priester die traditionelle Messe feiert, desto mehr entdeckt er, daß er nicht so sehr der Vorsitzende einer Versammlung ist, sondern der Diener Jesu Christi, der sich am Kreuz opfert. Ist es nur ein Zufall, wenn die Zahl der Diözesanpriester sinkt, während dort, wo die traditionelle Messe gefeiert wird, dort viel mehr – verhältnismäßig gesprochen – Priesterberufungen entstehen?»

Sonntag, 3. Oktober 2021

25 Jahre Ewald & Ewald

Heute vor 25 Jahren haben wir zum ersten mal das Fest der heiligen Märtyrer Ewald & Ewald mit unserem Heft zu ihren Ehren gefeiert. Seither ist zu ihren Ehren alljährlich ein Heft erschienen. Und zur Feier dieses Halbjubiläums haben wir das Heft 25 im Netz der Öffentlichkeit übergeben.
Dort wird von kundiger Seite die vergebene Chance dargelegt, die die Corona-Epidemie für den Gesang in der Kirche eigentlich geboten hat, die aber unbeachtet blieb; es wird besprochen, was es mit dem Aussatz in der Bibel eigentlich auf sich hat und des weiteren, warum manche Apostel dort unter zwei verschiedenen Namen erscheinen; der 700. Todestags Dantes wird da gefeiert; und es wird erklärt, wie die Christologie der Zeugen J”s vom rechten Weg abgekommen ist, wieweit sie sich von der Lehre des Evangeliums entfernt hat.
Der Artikel über Thomas von Aquin allerdings durfte nur auf Papier erscheinen; wer ihn lesen will, muß das Heft bestellen oder sich mit einem Ligamen auf eine gesprochene etwas kürzere Version begnügen.
Die Geheimnisse der Arithmetik allerdings führen dazu, daß am 25. Jahrestag das 26. Heft erscheinen mußte. Das wurde am Vorabend nach der Vesper feierlich entkorkt; es kann nun auf Papier bestellt werden.

Dienstag, 31. August 2021

Ein Bischof auf den Spuren der Sowjetunion

Es gab eine Zeit, da in der Sowjetunion Dissidenten in psychiatrische Anstalten zwangseingewiesen wurden.
Diesem großen Vorbild eifert nun der Bischof von Alajuela in Costa Rica, Mons. Bartolomé Buigues Oller, nach: Pfarrer Sixto Eduardo Varela Santamaría hatte bisher nach dem außerordentlichen Usus zelebriert. Seit dem Erscheinen des Motu proprio Traditionis Custodes zelebrierte er nach dem Novus Ordo, auf Latein, zum Herrn gewandt. Daraufhin hat ihn der Bischof von allen Ämtern suspendiert und in eine Klinik zu «psychologischer Behandlung» geschickt.
(Priester suspendiert, weil er neue Messe auf Latein feierteLe motu proprio qui rend fou)

Freitag, 6. August 2021

Was an Traditionis Custodes besonders Sorgen bereitet

– das ist Artikel 6, der die bisherigen Ecclesia Dei-Institute der Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und der Gesellschaften apostolischen Lebens unterstellt. Diese Kongregation hat mit ihrem Vorgehen etlichen Gemeinschaften gegenüber, von den Franziskanern der Immaculata bis zu Mariawald, bisher nicht zu zeigen vermocht, daß sie wirklich Sinn hätte für das Anliegen des überlieferten Ordo.
Gebet tut not für all diese Institute.

Donnerstag, 5. August 2021

Anmerkungen zu Traditionis Custodes

Aus der Einleitung des Motu proprio Summorum Pontificum von Papst Benedikt XVI.: «Nachdem die inständigen Bitten dieser Gläubigen schon von Unserem Vorgänger Johannes Paul II. über längere Zeit hin abgewogen worden sind und Wir auch die Kardinäle in dem am 23. März 2006 abgehaltenen Konsistorium angehört haben, nachdem alles reiflich abgewogen worden ist, nach Anrufung des Heiligen Geistes und fest vertrauend auf die Hilfe Gottes, BESCHLIESSEN WIR mit dem vorliegenden Apostolischen Schreiben folgendes:»
Aus der Einleitung des Motu proprio Traditionis Custodes von Papst Franziskus I.: «Nachdem ich nun die von den Bischöfen geäußerten Wünsche erwogen und die Meinung der Glaubenskongregation gehört habe, ist es meine Absicht, mit diesem Apostolischen Schreiben in der beständigen Suche nach der kirchlichen Gemeinschaft weiter fortzuschreiten. Daher habe ich es für angemessen gehalten, Folgendes zu bestimmen:»
Der Unterschied der beiden Formulierungen ist markant; zunächst: Papst Benedikt hat das Kardinalskollegium einbezogen, den Senat der römischen Kirche, Papst Franziskus aber nur eine kirchliche Behörde, die Glaubenskongregation, und dazu «die Bischöfe»: «Die eingegangenen Antworten [auf den ihnen zugeschickten Fragebogen] haben eine Situation offenbart, die mich traurig und besorgt macht, und mich darin bestätigt, dass es notwendig ist einzugreifen.». Doch deren Einbeziehung war, wie in Religión en Libertad dargelegt und von einer Vielzahl bischöflicher Stellungnahmen illustriert, wohl nur eine Formalität, ohne Bedeutung für die schon zuvor getroffene Entscheidung.
Vor allem aber kommen bei Benedikt auch der Heilige Geist vor und zudem die Gläubigen, die Laien, die bei Franziskus hier keine Rolle spielen – ebendies ist es, wovor er an anderer Stelle warnt, was er dort „Klerikalismus“ nennt.

In Traditionis Custodes erklärt der Artikel 1: «Die von den heiligen Päpsten Paul VI. und Johannes Paul II. in Übereinstimmung mit den Dekreten des Zweiten Vatikanischen Konzils promulgierten liturgischen Bücher sind die einzige Ausdrucksform der Lex orandi des Römischen Ritus.»
Solche Bücher gibt es nicht: am Beispiel des – unter den hier gemeinten Büchern besonders bedeutsamen – Missale Romanum von 1970 haben wir kürzlich dargelegt, daß dieses nicht nur nicht dem Geist der Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium des II. Vaticanum entspricht, sondern ihm zudem dem Buchstaben nach mehrfach direkt widerspricht.

Mit der Aussage des Artikels 1 «.. sind die einzige Ausdrucksform der Lex orandi des Römischen Ritus» widerspricht Franziskus I. direkt Benedikt XVI., der im Artikel 1 von Summorum Pontificum schrieb: «Das vom hl. Pius V. promulgierte und vom sel. Johannes XXIII. neu herausgegebene Römische Meßbuch hat hingegen als außerordentliche Ausdrucksform derselben „Lex orandi“ der Kirche zu gelten» – dies ist eine Feststellung, was dieses Meßbuch ausdrückt, keine disziplinarische Anordnung.
Das heißt, daß Franziskus sich der päpstlichen Autorität Benedikts schlicht entgegenstellt. Er selber aber hat keine andere Autorität; somit bestreitet er damit auch seine eigene Autorität.

«Einerseits gilt es, für das Wohl derer zu sorgen, die in der vorhergehenden Zelebrationsform verwurzelt sind und Zeit brauchen, um zum Römischen Ritus zurückzukehren, wie er von den Heiligen Paul VI. und Johannes Paul II promulgiert wurde», schreibt Papst Franziskus in seinem Brief „an die Bischöfe in aller Welt, in dem er das Motu proprio «Traditionis Custodes» … vorstellt.“ Das zeigt das Ziel, den überlieferten Ordo mit der Zeit ganz aussterben zu lassen. Das das weder geistlich noch kirchenrechtlich möglich ist, haben wir vor längerer bei einem anderen, weniger bedeutsamen Anlaß, hat ebenso Martin Mosebach jetzt dargelegt. Und was mit denen werden soll, die durch das Erlebnis der Liturgie im überlieferten Ordo zum Glauben gekommen sind (hier ein Beispiel), wird vom Papst nicht berücksichtigt.
Überhaupt zeigt dieser Brief des Papstes ein völlig verzerrtes Bild von der Wirklichkeit: «Aber nicht weniger macht mich ein instrumenteller Gebrauch des Missale Romanum von 1962 traurig, der immer mehr gekennzeichnet ist von einer wachsenden Ablehnung nicht nur der Liturgiereform, sondern des Zweiten Vatikanischen Konzils ...» – unter den Traditionalisten außerhalb der Piusbruderschaft habe ich nie jemanden die Gültigkeit des II. Vaticanum in Frage stellen hören. Eine faktische Ablehnung des II. Vaticanum dagegen findet sich, wie oben bereits angesprochen, im Missale Pauls VI. selbst.

Franziskus I. schreibt in der Einleitung von Traditionis Custodes, er wolle mit seinem Erlaß «in der beständigen Suche nach der kirchlichen Gemeinschaft weiter fortzuschreiten», er schreibt in seinem Brief, es gehe ihm darum, «die Einheit des Leibes Christi zu verteidigen.» Aber diese Einheit zu stärken war schon Ziel und Leistung von Summorum Pontificum: «Diese zwei Ausdrucksformen der „Lex orandi“ der Kirche werden aber keineswegs zu einer Spaltung der „Lex credendi“ der Kirche führen», hatte Benedikt XVI. im Artikel 1 von Summorum Pontificum geschrieben; in seinem Begleitbrief schrieb er ausführlich, wie sehr es ihm um diese Einheit ging. Doch er hat dazu den Weg der Versöhnung und Anerkennung berechtigter Anliegen gewählt und viel Erfolg erzielt; nun aber, da die Einheit durchaus, doch keineswegs durch den überlieferten Ordo gefährdet ist, sucht Franziskus I. sie durch Restriktion gegen diesen Ordo zu erreichen.
Traditionis Custodes könnte man als große Maßnahme ansehen, der Piusbruderschaft Gläubige zuzuführen (die Piusbruderschaft allerdings ist nicht zynisch genug, das so zu sehen).

Anzumerken ist noch, daß es in Traditionalistengemeinschaften kaum Fälle von sexuellem Mißbrauch und Vertuschung gibt, während sie andererseits, von Kardinal McCarrick bis zu Mons. Zanchetta, bis in die unmittelbare Umgebung von Papst Franziskus reichen.

Mittwoch, 4. August 2021

Klare Stellungnahmen und couragierte Dekrete von Diözesanbischöfen

Seitdem das Motu proprio Traditionis Custodes erschienen ist, hat Acción Litúrgica (bitte jeweils am Ende zweimal auf Entradas antiguas klicken!) vom nächsten Tag an, dem 17. Juli, bis gestern, bis zum 3. August, Stellungnahmen veröffentlicht, vor allem von Kirchenfürsten, sowie Erklärungen und Dekrete zugunsten des überlieferten Ordo von einer so großen Zahl von Diözesanbischöfen, von Erzbischof Salvatore Cordileone von San Francisco über Bischof Georg Bätzing von Limburg (!) bis zu Erzbischof Pascal N´Koué («Ich zelebriere in beiden Formen») von Parakou, Benin, und Bischof Thomas Paprocki von Springfield, Illinois, daß mir die Mühe, sie zu zählen, zuviel wurde.
Besonderen Mut zeigt Bischof Thomas J. Olmsted von Phoenix, Arizona: er erklärt, daß «wir in der Diözese Phönix damit gesegnet sind, zahlreiche gläubige Mitglieder zu haben, die dieser Form des Gebetes der Kirche sehr hingegeben sind», er dekretiert, «daß, geschuldet den lebenssprühenden (vibrant) Gemeinschaften mit schon etablierten Messen nach dem 1962er Römischen Meßbuch, in Übereinstimmung mit dem Kanon 87 des Kodex des Kanonischen Rechts, ich von der Beschränkung der Örtlichkeit dispensiere und für folgenden Pfarreien Erlaubnis gewähre, sich zur eucharistischen Zelebration nach dem 1962er Römischen Meßbuch in der Pfarrkirche zu versammeln (Artikel 3, §2):» (es folgt die Auflistung von sieben Pfarreien, deren erste die der Kathedrale selbst ist).
Erzbischof Kenneth D. Richards von Kingston, Jamaica beschließt sein Dekret mit einem Zitat aus dem Brief Papst Benedikts an die Bischöfe anlässlich der Publikation von Summorum Pontificum: «Was früheren Generationen heilig war, bleibt auch uns heilig und groß; es kann nicht plötzlich rundum verboten oder gar schädlich sein.»
Weihbischöfe haben weniger zu verlieren als Diözesanbischöfe. Besonders stark äußert sich Bischof Rob Mutsaerts, Weihbischof in ’s-Hertogenbosch: «Papst Franziskus propagiert Synodalität: jeder muß mit jedem sprechen können, jeder muß gehört werden. Davon war wenig die Rede bei seinem unlängst veröffentlichten Motu proprio Traditionis Custodes ... Daß Franziskus hier ohne jede Beratung zum Machtwort greift, zeigt, dass er an Autorität einbüßt. ... Franziskus schlägt die Tür mittels Traditionis Custodes stahlhart zu. Es fühlt sich an wie Verrat und ist ein Schlag ins Gesicht seiner Vorgänger. Die Kirche hat übrigens nie Liturgien abgeschafft. Auch Trient nicht. Franziskus bricht völlig mit dieser Tradition. ... Liturgie ist kein Spielzeug von Päpsten, sondern ist Erbgut der Kirche.» (Een kwaadaardige oekaze van paus Franciscus – Ein bösartiger Ukas von Papst Franziskus)

Zitiert wird ein Artikel von Religión en Libertad, herausgegeben von der Stiftung Nueva Evangelización para el siglo XXI im Sinne Benedikts XVI.: «Der Papst stellt seine Entscheidung hin als Folge des Fragebogens, den er der Glaubenskongregation bezüglich der Anwendung des Motu Proprio Benedikts XVI. in Auftrag gegeben hatte. „Die eingegangenen Antworten haben eine Situation offenbart, die mich traurig und besorgt macht, und mich darin bestätigt, dass es notwendig ist einzugreifen“, sagt er. Aber weder handelten die Fragen, die der Fragebogen umfaßte, von den beabsichtigten Elementen, die seinen Vorgänger dazu veranlaßt hatten, ihn 2007 zu veröffentlichen, noch zeichnen die bekannten Antworten (einige so bedeutsam wie die des französischen Episkopats, eines der am stärksten betroffenen [siehe auch: La respuesta prudente de los obispos de Francia]) eine Wirklichkeit, wie sie in dem Brief unmittelbar danach angegeben wird.
Als der Fragebogen vor einem Jahr bekannt wurde, vermuteten viele, dass damit der Weg für die vorgefaßte Entscheidung geebnet werden sollte, die am Freitag getroffen wurde. Die Tatsachen widerlegen sie nicht: eher denn als eine Folge des Fragebogens läßt sich Traditionis Custodes als dessen Grund erkennen.»
(Carmelo López-Arias: El final de Summorum Pontificum. 17 de julio 2021)
Vor einigen Jahren warnte Papst Franziskus vor einem «Klerikalismus, einer „Elite der Priester, Ordensleute und Bischöfe“, die sich über die Laien stelle ... Die Laien müssten dabei in ihrem Glaubensleben unterstützt werden, aber nicht, indem der Priester ihnen sage, was sie zu tun oder zu lassen hätten, sondern, indem er sie dort abhole, wo sie stünden.» Nach Art. 3. hat der Bischof: «§6 dafür Sorge zu tragen, die Bildung neuer Gruppen [«die nach dem Missale vor der Reform von 1970 zelebrieren» / von «Gläubigen, die zu diesen Gruppen gehören»] nicht zu genehmigen.
Acción Litúrgica nun zitiert aus der altehrwürdigen überkonfessionellen Zeitung The Tablet: «Schritte gegen die lateinische Messe scheinen mir typisch für einen klerikalen Haß gegen die Laien.»
(Daniel McGlone: In defence of the Traditional Latin Mass. 22 July 2021)

Samstag, 31. Juli 2021

Ein päpstlicher Angriff auf Papst Benedikt

Was wir vor fast drei Jahren über einen bischöflichen Angriff auf Papst Benedikt geschrieben haben, ist nun wieder aktuell geworden, mehr noch denn zuvor durch den Papst selbst:
Motu proprio Summorum Pontificum: Ein bischöflicher Angriff auf Papst Benedikt
Beachtenswert ist, daß die gleiche Bewertung der Gültigkeit oder vielmehr Nichtigkeit des Verbots des überlieferten Ordo missæ, die wir damals dargelegt heben, jetzt Martin Mosebach für die des Motu proprio Traditionis Custodes anführt:
Wie Martin Mosebach das Papstschreiben zur „Alten Messe“ bewertet
Ein scharfer Kommentar dieses Autors steht noch dort: «.. es zeigt sich mehr und mehr, dass er mit der „Hermeneutik des Bruchs“ sympathisiert, jener theologischen Schule, die behauptet, die Kirche habe im Zweiten Vatikanischen Konzil mit ihrer Tradition gebrochen und gleichsam eine Neugründung der Kirche vorgenommen.» Natürlich ist es nicht so; wenn es einen Bruch gab, dann – gerade haben wir es gezeigt – zwischen Zweitem Vatikanischen Konzil und Novus ordo missæ, der Frucht der Aktendeckel und der menschlichen Arbeit. Dieser aber hat die Tradition der Kirche verwässert, willkürlichen Eingriffen ausgesetzt, doch nicht mit ihr gebrochen. Wenn aber ein Konzil mit der Tradition der Kirche gebrochen hätte, so wäre es eine Räubersynode, wie die alte Kirche es klar nannte; wenn es eine Neugründung der Kirche vorgenommen hätte, so wäre diese Neugründung nicht mehr „des Herrn“, nicht mehr „Kirche“, nur noch eine Sekte.

Im „Schreiben von Papst Franziskus vom 20. August 2018 an das Volk Gottes zum Missbrauch in der katholischen Kirche“ steht: «Das zeigt sich deutlich in einer anomalen Verständnisweise von Autorität in der Kirche – sehr verbreitet in zahlreichen Gemeinschaften, in denen sich Verhaltensweisen des sexuellen Missbrauchs wie des Macht- und Gewissensmißbrauchs ereignet haben –, nämlich als Klerikalismus». Wenn Klerikalismus (nicht nur, aber auch) Machtmißbrauch ist, der auf „einer anomalen Verständnisweise von Autorität in der Kirche“ gegründet ist, so erscheint das Motu proprio Traditionis Custodes als Klerikalismus kat’ exochen.

Zwischen II. Vaticanum und Novus Ordo:
Sechs Brüche

«Die Konstitution Sacrosanctum Concilium hat diese Forderung [hinsichtlich der vollen, bewussten und tätigen Teilnahme des ganzen Volkes Gottes an der Liturgie] bestätigt, als sie die Erneuerung und Förderung der Liturgie beschloss und die Grundsätze aufstellte, welche die Erneuerung leiten sollten. ... Die Liturgiereform wurde auf der Grundlage dieser Prinzipien durchgeführt. Sie findet ihren höchsten Ausdruck im Römischen Messbuch, dessen Editio typica vom heiligen Paul VI. promulgiert und vom heiligen Johannes Paul II. erneuert wurde» – so schrieb Papst Franziskus in seinem Brief an die Bischöfe zur Präsentation des Motu proprio Traditionis Custodes.
Hier irrte der Papst. Ganz abgesehen von den Verletzungen des Sinns von Sacrosanctum Concilium konnten wir Brüche auch mit dem Buchstaben der Liturgiekonstitution aufweisen: Sechs Brüche.

Siehe auch: Liturgie im Sinne des II. Vatikanischen Konzils / Der Novus Ordo Missae; E&E 19 (2014), S. 14-44.
Siehe auch: Wo geht es katholischer zu?

Pikant ist eine Anweisung aus Art. 1. §4 des Motu proprio: «Der Priester soll für diese Aufgabe geeignet sein, eine Kompetenz im Hinblick auf den Gebrauch des Missale Romanum vor der Reform von 1970 besitzen, eine derartige Kenntnis der lateinischen Sprache haben, die es ihm erlaubt, die Rubriken und die liturgischen Texte vollständig zu verstehen» – es erscheint dem Papst also als normal, daß es Priester gibt, die nicht einmal soviel Latein verstehen, die also vom reichen Fundus der geistlichen Überlieferung der westlichen Kirche weitgehend abgeschnitten sind – man beachte, wieweit sich die Kirche Franziskus’ I. damit von der Apostolischen Konstitution Veterum Sapientia des von Franziskus heiliggesprochenen Johannes XXIII. entfernt hat.

Dienstag, 22. Juni 2021

Wo geht es katholischer zu?

Im Abstand von zwei Wochen: eine musikalische Vesper in der evangelischen Stadtkirche und ein Pontifikalamt zu festlichem Anlaß in den Kathedrale unserer Diözese. Da taucht die Frage auf: Wo geht es katholischer zu? Der Leser vergleiche!

Samstag, 8. Mai 2021

Anglizismen

werden oft – und nicht ohne Grund – kritisiert. Doch was stört, das sind weder Fremdwörter im allgemeinen noch englische Fremdwörter im besonderen.
Wir sind der Frage nachgegangen, was wirklich an ihnen stört.

Politische Korrektheit gegen Meinungsfreiheit und Freiheit der Wissenschaft

Nein, ich schätze die IFN nicht sehr; es stört, daß sie sich in das hirnrissige Links-Rechts-Schema rechts einordnen, etwa im hier erwähnten Beitrag beiläufig Klimawandelskeptikern das Wort reden.
Aber wenn ein britisches Gericht Wissenschaftlern mitteilt, was wissenschaftlich erwiesen sei, wenn die Thesen der Politischen Korrektheit mit der gleichen Selbstverständlichkeit als wissenschaftlich erwiesen postuliert werden wie seinerzeit die des dialektischen und historischen Materialismus in den kommunistischen Regimen, wenn davon abweichende Meinungsäußerungen Menschen in Großbritannien und den USA an Universitäten den Arbeitsplatz kosten, wenn Politische Korrektheit zu einer säkularen Staatsreligion gemacht wird, dann ist das doch ein Grund, auf diesen Beitrag hinzuweisen.

Donnerstag, 29. April 2021

Der Bamf-Skandal

Käme es in Erdoğans Türkei oder in Lukaschenkos Weißrußland zu solch einem Strafprozeß, so wunderte das niemanden; und ginge er dort mit einem hohen Bußgeld aus statt mit einer schlimmen Verurteilung, so wäre man nicht zufrieden, aber doch erleichtert.
Aber dieser Prozeß hat in der Bundesrepublik Deutschland stattgefunden; und dieses Bußgeld hat ein bundesdeutsches Gericht festgelegt.

Die Meßfeier: Lange und kurze Zeit

Im Sonntagshochamt ist die Predigt übermäßig lang. Darum: nach der Messe noch etwas Gebetszeit, und dann auf dem kürzesten (das heißt: nicht auf dem schöneren) Weg nach Hause, damit man nicht zu lange auf mich warten müsse. Doch (ich habe weder eine Uhr noch etwas Elektronisches bei mir) an der Uhr an einer Bushaltestelle sehe ich, daß es noch gar nicht so spät ist.
Bemerkenswert: wenn einmal die Liturgie länger dauert, bemerke ich es kaum, wundere mich, wie spät es geworden ist; zieht sich aber die Predigt ein wenig hin, so kommt mir das gleich als ganz lange Zeit vor.

Freitag, 16. April 2021

Mißbrauchte und mißgebildete Fremdwörter

Als Hans Weigel 1974 sein „Antiwörterbuch“ „Die Leiden der jungen Wörter“ veröffentlichte, brauchte er sich fast nur über stilistisch unpassende Wörter zu ereifern. Hans Weigel ist vor fast dreißig Jahren gestorben; was seither die deutsche Sprache überschwemmt hat, sind nicht nur stilistische Mängel, sondern sinnlos gebrauchte und mißgebildete Fremdwörter.
Er braucht sie nicht mehr zu ertragen, kann dazu nicht mehr Stellung nehmen. So haben wir uns an die ersten Einträge einer Art neuen „Antiwörterbuchs“ gemacht.
Neue Beiträge sind willkommen.

Donnerstag, 15. April 2021

Der Mietendeckel

Das Bundesverfassungsgericht hat den Mietendeckel des Landes Berlin aufgehoben. Aber es hat nicht dessen Inhalt beanstandet; darum liegt die Verantwortung nun anderswo.
Einige Worte darüber finden sich bei Orietur Occidens.

Montag, 12. April 2021

Verhüllte Erscheinungsberichte

Unter den Erscheinungsberichten im Neuen Testament sind mehrere, in denen der Herr nicht sogleich erkannt wurde. Es sind schöne Erzählungen; aber daß er zunächst nicht zu erkennen ist, mag manchem auch Raum für Zweifel geben. Deren Vorkommen sei nun nachgegangen.

Mittwoch, 7. April 2021

Die Bezeugung der Auferstehung im Neuen Testament

Die Auferstehung des Herrn selbst hat kein Mensch gesehen; was berichtet wird, das ist das leere Grab und das sind die Erscheinungen des Auferstandenen.
Doch auffällig ist: das wohl älteste Evangelium, das Markus Evangelium, kennt in seiner ursprünglichen Fassung keine Berichte von diesen Erscheinungen. Es endete ursprünglich mit Kapitel 16, Vers 8: die Frauen fanden das leere Grab vor, hörten die Botschaft des Engels – und flohen.
Die Verse 9 bis 20 sind nachträglich hinzugefügt, aber schon sehr früh: auch in ihnen wird von den Emmaus- Jüngern berichtet, aber unabhängig vom Lukas Evangelium, denn diesen Versen zufolge (v. 13) fanden die Emmaus-Jüngern keinen Glauben, während sie im Lukas Evangelium (24, 33 f.) schon mit der Nachricht empfangen wurden, daß der Herr dem Simon erschienen ist.
Paulus dagegen (I. Kor. 15, 2-8) berichtet ausführlich von den Erscheinungen, erwähnt aber das leere Grab nicht. Vorher dieser Unterschied?
Das leere Grab löste Erschrecken aus, was es bedeutet, war nicht zu begreifen; aber es war öffentlich sichtbar. Die Erscheinungen (wenn auch bei einigen der Herr nicht gleich zu erkennen war) boten einen überwältigenden Eindruck; so wurden sie die Grundlage des Glaubens der Jünger. Doch sie waren eben den Jüngern vorbehalten, während das leere Grab damals jeder sehen konnte. Darum waren die Erscheinungen für die Verkündigung in der Kirche und somit auch für die Briefe des Paulus entscheidend, das leere Grab aber war es für die Verkündigung nach außen.
Hat Markus sein Evangelium vor allem als missionarische Schrift verfaßt? Oder war es so gemeint, daß (ich habe in Erinnerung, daß Hans-Joachim Schulz (Die apostolische Herkunft der Evangelien. Freiburg 1995) es so gedeutet hat) auf die Lesung des ursprünglichen Schlusses des Markus-Evangeliums jeweils der Auftritt der Zeugen folgte? Jedenfalls gründete die Glaubwürdigkeit der Erscheinungen in der Öffentlichkeit zunächst darauf, daß Augenzeugen zur Verfügung standen.

Die Feier der Ostertage

Der Höhepunkt der Ostertage ist seit ältester Zeit natürlich der Ostersonntag. Doch wie das jüdische Fest der ungesäuerten Brote umfaßte auch das christliche Osterfest von Anfang an eine ganze Festwoche, alle Tage der Osterwoche sind in den Diatagaí von ungefähr der Wende des IV. Jahrhunderts arbeitsfreie Tage (Entwicklung und Vollendung des römischen Kirchenjahrs). In den Quellen des Hochmittelalters sind die ersten drei Tage der Woche Hochfeste, die übrigen vier Tage einfache Feste, vom Rang eines Sonntags. Daher wird jetzt noch die monastische Vesper (ich habe die aus Le Barroux mitgebetet) von heute an mit schlichteren Melodien gesungen; und sie wird auch nicht mehr vom Pontifikalsegen des Abtes beschlossen.
1642 beschränkte Papst Urban VIII. die gebotenen Feiertage in der Osterwoche auf deren erste drei Tage, und mit dem CIC von 1917 wurden sie schließlich auf den Sonntag beschränkt. Festlichen Charakter aber hat die ganze Osterwoche bis heute.

Die eindrücklichste Osterpredigt meines Lebens

Uns allen hatte sich tief eingeprägt, auf die gesungenen Akklamationen, das Alleluja und ähnliches singend zu antworten. Das ist die große Herausforderung für die Liturgie in den Zeiten der Beschränkungen. Man hilft sich, indem man die Akklamationen nur spricht, sie auch, so zur Weihe der Osterkerze, ganz ausläßt. Unschöne Einschränkungen, aber es wird doch eine würdige Liturgie daraus.
Den Höhepunkt erreicht sie am Ostermontag. Es beginnt damit, daß von Kantor und einem zweiten Sänger das Victimæ paschali gesungen wird, auf Latein.
Nach der Kommunion dann höre ich die eindrücklichste Osterpredigt meines Lebens, nicht vom Priester, sondern vom Kirchenmusiker, nicht mit Worten, sondern mit Orgeltönen. Gesungen wird „Preis dem Todesüberwinder“, dem hier gebräuchlichen Text von „Alleluja, laßt uns singen“. Als Vorspiel improvisiert der Kantor eine Orgelphantasie über dieses Lied, die die Größe des Geschehens und die Begeisterung darüber in einer Weise erklingen läßt, wie es keine gesprochene Predigt könnte. Danke!

Samstag, 3. April 2021

Kartage in Zeiten des Confinement

Vorletztes Jahr konnte ich an der Osternacht nicht teilnehmen, weil ich Dienst hatte, letztes Jahr gab es nur elektronisch vermittelten Zugangzu den Gottesdienstes der Karwoche und der Ostertage. Um so mehr liegen mir die Gottesdienste dieses Jahres am Herzen.
Der Palmsonntag begann vielversprechend: wir durften zur Passion stehen bleiben. Leider wurde nur die Kurzfassung der Passion gelesen.
Für die Gottesdienste des Triduum sacrum habe ich die nahegelegene Kirche in unserem Gründerzeitviertel gewählt, teils um der späten Uhrzeit willen, teils, um die Propstei zu entlasten, für die es schon sehr viele Anmeldungen gab.
Am Gründonnerstag mußten wir auf die zweite Lesung verzichten, das heißt, auf den Bericht von der Einsetzung des Abendmahls. Für den Karfreitag, so wurde uns gesagt, sei eigentlich ein Gottesdienst zusammen mit der evangelischen Nachbarpfarrei geplant gewesen, der dann der geltenden Einschränkungen wegen doch nicht gemeinsam stattfinden konnte; dieser Plan habe jedoch Spuren hinterlassen in der Durchführung der nun getrennten Gottesdienste.
Angekündigt wurde, daß deshalb die Kreuzverehrung nicht stattfinden werde. Statt dessen bekam jeder eine Postkarte mit einem Bild von einem Kreuz (ohne Kruzifix) für die private Kreuzmeditation.
Dafür, daß der ursprünglichen Planung der gemeinsamen Feier mit der evangelischen Nachbarpfarrei wegen nun die Kreuzverehrung ausfällt, weiß ich nur eine Erklärung: daß das Kreuz unserer Kirche der evangelischen Kirche für eine dortige Kreuzverehrung ausgeliehen wurde – daß evangelischen Kirchen ein geeignetes Kreuz fehlt, ist durchaus vorstellbar. Aber daß es in unserer katholischen Kirche mit all ihren Gemeinderäumen kein zweites geeignetes Kreuz gibt, ist verwunderlich.
Und zum Schluß fiel auch die Kommunionausteilung weg. Ich bin darauf nach Hause gegangen und konnte noch vom letzten „Ecce lignum crucis“ an die Kreuzverehrung in Le Barroux mitverfolgen – ein großartiges Glaubenszeugnis; aber das ersetzte natürlich nicht die leibliche Teilnahme.

Montag, 22. März 2021

Die zwei Heiligen des heutigen Tages

Zwei große Heilige werden heute gefeiert: der heilige Vater Benedikt, weil gestern sein Fest vom Passionssonntag verdrängt wurde, es deshalb heute in den Kirchen seines Ordens nachgefeiert wird, und der selige Bischof Clemens August Kardinal v. Galen, der zwar noch nicht heiliggesprochen ist, was aber seiner Heiligkeit keinen Abbruch tut.
Ecce quomodo moritur justus – Prof. Sunder-Plaßmann, der aus Bonn angereiste ärztliche Spezialist, erklärte, er werde zeit seines Lebens den Kardinal, den er während der Tage der Krankheit immer wieder zu beobachten Gelegenheit gehabt habe, als Heiligen verehren (Heinrich Portmann: Kardinal von Galen / Ein Gottesmann seiner Zeit, S. 315).
«Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und lügnerisch alles Böse euch nachsagt um meinetwillen» – Heilige ziehen Verleumdung auf sich, auch von seiten katholischer Theologen. Um diesen Verleumdungen entgegenzutreten, haben wir aus leicht zugänglichen Quellen einiges zusammengetragen über Bischof Clemens August Graf v. Galen, das NS-Regime und die Juden.

Die letzten Worte des Kardinals

Heute vor 75 Jahren verlor nachmittags Bischof Clemens August das Bewußtsein; seine letzten Worte: «Wie Gott es will! Gott lohne es euch! ... Für Ihn weiterarbeiten ... o, Du lieber Heiland!»
Gegen 5 Uhr nachmittags starb er.
Quelle: Heinrich Portmann: Kardinal von Galen / Ein Gottesmann seiner Zeit. Münster 1948

Samstag, 20. März 2021

Die letzten Tage des Kardinals

Vor 75 Jahren: «Die Berichte der Ärzte wurden von Tag zu Tag ernster. Klaren und ruhigen Bewußtseins ging der Kardinal seinem Endziel entgegen. ... In dieser Ergebenheit dankte er allen, die Tag und Nacht nicht müde wurden, zu tun, was menschliche Kraft ... aufzubieten vermag ...»
Es ist eine große Liebe, mit der Heinrich Portmann als Augenzeuge Bischof Clemens Augusts letzte Tage schildert (Kardinal von Galen / Ein Gottesmann seiner Zeit. Münster 1948).

Freitag, 19. März 2021

Die Sterbesakramente

Heute vor 75 Jahren wurden morgens zwei Ärzte geholt; sie ordneten an, Bischof Clemens August ins Krankenhaus zu bringen. Als der Krankenwagen gekommen war, wies der Bischof auf das Cæremoniale Romanum, das aus Rom mitgebracht worden war: «Darin können Sie nachlesen, wie ein Kardinal begraben wird.» Im Krankenhaus empfing Bischof Clemens August die Sterbesakramente. Er merkte an: «Heute ist mein Tauftag, das Fest des heiligen Joseph, des Patrons der Strebenden.»
Als alle das Krankenzimmer verlassen hatten, rief er einen der Priester, seinen Kursusgenossen, zurück: «Wenn es diese Nacht zum Sterben geht, mußt du aber kommen, ich möchte dann nicht gern allein sein.»
An diesem Abend noch wurde er operiert; es zeigte sich ein durchgebrochener Blinddarm mit Darmlähmung.

Donnerstag, 18. März 2021

Sein letztes Meßopfer

Heute vor 75 Jahren – es war Montag – zelebrierte Bischof Clemens August seine letzte Messe. Bald danach zog er sich in sein Zimmer zurück, um auszuruhen, ohne noch etwas zu essen; doch er weigerte sich, einen Arzt hinzuzuziehen oder sich auch nur ins Bett zu legen.

Mittwoch, 17. März 2021

Sein letztes Pontifikalamt

Heute vor 75 Jahren – es war Sonntag – feierte Bischof Clemens August in Heilig Kreuz in Münster sein letztes Pontifikalamt. Danach zeigte er sich erschöpft, er hatte Schmerzen; abends konnte er nichts mehr essen.

Dienstag, 16. März 2021

ZdK und Glaube

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg befindet, daß eine «„Verheutigung“ der katholischen Lehre, wie sie Moraltheologen seit langem fordern,» «nicht einfach abgelehnt werden» dürfe. «Stattdessen plädiert das ZdK für „eine Weiterentwicklung der Lehre mit tragfähigen Argumenten“.»
Eine andere Meinung – die ich teile – ist, daß ein Mann, der vor etwa 1990 Jahren gekreuzigt wurde, wiederkommen wird, «zu richten über Lebende und Tote.» Geht jemand davon aus, daß Er sich dabei einer verheutigten und weiterentwickelten Lehre unterwerfen werde?

Münsters größter Tag

Heute vor 75 Jahren feierte das zerstörte Münster ein Freudenfest, wie es die Stadt seither nicht mehr erlebt hat: an diesem Tag, seinem 68. Geburtstag, zog Bischof Clemens August Graf v. Galen als Kardinal in die Stadt ein.
Mein Vater allerdings, der sich zu diesem Anlaß auf die angesichts der damaligen Verkehrsverhältnisse lange Fahrt dorthin gemacht hatte, sah dem Bischof schon an diesem Tag die tödliche Krankheit an.

Freitag, 12. März 2021

Antoine de Saint-Exupéry hatte mehr zu sagen als der zu Tode zitierte Fuchs

Als seine Kräfte schwanden, fühlte sich Giuseppe Tomasi di Lampedusa nicht mehr imstande, in seinem „Gattopardo“ seine Gedanken erzählerisch darzustellen, weswegen er sie gegen Ende des Romans einfach Padre Pirrone in den Mund legte – womit er selber ganz unzufrieden war, wie sein Adoptivsohn Gioacchino Lanza Tomasi (in seinem Vorwort zur Ausgabe von 1969) berichtet.
Ähnlich scheint es Antoine de Saint-Exupéry, bei seinen „Petit Prince“ ergangen zu sein: an einer Stelle hörte er auf zu erzählen und legte seine Gedanken einfach dem Fuchs in den Mund – literarisch ein gewaltiger Abstieg.
Antoine de Saint-Exupéry wird in frommen Kreisen und selbst bei Predigten oft zitiert, und fast immer aus dieser schwächsten Stelle des Buchs («Man sieht auch mit dem Herzen gut»).
Aber der Mann hatte auch anderes zu sagen. So etwa:
« Il n’y a qu’un problème, un seul de par le monde : rendre aux hommes une signification spirituelle. Faire pleuvoir sur eux quelque chose qui ressemble à un chant grégorien. Si j’avais la foi, il est bien certain que je ne supporterais plus que Solesmes. – Es gibt nur ein Problem, ein einziges auf der ganzen Welt: den Menschen eine spirituelle Bedeutung zurückzugeben. Etwas auf sie regnen zu lassen, das einem gregorianischen Gesang gleicht. Wenn ich den Glauben hätte, so wäre es ganz gewiß, daß ich nur noch Solesmes ertrüge. »
(Antoine de Saint-Exupéry, « Lettre au Général X », in: Figaro Littéraire vom 10 April 1948)

Dienstag, 9. März 2021

Frauentag

war gestern, in Berlin neuerdings gesetzlicher Feiertag, weshalb auch hierzulande die Tageszeitung nicht gekommen ist.
Frauentag: ein interessanter Gedanke, nur das Datum ist ganz ungünstig, zumeist tief in der Fastenzeit.
Mein Vorschlag: Frauentag als bundeseinheitlicher Feiertag am 15. August.

Altbackene moderne Theologie als Tragikomödie

„Junge Frauen“ in der Kirche haben einen Fürsprecher gefunden: den (nicht mehr so jungen) Theologen Zulehner, den katholisch.de ausführlich zitiert.
„Junge Frauen“ «hätten immer weniger „gute Gründe“, Teil der Kirche zu sein oder zu bleiben, sagte er im Interview der „Kleinen Zeitung“ (Sonntag) zum Weltfrauentag an diesem Montag.» Bei Licht betrachtet haben sie ebenso gute Gründe wie eh und je und wie alle anderen Menschen auch: in der Kirche ist der Herr zu finden, das Heil zu finden.
«Der Theologe Paul Zulehner warnt vor einem Rückzug junger Frauen aus der katholischen Kirche.»
Eigentlich müßte er doch sagen: er «warnt junge Frauen vor einem Rückzug aus der katholischen Kirche.»
Aber liest man seine Worte einmal gegen den Strich, so zeigt sich, daß solch eine Warnung vielleicht gar nicht vonnöten ist:
«Sichtbar werde das Fehlen der jüngeren Frauengeneration in der Kirche auch bei den Mitgliedern der in Deutschland gestarteten Initiative „Maria 2.0“, wo es eher Vertreterinnen „aus der mutigen Konzilsgeneration“ gebe.»
Das heißt, so darf ich hoffen, daß die jungen Frauen, die heute noch in der Kirche sind, wirklich glauben, daß sie in der Kirche den Herrn suchen und mit Ihm auch seine Mutter, und zwar ohne „2.0“.

Mittwoch, 3. März 2021

Noch einmal zur „geschlechtsinklusiven“ Sprache

Nachdem wir uns vor drei Monaten der Tragödie (zu Lasten der deutschen Sprache) gewidmet hatten, liefert nun ein Leserbrief an eine Zeitung, die sich in solcher Sprache versucht, das Satyrspiel dazu: wie lautet der „geschlechtsinklusive“ Plural von „Ministerpräsident“?
Orietur Occidens ist der Frage gefolgt.

Mittwoch, 17. Februar 2021

Die moralische Versuchung des Predigers

Wunderberichte der Evangelien haben oft moralische Nebenaspekte, die ein ergiebiges Reservoir an Themen für Predigten bieten.

Da ist die Heilung eines Blinden (Mc. 10, 46-52; Lc. 18, 35-43; ähnlich Mtth. 20, 30-34): als er Jesus um Erbarmen («eleïson») gebeten hat, fragt Jesus noch nach, was er wolle; und erst als er es gesagt hat – daß sie wieder sehen können –, tut Jesus dieses Wunder.
Das Thema für den Prediger: man müsse erst klar wissen und auch aussprechen, was man will, dann erst könne es geschehen.
Aber: bei den meisten Wundern hat Er nicht weiter nachgefragt. Dem Gelähmten, der durchs Dach herabgelassen wurde (Mtth. 9, 2-8; Mc. 2, 2-12; Lc. 5, 18-26), vergab Er seine Sünden, worum niemand gebeten hatte und was niemand erwartet hatte; und erst nach einer Erläuterung tat Er das Wunder, das man erhofft, aber immer noch nicht ausdrücklich erbeten hatte.

Nach der Heilung jenes Blinden sagt Jesus: «Dein Glaube hat dich geheilt», einen Satz, den Er auch nach mehreren anderen Wundern sagt.
Das Thema für den Prediger: das, was eigentlich heilt, sei der Glaube.
Aber: bei den Brotvermehrungen hat zuvor niemand mit dem Wunder gerechnet, niemand einen Glaubensvorschuß geleistet. Und beim Weinwunder von Kana (Joh. 2, 1-11) hat nur Maria geglaubt, daß Jesus mit einem Wunder eingreifen könnte – und die war ja gar nicht die eigentliche Nutznießerin des Wunders. «Seine Jünger glaubten an ihn», steht am Ende des Berichts: der Glaube ging nicht dem Wunder voraus, sondern wurde durch ihn gestärkt.

Ein Aussätziger bittet um Heilung (Mtth. 8, 2; Mc. 1, 40-45; Lc. 5, 12-16). Jesus berührt ihn und heilt ihn.
Das Thema für den Prediger: Jesus berührt den, der aus der menschlichen Gesellschaft ausgestoßen ist, der für die anderen unberührbar ist; ja, Jesus macht sich sogar selbst unrein, indem er ihn berührt.
Aber: sobald Jesus ihn berührt, ist der Mann geheilt, ist er rein. Die Vorschriften des Gesetzes über die Unreinheit von Aussätzigen stellt Jesus nicht in Frage; im Gegenteil: er trägt dem Geheilten auf, sich dieser Vorschrift gemäß dem Priester zu zeigen. Jesus wird von Schriftgelehrten manches vorgehalten: daß Er am Sabbat heilt, daß seine Jünger am Sabbat Ähren rupfen (Lc. 6, 1), daß sie mit ungewaschenen Händen essen (Mtth. 15, 2; Mc. 7, 8); aber daß Er nach der Berührung mit dem Aussätzigen nun selber unrein sei, kommt offenbar keinem Schriftgelehrten in den Sinn.

Es ist zu verstehen, daß Prediger bei jedem Wunder im Sonntagsevangelium einen besonderen Aspekt für ihre Predigt suchen; darum ist es erlaubt, solche moralischen Aspekte in den Blick zu nehmen. Aber schon bei der erwähnten Heilung des Aussätzigen zeigt sich, daß auch etwas ins Evangelium hineingelesen wird, was gar nicht darin steht.
Die schwererwiegende Gefahr aber ist, daß die eigentliche Bedeutung der Wunder aus dem Blick gerät: die göttliche Macht Jesu zu zeigen, die sich in den Wundern zeigt. Als Johannes, der Täufer, Jesus fragen läßt, ob Er der sei, der da kommen wird, beruft Jesus sich auf seine Wunder, um sich als Messias auszuweisen (Mtth. 3-5; Lc. 7, 19-22); und wenn Er auch sagt: «Selig sind die, die nicht sehen und [doch] glauben» (Joh. 20, 29), so sagt er an anderer Stelle (Joh. 10, 37 f.): «Wenn ich nicht die Werke meines Vaters tue, glaubt ihr mir nicht. Wenn aber ich sie tue: auch wenn ihr mir nicht glauben wollt, glaubt den Werken, damit ihr erkennt und glaubt, daß in mir der Vater ist und ich im Vater.»

Besonders entstellend ist solche moralische Auslegung bei den Brotvermehrungen (Mtth. 14, 13-21; Mc. 6, 30-44; Lc. 9, 10-17; Joh. 6, 1-13; Mtth. 15, 32-39; Mc. 8, 1-10).
Die Sicht manches Predigers: Als die Jünger hervorgeholt hatten, was der Junge bei sich hatte (Joh.) / sie bei sich hatten (Synopt.), und es auszuteilen begonnen hatten, hätten alle ihren Proviant ausgepackt, und so seien alle satt geworden.
Aber: dadurch würden die vorherigen sorgenvollen Überlegungen und Besprechungen der Apostel, wie die Evangelien sie schildern, ad absurdum geführt; und Jesu späterer Hinweis auf das Verhältnis der Zahl der ausgeteilten Brote und der der Körbe mit eingesammelten Bröckchen (Mtth. 16, 9 f.; Mc. 8, 19 f.) wäre dieser Sicht nach belanglos. Diese Sicht tut den Evangelientexten Gewalt an – und doch ist sie mir nicht nur einmal begegnet.
Die Berichte von den Brotvermehrungen haben in den Evangelien besonderes Gewicht: kein anderes Wunder als die erste Brotvermehrung wird in allen vier Evangelien berichtet; und auf keine anderen Wunder geht Jesus selber danach noch so ausführlich ein (deswegen ist auch von zwei Brotvermehrungen auszugehen und nicht etwa von einer, die in zwei Evangelien je zweimal, jeweils etwas anders, erzählt würde).
Und sie stehen jeder psychosomatischen Erklärung, wie sie bei den Heilungen denkbar wäre, entgegen.
So erhebt sich der Verdacht, daß manch einer sie weginterpretieren will, weil er nicht Jesu göttliche Vollmacht auch über die Natur – «Welch einer ist dieser, daß auch die Winde und das Meer ihm gehorchen?» (Mtth. 8, 27) – anerkennen will.
Und so erlaube ich mir Vorbehalte gegen moralische Ausdeutungen von Wunderberichten, und ich bin dankbar für die klare Aussage der Berichte von den Brotvermehrungen.

Samstag, 16. Januar 2021

Warum wir der alten deutschen Rechtschreibung folgen

– hier ist es begründet, unter dem Thema des Triumphzugs der Dummheit durch unsere Kulturlandschaft, auf einer Seite, auf der auch dargestellt ist, was eigentlich abendländisch ist.

Und: ex Oriente lux – damit auch das Morgendland gebührende Erwähnung findet:
Das Wort „téktōn“ wird ins Deutsche üblicherweise mit „Zimmermann“ übersetzt. Und so sieht man auf deutschen Bildern der Heiligen Familie oft eine Werkstatt mit Säge und Hobel. Aber Joseph war kein Schreiner, er war Tekton. Was aber war die Arbeit eines Tekton im alten Galiläa? Da unmittelbare Zeugen nicht mehr befragt werden können, habe ich versucht, einer Antwort näherzukommen, indem ich Aramäer aus einer benachbarten Landschaft gefragt habe.

Mittwoch, 13. Januar 2021

Taufe des Herrn

Bis ins XVII. Jahrhundert war der heutige Tag, der Oktavtag von Epiphanie gebotener Feiertag, dem Gedenken der Taufe des Herrn gewidmet.
Heute noch festlich begangen und dankenswerterweise von dort übertragen wird er in Le Barroux; so kann ich ihn ein wenig mitfeiern.

Montag, 11. Januar 2021

Corona und Gesang

Von verschenkten Chancen: «.. Wenn die eigene Inbrunst so untrennbar ans Singen unliturgischer Texte gebunden ist, dass ich ohne sie meine, die Messe sei nicht wirklich vollständig, dann ist man von mündigem Mitvollzug weiter entfernt als damals, als man noch unschuldig Rosenkranz während der Messe hat beten können. ...»

Freitag, 8. Januar 2021

Segnungsfeiern für Verbindungen der besonderen Art

«Was passiert, wenn Paare ihre Beziehung unter den Segen Gottes stellen wollen, eine kirchliche Trauung aber nicht möglich ist?» – gemeint ist: wenn Paare den Segen der Kirche für Verbindungen wünschen, die den Geboten des Herrn widersprechen. Lange Zeit war es klar, wie die Kirche da vorgegangen ist: sie hat zur Umkehr aufgerufen. Jetzt aber verbreitet katholisch.de eine andere Idee: «Ein Buch stellt Abläufe für Segnungsfeiern zusammen».
Daß dann noch hinzugefügt wird: «die in der Praxis so gefeiert werden,» ist ebenso sachlich richtig wie beunruhigend.

Dienstag, 5. Januar 2021

Das Menschenrecht auf Leben

Die Richterin Nancy Poser in einem Interview (Richterin über Triage: „Wir werden als Erste geopfert“. taz vom 23.12.2020): «Und da hat aber das Bundesverfassungsgericht ganz klar gesagt: Das geht nicht. Ich darf selbst den totgeweihten Leuten im Flugzeug ihre Überlebenswahrscheinlichkeit, so minimal sie auch sein mag, nicht nehmen, um andere zu retten, weil ich sie damit zum Werkzeug degradiere und ihnen so die Menschenwürde nehme. Mit diesem Grundsatz bin ich auch groß geworden, als Mensch und als Juristin. Ich habe seit dem ersten Semester Jura gelernt, dass man Leben nicht gegen Leben abwägen kann, egal welche Chance man diesem Menschenleben beimisst.»
Wenn diesen hehren Grundsatz unseres Verfassungsrechts auch auf ungeborene Kinder angewendet würden ...

Mittwoch, 30. Dezember 2020

Morgengrauen um 10 Uhr morgens?

„Mitternachtsvorlesungen“ wurde unter Studenten Vorlesungen genannt, die um acht oder neun Uhr früh begannen. So sehr solchem Lebensgefühl auch zuzustimmen ist: chronologisch ist das nicht richtig.
Doch nun hat am Weihnachtstag solch ein Lebensgefühl in unserer Kirche die Oberhand gewonnen.

Mittwoch, 23. Dezember 2020

Rorate-Messen

durchziehen heute den Advent.
Was ist ihr Ursprung? Und wann wollen sie zelebriert werden?

Lehren aus dem Advent unter dem Regime der Viren

1. In Kirchen des byzantinischen Ritus (und auch orientalischer Riten) ist es üblich, daß ein kleiner Chor singt, an nichtstaatlichen Feiertagen manchmal nur drei Sänger. Und: es klingt, nichts fehlt; die Gemeinde fühlt sich durchaus nicht unbeteiligt. Nun singt auch in unseren westlichen Kirchen nur eine Schola. Und: es klingt. Selber singen kann ich zu Hause.
2. Neue virologische Erkenntnis, die den Virologen entgangen ist: Wenn wer schweigt (der Zelebrant etwa), auch wenn er ganz alleine da steht oder sitzt, muß er einen Atemschutz tragen. Wenn er aber spricht, ist der nicht mehr so wichtig; er kann ihn dann solange abnehmen. (Habe ich da etwas falsch gemacht? – auch bei einem einstündigen Vortrag habe ich das Ding aufbehalten.)
3. Hellgrünblauer Atemschutz zu violettem Ornat: das geht nicht (gelber auch nicht).
4. Traditionelle Adventspräfation, wie sie etwa in Le Barroux gesungen wird.

Freitag, 18. Dezember 2020

.. und morgen früh die Liturgie des Quatembersamstags

mit ihren fünf alttestamentlichen Lesungen.
So ärgerlich das Confinement auch ist, so traurig dessen Anlaß, es bringt uns doch den Nutzen, daß wir wieder – wie seinerzeit schon ausführlich besprochen – im Netz an den Messen von Le Barroux teilnehmen können. Da bei uns in Deutschland die Messen in unseren Kirchen weiterhin zugänglich sind, wenn auch mit begrenzter Teilnehmerzahl, ist das für die meisten und so auch für mich in der Regel nicht von Bedeutung; doch an den festlichen Quatembermessen teilzunehmen (morgens im Anschluß an die Terz um halb zehn) lasse ich mir nicht entgehen, und ebensowenig, bei den Vespern mitzusingen, in denen in diesen Tagen die O-Antiphonen in ihrem natürlichen Biotop erscheinen.
Anmerkung: die Freude an der Quatemberliturgie ist natürlich nur vollkommen, wenn man an diesen Tagen auch fastet.

Freitag, 4. Dezember 2020

„Generisches Maskulinum“ – gibt es das?

Seit Jahren gibt es die Forderung nach „geschlechtergerechter“ oder „geschlechtsinklusiver“ Sprache, gibt es Formen mit „Innen“, „_innen“, „*innen“ und „:innen“. Dem wird entgegengehalten, das sei nicht nötig dank des „generischen Maskulinums“; darauf wird erwidert, das gebe es gar nicht.
Grundsätzlich besprochen wurde anderswo die Frage schon vor mehr als drei Jahren: Dichterin oder Dichter? Zum generischen Maskulinum.
Wir nun haben uns darangemacht, die Frage von dem her, was die Bedeutung der Sprache bestimmt, nämlich vom wirklichen Sprachgebrauch her zu untersuchen.

Mittwoch, 25. November 2020

Abendländische Werte, zu verteidigen gegen falsche Freunde

Eine dumme (und böswillige) Äußerung einer Kolumnistin, die als „konservativ“ gehandelt wird und „westliche Werte“ zu verteidigen vorgibt, hat Anlaß zu Überlegungen über falsche Freunde des Abendlands und über den Begriff „konservativ“ gegeben.
Orietur Occidens, die „Interessengemeinschaft Abendland“, nimmt Stellung.

Montag, 23. November 2020

Nachlese zum Krieg gegen Karabach

Berg-Karabach-Konflikt: Warum Armenien vom Westen verraten wird. Eine Kolumne von Wolfram Weimer:
«Menschenrechtsorganisationen berichten von Streubomben gegen die Zivilbevölkerung, von gezielten Angriffen auf Krankenhäuser und Kirchen, weil sie christliche Kreuze trugen. Kriegsgefangene Armenier sollen gefoltert und dabei gefilmt worden sein. ... Videos von Hinrichtungen haben die Hohe Kommissarin für Menschenrechte der Vereinten Nationen, Michelle Bachelet, zu einem Alarmruf veranlasst ...
... Man müsse die Region „von den Ungläubigen befreien“, hat Erdogan den Religionskrieg ausgerufen.»

Donnerstag, 19. November 2020

Die Türkei will Truppen nach Bergkarabach schicken

Armenier verlassen ihre Häuser, viele von ihnen gehen wohl der Obdachlosigkeit entgegen, bevor dem Waffenstillstandsabkommen nach aserbaidschanische Truppen einrücken. Währenddessen hat die Türkei beschlossen, Truppen zur Überwachung der Waffenruhe nach Bergkarabach schicken – der Waffenruhe nach einem Krieg, den sie selber mit vorangetrieben hat.
Zur Erinnerung: Nach ersten Ansätzen seit 1895 hat der türkische Staat seit 1915 einen Völkermord an Armeniern und Aramäern verübt, dem wohl weit über eine Million Christen zum Opfer fielen, den aber die Türkei bis heute leugnet. Als nach dem I. Weltkrieg das türkische Reich aufgeteilt wurde, blieben die neugeschaffenen arabischen Länder wie Syrien, der Iraq, Palästina und Transjordanien, die zunächst französisches oder englisches Mandatsgebiet wurden, frei (ausgenommen der syrische Sandjak Alexandrette, der schließlich doch wieder annektiert wurde), während andererseits die Türkei nicht nur die zuvor türkisch beherrschten Gebiete der vom Friedensvertrag von Sèvres anerkannten Republik Armenien zurückeroberte, sondern darüber hinaus auch zuvor zum Zarenreich gehörende armenische Gebiete bis hin zum Araxes, so daß der Ararat, der heilige Berg Armeniens, nun für Armenier zwar noch zu sehen, aber nicht mehr zugänglich ist.
Siehe auch: zwei (1.) - (2.) Nachträge

Dienstag, 17. November 2020

„Islamistische“ Morde

Für den Lehrer, der im Unterricht die berüchtigten Mohammed-Karikaturen gezeigt hatte und daraufhin ermordet wurde, hat der französische Präsident eine Trauerrede gehalten, in der er ihn als «die Inkarnation der Republik» bezeichnete, «weil er seinen Schülern beibringen wollte, wie man zu Bürgern dieses Landes wird. Wofür Samuel Paty kämpfte: Republikaner hervorzubringen.»
Dieser Mord war ein zutiefst verwerfliches Verbrechen; nur: was hatte der Unterrichtsgegenstand, den dieser Lehrer behandelt hatte, damit zu tun, «zu Bürgern dieses Landes» zu werden», «Republikaner hervorzubringen»?
Warum bei der berechtigten Empörung darüber ein unangenehmer Beigeschmack bleibt, haben wir in unserer Chronik ausgeführt. Nun aber bin ich auch auf einen Zeitungsartikel eines durchaus selber laїzistischen Autors gestoßen, der die Haltung des Präsidenten und seiner laїzistischen Gesinnungsgenossen beschreibt – er paraphrasiert: «Frankreich versteht sich dabei als Leuchtturm der republikanischen Idee, als Nation der Menschenrechte» und bezeichnet die zugrundeliegende Idee offen als die «eines aufgeklärten, offenen, humanistischen und atheistischen [!] Westens» – und stellt dann dieser Vorstellung einer in der französischen Republik sich manifestierenden «Nation der Menschenrechte» sehr ausführlich die Wirklichkeit der Geschichte dieser Republik gegenüber von den antichristlich begründeten Massakern an den katholischen Bauern in der Vendée über die rassistische Begründung des französischen Kolonialismus bis zu dessen Massakern, bis zu deren letztem 1961 an friedlich demonstrierenden Algeriern in Paris.
Angemerkt sei: natürlich hat die Kolonialherrschaft auch Gutes gebracht, so die Befreiung von den Sklavenjägerstaaten Westafrikas; aber das rechtfertigt nicht das in diesem Artikel beschriebene Vorgehen der Kolonialmacht.

Samstag, 14. November 2020

Das Kirchenjahr

Es mangelt nicht an Literatur über das Kirchenjahr und ebensowenig an Übersichten und Tabellen. Doch zugleich sind sie von einer störenden Unvollständigkeit, die sogar für die Wissenschaft Folgen zeigte. So meinte der große Camillus Callewaert zu erkennen – und darin folgten ihm sehr viele –, daß Duplex-Feste nicht etwa, wie es liturgische Praxis war und bis dahin allgemein angenommen wurde, die Feste seien, in denen die Antiphonen doppelt, vor und nach den Psalmen und Cantica, gesungen wurden, sondern die, die nach altem römischem Brauch doppelte Vigilien hatten, zusätzlich zu den nächtlichen noch abendliche.
Ein Vergleich des Ordo des Laterans mit Durands Rationale Divinorum Officiorum, der ältesten Quelle, die die Duplex-Feste auflistet, hätte genügt: bei Durand erscheinen als Duplex-Feste die, die im Lateran doppelte Antiphonen haben, nicht die, die doppelte Vigilien haben.
Schon seit mehr als einem Jahr stehen bei uns Tabellen im Netz, die das aufzeigen, die sich um Vollständigkeit bemühen. Doch diese Tabellen bedurften noch einiger Ergänzungen und Präzisierungen. Die sind nun geschehen; so lohnt ein neuer Blick auf unser Tabellenwerk.
Ebenfalls seit mehr als einem Jahr steht, im Anschluß daran, der Artikel des E&E-Heftes 23 im Netz, der das Kirchenjahr als System darzustellen sich bemüht, wie es sich von den Anfängen an in der ganzen Kirche des Ostens und Westens und im besonderen im Raum des römischen Ritus entwickelt hat. Auch hier zeigte es sich, daß zu dem Artikel einige Ergänzungen wünschenswert waren; so habe ich jetzt an St. Martin einen Satz über das Martinsfasten hinzugefügt. Diese Ergänzungen sind nun – gekennzeichnet – seiner html-Fassung eingefügt.
Während sich das Kirchenjahr bis zu Beginn der Neuzeit nur ganz allmählich entwickelt hatte und im wesentlichen bestehen blieb, kam es seither zu einer immer größeren Menge von Veränderungen, die schließlich dazu führten, daß das ganze System ins Wanken geriet und dann grundlegenden Novellierungen unterzogen wurde. Diese Veränderungen als System, mit ihren Ursachen darzustellen ist das Thema des Anschlußartikels im E&E-Heft 24. Auch der ist nun in html-Fassung ins Netz gestellt.

Waffenstillstand und Hoffnung auf Frieden

Ein Waffenstillstand für fünf Jahre, von russischem Militär überwacht – das gibt Hoffnung auf Frieden. Ein bitterer Friede für Armenier: Schuschi (russ.: Schuscha), früher die bedeutendste Stadt der Region, ist den Eroberern zum Opfer gefallen; der Angriffskrieg hat sich für sie ausgezahlt. Aber dennoch: Friede ist besser als das Unheil weiteren Krieges.
«Vor Ausbruch des Krieges im Jahr 1988 waren circa zwei Drittel der Einwohner Schuschis aserbaidschanisch», lese ich; und anderswo steht ähnliches. Doch in Meyers Konversationslexikon von 1907 steht s.v. Schuscha über die Einwohner der Stadt: «meist Armenier». 1916 seien es laut Wikipedia noch 53,3 % gewesen, bis es 1920, vor allem durch « aserbaidschanische und türkische Armeesoldaten», zum Pogrom gegen die armenischen Bewohner kam, das «zu deren weitgehender Auslöschung» führte. «Die Armenierviertel der Stadt Schuscha wurden dabei vollständig zerstört» (Wikipedia s.v. Schuscha-Pogrom).
1992 von Karabach erobert, ist Schuschi nun wieder in aserbaidschanischer Hand.
Rußland wird von der EU sanktioniert – aus durchaus guten Gründen; aber nicht weniger Grund gäbe es, die Türkei und Aserbaischan zu sanktionieren. Doch «Deutschland blockiert europäische Sanktionen gegen Ankara» (Telepolis). «Noch Ende Oktober hatte Außenminister Heiko Maaß erklärt, die internationale Gemeinschaft werde eine militärische Lösung im Konflikt um Bergkarabach nicht akzeptieren» (tagesschau.de); und nun hat diese «internationale Gemeinschaft» durch Untätigkeit dafür gesorgt, daß Aserbaidschan die Früchte seines militärischen Vorgehens einbringen kann. Das einzige Land aber, von dem Armenien und Bergkarabach überhaupt irgendwelchen Schutz erwarten können, ist Rußland.

Nachtrag aus Tigran Petrosyan: Krieg aus der Ferne:
«Nach der Sowjetisierung des Südkaukasus gliederten die Kommunisten am 4. Juli 1921 Bergkarabach in die armenische Sowjetrepublik ein. Als Antwort darauf protestierten die aserbaidschanischen Vertreter in Moskau und meldeten ihren Anspruch auf Bergkarabach an. Am nächsten Tag schlug Josef Stalin Bergkarabach als armenisches Autonomiegebiet der Sowjetrepublik Aserbaidschan zu.»
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«Das Jahr 1988 sei ein einziger Horror gewesen. .... Immer die Bilder der Stadt Sumgait im Kopf, wo Armenier*innen totgeschlagen und vertrieben worden waren.
„An einem Abend kam meine Schwester weinend zu uns und berichtete, dass eine Gruppe aserbaidschanischer Männer in ihr Haus eingebrochen sei und die Möbel zerhackt habe“, erzählt M... Ärzte durften Armenier*innen nicht mehr in den Klinken behandeln. Schwangere entbanden in Kirchen. ...
Sie erinnert sich aber auch an gute aserbaidschanische Nachbarn, die mit den Armeniern gemeinsam nachts draußen Wache hielten und ihnen bei der Flucht halfen.»

Donnerstag, 5. November 2020

Islamistische Gewalttäter in großer Zahl aktiv

Islamistische Gewalttäter sind in großer Zahl – Rußland schätzt: zweitausend – als Söldner Aserbaischans in Karabach aktiv. Aserbaischan macht immer größere Eroberungen, Bergkarabachs Hauptstadt Stepanakert wird immer weiter durch aserbaidschanischen Beschuß auf zivile Ziele zerstört.

Dienstag, 3. November 2020

Der Eroberungskrieg schreitet fort

Aserbaidschan will Bergkarabach vollständig mit seinen Truppen in seine Gewalt bringen, erklärte jetzt Diktator Ilham Alijew der staatlichen Nachrichtenagentur Azertag zufolge. Das von Armeniern besiedelte, aber von der Sowjet-Union Aserbaidschan zugeteilte Bergkarabach hatte sich nach Massakern an Armeniern in Aserbaidschan und dann auch in Karabach selbst von Aserbaidschan befreit und sich für unabhängig erklärt. Wenn, wie zu befürchten ist, der Plan des aserbaidschanischen Diktators ausgeführt wird, so muß die armenische Bevölkerung von Bergkarabach mit neuen Massakern rechnen – der Haß ist in den letzten Jahrzehnten keineswegs geringer geworden. Und daß die Türkei, die den eigenen Völkermord an den Armeniern immer noch leugnet, fest auf Seiten Aserbaidschans steht, läßt erst recht die Hoffnung schwinden. Das heißt, daß ein Strom von mehr als hunderttausend Flüchtlingen aus Bergkarabach und den umliegenden Gebieten zu erwarten sein wird.
Daß Bergkarabach völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehört, ist immer wieder zu lesen. Das ist richtig: infolge eines Beschlusses der sowjetischen Staatsführung gehört das seit alter Zeit ganz überwiegend von Armeniern besiedelte Karabach völkerrechtlich zu Aserbaidschan, ebenso wie Nordzypern, das einen türkischen Bevölkerungsanteil hatte, völkerrechtlich zu Zypern gehörte, als es vom türkischen Militär für die Gründung eines türkischen Staates freigekämpft wurde (die Übergriffe des griechisch-zypriotischen Putschistenführers Nikos Sampson gegen die türkische Minderheit lieferte freilich der damaligen türkischen Regierung guten Grund zum Eingreifen), ebenso wie das Kosovo völkerrechtlich zu Serbien gehörte, als es von der NATO freigekämpft wurde.
Haß erzeugt Haß; es schmerzt, zu sehen, daß es auch armenische Übergriffe gegen Aseris gegeben hat, daß auch die Armee Karabachs Wohnbauten zumindest mit beschossen hat, als sie militärische Anlagen unter Beschuß genommen hat.
Das ist nicht zu rechtfertigen; wenigstens beschönigt das niemand als „Kollateralschäden“, wie damals die NATO es bei ihrem Krieg ums Kosovo gegen Serbien tat. Doch der Haß, den die Gewalt der einen Seite auf der anderen Seite auslöst, entschuldigt nicht die Gewalt, die am Anfang stand. Und systematischen Beschuß ziviler Ziele, vor allem der Hauptstadt Karabachs, Stepanakert, gibt es jetzt anscheinend durch das aserbaidschanische Militär.

Als Phileirenos zu bloggen habe ich in Armenien, in Eriwan begonnen, um meiner Begeisterung Ausdruck zu geben über das, was ich mit armenischen Menschen erlebt habe. Und daß nun Armenier in einen Krieg gedrängt worden sind, der wohl Tausenden Menschen beider Nationen das Leben oder die körperliche Unversehrtheit kostet und noch kosten wird, der noch viel mehr Menschen die Wohnung kostet und noch kosten wird durch Beschuß oder Vertreibung, das schmerzt.

Montag, 2. November 2020

Der Text des
„Großen Glaubensbekenntnisses“ im GL:
ein Mißverständnis

Im Allerheiligenhochamt wird dankenswerterweise das „Große Glaubensbekenntnis“ gesprochen, das Nicæno-Constantinopolitanum also. Es wird auf Deutsch gesprochen; und so steht der Gläubige wieder einmal vor dem Phänomen, daß im GL im lateinischen Text selbstverständlich „Credo“, „Confiteor“ und „exspecto“ steht, im deutschen aber „Wir glauben“, „Wir bekennen“, „Wir erwarten“.
Warum?
Man könnte natürlich an eine Mystifikation denken à la «In der Messe treten die Gläubigen als Gemeinde gemeinsam auf, also muß es „wir“ heißen, nicht „ich“». Aber gegen solch platte Erklärung steht, daß im deutschen Apostolicum richtig „Ich glaube“ steht. Es muß also einen anderen Grund geben.
Es dürfte dieser sein:
Das Nicæno-Constantinopolitanum ist zunächst als Bekenntnis und Lehrtext des Concilium Constantinopolitanum; es drückt dort also den für die Kirche verbindlichen gemeinsamen Glauben der Konzilsväter aus, darum heißt es dort: „Pisteúomen“, „Homologoûmen“, „Prosdokômen“, und das haben anscheinend die GL-Verfasser übersetzt. In der Messe aber ist das Glaubensbekenntnis gleichsam der Ausweis, durch den sich jeder Gläubige für die Teilnahme an der eucharistischen Liturgie legitimiert; darum heißt es dort notwendigerweise „Credo – Ich glaube“, „Confiteor – Ich bekenne“ und „exspecto – ich erwarte“. Und darum heißt es in der griechischen Liturgie selbstverständlich ebenfalls „Pisteúo“, „homologô“ und „Prosdokô“.