Mittwoch, 8. Juni 2011

Das «katholische Ghetto» – gab es das?

Ja, leider!
Natürlich waren in früherer Zeit Priester, Ordensleute und katholische Lehrer genau so unterschiedlich wie heute; und ich habe von der älteren Generation sehr verschiedene Schilderungen gehört, oft sehr gute – allerdings auch ...
Die persönlichen Erlebnisse, die ich von älteren Bekannten oder gar Klienten gehört habe, möchte ich hier nicht ausbreiten; doch auch ich selber habe noch etwas davon mitbekommen. Meine Lehrerin aus dem 2. Schuljahr, eine fromme und liebevolle Frau, damals schon weit jenseits der Pensionsgrenze, empörte sich über die unanständigen jungen Leute, die auf der Straße Eis essen, mit der Zunge! Von einer noch älteren Lehrerin habe ich gehört, daß in ihrem Seminar unanständige Wörter verboten waren; so mußten die jungen Damen damals «Beinfutteral» anstelle von «Hose» sagen.
Aber es waren nicht nur solche Kuriositäten, auch nicht nur das XIX. Jahrhundert, in dem der im übrigen bedeutende Papst Leo XII. nützliche Errungenschaften der modernen Technik verdammte. Wenn der Index librorum prohibitorum die Lecture des Gros’ der neuzeitlichen Philosophen den Katholiken untersagte, sogar die der Werke Renés Descartes, dessen Dualismus zwar nicht zu halt en ist, der nichtsdestoweniger in seinen Meditationen wichtige Beiträge zur Apologetik gebracht hat, so heißt das, daß Katholiken sich an philosophischen Diskussionen nicht wirklich beteiligen konnten.

Ganz aktuell zeigt ein Zeitungsinterview mit einer älteren modernen Nonne, wo noch die Ghettomentalität bis in unsere Zeit florierte, und klärt dabei die Frage, was eigentlich katholisch ist.
Eine Weiße Schwester hat ihr Ordensleben dem Bemühen gewidmet, Prostituierten herauszuhelfen, in Kenia, dann auch in Europa. Im Interview sagt sie gute, wichtige Dinge: daß sie, damals in Mombasa, keine Prostituierte getroffen hat, die mit ihrer Lebenssituation zufriedengewesen wäre; daß es hierzulande nötig war, «Frauen in der Prostitution Zugang zu Versicherungen» zu garantieren, aber daß durch das neue Prostitutionsgesetz, das davon ausgeht, Prostitution sei «ein Beruf wie jeder andere», es «viel schwieriger geworden» ist, «Frauen, die Opfer von Menschenhandel sind», aus den Bordellen zu befreien.
Allerdings nutzt sie das Interview auch, mit Gemeinplätzen gegen Papst Johannes Paul II. und Ratzinger zu polemisieren, gegen die «Amtskirche», die «ja sehr ins Zwielicht geraten» sei «durch Affären».
Woher diese unbegründete Animosität einer engagierten Ordensfrau gegen die eigene Kirche?
An einer anderen Stelle des Interviews sagt sie etwas, was in mir Verständnis erweckt: «Wir hatten im Kloster auch Seminare, die uns auf die Ehelosigkeit vorbereiteten. Die Oberin sagte, wir müssen die Sinne beherrschen, was ich richtig finde. Aber ihr Vorschlag, dass wir die Augen schließen sollen, wenn etwas schön ist, oder dass wir nicht an allem riechen sollen – das fand ich blöd.»
In solchen Ratschlägen der Oberin erkenne ich etwas von dem berüchtigten katholischen Ghetto des XIX. und frühen XX. Jahrhunderts. Natürlich war damals nicht die ganze Kirche so geartet, aber solche Haltungen hatten in ihr doch Raum – privat habe ich ähnliches und schlimmeres gehört.
Die Schwester sagte: «Nach der Stunde bin ich in den Garten und habe an jeder einzelnen Blume gerochen.» Sollte jemand noch unsicher sein, wer da katholischer war, die damals noch junge Schwester oder ihre Oberin, der denke an den Brief, in dem Basileios d.Gr. Gregor von Nazianz gegenüber von seinem Klösterchen schwärmt:
«So sehe ich einen Ort vor mir in Wirklichkeit, wie wir ihn uns bei Muße und im Scherze oft vorzumalen pflegten. ... Der sie umgebende Urwald mit den verschiedenen und mannigfaltigen Bäumen dient ihr fast gar als Zaun, so daß im Vergleich zu ihr sogar die Insel der Kalypso, die Homer wegen ihrer Schönheit mehr als alle Inseln bewunderte, unansehnlich erscheint. ... Unsere Hütte trägt ein anderer Bergsattel mit einem etwas erhabenen Plateau davor, so daß man die erwähnte Ebene unten vor seinen Augen liegen sieht und von oben herab auch den Fluß ringsum überschauen kann. Dieser bietet, wie wenigstens mir scheint, nicht weniger Genuß als der Strymon, von Amphipolis aus betrachtet.»

Samstag, 4. Juni 2011

«Der Rabbi von Rom»

heißt die Autobiographie von Israel Zolli, der sich nach dem II. Weltkrieg zum Christentum bekannt hat und als Taufnamen den Taufnamen Papst Pius’ XII. angenommen hat.
Ich habe sie mir besorgt, weil ich bei meiner Beschäftigung mit diesem Papst darauf gestoßen war. Und ich habe etwas anderes erhalten, als ich erwartet hatte: mehr Confessiones als Memoiren.
Eugenio Zolli spricht seine große Bewunderung und Dankbarkeit für Papst Pius aus; aber er erklärt ganz klar, daß er nicht aus Dankbarkeit konvertiert ist, sondern aus Liebe zu Jesus Christus. Es ist die Geschichte eines Juden, der die Liebe zu Christus entdeckt und, von ihm fasziniert, doch ganz selbstverständlich Jude bleibt, Rabbiner bleibt, bis nach dem Weltkrieg er plötzlich erkennt, daß er in die Kirche gehört – und auch da bleibt er Jude.
Spannend für deutsche Christen ist, daß er von seinem jüdischen Hintergrund aus die Rechtfertigung durch den Glauben und den Begriff «Gedenken» betrachtet. Wir sind bei diesen Begriffen von der Reformation geprägt («Gedenken» hier auf das Altarssakrament bezogen); schon indem wir uns mit ihr auseinandersetzen, werden wir von ihrer Denkweise beeinflußt. Israel Zolli dagegen hatte nie sonderlichen Kontakt mit dem Protestantismus; er versteht die Begriffe als Jude – und befreit uns damit von reformatorisch erzeugter Blickverengung.

Leider habe ich nur die deutsche Version – «Der Rabbi von Rom», München 2005 –; das Original ist italienisch: «Prima dell’alba», Milano 2004. Und leider sind Einführung und Nachwort des Buches, vom Enkel des Autoren geschrieben, nicht sehr hilfreich.
Auch hätte ich gern gewußt, was aus der älteren Tochter Israel Zollis, Dora, geworden ist – seine Frau und seine jüngere Tochter sind mit ihm konvertiert. Aber für Dora Zolli geben weder das Buch – eben mehr Confessiones als Memoiren – noch, soweit ich es durchforsten konnte, das Netz etwas her.

«Lass Papa das mal machen!»

heißt ein langer Artikel von Kathrin Burger in der tageszeitung. «Väter und Mütter sind in gleichem Umfang für das Wohlbefinden und die Lebenszufriedenheit eines Kindes wichtig», mit diesen Worten wird Wassilios Fthenakis zitiert, «der lange Jahre am Münchner Staatsinstitut für Frühpädagogik forschte».
Natürlich gibt es dazu auch die üblichen Beschwörungen der Hirnforschung; aber vor allem werden solide entwicklungspsychologische Ergebnisse angeführt, die zeigen, daß Mutter und Vater – eventuell auch «ein Opa, Onkel oder Lehrer» – für die optimale Entwicklung der Kinder erforderlich sind. «Einerseits spielen sie mehr und wilder mit dem Nachwuchs als Mütter. Sie verwenden auch komplexere Satzkonstruktionen, was die Sprachentwicklung der Kinder fördert. Zudem sind Kinder von guten Vätern selbständiger.»
Mutter und Vater – damit haben sich eigentlich alle Forderungen nach einem «Adoptionsrecht für homosexuelle Paare» erledigt.

Mittwoch, 25. Mai 2011

Mittwoch, 18. Mai 2011

Zwei unterschiedliche Formen der Gottesdienstfeier für dieselbe Theologie

«Offenbar unbeachtet sei» bei „Universæ ecclesiæ“, der jüngsten vatikanischen Klärung zur Frage des Nebeneinanders von ordinärem und extraordinärem Usus, «die Anfrage [aus der Bischofskonferenz und von Theologen] geblieben, wie zwei unterschiedliche Formen der Gottesdienstfeier für dieselbe Theologie stehen können, sagte Kranemann» laut KNA.
Eigentlich eine einfache Frage: wir haben schon immer den römischen, den ambrosianischen, den mozarabischen, den byzantinischen Ritus und all die orientalischen Riten nebeneinander gehabt; sie alle stehen «für dieselbe Theologie».
Sollte der ordinäre Usus Herrn Prof. Kranemanns Meinung nach nicht für diese Theologie stehen können (ich selber meine, daß er es kann), so müßte er folglich entsorgt werden, denn ein liturgischer Usus, der der Theologie widerspräche, die sich im überlieferten römischen Ritus und in den anderen Riten des Westens und des Ostens manifestiert hat und die fast zwei Jahrtausende der Kirchengeschichte hindurch von der Kirche als ihr wesensgemäß erkannt wurde, könnte keinen Platz in der Kirche finden.
Herrn Prof. Kranemann sollte sich entscheiden: die beiden Usus als theologisch grundsätzlich übereinstimmend anzusehen schlösse eine derartige Kritik an „Universæ ecclesiæ“ aus; zwischen ihnen einen theologischen Widerspruch zu erkennen würde die Konsequenz erfordern, für die Beseitigung des ordinären Usus zu plaidieren.

Samstag, 14. Mai 2011

«Keine pädagogischen Interessen»

Eigentlich geht es der Autorin des Artikels, Frau Ute Andresen, um etwas Spezielles: die Einführung einer neuen „Grundschrift“ an unseren Schulen, die die Abschaffung der Schreibschrift mit sich zu bringen droht. «Die Marketingkampagne des Grundschulverbandes für die neue Grundschrift läuft an: Bei einem Workshop ging es bald mehr um ökonomische als um didaktische Fragen» – wahrscheinlich hat Frau Andresen recht; aber das ist nicht so sehr mein Thema.
Aber dann folgen einige Sätze, die für jeden interessant ist, dem der Unterricht an unseren Schulen wichtig ist (die Orthographie ist korrigiert):
«Sie wollen das auch nicht, denn sonst wankte ihr zentrales Dogma: Gut ist individualisiertes Lernen mit Karteien, Arbeitsblättern und -heften! Durch Lehrerinnen angeleitetes Lernen in großer Gruppe, wie es ein unaufwendiger Schreibunterricht verlangt, ist Frontalunterricht – und schlecht.
Übersehen wird: In all dem vorgedruckten Arbeitsmaterial zum individualisierten Lernen stecken fremde, autoritäre Vorgaben, die für die einzelnen Lernenden blind sind. Das erzeugt Mißmut, Nachlässigkeit und Widerstand beim Abarbeiten, nicht Lernbegeisterung. Lehrerinnen vor der Klasse haben die Lernenden im Blick, erkennen, welche Schwierigkeiten eine Aufgabe mit sich bringt und stehen dafür ein, daß sie bewältigt werden können. Jetzt! Sie passen Erklärungen und Hilfen individuell an und zugleich halten sie die Lernenden so beisammen, daß Kinder mit wenig Mut und Kraft vom Können der Stärkeren ermutigt und gestützt werden. Der unmittelbare Lohn für alle: die gemeinsame, stille, gesammelte Arbeit ...».

Mittwoch, 4. Mai 2011

Besser, wenn es eine Jüdin sagt

«Die Sicht der Christen»: ein Leserbrief von Iris Weiss im Berliner Lokalteil der tageszeitung vom 3. Mai 2011 (leider nicht im Netz zu finden). Dort lese ich unter anderem:
«Was nervt Juden und Muslime am meisten bei Dialogveranstaltungen mit Christen? Dass Christen ihnen ständig mit dem Anliegen kommen, gemeinsam beten zu wollen.»
«Als Jüdin – seit mehr als 25 Jahren im interreligiösen Dialog engagiert – bete ich noch nicht mal mit allen Juden.»
«Das sehen wir als völlig normal an. Und warum sollen wir dann, wenn wir schon innerjüdisch ganz unterschiedliche Orte und Gewohnheiten des Betens haben, dies mit anderen Religionen tun wollen? Jede Religion hat auch ihre eigene (lntim-)Sphäre, und bei interreligiösen Friedensgebeten ist es eher ein – wie ich finde etwas verkrampftes – Nebeneinanderbeten ... als ein Miteinander.»
«Religiöse Menschen können viel miteinander tun: lernen, diskutieren, soziales Engagement. Aber wie sollte so ein gemeinsames Gebet aussehen?»
«Ich fühle mich auch nicht „ausgegrenzt“, wenn ich nicht am Abendmahl teilnehmen darf, weil ich es gar nicht wollte.»

Atom und Euratom

Atomkraftausstieg: gut und richtig.
Allerdings ist Bundesdeutschland durch den Euratomvertrag an die Atomkraft (der Werke, nicht der Sonne) gebunden. Darum ist eine Kündigung dieses Vertrages dringlich.
Dankenswerterweise läuft gerade eine Petition. Nur: die Zeit dringt.

Dienstag, 3. Mai 2011

Gibt es Wunder? – Ja

meinen ernsthafte Leute, Bischof Friedhelm Hofmann von Würzburg und Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, aber auch ein Phantast (der Vorsitzende des Deutschen Astrologenverbandes), der nur sein Steckenpferd reitet.
Aber natürlich gibt es auch Nein-Sager, und die näher zu betrachten ist aufschlußreich.
Da ist ein schlichter Herr aus Hilchenbach, der einfach seinen antikirchlichen Vorurteilen ihren Lauf läßt. Da ist ein ausgetretener Priester (nein, nicht etwa Eugen Drewermann, sondern – richtig, da gab es doch noch wen – Gotthold Hasenhüttl), der seine ebenso schlichten antikirchlichen Vorurteile mit dem Beiwort «theologisch» schmückt. «Im Alten Testament gibt es Heil- und Strafwunder, und solche Wundervorstellungen haben sich in der katholischen Kirche vielfach erhalten», lese ich von ihm. Verstehe ich recht: (1.) Wunder hätte es also im Neuen Testament nicht gegeben, und (2.) Altes Testament wäre irgendwie schlecht. Ist es abwegig, wenn ich diese Denkweise irgendwie antisemitisch finde?
Schließlich sagen noch zwei Physiker Nein: ein «Astrophysiker, Naturphilosoph und Fernsehmoderator» und ein «Physiker und Rapper der Gruppe Blumentopf».
Nun, einen Blumentopf kann sich keiner der beiden mit seinen Argumenten verdienen. Im wesentlichen sind diese bei beiden die gleichen: «Wenn wir bei unseren Forschungen zu einem Ergebnis kommen, das wir nicht verstehen, ist das für uns kein Wunder, sondern lediglich Anlass dafür, weiterzuforschen und genau das herauszufinden und zu erklären, was wir noch nicht verstehen», formuliert es der eine; «Derartiges als übernatürliches „Wunder“ zu akzeptieren, hieße dagegen, die Suche nach den natürlichen Ursachen aufzugeben», setzt der andere fort.
Abgesehen von den Begriffen „erklären“ und „verstehen“ – ich finde, Gottes Wirken kann eine Erklärung sein, die mich verstehen läßt –, abgesehen von solchen Subtilitäten: was die beiden Physiker meinen, ist: man muß sich nur gedulden, bis sie in naher oder ferner Zukunft eine naturwissenschaftliche Erklärung gefunden haben werden.
Aus der modernen Wissenschaftstheorie ist die Forderung bekannt: jede wissenschaftliche Aussage muß falsifizierbar sein. Die Aussage: alles ist naturwissenschaftlich erklärbar, irgendwann jedenfalls – sie ist nicht falsifizierbar, weil ja (wenn freilich auch nicht uns persönlich) unendliche Zeit zur Verfügung steht, die Erklärung zu erwarten.
In der Kirche wird, um ein Wunder anzuerkennen, gefordert, daß es (1.) mit dem naturwissenschaftlich Erwartbaren nicht vereinbar ist, daß es (2.) einen im Einzelfall beschreibbaren geistlichen Faktor gibt, daß es (3.) zwischen diesem geistlichen Faktor und dem wunderbaren Ereignis einen engen (!) zeitlichen Zusammenhang gibt (wenn ich für einen kranken Menschen bete und er einige Tage später gesund wird: das ist nicht eindeutig genug, um ein Wunder anzunehmen).
Nach dem modernen Wissenschaftskriterium der Falsifizierbarkeit ist also bei den einschlägigen Ereignissen die Annahme eines Wunders wissenschaftlicher als die Vertröstung auf eine naturwissenschaftliche Erklärung in unbestimmter Zukunft, wie sie uns die beiden Physiker zumuten.

Samstag, 30. April 2011

Verwüstungen

Die Pharaonen bauten Pyramiden, und die heutigen Politiker ...
Der Chronist widmet sich auch dieser Frage und macht einen besonderen Kompromißvorschlag.

Vertreibungen

Über das Unheil, das die Atomunfälle angerichtet haben, spricht zur Zeit fast jeder. Ein Aspekt, der weniger wichtig zu sein scheint, wird dabei gern übersehen. Aber es geht um Menschenrechte und Staatsgewalt; darum widmet sich der Chronist diesem Thema.

Dienstag, 26. April 2011

Der Straßenmusikant

Stücke von Josquin und Händel werden in der Leipziger Thomaskirche gegeben (nein, nicht von den Thomanern) – da nehmen wir die Mühe einer Fahrt nach Leipzig auf uns.
Vor dem Kircheneingang bettelt ein Straßenmusikant. Schließlich, kurz vor dem Beginn des Konzertes, hat er genug zusammen, er kauft sich nun von dem erbettelten Geld eine Eintrittskarte fürs Konzert.

Samstag, 23. April 2011

Die Kartage

Wie geht man in einer Pfarrkirche mit den Improperien um?
Eine sinnvolle Lösung hat der Chronist in der Propstei unseres Großstädtchens erlebt.

Warum ist der Herr erst am dritten Tage auferstanden? Darauf findet sich eine einfache Antwort.

Wissenschaftsmoden

hat der Chronist aufgespürt, wie sie mal im öffentlichen Leben, mal im Glaubensleben Verheerungen anrichten.

Mittwoch, 20. April 2011

Einen guten Gedanken

zur Illustration der Passionslesung bemerkte der Chronist in einer Palmsonntagsmesse. Leider endete es doch nicht ganz glücklich.

Donnerstag, 14. April 2011

Atomkraftwerke?

Soll man als Christ gegen Atomkraftwerke sein? Es ist damit ja etwas anderes als mit der Gentechnik, gegen die es grundsätzliche moralische Einwände gibt; man kann nicht sagen, daß Atomkraftwerke an sich unmoralisch wären. Aber Atomkraftwerke unter den - technischen, juristischen - Voraussetzungen unserer Zeit stellen eine andere Frage. Und so freue ich mich, zu erfahren, daß ein so nobler Philosoph wie Robert Spaemann zu den gleichen Schlüssen gekommen ist wie wir.

Montag, 11. April 2011

Die Perikope von der Ehebrecherin

wird an diesem Passionssonntag nach dem ordinären Usus gelesen (Joh 8, 1-11).
«„Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie.“ ... Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten.»
Sicher: wichtig hier sind die Worte, das Verhalten des Herrn. Mir aber kommt ein anderer Gedanke: Könnte Er heute das Gleiche tun, würden Prominente unserer Zeit sich ebenso ehrlich zeigen wie die Ältesten der Juden?

Samstag, 9. April 2011

Freitag, 8. April 2011

Wird der Islam domestiziert?

Ein Interview mit Annette Schavan zum Thema: Umgang mit dem Islam in Deutschland.
«Der Islam ist selbstverständlich Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit in Deutschland», lese ich da einerseits, «Wir wollen über eine Weiterentwicklung des Islam reden – so, wie wir sie oft verbinden mit den Prozessen der Aufklärung» andererseits. Ich sympathisiere nicht mit dem Islam, darum braucht mich das nicht zu stören. Aber: wenn ich Muslim wäre, wollte ich sicher nicht meinem Glauben von westlichen Politikern weiterentwickeln lassen. Unbehagen allerdings verspüre auch ich: wenn das heißt (was mir die naheliegende Folge zu sein scheint), daß der Islam der «political correctness» unterworfen würde, einem Religionssurrogat, das geistig leerer und uns Christen gegenüber feindseliger als der Islam ist, so wäre das wenig erfreulich für uns.
Doch bedeutsamer erscheint mir etwas anderes:
Frau Schavan wird darauf angesprochen, daß nunmehr «muslimische Verbände bei der Berufung von Professoren bei den islamischen Studien ein Mitspracherecht haben»; sie antwortet: «Klar ist: Der Beirat der muslimischen Verbände entscheidet nicht über die Berufungen. Das entscheidet die Universität». Und «wenn die Hochschule einen zu refomfreudigen muslimischen Theologe berufen will und der Beirat sagt: Nein?» – «Dann kann ich nur raten, der Wissenschaft zu folgen. Die wissenschaftliche Reputation muss der relevante Faktor sein. Und ein Beirat müsste schon sehr gewichtige Gründe haben, ein eindeutig wissenschaftliches Votum zu übergehen.»
Was mich beschwert, ist die Wissenschaftsgläubigkeit, die sich darin zeigt. Ich erinnere mich, wie Professor Hans-Joachim Schulz (er hatte zuvor «Die apostolische Herkunft der Evangelien» [Freiburg 1993] veröffentlicht) erzählte, daß, als er als Liturgiewissenschaftler die Liturgie als Sitz im Leben (wie das auf theologesisch heißt) besonders des Johannesevangeliums aufgewiesen hatte und dadurch und natürlich durch Quellenstudium diese apostolische Herkunft der Evangelien hatte untermauern können, Neutestamentler, denen er seine Erkenntnisse vortrug, ihn «mit haßerfüllten Augen» angeblickt hätten. Und er fragte, etwas suffisant, warum denn eigentlich die sich nicht gefreut hätten, daß er so für ihren Forschungsgegenstand solch ehrwürdigen Ursprung hatte nachweisen können. – Jeder Theologe könnte sicher etliches an vergleichbaren Erfahrungen schildern.
So nun steht es nicht selten mit der Wissenschaftlichkeit der Wissenschaft.
Wissenschaftsgläubigkeit? oder doch Feindschaft gegen die Religion?
Was mich beunruhigt, ist, daß so, wie Frau Schavan und andere Politiker den Islam handzahm zu machen planen, sie es mit dem Christentum schon lange leider nicht ganz erfolglos in Arbeit haben.

Mittwoch, 6. April 2011

Montag, 4. April 2011

Liebe Mit-Konzilsanerkenner,

als vor einiger Zeit das Thema «das Konzil anerkennen» hochgekocht war, kam ich auf den Gedanken, auch einiges darüber zu schreiben – was hat das II. Vaticanum zur Kirchenmusik und besonders zum gregorianischen Gesang gesagt? was das II. Nicaenum zu den Bildern und zum übrigen Schmuck in der Kirche? was das Tridentinum zu den niederen Weihen? Damals kam ich zu spät; das Thema war schon wieder heruntergekocht, so habe ich es gelassen.
Jetzt aber hat der Situs „Summorum Pontificum“ sich dankenswerterweise dem Thema der niederen Weihen gewidmet, er hat aufgezeigt, wie das Tridentinum deren Sinn und Nutzen verbindlich klargestellt hat.
1972 wurden die vier niederen Weihen und der Subdiakonat abgeschafft; sie wurden ersetzt durch zwei Beauftragungen: der zum Lektor und der zum Akoluthen. Das heißt, daß jetzt Leute mit diesen Funktionen beauftragt sind, aber nicht die Weihe dazu haben – ein Zustand, der etwas an protestantische «Ordinationen» erinnert, bei denen stets leichter zu erfahren ist, was sie nicht sind, als was sie sind. Und den Subdiakonat gibt es auch in allen Ostkirchen außer der äthiopischen; seine Abschaffung bricht also einen ökumenischen Konsens.
Darüber hinaus ist die Abschaffung dieser Ordines, wie der Artikel auf „Summorum Pontificum“ zeigt, ein Verstoß gegen die Lehre des Tridentinischen Konzils. Aber er ist zudem ein Verstoß gegen die Lehre des II. Vatikanischen Konzils, denn das forderte in der Konstitution „Sacrosanctum concilium“ (23.) mit dem ausdrücklichen Ziel, «daß die gesunde Tradition festgehalten werde»: «Neuerungen schließlich dürfen nicht geschehen, wenn nicht ein wahrer und sicherer Nutzen der Kirche das erfordert.» Nun liegt aber solch «ein wahrer und sicherer Nutzen der Kirche» in den niederen Weihen, wie das Tridentinum uns lehrt; somit ist deren Abschaffung auch ein Verstoß gegen das II. Vaticanum.
Wir haben also durch die Abschaffung der niederen Weihen und des Subdiakonats einen schädlichen, einen irregulären Zustand in der Kirche.

Montag, 21. März 2011

Westliche Politiker angesichts der Scho’a

Meine kritischen Anmerkungen zu westlichen Regierungen jener Zeit finden Bestätigung in einem Buch von Jan Karski: «Mein Bericht an die Welt. Geschichte eines Staates im Untergrund» (Aus dem Englischen und Französischen von Franka Reinhart und Ursel Schäfer. München 2011). Ich zitiere aus einer Besprechung:
«Wie ist der Öffentlichkeit in den alliierten Ländern, wie den Regierungen nur klarzumachen, dass hier ein ganzes Volk abgeschlachtet wird? ... In London stößt Karski auf taube Ohren. Der führende Vertreter des Bundes in London, Szmul Ziegelboim, zieht aus dieser Lage die Konsequenz und begeht Selbstmord.
... Erst aus dem Lanzmann-Interview ... erfahren wir, dass der von Karski bewunderte britische Außenminister Eden den Zugang zu Premier Churchill versperrte, dass Präsident Roosevelt keine einzige Frage zum Schicksal der Juden stellte und dass Felix Frankfurter, Richter am amerikanischen Supreme Court, Karskis Bericht einfach keinen Glauben schenkte. Zu weit jenseits der menschlichen Auffassungskraft, um für wahr gehalten zu werden.»

Wie anders verstand und handelte Papst Pius!

«Friedliche Nutzung der Kernenergie»

Diesen Euphemismus hörte ich jüngst wieder im Radio.
Anzumerken ist dazu freilich, daß nach 1945 sehr viel mehr Menschen durch «friedliche» als durch kriegerische Nutzung der Kernenergie umgekommen sind – nicht nur in Tschernobyl und jetzt wohl in Japan, sondern auch in unserem Land.

Samstag, 19. März 2011

Mehr als eine strategische Allianz –
Orthodoxe Stimmen über Papst Benedikt

aus „kath.net“:

«Für den „Außenminister“ der russisch-orthodoxen Kirche [Metropolit Hilarion Alfejew, Erzbischof von Wolokamsk] habe es seit der Wahl von Papst Benedikt „erhebliche Fortschritte“ gegeben, da dieser die orthodoxe Kirche sehr gut kenne.»

Kardinal «Koch erzählte dann auch von einer kürzlich stattgefundenen Begegnung mit Patriarch Kyrill. Dieser bewundere den Hl. Vater für das, was er sagt und was er tut. Der Patriarch leide auch mit, weil er permanent als Konservativer abgestempelt werde.»

«Dann erinnerte Hilarion Alfejew, dass es um traditionelle Vorstellungen wie Kindererziehung oder den Wert des menschlichen Lebens von der Empfängnis bis zum natürlich Tod gehe. „Heute schützen nur die katholische und die orthodoxe Kirche das traditionelle Familienleben. Ich bin froh, dass eine konkrete Zusammenarbeit in dieser Richtung bereits verwirklicht wird.“»

Donnerstag, 17. März 2011

Sind Atomkraftwerke sicher?

Die Kraftwerkbetreiber haben mit der Abschaltung der ältesten Atomkraftwerke begonnen, so höre ich im Radio; aber sie behalten sich Klagen vor.
Aber schon dadurch ist es doch erwiesen: wenn Betreiber klagen können gegen staatliche Maßnahmen für die Sicherheit, wenn also der Staat ein finanzielles Risiko eingehen muß, um das Sicherheitsrisiko einschränken zu können, dann sind Atomkraftwerke schon dadurch nicht sicher.

Überalterung – was tun?

Geburtenrückgang, demographischer Wandel, Überalterung – das Problem wird immer wieder beschworen; Maßnahmen wie das einkommensabhängige Elterngeld werden eingeführt. Aber an einer zentralen Stelle des Problems gehen die staatlichen Maßnahmen in eine ganz andere Richtung:
«Vielmehr erlebten die arbeitslosen Frauen eine mögliche Schwangerschaft als „sozioökonomische Bedrohung“, schreibt Annelene Gäckle in ihrer Studie», so lese ich in der tageszeitung, in einem Artikel eigentlich ganz anderer Stoßrichtung.
Kann der Staat nicht da finanziell beistehen? Die Länder zahlen zwar gegebenenfalls etwa 500 € bei einer Schwangerschaft von Hartz-IV-abhängigen Müttern, allerdings – für eine Abtreibung.

Dienstag, 15. März 2011

Das Memorandum, ein Professor und die «traditio»

Immer noch beschäftigt mich Prof. Kamplings Vortrag.
Es ist eine völlig unbestreitbare These, die er damit begründet, daß das nun «traditio» sei – «traditio» sagt er, nicht schlicht deutsch: Tradition; diese Wort sei nur ungenau durch «Überlieferung» zu übersetzen.
Die These, um die es geht, wurde von Paul VI. sanktioniert und von Johannes Paul II. griffig formuliert: Israel ist – immer noch – das Volk Gottes.
Das stimmt.
Nur die Begründung: «traditio», und daher endgültig gültig, sei es deshalb, weil es vom Lehramt, dem Papst, verkündet worden sei und in das Leben der Kirche eingegangen sei. Punctum.
Man kann jene Tatsache – daß Israel das Volk Gottes ist – leicht begründen; ein einfacher Blick in die Heilige Schrift könnte reichen. Aber durch diese Definition wird plötzlich alles, was ein Papst lehrt und eine nicht genauer bestimmte Zahl von Christen ihm abnimmt, zur endgültig gültigen «traditio».
Die Kirche aber, das Tridentinum (Sessio IV), das Vaticanum I (Sessio III), lehrten anderes: endgültig gültige «traditiones» sind die, die auf die Apostel zurückgehen; auf sie ist letztlich auch das kirchliche Lehramt beschränkt (es gibt zwar eine Weiterentwicklung der Tradition; es kann aber keine neuen Lehren geben, die nicht implicite in ihr seit der Offenbarung an die Apostel enthalten sind). Nach Prof. Kamplings Definition jedoch hätten neue Lehren freie Bahn.
Bemerkenswerterweise verwendet Prof. Kampling seine Definition von «traditio» an anderer Stelle nicht: das Christentum sei ursprünglich eine bilderlose Religion gewesen (eine wohl nicht ganz den Tatsachen gerechte Behauptung; er begründet das durch Eusebius, einen Mann von nicht gerade eindeutiger Orthodoxie, der Bilder heruntergerissen habe); aber die Kneipierin Helena (in Wirklichkeit war es ihr Vater, der eine Gaststätte betrieb) habe das nicht verstanden und, unziemlicherweise, das in Gang gesetzt, was dann kam. Nun: die Bilderverehrung ist, theologisch wohl begründet vor allem durch Johannes Damascenus, durchs Nicaenum II gerechtfertigt worden und ausgiebigst in das Leben der Kirche (besonders der orthodoxen Kirche) eingegangen. Also gerade auch nach seiner Definition klarste gültige «traditio».

Katholische Kirche und Judentum – ich möchte den anwesenden Juden keine Diskussion über innerkirchliche Themata zumuten; statt Diskussion zu suchen, nehme ich das Angebot einer Frau aus meiner Pfarrei an, mich nach Hause mitzunehmen. Die subtilen Beobachtungen, die mich so ärgern, hat sie, theologisch nicht so achtsam, nicht gemacht; aber im Gespräch befindet sie, der Professor sei völlig in seinem eigenen Denken verhaftet; ihr sage es mehr zu, auch die Wirklichkeit um sie herum wahrzunehmen.

Montag, 14. März 2011

Das Memorandum, ein Professor, Papst Pius XII. und Atomkraftwerke

Katholische Kirche und Judentum: ein spannendes Thema; ich gehe interessiert hin.
Der Referent, Prof. Kampling, stammt aus dem Münsterland, er wird als ausgewiesener Fachmann vorgestellt. Allerdings: wir erfahren, daß er das berüchtigte Memorandum unterzeichnet hat.
So wie das Memorandum, so der Vortrag. Manches wird angedeutet, so daß man zu verstehen meint – aber nachweisbar gesagt hat er es nicht. Manches hat er gesagt – aber was das, weitergedacht, letztlich bedeutet, bleibt offen.
Manches war ärgerlich bis abwegig; aber ich habe keine Lust, alles aufzuwärmen. Schreiben will ich nur von dem, was mich besonders interessiert.
Papst Pius XII. – auf ihn geht Prof. Kampling ein: er stellt fest, daß sich an diesen Papst eine Diskussion anknüpft, die nicht mehr durch seine Person zu erklären ist; und er wirft dankenswerterweise gewissen Feinden des Papstes deren unsachliche radikale Feindseligkeit vor. Aber er spricht bei dieser Gelegenheit auch von dem «schweigsamen» (oder «schweigenden») Papst – womit er jene berüchtigten falschen Vorwürfe durch die Hintertür wiederaufnimmt. Und dann: eigentlich müßten sich nicht irgendwelche Meinungsführer, sondern Historiker dieser Frage widmen – doch die täten es nicht, sagt Prof. Kampling.
Die Historiker täten das nicht –demnach bliebe die Frage also offen, wohl endlos offen. Aber es gibt doch historische Zeugnisse, die auch dann aussagekräftig wären, wenn kein Historiker sie ausgewertet hätte, von Eugenio Zollis Autobiographie bis zu Pinchas Lapides zum Teil jedenfalls solide belegte Materialsammlung. Und Männer wie Michael F. Feldkamp und Michael Hesemann haben die Tatsachen historisch geprüft. Es ist ungefähr so wie bei den Bedrohungen durch Atomkraftwerke: der stete Verweis, daß das wissenschaftlich alles noch nicht aussagekräftig sei, läßt die Frage endlos offen und bedeutet im einen Fall, daß die Verleumdungen endlos weiterwabern, im anderen, daß marode Atomkraftwerke weitergeführt und offenkundig ungeeignete Endlagerstätten endlos weiter avisiert (oder eines Tages gar in Betrieb genommen) werden.

Aschenkreuz und Kommunion

Die Fastenzeit hat begonnen.

Samstag, 5. März 2011

Arbeitslose dürfen keine Arbeit finden

«Bisher mußte der Arbeitslosengeld-II-Empfänger diese Differenz, etwa 150,-- für exakt nichts, selber aufbringen; nun hat das Bundessozialgericht die „Jobcenter“ verurteilt, sie zu bezahlen», schrieb der Chronist vor gut sechs Wochen.
Das wird künftig also nicht mehr so sein; aber die Bundesregierung hat sich in ihrer besonderen Art von Güte entschlossen, die Arbeitslosengeld-II-Empfänger auf den Schulden sitzen zu lassen, die sie ansammeln mußten, weil sie diese etwa 150,-- für exakt nichts nicht von ihrem schmalen Arbeitslosengeld bezahlen konnten.
Das bedeutet zum Beispiel, falls sie wieder Arbeit fänden: «„Dann wird das Problem akut“, erklärt Anke Plener, Fachanwältin für Sozialrecht in Berlin: „Wenn einem Bedürftigen das gelingt, er aber die rückständigen Versicherungsbeiträge in der Privaten Krankenversicherung nicht zahlt, sinkt sein Versicherungsschutz auf eine Notversorgung.“ Der Grund dafür: Nur für Hilfebedürftige gilt eine Sonderklausel, nach der die PKV auch dann volle Leistungen gewähren muss, wenn diese mit den Beiträgen im Rückstand sind», erfahre ich aus der tageszeitung.
An der Regierung, die solches den Ärmsten zumutet, die Arbeitslosen ein wirtschaftliches und gegebenenfalls medizinisches Desaster zumutet, falls sie wieder zu arbeiten beginnen, ist maßgeblich eine Partei beteiligt, die sich «christlich» nennt. Kann man noch auf Christen in deren Fraktion hoffen?

Freitag, 4. März 2011

Donnerstag, 24. Februar 2011

Schon wieder muß unterschrieben werden

Der Site «Motu proprio: Summorum Pontificum» sieht Gefahr im Verzug für den Vollzug des gleichnamigen Motu proprio. Wie groß diese Gefahr auch immer sein mag: sicher ist es angemessen, die guten Absichten des Papstes gegen dunkle Machenschaften im Vatikan zu unterstützen und also, so miserabel die Unterschriftensammlung technisch auch geraten ist, zu unterschreiben.

Montag, 21. Februar 2011

Die Unterzeichner des Memorandums

Nein, ganz unberührt läßt mich die Liste der Unterzeichner nicht. Daß Herr Küng alle Vorurteile gegen ihn immer wieder bestätigt, ist nichts Neues; und daß Herr Pesch dabei ist, der schon in der Zeit, als es noch weder Indult-Messen noch Ecclesia-Dei-Gemeinschaften, geschweige denn das Motu proprio «Summorum pontificum» gab, gegen den nun extraordinär genannten Ordo agitierte, ist ebensowenig bemerkenswert. Aber P. Hengsbach darunter zu finden, der doch ein bedeutender Vertreter der katholischen Soziallehre ist, schmerzt. So drohen die Soziallehre einerseits, die Glaubenslehre und die Liturgie andererseits zu Themata verschiedener Parteien innerhalb der Kirche zu werden, derart, daß die Vertreter der ersteren die letztere bekämpfen, die der letzteren dann in Gefahr sind, die Soziallehre zu vernachlässigen.

In diesen Tagen – die Zeit ist günstig – hat auch der Chronist wieder einmal «Erfahrungen und Ausdrucksformen der Gegenwart, die in der Liturgie einen Platz haben» und so dem entsprechen mögen, was die Verfasser des Memorandums sich wünschen, entdeckt.

Mittwoch, 16. Februar 2011

Papst Pius XII. – das Nachspiel

Am 9. Oktober 1958 starb Papst Pius XII. Unter seinem Pontifikat hat das Ansehen des Papsttums in der Welt einen Höhepunkt erreicht; Pinchas Lapide zitiert Danksagungen jüdischer Persönlichkeiten am Ende des Krieges und nach dem Tod des Papstes in großer Menge.
Zu seinem Nachfolger wurde am 28. Oktober Kardinal Roncalli gewählt: Johannes XXIII.
Msgr. Angelo Giuseppe Roncalli war der Diplomat, der sich wohl am erfolgreichsten im Dienst des Papstes für die verfolgten Juden eingesetzt hatte. Und seine menschliche und geistliche Qualität ist unbestritten – eine wirklich heiligmäßige Persönlichkeit.
Aber er erlangte bald ein Ansehen, das das seines Vorgängers in einer breiten Öffentlichkeit noch in den Schatten stellte. Und es stellt sich da die Frage: wieviel hatte dieses Ansehen mit der Person des neuen Papstes zu tun, wieviel davon hat andere Gründe?
Papst Johannes XXIII. war eine Sphinx. Er war der Papst, der das «Aggiornamento» ausrief und diesem mit dem II. Vaticanum den Weg bereitete, aber auch der, unter dessen Pontifikat Arbeiterpriester definitiv verboten wurden, auch der, der im selben Jahr, in dem er dieses Konzil eröffnete, mit seiner Apostolischen Konstitution «Veterum sapientia» Unterricht auf Latein in den Seminarien anordnete.
Zwei Taschenbücher mit Texten von Johannes XXIII. habe ich: das «Geistliche Tagebuch» (Freiburg 1964) und eine Anekdotensammlung: Henri Fesquet: «Ich bin ja nur der Papst» (Frankfurt 1965; Freiburg 1975). Die Persönlichkeit, die sich im geistlichen Tagebuch zeigt – ein frommer, demütiger, scheinbar etwas trockener Priester –, hat keine Ähnlichkeit mit dem launigen, recht scharfzüngigen Urheber der Anekdoten (so bezeichnete er Kardinal Montini einmal als «Unseren Hamlet»). Auch wenn man davon ausgeht, daß das Tagebuch sicher authentisch ist, Anekdoten dagegen oft zweifelhaft sind, so bleibt die Frage: wie kann einem der Kirche so treuen Mann der Ausspruch unterschoben werden: «Es gilt, den kaiserlichen Staub, der sich seit Konstantin auf den Thron des heiligen Petrus gesetzt hat, abzuschütteln» («An einen Botschafter» wird nur als Quelle zitiert).
Offensichtlich wurde die wirkliche Herzlichkeit und Unkonventionalität Johannes’ XXIII. von einem gewissen Geist der Zeit instrumentalisiert, ihn gegen seinen Vorgänger und letztlich gegen die Kirche in Stellung zu bringen – worum er nicht gebeten hatte und was seiner Haltung durchaus nicht entsprochen haben dürfte.
Aber es war nicht nur der anonyme Zeitgeist; auch ganz konkrete Personen mischten mit. In der Einleitung der Anekdoten schrieb der Herausgeber, Georg Huber zitierend: «wenn Papst Pius XI. Ehrfurcht, Papst Pius XII. Bewunderung einflößten, so weckte Johannes XXIII. Zuneigung; ja mehr noch – Liebe.» Und: «Er war der einzige Papst dieses Zeitalters, von dem auch ein kommunistischer Arbeiter sagen konnte: „Das ist ein Mann, mit dem ich gerne ein Glas an der Theke trinken möchte.“»
Natürlich ist das so falsch. Hier wird ein imaginärer kommunistischer Arbeiter ins Spiel gebracht – welche Liebe ein wirklicher kommunistischer Arbeiter zu Papst Pius XII. zeigte (der, als einmal in Rom Bomben fielen, sogleich zur Stelle war, um zu helfen), schildert Konstantin Prinz von Bayern sehr konkret (Der Papst. Ein Lebensbild. München 1952). Aber an diesem imaginären kommunistischen Arbeiter zeigt sich, daß das Ansehen, das hier der Person Johannes’ XXIII. künstlich zugespielt wurde, letztlich parasitär ist: ein kommunistischer Arbeiter kann Leute genug finden, mit denen er „ein Glas an der Theke trinken“ kann. Bedeutung gewinnt der Papst „an der Theke“ dadurch, daß man sich einen Papst dort nicht vorstellen kann. Ist der Papst „an der Theke“ erst einmal normal geworden, so interessiert man sich nicht mehr für ihn.
Natürlich trank Papst Johannes XXIII. nicht einfach mit irgendwem „ein Glas an der Theke“. Aber es gelang, den Papst als Menschen mit recht alltäglichem Gebaren zu popularisieren (womit man seiner Persönlichkeit natürlich in keiner Weise gerecht wurde); und natürlich hatte sich dieser Effekt, nachdem der Kontrast zum Auftreten seiner Vorgänger abgegrast war, schnell verzehrt – unter Paul VI., der als Kardinal mit einem Bergmannshelm posiert hatte, stürzte das Ansehen des Papsttums auf seinen Tiefpunkt.
Es gab also einen Zeitgeist, es gab eine Machination gewisser Kreise, die sich gegen die transzendentale Ausstrahlung des Papsttums wendeten, die noch Pius XII. (auch wenn er das päpstliche Zeremoniell vereinfacht hatte) ungebrochen verkörperte.
Aber das allein erklärt schwerlich die Verleumdungswelle, deren erste Spuren schon zu seinen Lebzeiten sich zeigten, die danach so hoch aufschäumte, in Deutschland, in den USA, selbst in Israel, dessen Politiker beim Tod des Papstes sich doch noch voller Dankbarkeit zeigten.
«Die beiden großen Übel, die heute die Welt vergiften, sind der Laizismus und der Nationalismus.» Dieser Satz stammt nicht von Papst Pius, sondern aus Msgr. Roncallis Geistlichem Tagebuch (Oktober 1942). Es war eine Kränkung der laizistischen Welt, daß es vor allem Kirchenfürsten waren, die in der Zeit des NS-Regimes besonders viel für die Menschenrechte geleistet hatten. Es war eine Kränkung für sie, daß im Einsatz für Menschenleben sich die Kirche so viel besser bewährte als die westlichen Staaten.
Zum Vergleich:
Im Juli 1938 tagte, veranlaßt vom US-amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, die Konferenz von Évian: Vertreter von 32 Staaten suchten nach Zufluchtsorten für deutsche und österreichische Juden, doch niemand war wirklich bereit, sie in ausreichender Zahl aufzunehmen – Joseph Goebbels hatte Gelegenheit zum Spott über Juden, die niemand wolle.
Bestätigt wurde er nicht einmal ein Jahr später, als im Mai 1939 die St. Louis mit mehr als 900 jüdischen Flüchtlingen Deutschland verließ und diese (mit Ausnahme einiger weniger) nirgendwo die Erlaubnis erhielten, an Land zu gehen, nicht in Kuba, dem ursprünglich vereinbarten Ziel, nicht in Kanada noch in den USA – Präsident Roosevelt wollte sie zwar geben, doch seine Partei stellte sich quer. Die Irrfahrt endete wieder in Europa; nach der Besetzung der Niederlande, Belgiens und Frankreichs durch Deutschland 1939 und 1940 fiel etwa die Hälfte dieser Flüchtlinge dem NS-Regime zum Opfer.
Schließlich stand für Juden aus dem Machtbereich des NS-Regimes praktisch nur das japanisch besetzte Schanghai offen, dessen Einreisebedingungen sich aber seit 1939 ebenfalls verschärften, bis Ende 1941 auch dieser Zufluchtsort unzugänglich wurde.
Errechnet man das Verhältnis der aufgenommenen jüdischen Flüchtlinge zur Bevölkerung des Staates (oder Gebiets), so erhält man
für die USA 0,13%,
für Portugal 0,13%,
für Groß-Britannien 0,21%,
für Schanghai 0,5 %,
für die Schweiz 0,6 %,
für den Vatikan 320 %.
Allerdings ist die Zahl für den Vatikan viel zu niedrig, denn vom Vatikan wurden die Flüchtlinge, wenn möglich, weitergeschleust an Zufluchtsorte in sicherer Entfernung vom NS-Machtbereich, so daß nur schwer abzuschätzen ist, wieviel jüdische Flüchtlinge zugleich da waren; mit Sicherheit waren es deutlich mehr als 3000, welche Zahl den 320% zugrunde liegt. Die Zahl der Juden, die überhaupt in der Zeit der deutschen Besatzung Roms in vatikanischen Gebäuden Zuflucht gefunden hatten, betrug gut 530% der Einwohnerzahl.

Darum die Angriffe gegen die Kirchenfürsten, die sich am meisten ausgezeichnet hatten, besonders gegen Papst Pius XII. Stete Wiederholung der immer gleichen unwahren Anwürfe gegen ihn führte dazu, daß die Verleumdungen in der Öffentlichkeit glaubwürdiger zu erscheinen begannen als die Wahrheit. Uns Katholiken wird nichts anderes übrigbleiben, als auch die Wahrheit ständig zu wiederholen.

Wen eigentlich kann ich noch wählen?

Kleptokraten? Oder militante Laïzisten?

Dienstag, 15. Februar 2011

Entwarnung?

Ich habe die Liste der Unterzeichner des berüchtigten Memorandums durchforstet und kann nun bezeugen:
Niemand hat unterschrieben!

Quo usque tandem

abutemini «theologiae» professores et profestrices patientia nostra?
Aber da das nun einmal so ist, so stöhnen wir mit Phileireno:
Subscribere necesse est.

Samstag, 12. Februar 2011

Die Päpste Pius XI. und Pius XII.

Die Personen

Don Achille Ratti
war ein bedeutender Wissenschaftler, seine Wirkungsstätte war die Bibliotheca Ambrosiana und später die Bibliotheca Vaticana. Ein eher ruhiges Gelehrtendasein – doch hatte er auch eine andere Seite: er war ein sehr fähiger Alpinist, unternahm bis zum Alter von 56 Jahren viele anspruchsvolle Bergtouren. Das erforderte Umsicht und Urteilsvermögen – ähnlich wie seine wissenschaftliche Arbeit –, zudem Mut und Entscheidungskraft und besonders auch Solidarität.
Dann kam der Erste Weltkrieg. An dessen Ende überschlugen sich die Ereignisse: er wurde 1918 Apostolischer Visitator, 1919 Nuntius, 1921 Erzbischof von Mailand und Kardinal, 1922 Papst.
Pius XI. war der Papst, der Quadragesimo anno (1931) von Rerum novarum mit seiner Enzyklika die katholische Soziallehre weiterführte, mit einer Enzyklika, die weitgehend von Oswald von Nell-Breuning verfaßt war, der sich nicht scheute, auch von Marx zu lernen; doch wurden der Marxismus abgelehnt – und ebenso der Kapitalismus, der Glaube an die Konkurrenz als Allheilmittel. Er begründete die Katholische Aktion, die intensive Teilnahme der Laien am Apostolat der Kirche, forcierte die Mission, gab Kirchen von Missionsländern einheimische Bischöfe.

Don Eugenio Pacelli
hatte sein priesterliches Leben fast ganz im diplomatischen Dienst der Kirche verbracht. 1917 kam er nach Deutschland, wurde Nuntius in München, dann in Berlin. Er lernte in zwölf Jahren Deutschland sehr genau kennen, lernte perfekt Deutsch. 1929 kehrte er zurück nach Rom, wurde Kardinal, ein Jahr später Kardinal-Staatssekretär.
Neben dem temperamentvollen robusten Lombarden Ratti verkörperte der grazile Römer Pacelli das diplomatische Prinzip. Pius XI. war ein sehr energischer, sehr impulsiver Mann – aber er hatte sich auch als Wissenschaftler ausgezeichnet, hatte viele gefährliche Bergtouren zu überleben gewußt. Msgr. Pacelli war Diplomat, ein sehr umsichtiger, bedachtsam handelnder Mann – aber er handelte so entschieden, daß die NS-Propagandisten ihn als Scharfmacher gegen ihre Ideologie identifiziert haben. Als Nuntius zeigte er körperlichen Mut, als er auch während der Revolutionswirren 1918-19 in der Stadt blieb und sich so den Wirren der Revolution aussetzte, in deren Lauf ein bewaffneter Stoßtrupp bis zu ihm in die Nuntiatur vordrang.
Papst Pius XI. und sein Staatssekretär ergänzten einander, wirkten gegenüber den totalitären Mächten der Zeit ähnlich eng zusammen, wie einst Papst Pius VII. und Kardinal Consalvi, Papst Leo XIII. und Kardinal Rampolla zusammengewirkt hatten.

Die totalitären Regime

Als 1922 Pius XI. Papst wurde, regierten in Rußland bereits die Sowjets, wurde dort die Kirche schon grausam verfolgt, unter Lenin nicht minder als unter Stalin. 1922 begann der Aufstieg Stalins, gelangte Mussolini an die Macht. Der Papst bemühte sich, die Probleme der Kirche durch Konkordate zu lösen, bemühte sich auch um eines mit der Sowjet-Union, erklärte, er würde sogar mit dem Teufel persönlich einen Pakt schließen, wenn es um das Heil der Seelen ginge.
Um dem totalen Machtanspruch dieser Regime gegenüber die Geltung übergeordneter, gottgegebener naturrechtlicher Normen einzufordern, führte der Papst am Ende des Heiligen Jahres 1925 das Fest Christ König am letzten Sonntag im Oktober ein. 1926 verurteilte er die Weltanschauung der ultranationalistischen Action française, die zwar kirchenfreundlich war, zugleich jedoch letztlich irreligiös, antisemitisch war und «Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit» ablehnte, Werte, die sich zwar die laïzistische Republik auf die Fahne geschrieben hatte, die jedoch – so Papst Leo XIII. – ursprünglich christlich sind. 1927 wurden die verbliebenen Mitglieder exkommuniziert.
Schon im März 1928, als die NSDAP noch eine bedeutungslos erscheinende Splitterpartei war, ließ er durch ein Dekret des Heiligen Offizium den Antisemitismus ausdrücklich verurteilen. Als er im September 1938 vor einer Pilgergruppe diese Verurteilung wiederholte, sagte er dabei auch den Satz: «Wir sind im geistlichen Sinne Semiten.»
1929 gelang ihm der Abschluß der Lateranverträge mit dem faschistisch regierten Italien, welche die Souveränität des Vatikanstaates begründeten – wieder einmal hat es sich in unserer Zeit gezeigt, wie notwendig der Schutz der Kirche durch diese politische Souveränität ist, als das US-amerikanische Höchste Gericht dem Papst abwegiger Beschuldigung wegen die Immunität aberkannt hat.
Doch den Faschismus verdammte er 1931 mit der Enzyklika «Non Abbiamo Bisogno» – der ersten Enzyklika, die nicht auf Latein verfaßt war.

In Deutschland war seit 1932 die NSDAP die stärkste Partei. Die deutschen Bischöfe hatten schon im August 1932 in den «Richtlinien» der Fuldaer Bischofskonferenz festgestellt, daß ihre sämtlichen Ordinariate die Zugehörigkeit zur NSDAP für unerlaubt erklärt hatten. Die Folgen waren deutlich: wo immer im Deutschen Reich überwiegend Katholiken wohnten, erhielten die Nationalsozialisten deutlich weniger Stimmen (an Ausnahmen gefunden habe ich die Kreise Sonthofen, Markt Oberdorf und Habelschwerdt mit einer mittleren Zahl von Wählern der NSDAP; an umgekehrten Ausnahmen – wenig Wählerstimmen für die Nationalsozialisten, wo nur wenig Katholiken lebten, gab es etwas mehr, wie Weimar und Leipzig, doch waren es nicht viele).
Politisch jedoch scheiterte die katholische Abwehr; 1933 konnte die NSDAP mit ihren bald darauf an den Rand gedrängten Verbündeten «die Macht ergreifen». Nun mußte gerettet werden, was zu retten war. Unter diesen Umständen war es klar, daß diese Art von Abwehr aufgegeben werden mußte; doch in der Sache wichen die Bischöfe nicht zurück. Die Verbote wurden mit einem Hirtenbrief der deutschen Bischöfe vom 29. März aufgehoben; doch im selben Hirtenbrief wurde ausdrücklich gesagt, daß die diesen Verboten zugrunde liegende «Verurteilung bestimmter religiös-sittlicher Irrtümer» davon unberührt bestehen blieb.
Nun aber bot Hitler den Abschluß des schon 1921 ausgehandelten, von den vorhergehenden Regierungen der Weimarer Republik verschlampten Reichskonkordats an, das die Lage der Kirche wenn auch nicht real, so doch juristisch absicherte. Gern wird Papst Pius XI., vor allem aber dem damaligen Kardinal-Staatssekretär Pacelli zum Vorwurf gemacht, er habe Hitler durch den ersten internationalen Vertrag, den dessen Reichsregierung abschließen konnte, ebendieses Reichskonkordat, diplomatisch hoffähig gemacht. Wirklichkeit ist: die Verhandlungen darüber begannen im April 1933 – die für den Viermächtepakt, mit dem Deutschland, Italien, Frankreich und Großbritannien Zusammenarbeit und Solidarität vereinbarten, hatten im März begonnen. Am 8. Juli wurde das Konkordat paraphiert – der Viermächtepakt bereits am 7. Juni; am 20. Juli wurde es unterzeichnet – der Viermächtepakt bereits am 15. Juli. Ratifiziert wurde der Viermächtepakt nicht mehr, doch diplomatisch war er für die NS-Regierung bereits ein voller Erfolg: sein Abschluß hatte klargestellt, daß sie diplomatisch auf keinerlei Ablehnung stieß. Welche Staaten waren auf dem diplomatischen Parkett gewichtiger: England, Frankreich und Italien einerseits oder der Vatikan andererseits?
Das Konkordat half der Kirche freilich nur wenig, es folgte ein ständiger Kampf: des Regimes gegen die Kirche – ohne Rücksicht aufs Konkordat –; der Kirche gegen die rassistische und kollektivistische Ideologie.
1937 verdammte der Papst mit der wiederum in Volkssprache verfaßten Enzyklika «Mit brennender Sorge» den Nationalsozialismus, seinen Rassismus und seinen Totalitarismus. Es gelang, unter völliger Geheimhaltung die Enzyklika binnen einer Woche zu verteilen, so daß sie am Palmsonntag in allen Kirchen in allen Gottesdiensten verlesen werden konnte.
Das Regime reagierte massiv: alle Betriebe, die die Enzyklika gedruckt hatten, wurden enteignet – ihre Schulden ausgenommen; so wurden der Kirche künftige Aktionen dieser Art unmöglich gemacht. Wer außerhalb kirchlicher Gebäude die Enzyklika verteilte, wurde von der Gestapo belangt. Sittlichkeitsprozesse wurden gegen Priester eingeleitet – die deutsche Presse berichtete ausführlich darüber. Es gab Verurteilungen, aber auch Freisprüche – über letztere allerdings berichtete die deutsche Presse nicht.
Im September desselben Jahres, 1937, besuchten zum ersten Mal die Botschafter Frankreichs und Großbritanniens den Reichsparteitag der NSDAP. Als 1938 Hitler Rom besuchte, verließ der Papst die Stadt demonstrativ, um ihm nicht begegnen zu müssen.

Pius XII.

Pius XI. starb am 10. Februar 1939; am 2. März wurde, schon im dritten Wahlgang, Kardinal Pacelli zum Papst gewählt.
Kardinal Pacelli kannte Deutschland sehr gut; er sprach auch fließend Deutsch. Und er hatte ein klares Urteil. 1933 nannte er Hitlers Machtergreifung «verhängnisvoller ... als es ein Sieg der sozialistischen Linken gewesen wäre» (Heinz Hürten: Deutsche Katholiken 1918 bis 1945. Paderborn 1992, S. 193). Im selben Jahr fand der Rabbiner und Denker Leo Baeck: «Die nationale deutsche Revolution, die wir durchleben, hat zwei ineinandergehende Richtungen: den Kampf zur Überwindung des Bolschewismus und die Erneuerung Deutschlands. Wie stellt sich das deutsche Judentum zu diesen beiden? Der Bolschewismus, zumal in seiner Gottlosen-Bewegung, ist der heftigste und erbittertste Feind des Judentums» (Jüdische Allgemeine vom 24.1.2008: Hitlers Machtübernahme/„Ich bin auf alles gefasst“).
Kardinal Pacelli hatte mitgewirkt an der Enzyklika, hatte den Titel «Mit großer Sorge» verschärft zu «Mit brennender Sorge», hatte Aussagen gegen die Rassenideologie eingefügt. So wurde er für die nationalsozialistische Propaganda zur zentralen Figur des kirchlichen Kampfes gegen das Regime und seine Ideologie.
Papst Pius XI. und sein Staatssekretär hatten einander bemerkenswert ergänzt, Kardinal Pacelli hatte seine Stelle an der Seite des Papstes gefunden. Nun, gerade in der schwersten Zeit, mußte er beider Aufgaben allein übernehmen. Daß es ihm schwer viel, das neue Amt zu übernehmen, zeigte sich daran, daß er zeit seines Pontifikats die Tiara nur trug, wenn es unumgänglich war. Er nahm den Namen seines Vorgängers an, wurde Pius XII.. Die Aufgaben mit jemand anderem so zu teilen, wie Pius XI. es mit ihm getan hatte, erschien nicht möglich; daher ernannte er nach 1944 keinen eigenen Staatssekretär mehr.
Pius XII. war der Papst, der sich mühte, die Kirche für die Gegebenheiten der modernen Zeit bereit zu machen, so etwa mit liturgischen Reformen, die zum Teil bis an die Schmerzgrenze gingen (starke Reduktion des Nüchternheitsgebots vor der Kommunion, Abendmesse, Reform des Triduum sacrum) und doch das Wesen der Liturgie achteten. Er sprach Pius X. heilig; doch er war es auch, der mit den Enzykliken Divino Afflante Spiritu von 1943 und Humani Generis von 1950 die katholische Theologie vom überspannten Biblizismus der Bibelkommission Pius’ X. löste. Doch die Lehre der Kirche wußte er unbeschadet zu wahren.

Judenverfolgung und Krieg

Am 1 September 1939 begann der II. Weltkrieg. Seit dem 11. Juni 1940 beteiligte sich das Italien auf Seiten Deutschlands am Krieg. Seitdem war der Vatikan eine winzige Enklave mitten im Gebiet der «Achsenmächte». In Deutschland gab es quasi-staatliche Judenverfolgung, seit am 22. Februar 1933 SA- und SS-Leute zur Hilfspolizei ernannt wurden. Große Ausmaße nahm sie seit den Pogromen der Reichskristallnacht vom 9. auf den 10. November 1938 an; im Laufe des II. Weltkriegs weitete sie sich zum Völkermordes aus.
Im faschistischen Italien spielte der Antisemitismus anfangs keine bedeutsame Rolle, aber Italien geriet zunehmend unter deutschen Einfluß. Anfang 1939 häuften sich antisemitische Verordnungen im Geiste der «Nürnberger Gesetze», die Juden von vielen akademischen Berufe ausschlossen; der Vatikan protestierte nicht nur, sondern wußte auch zu helfen – Pinchas Lapide nennt den Kartographen Prof. Almagià, der, als er seine Anstellung verlor, in den Dienst der Vatikanischen Bibliothek übernommen wurde und unter päpstlicher Ägide die bibliophile Reproduktion einer Landkarte aus der Renaissance herausgeben konnte; ein Exemplar davon ließ Papst Pius XII. dem deutschen Außenminister schenken.
Ende Juni 1943 wird die faschistische Regierung gestürzt; daraufhin erobert Deutschland einen Großteils Italiens; so ist seit dem 10. September 1943 Rom mit Ausnahme des vatikanischen Territoriums dem nationalsozialistischen Völkermordregime ausgeliefert. Der Vatikan selbst, militärisch machtlos kann sich nur auf Verträge stützen.

Der Papst, der redete
Das vatikanische Territorium war umringt von der Militärmacht der faschistischen Regierung, später gar der nationalsozialistische Besatzungsmacht, wehrlos gegen jedwede Willkürmaßnahmen. Die Auslieferung des Osservatore Romano und aller vatikanischen Publikationen konnte unschwer unterbunden werden, Radio Vatikan konnte gestört, Telephon- und Telegraphenleitungen konnten gekappt werden. In Deutschland waren die zuverlässigsten katholischen Druckereien durch die Maßnahmen nach dem Erscheinen von «Mit brennender Sorge» erledigt. Die Verbreitung kritischer kirchlicher Stellungnahmen war in der Zeit des Krieges für jeden lebensgefährlich, der dabei half. So drohten die letzten Kanäle verschlossen zu werden, drohte jede Äußerung die letzte mögliche zu sein. Andererseits war längst alles gesagt: der Antisemitismus, der Faschismus, der Nationalsozialismus waren vom Papst verdammt. So konnte und so mußte der Papst eigentlich kaum mehr reden – er tat es dennoch. Pinchas Lapide (S. 229 f.) zählt mindestens sechs laute Äußerungen Pius’ XII. für Brüderlichkeit mit den Juden, gegen das Blutvergießen. Markantestes Beispiel ist die Weihnachtsbotschaft von 1942: «Questo voto l'umanità lo deve alle centinaia di migliaia di persone, le quali, senza veruna colpa propria, talora solo per ragione di nazionalità o di stirpe, sono destinate alla morte o ad un progressivo deperimento – die, persönlich schuldlos, bisweilen nur um ihrer Volkszugehörigkeit oder ihrer Abstammung willen dem Tode geweiht oder einer fortschreitenden Verelendung preisgegeben sind» (Radiomessaggio di Sua Santità Pio XII alla vigilia del santo natale. Giovedì, 24 dicembre 1942).
Albert Einstein Ende 1940: «Nur die katholische Kirche protestierte gegen den Angriff Hitlers auf die Freiheit. Bis dahin war ich nicht an der Kirche interessiert, doch heute empfinde ich große Bewunderung für die Kirche, die als einzige den Mut hatte, für geistige Wahrheit und sittliche Freiheit zu kämpfen.» (Des savants nous parlent de Dieu, éd. Rend Courtois, p. 70, Bruxelles [P. Lapide 228]).

Der Papst, der lieber rettete als redete
Durch die Lateranverträge völkerrechtlich geschützt waren das Territorium der Vatikanstadt sowie etliche extraterritoriale Kirchen und kirchliche Einrichtungen in Rom. In Rom lebten damals etwa 8000 einheimische Juden und weit über 1000 jüdische Flüchtlinge. Gut 1000 davon fielen der Scho’a zum Opfer; die übrigen wurden gerettet, ganz überwiegend in kirchlichen Einrichtungen und Klöstern. Überall dort wurden Juden untergebracht, in Rom, ebenso im übrigen Italien. So konnten in Italien von den einheimischen 45 000 Juden und den 10 000 jüdischen Flüchtlingen die meisten gerettet werden; 8 000 allerdings fielen doch der Scho’a zum Opfer. Auf päpstliche Anordnung wurde für die Rettung der Juden die Klausur der Klöster außer Kraft gesetzt; in Klöstern – so in den Kellerräumen von San Francesco in Assisi – wurden Synagogen für sie eingerichtet. Geschützt gegen Übergriffe waren sie nur durch die Vertragstreue notorisch vertragsbrüchiger Regime – und keineswegs waren alle kirchlichen Gebäude, die hierfür genutzt wurden, extraterritorial. Letztlich war der einzige Schutz der Juden die Treue des katholischen Volkes zur Lehre der Kirche und zum Papst.
Darum waren Vorsicht und Diplomatie lebensnotwendig. Pinchas Lapide zitiert Don Pizzo Scavizzi: «Ich habe wiederholt erwogen, den Nationalsozialismus zu exkommunizieren, um die Bestialität des Judenmordes vor der zivilisierten Welt anzuprangern. Doch nach vielen Tränen und Gebeten bin ich zu dem Schluß gekommen, daß ein Protest nicht nur den Verfolgten keine Hilfe bringt, sondern sehr wohl das Los der Juden verschlimmern könnte ... Vielleicht hätte mir ein feierlicher Protest das Lob der zivilisierten Welt eingetragen, aber er hätte den armen Juden eine noch unerbittlichere Verfolgung gebracht als die, die sie jetzt zu leiden haben.» (nach Guenter Lewy & Hildegard Schulz: Die katholische Kirche und das Dritte Reich, S. 250, München 1965). Und er zitiert, was Pius XII. am 2. Juni 1943 über die um ihrer Rasse oder Nationalität willen Verfolgten zu den Kardinälen sagte: «Jedes Wort, das Wir in diesem Anliegen an die zuständigen Behörden richteten, und jede unserer öffentlichen Kundgebungen mußte von Uns ernsthaft abgewogen und abgemessen werden im Interesse der Leidenden selber, um nicht ungewollt ihre Lage noch schwerer und unerträglicher zu gestalten» (Aufbau und Entfaltung des gesellschaftlichen Lebens. Soziale Summe Pius’ XII., hrsg. v. Arthur-Fridolin Utz u. Joseph Fulko Groner. Fribourg o.J., Nr. 1913).
Der Papst hatte recht: am 11. Juli 1942 protestierten die niederländischen Bischöfe in einem Telegramm an die Besatzungsbehörden gegen die Judendeportationen: «.. erschüttert durch die Maßnahmen gegen die Juden ... haben mit Entsetzen Kenntnis genommen von den neuen Maßregeln ...»; im Hirtenbrief vom 20. Juli machten sie ihren Protest öffentlich. Dieser Protest, sehr emphatisch, aber ohne ein eigentliches Verdammungsurteil, reichte aus, die deutsche Besatzungsmacht zu veranlassen, nun auch die zur katholischen Kirche konvertierten Juden zu deportieren, während die protestantischen verschont blieben.

Hätte der Papst mehr ausrichten können, wenn er sich anders verhalten hätte? Nun: solche «Was wäre, wenn»-Fragen lassen sich nicht gültig beantworten. Aber ich konnte nichts erkennen, was Zweifel daran erweckt hätte, daß Pius XII. stets die bestmögliche Entscheidung getroffen hat. Die Bemühungen und Leistungen des Papstes wurden allgemein anerkannt und bewundert; Pinchas Lapide zitiert eine Vielzahl von Danksagungen jüdischer Persönlichkeiten und Institutionen an ihn; der römische Oberrabbiner der Kriegszeit, Israel Zolli, nahm bei seiner Taufe den Taufnamen des Papstes, Eugenio, an.

Ich bin kein Historiker, habe keine eigene Quellenforschung betrieben (abgesehen von meiner braunen Brochure). Ich wollte nichts Neues ans Licht bringen – es ist längst genug an entscheidenden Tatsachen bekannt –, sondern die markantesten dieser Tatsachen markant zusammenstellen. Wenn Verleumdungen immer wieder neu veröffentlicht werden, so soll eben auch die Wahrheit immer wieder veröffentlicht werden.
Meine Hauptquelle ist
Pinchas E. Lapide: Rom und die Juden (Freiburg 1967), eine weitere Konrad Löw: Die Schuld (Gräfeling 2002) – ein eigentümliches Buch: eine gewisse Tendenz darin ist mir unverständlich. An Quellen bin ich bei ihm einmal auf eine so obskure Publikation gestoßen, daß ich meinte, ein wichtiges Zitat auslassen zu müssen; dann aber habe ich dieses Zitat von der Jüdischen Allgemeinen bestätigt gefunden. von diesen beiden Autoren habe ich viele Informationen übernommen, ohne sie in jedem Fall besonders zu nennen. Weitere Informationen habe ich von Michael F. Feldkamp: Goldhagens unwillige Kirche (München 2003).

Die Ursache der Aufstände

Die aktuellen Aufstände in arabischen Ländern erscheinen einerseits begrüßenswert, insofern sie sich ja gegen recht üble Machthaber richten; andererseits erfüllen sie viele arabische Christen mit Sorge, denn der Sturz des noch übleren Diktators Saddam Husein hat ja eine furchtbare Christenverfolgung ausgelöst. Darum wohl hat der koptische Papst Schenuda III. die Christen gewarnt vor einer Teilnahme an diesen Demonstrationen.

Von Daniel Bax habe ich nun einen beachtlichen Kommentar gelesen über diese Aufstände:
«Bemerkenswert ist, dass die Proteste ausgerechnet in Ägypten und Tunesien am stärksten eskaliert sind: Beides sind prowestliche Regimes, die in den vergangenen Jahren ihre Wirtschaft liberalisiert haben und damit auch in ökonomischer Hinsicht bislang als Musterschüler in der Region galten. Doch von Privatisierungen, von der Öffnung der Märkte profitierte in Ägypten wie in Tunesien nur eine kleine Elite. Das Gros der Bevölkerung litt unter steigenden Preisen, ökonomischer Verdrängung und wachsender Arbeitslosigkeit. Während die Landbevölkerung verarmte und das traditionelle Handwerk fast vollständig vernichtet wurde, wuchs die Wut auf eine Oberschicht, die ihren neuen Reichtum immer ungenierter zur Schau stellte.
Im Westen wird gerne übersehen, wie sehr die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich den Unmut in der Region angefacht und oft den Islamisten in die Hände gespielt hat.»
Sicher wäre es überzogen, wenn man das zusammenfaßte in den Satz: «Nicht der Islam ist die Ursache des Islamismus, sondern der Wirtschaftsliberalismus.»
Doch festzustellen bleibt, daß diese Aufstände eine Folge des Elends sind, in die der vom Westen (Bundesdeutschland natürlich mittenmang dabei) aufgedrängte Wirtschaftsliberalismus diese Länder gestürzt hat; und es bleibt zu hoffen, daß die Folge der Aufstände weder islamistische Regime sind noch islamistischer Terror.

Dienstag, 1. Februar 2011

Wenn es denn nun sein muß: Thema Zölibat

Wenn man heutzutage vom Zölibat spricht, so meint man in aller Regel das Gesetz, daß nur unverheiratete – ledige oder verwitwete – Männer zu Priestern geweiht werden. Allgemein anerkannt ist, daß dies positives Recht in der lateinischen Kirche ist, welches der Papst aufzuheben berechtigt wäre. Das zu tun wird gegenwärtig wieder als Heilmittel gegen den Priestermangel propagiert.
Die geistliche Bedeutung des Zölibats kann ich hier nicht diskutieren; auch will ich nicht diskutieren, ob der Zölibat dazu beigetragen hat, daß der katholische Klerus dem Zeitgeist, so etwa der nationalsozialistischen Ideologie, weitaus besser widerstanden hat als ein Großteil der protestantischen Geistlichkeit. Ich will hier nur ganz pragmatisch fragen, ob eine solche Aufhebung wirklich zum Nutzen der Kirche wäre.

Im frühen III. Jahrhundert wirft Hippolyt, der als erster Gegenpapst gilt, Papst Kallistus vor, dieser habe Kleriker, die heiraten, im Klerus verbleiben lassen. Ein solcher Vorwurf konnte nur bestehen, wenn die Norm, die Hippolyt einfordert, damals als allgemeingültig akzeptiert war. Also bestand damals schon die Norm – seit wann, bleibt ungewiß –, daß Kleriker zwar verheiratet sein dürfen, doch wenn sie es nicht sind, nun, nach ihrer Weihe, nicht mehr heiraten dürfen. Ob Hippolyts Vorwürfe gegen den Papst stimmen, ist nicht zu klären; sicher festzustellen ist die Norm, auf die er sich beruft.
Später gab es Bestätigungen dieser Norm – die Synode von Neocaesarea (314/15) ordnet an: Priester, die heiraten, verlieren ihr Amt (c. I) – und geringe Einschränkungen – die Synode von Ancyra (314) erlaubt: Diakone dürfen heiraten, wenn sie sich das bei ihrer Weihe ausdrücklich vorbehalten haben (c. X). Insgesamt aber ist das die Norm, die bis heute im Osten wie im Westen gilt: wer eine höhere Weihe empfangen hat, darf nicht mehr heiraten.
Eine etwas spätere Entwicklung ist, daß nur unverheiratete Männer zu Bischöfen – so bis heute im Osten – und dann schließlich im Westen auch zu Priestern nur unverheiratete Männer geweiht werden. Zuvor schon werden sie darauf hingewiesen, daß, wenn sie sich weihen lassen, «castitatem illo adjuvante servare oportebit» (so im extraordinären Usus vor der Weihe zum Subdiakon) – eine Zölibatsverpflichtung also zumindest gleicher Verbindlichkeit wie die für die «ausgewählten» Witwen.

Verheiratete Männer zu Priestern zu weihen, könnte der Papst grundsätzlich erlauben, wie das ja auch für verheiratete konvertierte protestantische Pastoren sein Papst Pius XII. geschieht und für die katholischen Ostkirchen selbstverständlich ist. Verheiratete Männer zu Bischöfen zu weihen, wäre dagegen ein Bruch mit den heutigen Ostkirchen und darüber hinaus mit einer anderthalbtausendjährigen gesamtkirchlichen Tradition, kann also nicht in Betracht gezogen werden.
Erst recht ist es nicht möglich, schon geweihten Priestern zu erlauben, zu heiraten, denn daß verstieße nicht nur gegen eine alte gesamtkirchliche Tradition, sondern gegen eine schon in der Märtyrerzeit bezeugte allgemeinverbindliche Norm. Dazu kommt die ausdrückliche persönliche Verpflichtung der Weihekandidaten, deren hohe Verbindlichkeit schon im Neuen Testament für die «ausgewählten» Witwen klar eingefordert ist.

Die Zölibatsverpflichtung aufzuheben hieße also, verheiratete Männer zur Priesterweihe zuzulassen, nicht aber, schon geweihten Priestern die Ehe zu gestatten.
Die Zölibatsverpflichtung aufzuheben hieße somit, die Priester, die sich bisher schon zum Priesteramt berufen sahen und dafür den Zölibat auf sich genommen haben, wissen zu lassen: wenn sie gewartet hätten, der eine sehr lange, der andere aber nur Monate, Wochen oder gar Tage, dann könnten sie jetzt bald verheiratet sein und Priester sein – jetzt aber, nach ihrer Zölibatsverpflichtung und ihrer Weihe, geht das nicht mehr.
Die geistliche Bedeutung des Zölibats wollte ich hier nicht diskutieren; ich will hier nur ganz pragmatisch fragen, ob es wirklich zum Nutzen der Kirche wäre, unseren Priestern diese Botschaft zu vermitteln.

Mittwoch, 26. Januar 2011

Private Krankenversicherungen – wer muß bezahlen?

Wozu gibt es sie eigentlich? Die Argumente, die man zu hören bekommt, reichen vom Recht der Betreiber auf Gewerbefreiheit bis dahin, daß sie mehr Leistungen bieten und letztlich kostengünstiger seien.
Nun hat ein Gerichtsurteil dafür gesorgt, daß die Wirklichkeit ans Licht kommt – lest es nach beim Chronisten!

Samstag, 22. Januar 2011

Effizienzdenken produziert Unsinn

Wohl jeder hat es schon bemerken können: Meßbarkeit wird immer wichtiger; und da nun einmal Irrelevantes leichter meßbar ist als Relevantes, wird das Relevante immer unwichtiger und das Irrelevante immer wichtiger. Grund, mich über eine Buchbesprechung – Michael Lösch über Mathias Binswanger: Sinnlose Wettbewerbe. Warum wir immer mehr Unsinn produzieren. Freiburg 2010 – zu freuen, in der Sätze zu lesen sind wie: «Tatsächliche Qualität, so der Autor, ist in ihrer Ganzheitlichkeit nicht objektiv messbar. Man kommt ihr nicht durch eine immer neue, in klangvolle Anglizismen gekleidete Controlling- und Kennzahlenwut auf die Spur.» Und: «So haben etwa die Exzellenzwettbewerbe um Fördergelder im Hochschulwesen zu einer Art akademischer Prostitution geführt, worunter Binswanger unter anderem die belegbar angestiegene Publikationsflut in Fachzeitschriften versteht. Wirklich neue Erkenntnisse vermag er darin wenige auszumachen, wohl aber in komplexe Modellformen gegossene Banalitäten.»
Auch wenn Sätze wie: «Unter Marktbedingungen hat der Wettbewerb seine positiven Seiten» etwas aufstoßen – vieles lohnte, so präzis gesagt zu werden.

Samstag, 15. Januar 2011

Meinungsfreiheit

Sachverhalte beim Namen zu nennen wird nicht vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt, kann also bestraft werden, das hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschieden. Der Chronist schreibt mehr darüber.

Dienstag, 11. Januar 2011

Wie entlarvt man Lügner?

Beobachtung physiologischer Merkmale – durch den berühmten Lügendetektor etwa – oder sprachlicher Eigenheiten bringt nicht viel, so lese ich (Rafaela von Bredow: Forensik/Jetzt mal ehrlich. In: Der Spiegel 1/2011, S. 118-22). Erfolg bringt etwas anderes: «Anschließend, in getrennten Vernehmungen, konfrontierten die Forscher die Paare mit unerwarteten Fragen. ... Tatsächlich verrieten sich bis zu 80 Prozent der Lügenpärchen durch ihre Skizzen, aber auch durch ihre Antworten auf Fragen nach räumlichen Details und Abläufen.» Man kann natürlich ebensogut auch Fragen stellen wie: «Hast du nun diese Frau gesehen, so sag doch: Unter welchem Baum hast du die zwei beieinander gefunden?» (Daniel 13 [Susanna 1], 54).

Donnerstag, 6. Januar 2011

Veröffentlichung der Ostertermine

Wie die Kirche, so publiziert – freilich im laïkalen Maß –, der Chronist am Fest der Erscheinung des HERRN die Ostertermine, dreifach allerdings: gregorianisch, griechisch-julianisch und jüdisch.
Eine Besonderheit in diesem Jahr: in diesem Jahr gibt es den spätesten Ostertermin seit dem Jahre 1943 vor dem Jahre 2038.

Montag, 27. Dezember 2010

Was ist Gotthold Hasenhüttl?

– ein Idealist auf Abwegen oder ein Mann des blinden Hasses?
Lieber möchte ich eigentlich das erste annehmen; doch in einem Artikel von Reportern, die ihn besucht haben, finde ich nun die Aussage: «Jetzt, 2010, macht Hasenhüttl Ratzinger direkt verantwortlich für das systematische Vertuschen des Missbrauchsskandals der Kirche. Als Präfekt der Glaubenskongregation habe jener im Mai 2001 in einem Schreiben an alle Bischöfe untersagt, Missbrauchsfälle öffentlich zu machen – unter Androhung kirchenrechtlicher Strafen.»
Wieder jenes Dokument, das von Küng, Kong und Hasenhüttl benutzt wird, dem Papst üble Nachrede anzuhängen, und das eine ganz andere Tendenz hat als die, die diese Herren ihm nachsagen – was zumindest die Leser dieses Blogs schon seit längerem wissen.

Die Protestanten hatten es besser

Am Sonntag wurde in unseren Kirchen das Fest der Heiligen Familie begangen. Von der benachbarten evangelischen Kirche habe ich gehört, daß dort der Gottesdienst ganz dem heiligen Stephanus gewidmet war.

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Ist unser Seelenleben hirnorganisch verursacht?

Ähnlich wie vor einem Jahrhundert ist es wieder Mode geworden, das ganze Seelenleben hirnorganisch erklären zu wollen. Daß das ein Vorurteil ist, dessen bestes Argument die stete Wiederholung ist, ist bei näherem Hinschauen leicht zu erkennen. Mit welch besonderen Mitteln aber unser sich so gern als objektiv gerierender Wissenschaftsbetrieb diese stete Wiederholung gewährleistet, habe ich jetzt erst erfahren.

Dienstag, 14. Dezember 2010

Werde ich auch enttarnt?
sowie:
Die Kunst der tendenziösen Nachrede

Nun, ich brauche keine Angst vor Enttarnung zu haben; und in der Tat kann jeder, der die AlloCath mit ihren Verlinkungen liest, leicht meinen Klarnamen erraten. Aber ich möchte nicht, daß bei der Arbeit meine Klienten an meine Blog-Aktivität zu denken haben; darum ist es mir lieb, daß mein Klarname hier nicht direkt sichtbar ist.
Für jemanden, der an einem Medium der kirchlichen Publizistik mitarbeitet, ist die Sache viel gravierender: er hat ein Recht darauf, seine persönliche Meinung zu sagen, und Stanislaus tut das in einer Weise, mit klarem Profil und doch ohne unnötige Polemik, gut beobachtend, wohlinformiert und mit sicherem Urteil, daß sicher kein Leser darauf verzichten möchte (das sage ich mit einigem Stolz, denn er hat das Bloggen entdeckt, als ich ihn für die AlloCath anzuwerben versuchte). Andererseits hat sein Arbeitgeber Anspruch darauf, daß das Blog nicht gleichsam als zusätzlicher Netz-Auftritt der Redaktion erscheint. Die saubere Lösung: das blogübliche Pseudonym. Hier öffentlich die Anonymität zu brechen erscheint mir als schmerzlicher Eingriff in die Meinungsfreiheit.

Etwas Besonderes aber ist die Art der Enttarnung: «Während Kissler unter anderem ...», «beschränkt sich S[.] in seiner Zitierung überwiegend auf Kisslers kritische Anmerkung».
Das das sachlich falsch ist, darauf hat Stanislaus schon selber hingewiesen. Und das «Während ...» ist eine ungute Unterstellung – es gibt bei Stanislaus durchaus keinen Tendenzunterschied zuungunsten des bischöflichen Aktes.
Aber mich interessiert noch die Logik des Beitrags: was bedeutet «sich überwiegend beschränken»? Wenn Stanislaus eine ganze Serie geschrieben hätte mit Zitaten von Herrn Kissler und im größeren Teil dieser Beiträge nur das Kritische erschiene, wäre der Satz logisch sinnvoll. Aber bezogen auf einen kurzen Beitrag mit zwei Zitaten: was bedeutet denn da rein logisch «sich überwiegend beschränken»?
Mir scheint, hier hat die unfreundliche Tendenz über die Logik gesiegt.

Mittwoch, 17. November 2010

Sonntagmorgens in der Propstei

An diesem Sonntag bietet anscheinend Obersachsen das beste Wetter. Also mache ich mich auf den weiteren Weg bis in die Propsteikirche; und es lohnt sich.
Das Kyrie wird nicht zum Bestandteil des Schuldbekenntnisses degradiert – das erscheint vorher, an seinem rechtmäßigen Platz –, und es ist ein echtes Kyrie (GL 463), in dem nicht wie in den beliebten Kyrie-Litaneien die trinitarische Struktur vernebelt wird. Es gibt ein Glaubensbekenntnis, nicht nur ein Lied, zur Opferung dürfen wir «Wir weihn der Erde Gaben» singen; und obwohl viele zur Kommunion gehen, teilt der Propst sie allein aus.
Besonders fällt mir eine Fürbitte auf: es wird dafür gebetet, daß wir davor bewahrt werden, zu denken, unsere Zeit sei einzigartig, wir seien ganz anders als die Menschen anderer Zeiten.

Der Mann von heute

Eine Betrachtung in drei Bildern.

Mittwoch, 13. Oktober 2010

Menschen zum Wegwerfen

«Zum ersten Mal weltweit ist in den USA ein Patient mit einer Injektion embryonaler Stammzellen behandelt worden. ... Die Forscher des Unternehmens Geron verbinden damit die Hoffnung, dass ... und womöglich ... kann.» Es geht um eine Rückenmarksverletzung. «Voraussetzung ist, dass die Rückenmarksverletzung erst wenige Tage zurückliegt und ...»
«Auch über dieses Krebsrisiko erhoffen sich die Forscher neue Erkenntnisse» – nicht über das, dem Menschen normalerweise ausgesetzt sind, sondern über das durch Injektion embryonaler Stammzellen erzeugte Krebsrisiko.
So sieht die aktuelle Bilanz des jahrelangen Bemühens aus, mit embryonalen Stammzellen medizinische Wunder zu wirken; Argument für den «Verbrauch» embryonaler Stammzellen war regelmäßig, daß damit die schwersten allgemeinbekannten Krankheiten geheilt werden könnten.
So sehr die ungedeckten Versprechungen, mit denen Stimmung gemacht wird für den Mißbrauch embryonaler Stammzellen, auch empört – der allgegenwärtige Protest gegen diesen Mißbrauch («Verbrauch»), ebenso wie der gegen die Präimplantationsdiagnostik, greift dennoch zu kurz: «Die Embryonen, aus denen die Stammzellen gewonnen wurden, stammen nach Angaben des Unternehmens von Eltern, die nach In-vitro-Fertilisationen übrig gebliebene, nicht in die Gebärmutter eingesetzte Embryonen gespendet hatten», lese ich.
Hierin liegt der eigentliche Skandal: daß bei In-vitro-Fertilisation überzählige Embryonen – Menschen – zum Wegwerfen hergestellt werden.

Mittwoch, 6. Oktober 2010

«Stuttgart 21» und Rechtssicherheit

Der Arbeitgeberpräsident hat Verlässlichkeit und Rechtssicherheit angemahnt, die baden-württembergische Regierung stimmt bei: um der Rechtssicherheit willen stehe sie fest zu «Stuttgart 21».
Der Stuttgarter Hauptbahnhof ist ein Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung im Sinne von § 12 des Denkmalschutzgesetzes. Wenn Regierung und Konzern von ihm wesentliche Teile abreißen, Bürger aber ihn schützen wollen: wer steht da für Rechtssicherheit ein?

Donnerstag, 30. September 2010

Höhere Mieten für die Mullbinden ums Haus

Die Bundeskanzlerin hält um der Wärmedämmung willen höhere Mieten für gerechtfertigt, so ist heute dank dpa allüberall zu lesen. Wie der «Hartz IV»-Empfänger nun aber diese höheren Mieten bezahlen soll, erfahre ich nicht. Mit den 5 € etwa, die ihm vor einigen Tagen zusätzlich zugestanden wurden? Oder sollen wieder die Gemeinden einspringen, deren meiste freilich selber schon lange kein Geld mehr haben? Oder hat die Bundeskanzlerin doch gesagt und dpa es nur nicht weitergegeben, daß der Bund die höheren Kosten trägt, die seine Kanzlerin propagiert?

Mittwoch, 29. September 2010

"Abhängen zwischen Himmel und Erde"!

«Hängebrücke, Flying Bridge, Hangelseile und andere Elemente ermöglichen in zehn Metern Höhe eine ganz neue Erfahrung im Kirchenraum. Der Hochseilgarten bietet in kombination mit dem Kirchenraum die Möglichkeit für Gruppendynamik, Selbsterfahrung und Spiritualität» [Junge Kirche Essen].

Wir sind doch alle so kinderfreundlich – da müssen wir doch wohl alle daran arbeiten, daß die Welt ein großer Kindergarten wird! – ?
Zugegeben, ich weiß, daß es Kindern Spaß macht, die Füße auf den Tisch zu legen, schließlich war ich auch mal ein Kind. Aber richtigen Spaß macht es vor allem, weil sie das eigentlich nicht dürfen; wenn sie es dann doch dürfen, wird es bald langweilig. Und wenn die Kirche zu einem großen Kindergarten gemacht wird, wird sie auch bald langweilig werden (wie experimentell schon längst nachgewiesen).
Letztlich sehnen sich Kinder nach einer Welt jenseits des Kindergartens. Und ich plaidiere für eine Kirche, die sich solcher Sehnsucht wert zeigt.

Et recreetur Laurentius Rhenanius

Samstag, 25. September 2010

«Menschenrechte» gegen die Religionsfreiheit

Der «Europäische Gerichtshof für Menschenrechte» liebt es offensichtlich, im Namen der «Menschenrechte» gegen die Menschenrechte, hier konkret die Religionsfreiheit, vorzugehen. Der Chronist ereifert sich über einen aktuellen Fall.

Samstag, 18. September 2010

Wo immer im nördlichen Europa der Papst erscheint,

da wird protestiert – das scheint unvermeidlich. Interessant ist, wer in der Koalition von «Koalition aus Menschenrechtlern, Atheisten» und all den üblichen Verdächtigen an prominenter Stelle auftaucht: aus dem Wilden Norden Irrlands kommt zum Protestieren der durch eine ganz besondere Art von Menschenrechtsengagement bekannte Pastor Ian Paisley mit 60 weiteren Presbyterianerhäuptlingen.

Mittwoch, 8. September 2010

Orietur Occidens im Radio

Radiogespräche finde ich schwierig. Ich kann weniger gut vorbereitet sein als bei einem Vortrag, habe weniger Zeit zum Überlegen als bei einer Diskussion; und die Zeit ist immer zu kurz (obschon das Domradio damit ja eher großzügig ist).
Nein, recht zufrieden bin ich nicht. Dennoch seien unsere Sendezeiten der bloggözesanen Öffentlichkeit mitgeteilt (ich hoffe, daß andere weniger kritisch sind als ich).

Mittwoch, 1. September 2010

«Bildung

ist für mich ein hohes Gut; ich bin immer dafür, auch Menschen aus armen Familien den Weg zu bahnen zu höchstmöglicher Bildung.
Aber Bildung gegen die Wirtschaftskrise, gegen die Verarmung immer weiterer Schichten der Bevölkerung?»
hatte ich einmal gefragt;
Wieder gibt mir die tageszeitung eine Antwort. In Berlin gibt es ein Kulturzentrum für Obdachlose und Arme. Irgendwo in einem längeren Artikel darüber ist zu lesen:
«Da ist der ehemalige Banker, der bei uns seinen preiswerten Kaffee trinkt und unsere Computerarbeitsplätze nutzt, um seine Erinnerungen aufzuschreiben; da ist der Diplommathematiker, der obdachlos ist; da ist der ehemalige Jurist und der ehemalige und gar nicht so erfolglos gewesene Unternehmer. ... oder einem arbeitslosen Mann mit Mietproblemen. Er hat Religion studiert und war später Koch, der redet nicht nur über seine drohende fristlose Kündigung, er redet auch mit mir über Joachim von Fiore und über Savonarola.»

Montag, 30. August 2010

Ferien und Frontalunterricht

Wenn auch der Stil miserabel ist, so ist es nichtsdestoweniger erfreulich, daß jemand es einmal sagt: Lehrer bleiben gegen alle Interventionen der Modepädagogik beim Frontalunterricht, weil diese Art des Unterrichts unersetzlich ist.
Und, wohl angestoßen durch den mißlungenen Versuch des US-Präsidenten, bessere Staatsschulen zu schaffen, ist bei Frau Charim dankenswerterweise nachzulesen, daß Ferien besser sind als das stete Bemühen, Kinder zu Tode zu «fördern».

Latte macchiato

Aufklärung in drei Bildern

Donnerstag, 26. August 2010

Mittwoch, 18. August 2010

Der Pastor

Sonntagsmesse in der kleinen Großstadtkirche. Der Pastor ist ein frommer, volksmissionarisch hochengagierter Priester. Schon vor Beginn der Messe kommt er herein, sieht nach dem Rechten, holt die Kinder nach vorne, führt ein in das, was kommt. Während der Messe achtet er darauf, das Volk mitzunehmen, spricht es immer wieder zur gegebenen Zeit an, gibt die Antworten – nach den Lesungen etwa – besonders laut, damit alle mitgerissen werden. Und immer ist er betont locker.
Mit anderen Worten: kaum sind die Kinder in der Kirche, sehen sie sich schon von ihm herumkommandiert; das Volk bekommt ständig gesagt, wo es lang geht. «Sò!» hört man ihn sagen, wenn ein notwendiger liturgischer Teil überstanden ist und er sich wieder direkt an die Leute wenden kann. Mal muß er hier, mal dort sein – dazu, auf dem Weg den Altar zu beachten (das Tabernakel steht sowieso auf der anderen Seite), ist da keine Zeit mehr.
So sieht jeder, auf wen es hier ankommt. Wer aber Raum zur Andacht, zum Gebet sucht, hat es nicht leicht. Und wer sich in der Kirche nicht gern dirigieren läßt oder wer den Herrn Pastor nicht so sehr interessant findet, bleibt weg.
Etliche kommen aus der weiteren Umgebung, die der Pastor mit seinem missionarischen Einsatz gewonnen hat. Aber derer, die wegbleiben, aus dem eigenen Pfarrbezirk, sind mehr.

So lautete ein längst gelöschter Beitrag in der Chronik. Fast anderthalb Jahrzehnte lang habe ich in seiner Pfarrei gelebt, bin in dieser Zeit gern auch anderswohin, oft aber in seine Kirche zur Sonntagsmesse gegangen. Messen bei ihm an nichtstaatlichen Festtagen allerdings habe ich gemieden, seit ich einmal hatte erleben müssen, daß wir auch zur Wandlung sitzenbleiben sollten – das sei irgendwie urchristlich.
Man konnte nett mit ihm reden; doch greifen ließ er sich nicht. Einmal fiel ein Feiertag auf einen Samstag. Meine Planung, wann ich wo an welcher Messe teilnehmen konnte, war etwas schwierig; ich fragte ihn, ob die Messe am Samstagabend eine Messe zum Fest oder eine Vorabendmesse zum Sonntag sei. Es war nicht zu erfahren; ich verstand nur, daß es pastoral sei, daß die Messe so irgendwie beides sei.
Noch kein Jahr war ich von dort weggezogen, als er abgesetzt wurde: einige Opfer hatten sich gemeldet, die als Kinder von ihm als Kaplan mißbraucht worden waren; er gestand sofort. Als ich auf Besuch wieder in meine frühere Pfarrei kam, war man dort recht niedergeschmettert. Nur ein älterer Herr mißbilligte die Absetzung: die Übergriffe seien doch schon 25 Jahre her. Was soll es noch – ich habe seinen Satz nicht richtiggestellt: 25 Jahre lang haben die Opfer gewartet, bis es ihnen gelungen ist, die Übergriffe offenzulegen.
Im Nachhinein wurde auch von Beschwerden gesprochen, daß er bei Beichtgesprächen mit Schülern zu sehr im Sexuellen kramte, von der Verwunderung, daß er Wert darauf legte, Kinder nackt zu taufen, auch wenn sie nicht mehr ganz klein waren.
Doch Verdacht geschöpft hatte niemand. Wie sollte es auch anders sein – einem Priester (und nicht nur einem Priester) bringe ich, und nicht nur ich, ein Grundvertrauen entgegen. Und bei vielen, gerade auch bei Kindern, war er sehr beliebt gewesen.

Dezidiert zeitgenössisch

Ein Interview mit dem Architekten von «Stuttgart 21», dem Neubau der Stuttgarter Hauptbahnhofanlage, zeigt so exemplarisch, was «moderne» Denkweise ist, daß es sich lohnt, sein denken und Argumentieren zu analysieren und unter «Liturgica» (!) zu publizieren.

Dienstag, 17. August 2010

Die Macht der Popindustrie

über Menschen, über ihre Einstellungen, über ihr Leben wird sichtbar durch eine Universitätsstudie. Sie vermag deren Ideale zu bestimmen.
Lest nach beim Chronisten!

Marktwirtschaft auf den Spuren der Planwirtschaft

Wieder einmal erweist sich die freie Marktwirtschaft als Fortsetzung der sozialistischen Planwirtschaft mit anderen Mitteln. Lest nach beim Chronisten!

Urlaub!

Endlich kann ich mich wieder meinen Pflichten als Balator widmen.
(Ich bin doch zu dem Schluß gekommen, daß das englische «to blog» «blöken» bedeutet, wenn auch wortgeschichtlich noch nicht alles ganz klar ist; also ist ein «Blogger» auf Latein ein «Balator».)
Einiges habe ich mittlerweile geschafft, einiges erlebt. Zum Beispiel einen Ausflug nach
Halle a.d. Saale
Was Coesfeld für die Münsteraner Bischöfe war, Bonn für die Kölner Erzbischöfe, das war für die Magdeburger Halle: eine friedliche Residenz irgendwo auf dem Lande. Darum gibt es dort auch einen Dom, der freilich später der Reformation und schließlich gar den Reformierten in die Hände gefallen ist.
Bemerkenswert ist die Kanzel, noch aus katholischer Zeit. Die Basis bilden, wie so oft, die vier Evangelisten. Hier aber sind sie durch einen fünften ergänzt: Moses!
Und den Weg hinauf säumen die Kirchenväter. Kardinal und Bischöfe haben die Reformation heil überstanden; Papst Gregor d.Gr. jedoch wurde die Tiara abgeschlagen.
(Leider hatte ich keinen Photoapparat zur Hand; aber es gibt eine Gelegenheit im Netz, sich zur Kanzel durchzuklicken.)
In der Marktkirche unserer lieben Frau gibt es unter der Orgelempore zwei «Ratsstuben» von der Wende des XVII. Jahrhunderts. Das eigentliche Motiv ihrer Errichtung ist unbekannt; genutzt wurden sie als Zuflucht für Mütter mit unruhigen Kindern. Unter der Empore der Nordseite gibt es zudem für reiche Familien separierte «Betstuben» mit Fenstern zum Kirchenraum, die man öffnen und natürlich auch schließen konnte. So ließen sich lange protestantische Predigten ertragen.

Nach Hause zurückgekehrt, erwartete mich dann ein erfreuliches Erlebnis. Als ich am Sonntagmorgen in die Propstei kam, erschrak ich zuerst etwas, weil die Aktenordner für Lieder der Kinder- und Jugendgottesdienste auslagen. Aber es ist nun ein neuer Kaplan da, der uns auch einen Jugendgottesdienst schadlos überstehen ließ. Selbst der Gesang war nicht zu beanstanden. Nur nach dem Friedensgruß folgte «Der Himmel geht über allen auf»; aber von meiner Sorge, das solle das Agnus Dei ersetzen, befreite mich der Kaplan, der gleich darauf «Lamm Gottes» zu sprechen begann.
Sicher, nach der Kommunion legten einige Laienbeteiligte noch eine kleine Orgie von Kindergeburtstagsspiritualität ein; aber dieses Problem stelle ich der Zukunft anheim.

Samstag, 24. Juli 2010

Mein Gymnasium

In Hamburg ist gerade von der stimmberechtigten Bevölkerung der Versuch zurückgewiesen worden, die Gymnasialbildung zu stutzen. Um des Gymnasiums willen bin ich zufrieden mit diesem Ergebnis; glücklich damit aber bin ich nicht, weil es wirklich Mißstände gibt, gegen die diese Reform als freilich untaugliches Mittel eingesetzt werden sollte.

Als ich aufs Gymnasium kam, waren Schüler aus der Unterschicht nicht benachteiligt. Meine Großväter waren Bergleute, mein Vater Schneider, er arbeitete in einem Bekleidungshaus, damals im Arbeiterstatus. In meiner Volksschulklasse war auch der Sohn der reichsten Unternehmerdynastie der Stadt. Um aufs Gymnasium wechseln zu können, mußte man einige Tage an einem Probeunterricht dort teilnehmen. So ging ich selbstverständlich aufs Gymnasium über, und der Unternehmersohn hat es nicht einmal versucht (was seiner Laufbahn als Unternehmer natürlich keinen Schaden tat).
Wir hatten drei Sprachen zu lernen, davon Latein all die neun Jahre hindurch. Außerdem konnten wir weitere Sprachen in Arbeitsgemeinschaften lernen; ich wählte Hebräisch und Französisch.
Natürlich gab es Dinge an unserer Schule, die mich mißfielen; aber insgesamt sah ich mich bestens auf den Weg der Bildung geführt, zu eigenem Denken ermutigt und sogar geistlich gefördert. Mißachtung hatten die Schüler aus der Unterschicht nicht zu fürchten; und der Unterricht war so angelegt, daß wir keiner häuslichen Hilfe bedurften.

Was ist anders geworden? Ich sehe, daß nunmehr etwa an Sprachen weniger gelernt wird und dennoch das Lernpensum gestiegen ist durch detailliertere Wissensanforderungen in manchen eher peripheren Gebieten. Ich höre, daß elterliche Hilfe zunehmend selbstverständlich vorausgesetzt wird (aus der Schulpsychologie weiß ich: Eltern für die Schularbeit Mitverantwortung übernehmen zu lassen ist pädagogisch abträglich). Ich höre, daß Kinder aus der Unterschicht heute gerade vor humanistischen Gymnasien zurückschrecken, aus Sorge, dort könnte teure Markenkleidung die soziale Norm sein, könnten teure Klassenreisen angesetzt werden – beides war in meiner Schulzeit kein Thema.
Und in meiner Schulzeit war es möglich, auch noch nach der 5. Volksschulklasse aufs Gymnasium überzugehen. Das bedeutete, daß die Begabungen unauffälligerer Schüler in der 5. Klasse, da nun die begabtesten nicht mehr dabei waren, sichtbar werden konnten und so auch sie noch aufs Gymnasium gelangten.

Ich habe auch erlebt, daß die Gesamtschule für begabte Immigrantenkinder wirklich einen Vorteil bedeutet. Aber ich habe auch an deren Unterrichtskonzept gelitten, als ich solchen Schülern Nachhilfe in Mathematik erteilt habe: der Stoff war inhaltlich anspruchsvoll, aber von der Formelsprache der Mathematik stand viel zu wenig zur Verfügung – nicht etwa, daß die Schüler sie zu wenig begriffen hätten: ich konnte an den Büchern sehen, daß versucht wird, hochkarätigen Stoff auf stark vereinfachtem formalem Niveau zu unterrichten und so ihn scheinbar zu erleichtern, tatsächlich aber zu erschweren. Ein solches in Gesamtschulen angewandtes Konzept kann auch für Immigrantenkinder nicht wirklich geeignet sein (was wäre gewesen, wenn ich nicht zur rechten Zeit zur Verfügung gestanden hätte?).
Auch der Weg für Immigrantenkinder zum Abitur ist also durch eine Gesamtschule nicht recht bereitet – das Gymnasium ist auch für sie notwendig. Ihnen den Weg dorthin zu erleichtern bleibt eine ungelöste Aufgabe.

Donnerstag, 22. Juli 2010

Öffentliche Mittel für private Patente

Eine Studentin macht einen sinnvollen Vorschlag – und er wird von einer renommierten Hochschulklinik angenommen!
Und ganz nebenbei erfahre ich, daß Forschungsergebnisse, an denen staatliche Einrichtungen maßgeblich beteiligt waren, bedingungslos der Privatindustrie überlassen werden, die daraus dann Patente machen kann.

Freitag, 16. Juli 2010

Die Bilder der Apostel

In einer römischen Katakombe habe ich einmal eine Zeichnung gesehen, wohl noch aus der Märtyrerzeit, die, obwohl ohne Beschriftung, leicht als Portrait des Apostels Petrus zu erkennen ist. Offensichtlich hat es in der Urkirche eine bildliche Tradition gegeben, durch die uns die Gesichtszüge einiger Heiliger überliefert worden sind.
Aus nur wenig späterer Zeit ist nun eine prachtvolle farbige Darstellung entdeckt worden.

Donnerstag, 15. Juli 2010

Die Ethik der Ethikkommissionen

Ein Psychotherapeut steht oft vor der Frage: will jemand Therapie machen, um sich mit deren Hilfe zu ändern, oder will er sie machen, um sich nicht ändern zu müssen? Ebenso gibt es die Frage: konsultiert jemand eine Ethikkommission, um sich mit deren Hilfe ethisch zu verhalten, oder konsultiert er sie, um sich nicht ethisch verhalten zu müssen?
Lest nach beim Chronisten!

Mittwoch, 14. Juli 2010

Neue Wege gehen...

... mehr Chancen eröffnen, Potenziale (sic!) nutzen.

Das ist der Titel des Koalitionsvertrags der neuen nordrhein-westfälischen Landesregierung.

Unter diesem Motto hat die kleinste Pfarrei des Bistums Münster ihre Konsequenzen gezogen.

Wie sagte doch die Schneiderin? "Mittelalterliches muß nicht teuer sein."

Samstag, 10. Juli 2010

Der Mythos vom friedlichen Buddhismus

Der Buddhismus sei an sich friedlich, habe anders als das Christentum niemals Krieg geführt, lese oder höre ich nicht selten. Nun, daß das historisch falsch ist, ist bekannt, wenn man es denn wissen will. Auch die Dalai Lamas haben keineswegs nur mit friedlichen Mitteln Politik getrieben; und die Machtkämpfe der buddhistischen Orden im Mittelalter sind berüchtigt (nicht minder als die des Deutschen Ordens in Preußen), vom Einsatz der Mönchssoldaten des Tendai-shu bis zur Zwangsrekrutierung der Anhänger des Jodo-shu mittels Exkommunikationsdrohung.
Das ist Vergangenheit – heute gibt es keine buddhistischen Institutionen mehr, die die Macht über Staaten oder auch nur größere Herrschaftsgebiete innehätten. Aber auf Ceylon, lese ich in der tageszeitung, gehören buddhistische Mönche zu denen, die das Bureau der Vereinten Nationen in Colombo belagerten und das Ende der Untersuchung von Menschenrechtsverletzungen während des Bürgerkriegs gegen die tamilischen Aufständischen forderten.

Freitag, 9. Juli 2010

Montag, 5. Juli 2010

Trennung von Staat und Kirche

Eine in Italien wohnende Finnin hat gegen die Republik Italien vorm Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte darauf geklagt, die Kreuze aus staatlichen Schulen zu entfernen. Einen Schein von Rechtfertigung erhält ihre Klage dadurch, daß in Italien Staat und Kirche laut Verfassung getrennt sind.
Aber es ist nur ein Anschein. Zwei Argumente stellt der Chronist dementgegen.

«Suchen und finden»

Wieder droht allseitiges Händehalten zum Pater noster. Diesmal folge ich, freilich ein wenig verlegen, Dilettanti Anweisung. Ich muß nicht einmal hinausgehen, hinten in der Kirche ist alles leer.
Ein weiterer Eindruck von der Religiösen Kinderwoche ist beim Chronisten zu finden.

Donnerstag, 1. Juli 2010

«Hilfsschule» – der Kreis schließt sich

Als ich klein war, gab es «Hilfsschulen». Daraus wurden dann «Sonderschulen», dann «Förderschulen». Und nun habe ich erfahren, daß sie nun zu «Schulen für Lernhilfe» geworden sind – der Kreis schließt sich.
Übrigens haben sich diese Schulen wieder einmal als ein «Segen» für ihre Schüler erwiesen.

Gibt es ein Recht auf Eigentum?

Das Eigentumsrecht erscheint hierzulande als höchstes Prinzip – von den Rechten der Alteigentümer im früheren Deutschdemokratien bis zu den Rechten von Unternehmenseignern gegenüber ihren Arbeitnehmern (ungeachtet der grundgesetzlichen Norm, Eigentum verpflichte). Aber gilt er auch für kleine Gewerbetreibende?
Der Chronist hat darüber berichtet.

Mittlerweile hat sich dort allerdings die Sachlage verändert: der Gewerbebetrieb muß ausziehen; darum darf der Besitzer – bei unveränderter Sicherheitslage – sein Eigentum bergen. Ob die monatelange Schließzeit nötig war, wird sich freilich wohl nicht mehr herausstellen; seine Aussichten auf Schadensersatz jedenfalls sind gering.